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Gregor saß wieder einmal am Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Er schaute dem Rauch nach, wie er sich langsam aber sicher im großen Zimmer verflüchtigte und gänzlich auflöste. Nichts, nicht einmal das Ticken der Uhr, vernahm er zu dieser Zeit. Es war einfach still, nur die Geräusche die er selber machte schienen ihn zu erreichen. Bald schon nahmen seine Atemzüge das Klicken und Klacken und Schlagen der Uhr ein. Er zählte sie wie Sekunden, obgleich diese viel weiter auseinander waren. So kam es ihm vor, dass er gar nicht allzu lange da saß und dass der Mond schon seine halbe Bahn über den Horizont getan hatte. Der Aschenbecher füllte sich von Stunde zu Stunde mehr mit Zigarettenstummeln.

Stille. Dann war alles weg.

Gregor wachte in der Küche auf, halb sitzend, halb liegend auf einem Stuhl. Die Hände waren mit braunem, schon geronnen Blut verkrustet und unter den Fingernägeln zeichnete sich Dreck in schwarzen Halbmonden ab. In einem taumelnden Wahn durchwühlte er die Oberfläche seines Körpers nach Wunden, nach Stellen ab, wo dieses Blut hätte austreten können, doch so vergeblich er danach suchte konnte er keine dieser finden, obgleich sein weißes Hemd voller Blut war und zwar in einem solchen Ausmaß, als hätte er in einer Badewanne voll dem roten Saft geschlafen. Aufbrausend drückte sich aus dem Innersten seines Körpers ein Gefühl von Übelkeit. Er stürzte, halb blind, zur Spüle hin und übergab sich in das Waschbecken.

Er brach zusammen, er schrie und weinte, kreischte und schlug mit seinen Fäusten, bis sie schmerzten, gegen das Holz der Türen. Es dauerte eine Zeit lang, in der er eingekauert unter der Spüle saß, bis er sich wieder fassen konnte und zitternd aufstand. Wie gefesselt und gebannt, zu Stein gefroren, blickte er in den Sud aus Wein, Kotze und einem Auge, dass ihn vorwurfsvoll anzuschreien schien.

"Gott verdammt, habe ich ?.....Nein!"

Er übergab sich ein zweites Mal und dieses Mal kam ein Schwall Blut mit. Er war sich nicht sicher, ob es das seinige war, denn ihm schmerzte die Kehle nur ein wenig vom zweiten Erbrechen, oder ob es das Blut desjenigen oder derjenigen oder demjenigen war, dessen Auge dort in der Spüle lag. Er griff zum Bourbon und genehmigte sich einen tiefen Schlug, in der Hoffnung, dass er zu Ruhe kommen könnte und dass das Zittern damit aufhören würde. Doch der Geschmack nach Eisen blieb in seinem Mund. Allmählich beruhigte er sich, nur dass Zittern seiner Hände vermochte er nicht unter Kontrolle zu kriegen. Es war ein Kampf, ein Kampf mit dem Alkohol, ein Kampf mit den Gedanken und den Bildern, gerade den Bilder aus der Spüle. Langsam aber sicher gewann der Alkohol die Oberhand und all das, was am Morgen geschah, verblasste hinter der Nebelwand des Rausches. Es drehte sich alles, er wusste nicht ob er Angst haben sollte wieder die Kontrolle zu verlieren, weil er Angst davor hatte, dass der nächste Morgen ungefähr genau so verlief, aber er wollte sich auch nicht mit seinen eigenen Gedanken auseinandersetzten. So setzte er sich auf den Stuhl, auf dem er am Morgen aufgewacht war, und las. Er hoffte einfach, dass er die Nacht überstehen würde und hatte sich fest vorgenommen nicht einschlafen zu wollen.

Stille. Dann war alles weg.

Ein taumelnder Fieberwahn aus pulsierenden Farben, kaleidoskopähnlich, brach auf ihn herein. Fetzen verschwommen vor seinen Augen, Menschen verloren ihre Gesichter, die er vielleicht oder auch nicht in dieser Nacht gesehen haben wird. Kurze Zeit konnte ihn das grelle Lächeln einer Frau bei Nerven halten, bei Gedanken, bei Verstand, doch auch diese verschwand dann hinter einem Schleier aus rot, blau, violett und grün.

Er wachte diesmal auf dem Boden liegend in einer Blutlache auf. Er hatte sich schon aus Prinzip kein weißes Hemd angezogen, so aber färbte sich sein neues blaues Hemd lila-rot-braun, starr geworden durch das geronnene Rot. Seine Fingernägel waren schmutzverschmiert und gebrochen, sein Fäuste abgeschürft. Er konnte beim besten Willen nicht sagen ob es vom gestrigen Ausbruch war als er gegen die Türen schlug oder ob dies in der gestrigen Nacht passiert war. Auf jeden Fall schmerzten seine Hände mehr, vielleicht auch weil der Alkohol nicht mehr wirkte. Als er dann endlich zur Besinnung kam und vollends, ganz wieder, da war, schaute er sich in der Wohnung um. Ein abstruser, obskurer Anblick bot sich ihm. In der ganzen Wohnung waren an Schnüren Postkarten, Kreditkarten, Personalausweise, Federn, Puppenköpfe, Portemonnaies und auch nicht zu identifizierende Dinge aufgehängt. Sie bildeten ein Meer, ein Meer aus Schweigen

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