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Die Männer hatten schwarze Kapuzen übergezogen. Der Junge war an allen Gliedmaßen festgekettet. Ein Priester verlas das Protokoll. Die Schwester des Jungen stand etwas abseits und versuchte, sich im Schatten zu verbergen. Ein Priester trat neben sie.

„Du solltest nicht hier sein, Schwester Serenity.“ Serenity sah den Mann an.

„Mein Bruder sollte nicht dort drüben sein, den Kopf auf dem Schafott.“

Der Priester seufzte. „Du weißt, es gibt keinen anderen Weg. Er ist ein Wesen des Teufels, eine Ausgeburt der Hölle.“ „Er ist ein Mensch, ein Kind Gottes, Pater Crowley.“

Das Oberhaupt der fünf Priester schüttelte traurig den Kopf. „Ich weiß es ist schwer, aber denkt doch an eure Eltern. Würden sie wollen, dass ihr eigen Fleisch und Blut weiter das Leben unschuldiger Menschen rot befleckt?“ „Würden sie wollen, dass ihr eigen Fleisch und Blut heute durch seinen eigenen Orden sein Leben verliert?“ Serenity drehte sich um und verschwand in einem der langen Klostergänge. Pater Crowley wandte sich zur Hinrichtung.

„Möge Gott ihn segnen“, hauchte er schwermütig. Es gab einen kurzen Schrei und der Junge war tot. Die einzelnen Teile wurden von den fünf Priestern verbrannt:

Pater Mortensen nahm den Torso, Pater Chambers die Arme, Pater Granier die Beine, Pater Crowley den Kopf. Pater String äscherte am Ende die entweihte Priesterrobe ein.

Dann senkte sich der Abend über das Kloster. Pater Crowley machte seinen üblichen Rundgang durch den Tempel. Plötzlich durchfuhr ihn ein eiskalter Schauer und er fuhr herum.

An der Klosterwand hatte sich ein dunkler Schatten erhoben. Im dämmrigen Licht glühten die roten Augen des Schattens besonders unheimlich. Pater Crowley griff nach seinem Kreuz.

„Wer bist du? Bist du der Teufel? Weiche, du hast hier keine Macht.“ Der Schatten reagierte nicht. Er war einfach nur da und sah ihn an. Dann fiel er urplötzlich in sich zusammen.

Ein eiskalter Wind fegte über das Klostergeländer.

"Ich bin es."

Der Pater sah sich fieberhaft um. Er hörte sein Herz schneller schlagen.

„Wer sind sie, Mister?“

"Mister? Ich bin ein Mister? Ich dachte ich wäre kein Mensch. Ich dachte, ich wäre eine Ausgeburt der Hölle."

Der Pater wirbelte herum. Er spürte nach wie vor dieses seltsame Grauen, aber er sah den Schatten nicht. Dann zerprang im nahen Wohnheim des Klosters ein Fenster und eine Gestalt stürzte heraus. Der Pater keuchte, rannte über den Rasen zu der Leiche. Es war Pater Chambers. Ein Kreuz war ihm in den Rachen gerammt worden. Über Crowley lachte etwas. Er richtete den Blick nach oben und sah Pater Mortensen, wirr lachend am Fensterrand stehen. In der Hand trug er das Henkersbeil, mit dem der junge Gold hingerichtet worden war. Das Blut war noch nicht abgewaschen.

„Was tun sie da, Bruder Mortensen?“, rief Crowley entgeistert, doch Mortensen antwortete nicht. Stattdessen hob er das Beil. Er lachte noch immer, aber Pater Crowley sah Angst in seinen Augen. Das Beil schlug zu und spaltete Mortensens Schädel in einem Hieb. Sofort brach er am Fenster zusammen. Gehirnstückchen fielen nach unten und zerplatzten am Boden vor Crowleys Füßen. Schritte ertönten hinter ihm und Pater Granier kam über den Rasen gelaufen.

„Bruder String hat sich erhängt!“, rief er, dann sah er, was passiert war.

„Oh Allmächtiger…“, hauchte er „Das Böse ist in unser Kloster eingedrungen.“

In dieser Sekunde detonierten den Bau lang die Fenster und Schreie erfüllten die Luft. Am anderen Ende des Geländes erhob sich das Hauptkirchenschiff, doch an der Wand tat sich etwas. Der Schatten erhob sich langsam an der Mauer. Als die ganze Tür von Finsternis bedeckt war, barst sie aus den Angeln und Crowley erkannte die zierliche Gestalt im Türrahmen.

„Schwester Serenity!“ Das Mädchen drehte sich um und verschwand im Kirchenschiff. Crowley und Granier sahen sich kurz an, dann rannten sie los. Crowley spürte Schwindel in ihm aufkommen, aber er durfte sich vom Bösen nicht in die Knie zwingen lassen. Gott war an seiner Seite. Die Priester erreichten das Kirchenportal, als Granier plötzlich schrie.

„Was ist?“, fragte Crowley und wandte sich zu seinem Glaubensbruder.

Dieser griff sich gerade mit beiden Händen an den Hals, als wollte er eine unsichtbare Schlinge lösen. Wild stierte er ins Leere, würgte, keuchte. Blutschaum troff aus seinem Mund.

Verzweifelt packte Crowley seine Hände und versuchte sie von seinem Hals zu ziehen, aber als er den Mann berührte… explodierte sein Kopf. Blut spritzte in Crowleys Gesicht.

Fassungslos stierte er auf die Leiche vor ihm. Dann wandte er sich dem Portal zu und betrat die Kirche.

 

Serenity öffnete die Augen. Regentropfen hatten sie benetzt. Sie stand auf einem alten Kornfeld. Neben ihr stand eine alte Vogelscheuche. Der angefaulte Kürbisskopf drehte sich zu ihr.

„Sieh mich nicht so an, Bruder“, hauchte sie „Ich weiß doch auch nicht, warum wir noch hier sind.“ Die Vogelscheuche sah sie an. Blut lief aus den Augen und dem Mund.

„Kein Grund, mit mir zu zürnen. Ich schwöre dir, es waren die letzen Nachkommen der fünf Priester.“ Der Blutstrom wurde stärker. „Der Henker?“ Serenity biss sich auf die Lippen.

„Deswegen bist du dem Arzt also erschienen. Es läuft alles auf dasselbe hinaus, oder?“

Die Vogelscheuche nickte. Das Blut begann zu kochen und dunkler zu werden.

Serenity seufzte. „Aber er wird dich töten.“ Ihr Blick traf den der Vogelscheuche.

„Ich?“ Die Vogelscheuche nickte. Das Blut stieg mittlerweile als dunkler Nebel empor, der sich langsam zu einer schwarzen Stoffpuppe verformte. Sie war etwa zehn Zentimeter groß und hatte rote Knopfaugen. Der Körper hatte sichtlich verkehrte Proportionen, die Arme waren zu lang und dick, die Beine zu kurz und verkrüppelt. Die Puppe schwebte vor ihr in der Luft. „Aber ich will nicht töten!“ Die Puppe sank etwas. Dann legte sie ihre Hand auf die von Serenity. Sie war warm. Das Mädchen blinzelte. „Also gut.“ Sie nahm die Puppe und steckte sie unter ihren Mantel. Dann machte Serenity Gold sich auf den Weg.

Sie hatte gewusst, dass der Doktor eine besondere Bedeutung hatte, sie hatte es ihm sogar gesagt, aber nicht nur das er ihren Schutz abgelehnt hatte, er hatte auch noch angekündigt, ihren Bruder zu töten. Der vom Regen aufgeweichte Boden wurde immer weicher. Serenity sank immer weiter ein. Dann war sie komplett im Morast versunken. Sie spürte Schlamm an ihrem Gesicht vorbeitriefen. Es fühlte sich schön an. Serenity wusste, dass sie hier bleiben sollte. Sechs Fuß tief unter der Erde, umgeben von angenehmer Kühle und Dunkelheit, geschützt vor Gott und Satan. Gott weinte um sie, wusste sie, er weinte, weil sie ihre Hände mit unschuldigem Blut befleckt hatte. Die Erde gab sie widerwillig, mit einem Schmatzen frei.

Vor ihr erhob sich ein schmuckes Wohnhaus. Hier wohnte der Doktor in dessen Adern das Blut des Mannes floss, der einst ihren Bruder tötete. Seltsamerweise spürte Serenity keinen Hass. Dieser Mann war nicht derjenige, der ihn zu Tode verurteilt hatte. Er war nur der gewesen, der die Schuld im Namen der Priester auf sich geladen hatte. Serenity wischte die Gedanken beiseite und hob die Hand. Das Beil erschien in ihrer Hand. Noch immer war das blut ihres Bruders frisch, das von Pater Mortensen war nur noch ein rostroter Fleck. Sie betrat das Gebäude. Eine dicke Verwalterin sah sie über einen Tresen an, blickte auf das Beil und schrie. Serenity schlug zu und die Einzelteile der Frau schmückten die Wände.

Serenity knöpfte ihren Mantel auf und zog die Puppen heraus, eine sah aus wie die anderen.

Kaum an der frischen Luft, begannen sie sich zu regen. Schon Sekunden später strömten sie aus, zu suchen, zu finden zu töten. Serenity ging weiter. Doktor Cray wohnte im zehnten Stock. Sie spürte ihren Bruder unter ihrem Mantel unruhig werden. Er hatte ihn schon einmal getötet, er konnte es wieder tun. Sie stieg an den Türen vorbei, die die Puppen aufgebrochen hatten, ignorierte die Schreie der Kinder, die vor ihren Eltern in Stücke gerissen wurden, bevor die Puppen auch diese in die Hölle schickten. Sie dachte an den Doktor.

Er hatte ihr Schutzamulett mit dem Zeichen des Klosters weggeworfen. Damit hatte er dem Mister bewusst die Chance gegeben, ihn anzugreifen. Um ihn zum Kampf zu fordern.

Zehnter Stock. Sie sah das richtige Zimmer und griff unter ihren Mantel. Sie zog die große Puppe, den Mister heraus und hob ihn hoch. Der Schatten der Puppe fiel auf die Tür und sie barst aus den Angeln. Serenity trat ein. Sie würde ihn töten. Sie musste. Sie betrat die Wohnung und schrie vor Qualen. Sie sank auf die Knie und ließ den Mister fallen, der sich nun ebenfalls wie ein verwundetes Tier ab Boden wand. Sie wandte den Blick auf den Mann vor ihr. Doktor Cray. Er richtete eine Pistole auf sie. „Wie machen sie das?“, fragte Serenity.

Dann erkannte sie es selbst: Sie war auf die Fußmatte getreten, auf der Cray einen Drudenfuß gezeichnet hatte, das Zeichen des Teufels. Sie spürte, wie er sein rechtmäßiges Eigentum forderte: Ihren Bruder und sie. „Woher wussten sie…“

Cray lächelte traurig. „Ich wusste es immer.“ Serenity nickte. Dann sah sie ihren Bruder an, den Mister.

„Es tut mir leid.“ Der Mister hob den Kopf und lächelte. „Gott weint um uns, Schwester.“

Cray schoss zweimal und Serenity sah schwarz. Sie fiel durch einen Tunnel.

Stimmen rauschten an ihren Ohren vorbei. Unter sich sah sie ein Licht. Sie Stimmen wurden lauter, zerrten an ihr. Sie schrie. Dann schlug sie hart auf. Sie blickte auf.

So hatte sie sich die Hölle nicht vorgestellt. Sie saß auf einem Pier Auf dem Wasser trieben weiße Seerosen. Vorne saß ein Junge und ließ die Beine ins Wasser baumeln.

„Crowley?“ Leon Crowley drehte sich um. Er lächelte und stand auf. Er kam näher und Serenity spürte ihr Herz schneller schlagen. Sie hatte Angst. Der Junge streckte die Hand nach ihr aus. Serenity wollte rennen, aber ihre Beine rührten sich nicht. Der Junge reichte ihr etwas.

Sie blinzelte auf das Amulett. „Es schützt dich“, sagte Leon ruhig. Serenity starrte auf das Wappen. „Es ist das Zeichen eines Gottes, den es nicht gibt“, sagte sie leise.

„Er weint nicht um uns, oder?“ Leon lächelte immer noch. „Wir sind die Toten. Man weint nicht um uns. Die Geschichte hat uns vergessen.“ Serenity fühlte eine Träne an ihrer Wange. „Was passiert jetzt? Ohne Gott, ohne Teufel, wer richtet über mich, wer richtet über meinen Bruder?“ „Quis custodiet ipsos custodes?“ Mit diesen Worten drehte sich Leon Crowley um und ging an den Rand des Steges zurück. Dann sprang er ins Wasser. Serenity spürte etwas und drehte sich um. Da stand der Mister. Seine Konturen verschwammen und ihr Bruder lächelte sie an. Hinter dem Pier war ein Wald und am Waldrand… stand ein Richtblock.

Serenity versuchte zu gehen, tapste unbeholfen über die Holzplanken zu ihrem Bruder.

Er reichte ihr die Hand.

Der König wurde vom Schachbrett genommen und schmolz in seiner Hand.

„So“, murmelte er „ich habe also verloren?“ Er stand auf und ging zur Tür.

„Sieht so aus, als gingen mir die Seelen aus. Ich muss wohl selbst eingreifen.“

 

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