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Seit ich mich erinnern kann, durfte ich nie die Werkstatt meines Vaters betreten.

>Dort gibt es zu viel, an dem du dich verletzten könntest.<

Alle Versuche, doch in den Raum zu gelangen, schlugen fehl. Er passte zu gut auf.

Die Werkstatt war ein großer Raum im Nebengebäude unseres Hauses. Er hatte sie sich damals eingerichtet, noch bevor ich auf der Welt war. Man musste nur über den betonierten Innenhof und durch einen kleinen Flur laufen, dann stand man vor der massiven Eisentür, welche immer verschlossen war. Auch durch die 3 Fenster, welche nach hinten in den Garten zeigten, konnte man nichts erkennen. Zuerst waren sie mit Zeitungen behangen, irgendwann jedoch nagelte mein Vater sie mit dicken Brettern zu.

>Aussichtslos<

Ich war damals 8 Jahre alt, und jedes Mal, wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, verbrachte er ein bis zwei Stunden in der Werkstatt. Meine Mutter kümmerte sich in dieser Zeit um unsere Kaninchen und die Hühner. Ich musste ihr dann meistens helfen, die Ställe zu reinigen und das Futter frisch zu pflücken. Doch in den Momenten, in denen ich nicht helfen musste, stand ich vor der Werkstatttür. Meine Neugier war damals unendlich, und in meinen Gedanken malte ich mir immer aus, dass mein Vater bestimmt etwas ganz Tolles für mich machte.

>Vielleicht ein Baumhaus. Oder doch ein Puppenhaus. Oh, oder eine Schaukel.<

Mit der Zeit fiel mir immer mehr ein, was mein Vater dort für mich hätte machen können, was ich nicht sehen sollte.

Doch die Zeit verging, mein Vater blieb von Jahr zu Jahr immer länger in der Werkstatt. Und wenn er sie verließ, war er immer darauf bedacht, dass ich keinen Blick in das Innere erhaschen konnte. Das war so frustrierend. Aber wenigstens durfte meine Mutter ihn dort drinnen ‚besuchen‘. Sie brachte ihm dann etwas zu essen, aber blieb nur sehr kurz, und auch sie achtete darauf, dass ich ja nicht in das Innere blicken konnte.

>Mina, bitte spiel woanders, da drinnen gibt es zu viel, woran du dich verletzen könntest.<

‚Immer das Gleiche‘

Dieser Satz machte mich langsam wahnsinnig. Ich war mir irgendwann ganz sicher, dass mein Vater auch nichts für mich baute. Ich war inzwischen 16 und zu alt für ein Puppenhaus, zu groß für ein Baumhaus, und eine Schaukel stand auch seit 3 Jahren bei uns im Garten. Aber was machte er nur da drinnen? Ich lauschte oft an der Tür, hörte aber nur das Klappern von Ketten. Seltsam, ich konnte mir nichts vorstellen, was man aus Ketten machen könnte.

Die Arbeit in der Werkstatt strengte meinen Vater aber augenscheinlich sehr an. Immer wenn er aus der Tür trat, sah er sehr erschöpft aus, als würde er jeden Moment im Stehen einschlafen. Obwohl er immer so munter aussah, wenn er von der Arbeit kam. Als würde ihm die Fließbandarbeit in der Chemiefabrik im Nachbarort garnichts ausmachen.

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Der vielen Arbeit in der Fabrik und dann der stundenlangen Arbeit in der Werkstatt, in der er mittlerweile fast 8 Stunden blieb, gab ich dann die Schuld an seinem frühen Tod.

Ich war 22, und als ich von der Arbeit aus dem Büro eines großen Unternehmens nach Hause kam, erwartete mich meine Mutter mit einem aufgequollenem, geröteten Gesicht und berichtete mir, dass mein Vater verstorben war. Sie sagte mir, dass sein Herz aufhörte zu schlagen und selbst die Rettungskräfte nichts mehr für ihn tun konnten. Wir fielen uns in die Arme und weinten beide, bis unsere Tränen irgendwann versiegten.

Die Beerdigung war nicht weniger leiderfüllt. Nicht mal ein letzter Blick, um mich zu verabschieden, war mir gestattet. Der Sarg war verschlossen. Also blieb das letzte Bild, in meinen Gedanken, mein Vater, wie er in die Werkstatt ging und die Tür hinter sich schloss. Nach der Beerdigung gingen wir noch zu einem anliegenden Saal und aßen etwas Kuchen mit allen Menschen, die zur Beerdigung gekommen waren.

Dabei fiel es mir ein, nun konnte ich endlich, nach so vielen Jahren, meine Neugier befriedigen. Ich frage meine Mutter nach dem Schlüssel für die Werkstatt.

>Mina. Die Werkstatt hat deinem Vater so viel bedeutet, wir haben den Schlüssel, nachdem wir sie verschlossen haben, seinem Sarg beigelegt, zusammen mit einem Bild von uns.<

‚Das darf jawohl nicht wahr sein.‘

Die Tür war zu massiv, um sie einfach aufzubrechen. Also war alles aussichtslos. Warum hat sie die Tür nicht einfach aufgelassen? Das fragte ich sie so oft, doch immer wich sie aus, nie bekam ich eine Antwort, und so verging wieder einige Zeit.

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Inzwischen habe ich im Haus meiner Eltern den 1. Stock ausgebaut und lebe seit 5 Jahren sozusagen in meiner eigenen Wohnung. Ich genieße die warmen Tage auf meinem Balkon und die verregneten auf meiner Couch, mit einem guten Buch. Doch leider ging es meiner Mutter immer schlechter, und ich befürchtete, ihr bliebe nicht mehr viel Zeit. So versuchte ich, ihr die letzten Wochen so angenehm wie möglich zu gestalten.

An einem warmen Sommertag saß ich auf meinem Balkon, blickte auf den Hof und bewunderte die farbenfrohen Blumen, die meine Mutter zu Beginn des Sommers noch angepflanzt hatte. Mit meinem Tee in der Hand wartete ich auf sie. Sie wollte noch Kuchen mitbringen. Da bemerke ich etwas im Augenwinkel.

Meine Mutter verschwand in dem kleinen Flur. Der Flur, der zur Werkstatt führte. Ich stürzte auf, rannte die Treppe hinunter und hastete über den Hof. Nachdem ich die Tür zum Flur aufgerissen hatte, sah ich sie. Sie lag auf dem kalten Boden und konnte sich nicht mehr bewegen. Neben ihr lag ein geflochtener Korb mit einer Flasche Mineralwasser und mehreren belegten Broten. Doch das war mir erstmal nicht so wichtig.

Ich rannte zu ihr und merkte, wie sehr sie gerade zu leiden schien. Ihre Augen schauten gequält und flehten um Hilfe. Als ich aufstehe wollte, um einen Notarzt zu informieren, hielt sie mich am Arm, und mit nur noch leicht geöffneten, fast trüben Augen sah sie mich an. Sie begann langsam und angestrengt zu sprechen.

>Mina, nun liegt es an dir. Niemand darf es erfahren. Lass ihn niemals nach draußen, und bitte kümmere dich gut um ihn. Ich liebe euch beide. Es tut mir leid… Es tut mir so leid. Sei stark.<

In einer letzten Bewegung legte sie mir etwas Metallisches in meine Hand. Danach wurden ihre Augen ausdruckslos, leer, und sie verloren jeglichen Glanz. Ihr Atem verstummte.

Schnell kramte ich mein Handy aus der Hosentasche und rief den Notarzt. Ich versuchte selbst sehr lange sie zu reanimieren, doch vergebens.

Die Zeit, in der ich nun auf den Notarzt warten musste, kam mit vor wie Stunden, auch wenn ich vielleicht nur ein paar Minuten gewartet hatte. Ich hielt, bis ich das Klingeln hörte, ihre Hand. Danach ging alles so schnell, meine Mutter war weg, und ich war alleine. Einsam.

Dann fiel es mir wieder ein. Ich griff in die Tasche meiner Strickjacke und tastete nach dem metallischen Gegenstand. Schnell fand ich ihn und untersuchte ihn genau.

Ein Schlüssel.

Sollte es tatsächlich der Schlüssel sein. Der Schlüssel zu der verbotenen Werkstatt.

Ich muss es wissen

…und schon stand ich vor der massiven Eisentür. Langsam näherte ich mich, mit zitternden Fingern, dem Türschloss. Der Schlüssel glitt hinein und ließ sich sehr leicht drehen. Ein Klacken verriet mir, das ich jetzt Zugang zu dem größten Geheimnis meines Lebens hatte. Doch die Worte meiner Mutter hallten immer wieder in meinen Gedanken nach…

>>Mina, nun liegt es an dir. Niemand darf es erfahren. Lass ihn niemals nach draußen, und bitte kümmere dich gut um ihn. Ich liebe euch beide. Es tut mir leid… Es tut mir so leid. Sei stark.<<

Ich konnte mir keinen Reim darauf bilden….

Schließlich drückte ich die Klinke nach unten und öffnete langsam und bedächtig die Tür. Der Raum war hell erleuchtet, die Wände waren weiß gestrichen, und nirgendwo waren, wie ich es eigentlich erwartet hatte, Werkzeuge zu sehen.

Ein fast leerer Raum, eine kleine Toilette und ein Esstisch.

Am Ende es Raumes sah ich ihn dann, einen Zettel in der Hand haltend, mich mit strahlenden Augen anblickend.

Meinen Vater.

>Das kann nicht sein.<

Ich brach zusammen, weinte hemmungslos und fühlte mich verloren… einsam… verzweifelt… vielleicht sogar etwas verrückt. Langsam kam er auf mich zu. Er sagte nichts, drückte mir nur diesen Zettel in die Hand. Ich erkannte gleich die Handschrift meiner Mutter.

>Reiß dich zusammen, das kann doch alles nur ein Traum sein. Ein schrecklicher, wahnsinniger, Traum.<

Nachdem ich meine Tränen weggewischt hatte, begann ich zu lesen.

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„Liebste Mina,
dein Vater hat sich immer mehr verändert. Die Arbeit mit den Chemikalien tat ihm nicht gut. Er sperrte sich immer in seine Werkstatt ein, um andere nicht zu gefährden. Als er immer längere Phasen hatte, in denen er sich nicht kontrollieren konnte, mussten wir ihn anketten. Zu dieser Zeit brachte ich ihm immer etwa zu essen und befreite ihn von den Ketten, wenn die Phasen vorbei waren. Als er wieder normal war.
Doch je mehr er in der Fabrik arbeitete, um so mehr veränderte er sich, und wir mussten dich und alle anderen schützen. Und damit wir unser Haus nicht verkaufen mussten, arbeitete er weiter.
Es tut mir so leid, mein Liebes, dass ich dir nichts sagen konnte.
Nun, da ich es nicht mehr kann, musst du dich weiter um deinen Vater kümmert. Bitte bringe ihm jeden Tag etwas zu trinken und zu essen! Rede mit ihm, wenn er ansprechbar ist, und erzähle niemandem davon!
Achte darauf, dass er die Werkstatt niemals verlassen kann! Das wäre unser aller Untergang.
Bleib stark, mein großes Mädchen!
Ich liebe dich
Mama“
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Absolute Verwirrung, was hatte das alles zu bedeuten? Ich blickte auf, erschrak, und begann zu begreifen. Ich sah in das aufgedunsene Gesicht meines Vaters. Seine Augen wurden leuchtend grün, seine Zähne ähnelten einem Sägeblatt, und er schien größer zu werden. Seine Haut wurde grau, und die Haare reichten nun bis zu seiner Schulter.

>Schnell, Mina, hilf mir dabei, binde mir die Ketten um und geh! Komm bitte erst in ein paar Stunden wieder, und wenn Ich wieder Ich bin, kette mich los. Dann erkläre ich dir alles in Ruhe.<

Aber wie, welche Kette gehört wo hin? Wie viel Zeit habe ich? Was passiert mit ihm? Was passiert mit mir, wenn ich es nicht schaffe. Ich stelle mich sehr ungeschickt an, doch lege ich die Ketten behutsam um seinen immer mehr deformierten Körper. Mein Vater drängelt, seine Worte werden leiser, und haben einen ängstlichen Unterton. Irgendwann verstummt er vollkommen. Das Vorhängeschloss in der Hand, schaue ich ihn an.

Ich sah das leuchtende Grün seiner Augen. Dann hörte ich ein schmerzverzerrtes Lachen, bevor die Welt um mich herum begann, sich in einen dichten Nebel zu hüllen. Ich sah, wie er seine Hände, mit meinem Blut getränkt, liebkoste und...

Ohhh Nein

…die offene Werkstatttür. Das Vorhängeschloss, welches ihn hätte zurückhalten können, glitt aus meinen Händen, und er verschwand in den Flur.

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