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Es war ein gewöhnlicher Samstagmorgen, als ich an diesem Tag von zu Hause aufbrach, um den 9Uhr-Zug pünktlich zu erreichen. Ich wollte dem Großstadt-Dschungel für einige Tage entfliehen und meinen Urlaub bei meinem älteren Bruder und dessen Familie auf dem Land verbringen. Hektisch hastete ich, mit meinem Rucksack und meiner Reisetasche bepackt, wie eine Irre durch die geschäftigen Straßen Berlins, um es rechtzeitig zum Hauptbahnhof zu schaffen. Als ich endlich meinen Platz im Zug eingenommen und mein viel zu schweres Gepäck in der Ablage verstaut hatte, beruhigte sich mein Puls langsam wieder und ich blickte einer etwa fünfstündigen Zugfahrt entgegen. Der Zug ratterte bereits seit einiger Zeit durch dichte Wälder und vorbei an weitläufigen Wiesen, als ein junger Mann – etwa in meinem Alter – plötzlich mir gegenüber Platz nahm. Ich erwiderte sein freundliches Lächeln  ohne ihn jedoch weiter zu beachten und widmete mich weiter meinem Roman, den ich mir für die lange Zugfahrt eingepackt hatte. Schließlich verflog die Zeit bei einem guten Buch wie im Flug.

Nach einiger Zeit stand er auf und fragte mich, ob er mir auch einen Kaffee aus dem Bordbistro mitbringen solle. Etwas erstaunt über das freundliche Angebot eines völlig Fremden und dennoch erfreut (vor allem, da sich langsam doch der sinkende Koffeinpegel bemerkbar machte) nahm ich dankend an. So kamen wir schließlich ins Gespräch, als er kurze Zeit später mit zwei dampfenden Bechern Kaffee zurückkam. Er erzählte mir, dass er aus Hamburg kommen würde und beruflich unterwegs sei. Erst später fiel mir auf, dass er mir auf die Frage, was er denn beruflich mache, beharrlich ausgewichen war. Auch sonst gab er sehr wenige, private Details preis; und dennoch geriet unser Gespräch zu keiner Zeit ins Stocken. Es war…ja, als würden wir uns schon ewig kennen. Wie zwei alte Bekannte, die sich nach langer Zeit zufällig im Zug begegneten und über alte Zeiten plauderten. Hinzu kam, dass wir viele gemeinsame Interessen teilten, wie sich bereits nach kurzer Zeit herausstellte. „1984, von George Orwell?“ lächelte er wissend und deutete auf das vor mir liegende Buch. „Ist das ihr Lieblingsbuch?“ „Nun“, sagte ich, „es ist immerhin eines meiner Lieblingsbücher“. „So ein Zufall! Ich habe diesen Roman in meiner Jugend rauf und runter gelesen!“

Kurze Zeit später klingelte sein Telefon und er verschwand kurz in Richtung Bordbistro. Was mochte wohl so interessant sein, dass er gleich aus dem Abteil flüchtete? Als er zurückkam, wirkte er verändert. Sein freundlicher und unbeschwerter Gesichtsausdruck war plötzlich einer besorgten Miene gewichen. Ich fragte ihn, ob alles Ordnung sei und da war er zurück: der freundliche Ausdruck auf seinem Gesicht. „Ach, die Arbeit!“ entgegnete er und winkte ab.

Auf der Hälfte der Strecke fragte er plötzlich, ob ich mir mit ihm nicht die Dresdner Altstadt anschauen wolle. Er hätte ein paar freie Stunden, da ihm kurzfristig ein Termin abgesagt worden war. Anfangs hielt ich seinen Vorschlag für einen Scherz, doch die Hartnäckigkeit in seiner Stimme ließ mich stutzig werden. Auf der anderen Seite fühlte ich mich geschmeichelt. Immerhin traf man nicht jeden Tag im Zug auf einen netten, jungen Mann, der einen spontan darauf einlud Zeit mit ihm zu verbringen. Dabei fiel mir wieder ein, wieviel Zeit seit meinen letzten Dates bereits wieder vergangen war...und die hatten sich unglücklicherweise eines nach dem anderen als wahre Enttäuschung entpuppt. Und nun saß mir dieser gutaussehende Typ gegenüber und lud mich spontan auf eine Stadttour ein. Seine blonden, zerzausten Haare fielen ihm locker auf den Kragen seines himmelblauen Hemdes, welches übrigens farblich perfekt zu seinen wasserblauen Augen passte. Er hatte ein sehr freundliches Gesicht und seine Lippen waren zu einem kleinen Lächeln verzogen. Schließlich siegte die Spontanität in mir und ich sagte kurzerhand zu. So ein kleiner Ausflug in eine solch interessante Stadt, noch dazu mit so einer netten und attraktiven Begleitung, konnte schließlich nicht schaden. In meiner Euphorie vergaß ich dabei völlig meinen Bruder über meine verspätete Anreise zu informieren.

Gegen Mittag erreichten wir Dresden und mein Begleiter half mir mein schweres Gepäck aus dem Zug zu hieven, damit ich es während unseres Stadtbummels in einem Schließfach verstauen konnte. Die Stadt war atemberaubend schön und meine Erleichterung der spontanen Idee doch zugesagt zu haben, wuchs von Minute zu Minute. Wir waren gerade in einem schicken, etwas altmodischen Café eingekehrt als plötzlich mein Handy klingelte. Ich entschuldigte mich kurz und ging vor die Türe. Es war mein Bruder – und plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich komplett vergessen hatte, mich bei ihm zu melden. Sicher wartete er bereits auf mich. „Bist du in Ordnung? Geht es dir gut? Wie konnte das nur passieren!?“ rief er völlig aufgelöst ins Telefon. „Natürlich geht es mir gut! Was ist denn los? Ist etwas passiert?“ antworte ich perplex und gleichzeitig besorgt. So durch den Wind hatte ich ihn bisher selten erlebt. „Der Zug…dein Zug! Das Zugunglück!? Wo bist du?“ keuchte er inzwischen völlig außer Atem in den Hörer.

Und da sah ich es bereits auf dem Bildschirm im Schaufenster gegenüber dem Café. Der Zug, in dem ich mich noch vor etwa zwei Stunden befunden hatte, war kurz nachdem ich ausgestiegen war, entgleist. Zahlreiche Fahrgäste wurden schwer verletzt. Es war sogar von Todesopfern die Rede. Nachdem ich meinen Bruder beruhigt  und ihm versichert hatte, dass es mir gut ginge und ich kurz vor dem Unglück ausgestiegen war, ging ich zurück ins Café. Die Augen noch auf das Display meines Smartphones gerichtet plapperte ich aufgeregt los: „Hast du das mit dem Zugunglück schon gehört? Da hatten wir ja einen sehr aufmerksamen Schutzengel…“ Doch als ich aufsah, sah ich, dass der Platz mir gegenüber auf einmal leer war. Der Stuhl, auf dem eben noch der junge Mann aus dem Zug gesessen hatte, war leer. Als eine Kellnerin vorbeilief, winkte ich sie herbei und fragte: „Haben Sie gesehen, wohin der junge Mann gegangen ist, der hier eben noch saß?“ Sie sah mich erst verständnislos und dann etwas mitfühlend an und sagte: „Geht es Ihnen gut? Sie sind allein in das Café gekommen!" Ich ging verwirrt nach draußen und öffnete meine Geldbörse, um die Visitenkarte hervorzuholen, die er mir gegeben hatte. Aber statt dieser fand ich nur eine weiße Feder vor. 

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