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Ich gehe spazieren, es ist ein eisiger Winter, sodass mein Atem gefriert. An einem Waldrand auf einer Anhöhe komme ich an einem alten Haus vorbei, das eher an einem kleinen Bauernhof gleicht. Nunmehr 20 Jahre steht das Gebäude schon leer.

Einst wohnte dort eine alte Frau, sie wohnte dort alleine. Jedes Jahr im Winter, wenn Schnee lag und die Kinder zum Schlittenfahren auf den Berg stiegen, kam sie aus dem Haus und bot ihnen Plätzchen und andere gute Dinge an. Bis man sie eines Tages, tot vor ihrem Haus, im Schnee liegend, auffand. Da sie weder Freunde noch Verwandte hatte, betrat nach ihrem Ableben auch niemand mehr das Haus.

Es ist wieder der 15. Dezember, ihr Todestag, und ich gehe wieder an diesem alten und dunklen Haus vorbei. Man erzählt sich, sie wurde an diesem Tag von vielen Kindern gesehen, die jedoch alle spurlos verschwanden. Es gibt viele Gerüchte über das Verschwinden der Kinder. Die einen sagen, sie wären einfach von daheim weggelaufen, andere wieder glauben, sie seien entführt worden. Doch keiner weiß es ganz bestimmt. Man weiß nur eines sicher: Kinder, die am 15. Dezember, an diesem Ort verschwinden, werden nie wieder gesehen.

Nun bin ich eines dieser Kinder, die am 15. Dezember verschwunden sind. Ich konnte nicht zurückkehren, sie sagte, ich dürfe nicht umkehren, alles werde gut, sollte ich ihr folgen. Ich wollte das nicht, aber sie war so überzeugend, sie war so rein, sie hatte etwas an sich, das mich nicht los ließ. Doch trotzdem hatte ich Angst. Ihr Blick, sie sah mir direkt in die Seele. Ihr Äußeres hatte sich im Laufe der Jahre nicht verändert, sie sah immer noch so aus, wie alle erzählten. Genau wie auf den Bildern, die wir Kinder von ihr mal gesehen hatten. Ihr weißes, langes Haar hing immer noch strähnig in ihr graues, ausgemergeltes Gesicht. Ihre Augen waren tiefschwarz und ihr Blick ließ mich erschaudern. Sie trug dieselbe Kleidung wie sie auf den Polizeifotos ihrer Leiche trug. Ihre Fingernägel waren gepflegt.

Doch das alles konnte nicht echt sein. Sie ist doch schon jahrelang tot, ich weiß es, ich kenne doch ihr Grab. Es liegt direkt am Ende des Südfriedhofes und ist wild umwuchert und ungepflegt. Vermutlich hat sie nie jemand besucht. Keiner, der sich je für sie interessierte.

Nun steh ich ihr gegenüber, zittere vor Angst und Kälte. Mein Herz schlägt schnell, schneller als es das jemals tat. Ich will weg, aber ich kann mich nicht bewegen. Es ist, als würde mich eine fremde Kraft an meinen Standpunkt binden. Ich blicke ihr ins Gesicht. Ihr Blick scheint durch mich - durch meine Seele - hindurchzudringen. Was will sie? Was wird geschehen? Sie macht einen Schritt auf mich zu, doch ich sehe keine Spuren im Schnee. Sie kommt immer näher auf mich zu, ohne ihren starren Blick von mir zu lösen. Nun öffnet sie ihren zahnlosen Mund und spricht in einem Ton zu mir, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Einen Ton, den ich kaum beschreiben kann, nichts, was ein Mensch von sich geben könnte, trotzdem kann ich ihre Worte klar verstehen.

Sie erzählt mir, dass sie ermordet wurde und ihren Mörder finden will und ich soll ihr dabei helfen. Ich bringe kaum einen Ton hervor, das einzige, was mir durch den Kopf geht, ist, dass ich nicht weiß, wer es ist. Ich bin doch noch ein Kind, ich bin doch erst 10 Jahre alt und sie schon 20 Jahre tot. Die Alte führt mich tief in den Wald hinein, zu einer Stelle im Dickicht, die kaum begehbar ist und scheinbar auch noch niemand jemals betreten hatte. Auf dem Boden sehe ich Knochen, die vermutlich von größeren Tieren stammen, die dort verendet waren. Ich blicke zu der alten Frau und stelle verwundert fest, dass sie weint. Ich sammle mich und bringe endlich einen Ton über die Lippen und frage sie, warum sie denn weine. Wortlos und mit Tränen unterlaufenen Augen, bedeutet sie mir ihr zu folgen ...

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