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Wie stumpfe, graue, verfaulte Zähne reichen die Wolkenkratzer in den wolkenverhangenen  Himmel. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, ganze Etagen eingestürzt, Schutt und Trümmer versperren den Weg. Auf der Straße steht knöcheltief Wasser, welches in der, nur schwach der Nacht trotzenden, Abendsonne blutrot schimmert. Es wirkt fast, als würde es sich bei der Stadt  um einen verwesenden Kadaver handeln und nicht mehr um ein lebendes, pulsierendes Etwas. Gewissermaßen traf diese Analogie durchaus zu, wenn man sich den Zweck einer normalen Stadt vor Augen führt. Ein kalter Wind pfeift durch die Straßen,  breitet einen Teppich aus Nebel und Asche über sie aus. Der stechend süße Geruch der Verwesung liegt in der stickigen und doch eisig kalten Luft.

Laute, platschende Schritte hallen durch die nur von gelegentlichen Windböen  durchbrochene Totenstille der leeren überfluteten Straßen. Ein Gestalt bewegt sich, langsam, aber doch zielstrebig, den Weg entlang. Nun zielstrebig war vielleicht das falsche Wort, denn woher sollte man wissen ob die Gestalt wirklich ein Ziel vor Augen hatte, oder ob sie nicht einfach von niederen Instinkten wie Hunger, Verzweiflung oder schlicht Langweile geradezu… ziellos durch die Gegend wanderte? 

Sie trägt einen Mantel, vermutlich war es zumindest einst ein Mantel, vielleicht sogar hübscher, jetzt sind es genau genommen nur Fetzen aus Stoff, ihr einziger Zweck sein Innenleben zu wärmen und zu schützen. Zwischen alle den massiven grauen Trümmern, den Gebäuden welche sich gierig dem Himmel entgegenstrecken, den von Leben befreiten Bäumen welche schon lange keine Blätter mehr  tragen, wirkt sie klein, verletzlich, dem Schicksal ausgeliefert.  

Bei genauem Hinsehen lässt sich beobachten, dass die Gestalt zittert. Ob ihr kalt ist? Oder fürchtet sie sich gar vor etwas, das wäre immerhin durchaus legitim dieser Tage, etwas was vielleicht schon hinter der nächsten Ecke lauern könnte?

Ein markerschütterndes Heulen zerreißt mit Gewalt die Stille der einkehrenden Nacht und des abflauenden Windes.  Was auch immer es ist, es scheint noch recht fern zu sein, aber wer weiß schon ob das so bleiben wird. Nun hat die Gestalt immerhin einen Grund zu zittern. Nach einer kurzen Schrecksekunde des Erstarrens beschleunigt sie ihre Schritte. Wird schneller, aber auch lauter.

Das Heulen kommt näher. Da hat wohl etwas die Witterung aufgenommen. Nun scheint es wohl doch eine gute Idee das Tempo etwas zu beschleunigen. Die Gestalt rennt mittlerweile. Immer schneller werden ihre Schritte. Doch das Heulen kommt immer noch näher. Nicht umdrehen. Einfach weiterrennen. Nicht anhalten. Auch wenn die Lungen sich anfühlen, als würden sie unter dem Druck zerbersten. Nicht langsamer werden. Nur der Jäger kann es sich erlauben in einer Jagd aufzugeben. Irgendwann muss er das, sofern er keine Energie verschwenden will. Doch wie lange wird es bis dahin dauern? Wie lange noch? Zu lange?

Inzwischen weicht das warme Licht des Tages, der furchterregenden Finsternis der Nacht, mit bitteren Konsequenzen. Die Gestalt liegt auf dem kalten, nassen Boden. Nicht Erschöpfung hat sie niedergerungen, sondern ein unbeachtetes  Stück Schrott, welches sie in der Dunkelheit zu Fall brachte.

Das nun fast vertraut klingende Heulen wird immer lauter und gieriger, sind es gar mehrere Quellen?

Die Gestalt liegt immer noch am Boden. Dabei ist sie doch schon so oft in ihrem Leben wieder aufgestanden, tagtäglich aus dem Bett, nach Stürzen auf dem Sportplatz… doch jetzt dieses eine Mal, wo es doch so viel wichtiger wäre, scheint es ihr nicht zu gelingen…

Ob ein Knochen gebrochen ist? Oder vielleicht eher… ihr Wille?

Aus dem Heulen wird Knurren. Die Geschichte nähert sich ihrem finalen Akt. Dem Kampf. Dem Ende des einen und dem Fortbestehenden des anderen, welcher schon so oft unter genau diesem Himmel  ausgefochten wurde und doch dazu verdammt zu sein scheint sich immer zu wiederhohlen…

Etwas löst sich aus dem Schatten. Die Atmung der Gestalt scheint flacher und schneller zu werden. Dann löst sich noch eine Bestie aus dem Schatten, aus der anderen Richtung. Jeder Fluchtweg ist nun versperrt. Das Grauen entlockt der Gestalt Worte, dabei ist die Zeit der Worte doch ohnehin längst vorbei. Niemand ist da um ihr Flehen zu erhöhen, keine Laune des Schicksals, keine unerwartete Hilfe, kein Deus ex Machina. Immer mehr der Kreaturen lösen sich aus dem Schatten. Anmutig. Grauenerregend. Majestätisch. Gnadenlos. Zielstrebig. Tödlich.

Das Wimmern und Schreien des Opfers vermischt sich mit den Scharren der Klauen und dem nach Blut lechzenden Gebrüll der Bestien zu einer Bizarren Sinfonie, einem Crescendo des Todes, dem Ende einer Jagd.

Die Stille der Nacht wird durchbrochen vom Schmatzen der Kiefer, vom Knacken der Knochen und vom Plätschern des roten Lebenssaftes. In der Luft liegt nun der Geruch von Galle und Blut. Die Sinfonie setzt nun zum fortepiano, dem Verklingen, an und bald schon… herrscht wieder Stille.

Wie stumpfe, graue, verfaulte Zähne reichen die Wolkenkratzer in den wolkenverhangenen  Himmel. Auf der Straße steht knöcheltief Wasser, welches von der aufgehenden Sonne in einen blutroten Schimmer getaucht wird. Ein kalter Wind pfeift durch die Straßen,  breitet einen Teppich aus Nebel und Asche über sie aus. Der Geruch von vergossenem Blut liegt in der stickigen und doch eisig kalten Luft.

Alles scheint wie immer. Nichts zeugt davon, dass in dieser Nacht etwas Kleines und vielleicht doch so Großes geschehen ist. Das in jener Nacht das letzte bemitleidenswerte Individuum einer Spezies von der Bildfläche dieser Welt verschwunden ist, welche sie für Jahrtausende prägte, ja sich vielleicht sogar anmaßte sie zu beherrschen, es scheint… als hätten sie sich wohl geirrt.