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"Ich weiß nicht, Schatz. Ich finde sie irgendwie seltsam", sagte ich zu meiner bezaubernden Frau.

"Ach, du bist immer viel zu voreingenommen! Die neuen Nachbarn sind total nett. Herr Karne grüßt mich jeden Morgen und lächelt mich an und mit seiner Frau habe ich auch schon mehrmals geredet. Die sind total locker und entspannt", entgegnete sie mir.

"Sie kommen mir irgendwie so falsch vor. Als würden sie ihre "Nette Nachbar"-Rolle nur spielen und ihren Kindern misstraue ich noch viel mehr. Nie sehe ich sie mit anderen spielen oder rausgehen und wenn ich sie begrüße, schauen sie mich einfach nur schweigend an. Ich glaube sie haben noch nicht einmal andere Freunde als sich selbst. Kann ich gut verstehen, wenn keine anderen Kinder mit denen was machen wollen. Die sind doch schon fast unheimlich", ergänzte ich.

"Du kennst sie doch noch nicht einmal! Hast du dich mit Herrn Karne überhaupt schon mal unterhalten? Wieso gibst du ihnen denn keine Chance? Und wegen den Kindern sage ich nur, dass man als frisch Hergezogene nicht sofort Freunde findet. Das dauert nun mal!", erwiderte sie darauf, mit einem leicht genervten und zornigen Ton in ihrer Stimme.

Vielleicht hatte sie ja recht, ich war womöglich wirklich etwas zu paranoid. Aber jetzt musste ich mich auf andere Sachen konzentrieren. Ich nahm das letzte Stück Toast in den Mund, trank meinen Kaffee leer und stand auf. Es war schon fast Viertel nach und ich durfte nicht zu spät zur Arbeit kommen, mein Chef war sehr pingelig was Pünktlichkeit angeht. Ich zog meinen Mantel an, nahm meine Tasche, gab meiner Frau noch einen liebevollen Kuss zum Abschied und verschwand durch die Tür.

Wir hatten vor 16 Jahren geheiratet und waren immer noch ziemlich verliebt. Nur unseren neunjährigen Sohn Alex liebte ich genauso sehr wie sie. Diese beiden Menschen waren für mich das wichtigste im Leben. Es gab nichts was ich mehr liebte.

Am Schreibtisch bei der Arbeit dachte ich nochmal über die kleine Diskussion heute beim Frühstück nach. Wann bin ich nur so geworden, dass ich niemandem mehr trauen wollte? Ich beschloss, dass ich am Wochenende etwas mit den neuen Nachbarn unternehmen wollte. Einen Ausflug zum Park oder so, meine Frau wüsste da bestimmt etwas ... Vielleicht konnte sich Alex dann auch mit den Kindern anfreunden, sie scheinen ja in etwa sein Alter zu haben. Mein Beschluss stimmte mich positiv und ich freute mich schon darauf, es meiner Frau heute Abend mitzuteilen.

Als ich nach Hause kam, wollte ich ihr sofort berichten: "Liebling? Ich bin zu Hause!" Ich bekam keine Antwort. "Alex?" Weiterhin Stille. Das kam mir seltsam vor, die beiden mussten schon längst wieder zu Hause sein. Ob etwas passiert war? Ich versuchte meine Frau auf dem Handy zu erreichen, doch wie mir das Ertönen ihres Klingeltons verriet, hatte sie es hier gelassen. Was sollte ich tun? Vielleicht ist es doch nur etwas harmloses und ich mache mir wieder nur unnötig Sorgen. Die Erlösung von meiner Ungewissheit bekam ich, als plötzlich die Haustür aufging und die beiden eintraten. "Wo wart ihr? Ich habe mir schon Sorgen gemacht!", fragte ich vor allem anderen. "Tut mir leid, Schatz. Ich hätte dir eine Nachricht hinterlassen sollen. Vorhin war die Polizei hier und ..."

"Die Polizei? Ist irgendetwas passiert?", unterbrach ich sie. Sie erklärte weiter: "Ja, eine Familie aus der Nachbarschaft ist anscheinend spurlos verschwunden. Sie hatten ein Kind, das auch auf Alex' Schule ging und die Polizei hat uns um Hilfe gebeten. Also um deine Frage zu beantworten, ich war mit Alex bei der Polizei, um ihnen dort zu erzählen, was ich über die Familie wusste und so weiter."

"Eine Familie spurlos verschwunden? Das klingt ja schrecklich!", sagte ich entsetzt. Wie konnte denn eine Familie spurlos verschwinden? "Dabei hatte ich so gute Neuigkeiten ..."

"Was für gute Neuigkeiten denn?", erkundigte sich meine Frau neugierig. "Nun, ich habe heute bei der Arbeit noch etwas über unser Gespräch beim Frühstück nachgedacht und beschlossen gehabt, vielleicht mal etwas mit den neuen Nachbarn zu unternehmen. Dieses Wochenende vielleicht", erzählte ich. "Das trifft sich echt wunderbar, denn heute Mittag, bevor die Polizei hier war, hat Herr Karne uns besucht, um uns heute zum Abendessen einzuladen. Seine Frau wollte uns ihr "Spezial-Gericht" kochen. Ich habe gleich zugesagt, ich hoffe das ist kein Problem."

"Warum sollte das ein Problem sein? Finde ich spitze, dass wir unseren neuen Nachbarn mal näher kommen können. Ich kann sie dann auch gleich fragen, ob sie was am Wochenende unternehmen wollen. Du hattest heute Morgen vollkommen recht, ich bin wirklich viel zu voreingenommen und misstrauisch", entgegnete ich ihr. Darauf warf sie aber noch ein: "Naja, du hattest vielleicht auch nicht ganz unrecht, zumindest was die Kinder angeht. Alex hat mir heute auf der Heimfahrt erzählt, dass die Tochter heute in der Schule einem anderen Mädchen so stark in den Arm gebissen hat, dass es sogar blutete. Den Grund kannte Alex nicht. Vermutlich hatten sie sich wegen irgendetwas gestritten. Es ist ja nicht unnatürlich, dass Kinder mal beißen."

Am Abend machten wir uns schick. Wir waren eingeladen, um 19 Uhr zu kommen. Ich wollte unbedingt einen guten Eindruck machen, denn ich wollte es mir mit den neuen Nachbarn nicht verspielen.

Punkt Sieben klingelte ich an ihrer Haustür. Herr Karne machte auf und empfing uns mit einem breitem Grinsen "Treten Sie ein! Ihre Mäntel können Sie mir geben!" Jetzt, wo ich ihn wieder vor mir hatte, kam er mir doch wieder etwas unheimlich vor.

Das Haus hatten die Karnes wunderschön eingerichtet. Sehr klassisch mit viel Holz, hauptsächlich Eiche. Wir folgten dem Mann ins Esszimmer. Dort stand ein riesiger Tisch, an dem locker 14 Personen Platz nehmen konnten, und neben an Frau Karne, mit ihrem Sohn zur Linken und ihrer Tochter zur Rechten. Alle waren sehr vornehm gekleidet. Die Dame lächelte uns mit einem ebenso breiten Grinsen an, wie ihr Mann. Die Kinder hingegen schauten uns mit dem selben ernsten Blick an wie immer. "Hallo! Nehmen Sie Platz, das Essen ist so gut wie fertig!", sagte die Frau. Sie hatte einen leichten Akzent, den ich aber nicht zuordnen konnte.

Das Essen war ausgezeichnet, das Fleisch war zart, saftig und hatte einen leicht süßlichen Geschmack. "Das schmeckt köstlich! Was ist das, Ente?", fragte ich in Richtung der Köchin. "Ah, nein, keine Ente. Das Fleisch ist von einem viel feinerem Tier, das aber auch ein Zweibeiner ist. Freut mich, dass es Ihnen schmeckt!", antwortete mir Frau Karnes.

Viel wurde am Tisch nicht gesprochen. Meine Frau hatte zwischendurch mal den Vorfall mit der verschollenen Familie erwähnt, aber darüber wurde nicht sehr lange gesprochen. Es schien mir auch gar nicht angebracht.

Ich saß neben Alex, gegenüber von den beiden Karnes Kindern. Mich hat es irgendwie beunruhigt, wie sie die ganze Zeit nur auf meinen Sohn gestarrt haben. Sie haben sich mehr auf ihn konzentriert, als auf irgendetwas anderes. Wenn ich ab und zu mal in die Runde schaute, fielen mir auch die Blicke der beiden Eltern auf. Die Karnes schauten uns alle durchgehend mit riesigen Augen an, als wären wir Prominente oder sowas. Egal was meine Frau meinte, mir kamen sie weiterhin unheimlich vor. Ich wollte auch gar nicht mehr vorschlagen, am Wochenende etwas zu unternehmen, ich wollte gerade nur noch von dort verschwinden und nach Hause gehen.

Doch so unheimlich und bedrückend ich die Atmosphäre an diesem Tisch auch fand, das Essen fand ich einfach umwerfend. Ich wollte unbedingt wissen, was das für ein köstliches Fleisch war. Viel hatte ich noch gar nicht probiert, eigentlich nur Schwein, Huhn, Pute, Ente, Rind, Lamm und Hase. Es hätte alles sein können. Vom Strauß bis zum Känguru, alles was auf zwei Beinen ging.

Als ich das zweite Stück anschneiden wollte und mit dem Messer die Soße vom Fleisch schob, fiel mir plötzlich eine Art Fleck auf. Ich schob die restliche Soße runter und erkannte, dass es sich bei dem Fleck um einen Buchstaben handelte und es war noch ein weiterer und ein angefangener drauf. Das "L" und "i" konnte ich klar erkennen, das danach nicht. Ich überlegte, wofür "Li" stehen konnte, das Herkunftsland, der Betrieb wo das Fleisch herkam? "Li, Li, Li", überlegte ich, "Libanon, Libyen, Litauen?"

Dann schoss es mir in den Kopf. Vorhin hatte meine Frau erwähnt, dass das Kind der verschwundenen Familie Lisa hieß. Mir kam alles hoch, die Buchstaben auf dem Fleisch waren gar keine Kennzeichnung, sondern Teil eines Tattoos!

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01/12/2015 - Danaidh

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