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Die Ketten raschelten unaufhörlich, je mehr ich mich bewegte. Der Mond schien nahezu verräterisch auf mich herab, während ich kniend zu Boden saß und mein schwer keuchender Atem von Zeit zu Zeit samt meines leisen Stöhnens das einzige Geräusch war, dass man in dieser dreckigen Grotte überhaupt wahrnehmen konnte. Einst war jenes Steingebilde, wie man es von Märchen kannte, unter Wasser gewesen und hätte mir unter diesen Umständen sicher den schnellsten und schmerzfreisten Tod geschenkt, doch der liebe Gott hatte sich völlig anders entschieden. Er wollte mich leiden sehen. Er wollte sehen, dass ich die zurecht verdiente Pein mit Tränen in den Augen und reinster Scham in meiner Seele akzeptierte. Ich, als einstiger Engel, der zugleich die rechte Hand dieses übermächtigen Wesens war, war nun nichts mehr, als ein gefallenes Himmelswesen, dass dazu verdammt war auf der Erde (welche mit Sterblichen bevölkert war) in dieser Höhle an Ketten befestigt zu leben.

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Wäre es mir vergönnt gewesen, könnte ich mich als Engel selbstverständlich befreien, doch nahm man mir lange bevor man mich hierhin verfrachtete, die Gabe weg, welche – nebst das sie selten war – äußerst essentiell für einen Engel wie mich gewesen wäre, gerade jetzt zu dieser Stunde. Doch hatte ich die Entnahme meiner Macht mir selbst zu zuschreiben: Ich hatte meinen Segen, mit Tieren reden zu können in einer schlechten Weise benutzt und damit den größten Fehler begangen, den ich je begehen konnte. Ich hatte einer Schlange aufgetragen, den ersten beiden Menschen, die der Herr jemals erschuf, Früchte aus dem „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ essen zu lassen. Dieses hinterlistige Wesen sollte ihnen beiden den Genuss eines verräterisch-süßen Apfels nahebringen. Mit Erfolg. Beide bekamen jeweils eine äußerst gerechte Strafe, als Gott von jenem Fehler erfuhr: Eva sollte von nun an ihre Kinder unter Schmerzen gebären, während Adam sich dem Ackerbau zu wenden musste. Ich grinste erfreut über jene Bestrafung, derweil ich mich hinter einem dichten Gebüsch aus Lorbeeren versteckt hatte.

Nun würde Gott ihnen kein Vertrauen, kein Glauben mehr schenken, dachte ich. Ich würde es werden. Rafaela die rechte Hand Gottes, die auf heutigem Tage sein Berater und Helfer sein würde und das bis in alle Ewigkeit! Meine Freude über jene Anerkennung konnte nicht viel größer sein, als ich zusätzlich mitansah, wie Adam und Eva mit gesenkten Köpfen und unter Gotteszorn das Paradies, welches sie auf ewig glücklich gemacht hätte, verließen.

Mehrere Epochen verstrichen und Gott hatte immer größeres Vertrauen zu mir, während ich ihm bei vielen Sachen half: Sei es bei der Entscheidung einer Seele, ob sie dem Himmel gebührte oder in die Hölle kam oder beim Beistehen schwacher, kranker Menschen, die ihrem Tod mit Angst und Sorge entgegensahen. Auch bei denjenigen Sterblichen, die den Tod als reinste Verzweiflungstat betrachteten, war ich bei ihnen gewesen und versicherte ihnen mit der Wärme eines heiligen, dass es immer einen Weg gab seine Ängste oder Probleme zu bekämpfen. All diese Zeit, die ich in des Herrens Nähe genossen hatte, sollte jedoch bald ein Ende nehmen… Eines Tages bat mich Gott mit zu sich in den Garten Eden zu kommen, der einstige Ort, an welchem Adam und Eva vor wenigen Epochen verstorben waren und wir würdevoll ihre Seelen mit zu uns nahmen, genau, wie wenn wir es (wenn die Zeit uns das Zeichen geben würde) mit Kain und Abel tun würden.

„Es gibt da etwas, was mir durch ein sterbliches Wesen mitgeteilt worden ist“, donnerte die mächtige, doch ruhige Stimme des Herrn in meinen Ohren wieder, während wir entlang einem Gestrüpp aus lauter Rosensträuchern gingen. Weiße und rote Rosen zierten den Garten. Der süßliche Duft verteilte sich angenehm in der Luft. Unsicher, doch mit einer bösen Vorahnung, was er meinen könnte, schaute ich zu ihm auf. Als ich jedoch schwieg und angestrengt versuchte, seinem verurteilten Blick standzuhalten, blieb Gott plötzlich stehen, sein weißes Gewand wehte anmutig im Wind.


„Mir ist zu Ohren gekommen, du hast die wilde Versuchung vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ zu essen meinen beiden Menschesschöpfungen, nur zukommen lassen, weil du eine Schlange batest die beiden für den Genuss eines Apfels des Baumes dazu zu überreden. Die Schlange selbst hat es mir erzählt, nachdem du ihr für diesen Gefallen eine Gegenleistung hattest versprochen.“ Die bedächtig ruhige Stimme schwoll immer mehr und mehr zu einem wütenden Donnergrollen an, welches einem stürmischem Gewitter gleichkam. Wolken über uns verdunkelten sich zu einem endlosen Schwarz, dessen Intensität beinahe schon schmerzhaft in meinen kristallblauen Augen stach. Ergeben sank ich auf die Knie, die Hände zusammengefaltet, als würde ich beten und flehte um Vergebung.

„Oh, Herr!“, rief ich dem aufkommendem, starken Wind entgegen. „Bitte vergebt mir! Dieser Fehler war unbedacht und dumm von mir! Aber es war Neid! Der grüne Neid, welches wie Gift über meinen Körper-“ „SCHWEIG!“, schrie die dimensionale Stimme des Herrn gen meine Versuche um Vergebung zu flehen. „Mir ist es nicht wichtig, welches Gift deinen Verstand oder deinen Körper übernommen haben soll. Selbst die Gegenleistung, sei eine Geste, die von Bedeutungslosigkeit zurrt. Allein, dein unvergängliches Vergehen soll bestraft werden!“ Ich schluckte. Meine Augenlieder fest aufeinandergepresst und meine Finger in den Erdboden hineingekrallt, als wäre jener Boden des Eden, dass letzte, was mir noch Halt geben würde, erwartete ich voll bitterem Zorn über mich selbst, die Strafe, die mich einholen würde.


Gott bat vier Engel herbei, die eines der mächtigsten Gaben unter uns besaßen. Alle vier besaßen jeweils ein Element: Feuer, Erde, Wasser und Luft oder wie man es in unserer Sprache nennen würde: Ignis, Terra, Auqa und Caeli. So bat er den Engel des Elements Terra die Grotte vom Grund des Meeres, hinauf zu holen und an einen bestimmten Ort zu stellen. Einem Ort jenseits von Himmel und Hölle, von Gut und Böse: Spelunca sequuntur somnia. Dieser Ort gilt als wahre Höhle, in der einem die schlimmsten Alpträume in Form eben jener Kreatur zuteilwird, welcher man für sein eigenes Wohlergehen missbraucht oder ausgenutzt hat. Viele munkelten oben in den heiligen Türmen von Coelum (wo wir Engel wohnten und lebten), dass man dort immer wieder aufs Neue sein Vergehen, dass man begangen hatte erleben würde, doch nicht nur allein in physischer Pein, sondern auch in psychischer. Die wenigen, welche nach Dekaden aus ihrem Leid befreit worden waren, sollen an manchen Tagen und Nächten immer noch von ihren Kreaturen verfolgt werden, selbst wenn Gott jene Alpträume mit seiner Liebe zu ersticken versuchte, soll es dennoch welche Engel geben, die dieser Imagination nie vollends entkommen konnten.

Während die Engel sich auf dem Weg machten und ihre Aufgabe erfüllten (Gott hatte den anderen drei ebenfalls Anweisungen erteilt, die sie alle drei von ihnen vor Ort in der Grotte erfüllen sollten), entnahm mir der Herr mit einem plötzlichen, doch zu meiner Verwunderung weniger schmerzhaften, Ruck meine Gabe. Ich konnte spüren, wie die wohlige Wärme, welche zuvor noch von heißer Leidenschaft meinen Körper durchflutete, verschwand und eine bittere Kälte meinem Körper zu schaffen machte. Endlose Schwärze umfing mein Sichtfeld und ich fiel kraftlos auf den weichen Erdboden des Gartens Eden…


Als ich aufwachte, besah ich mich einer einsamen, kalten Dunkelheit, welche allein durch eine kleine Öffnung oberhalb der Steindecke und dem darauf scheinenden Mond, mit einem blassen, silbernen Lichtstrahl durchbrochen werden konnte. Unsagbare Pein ließ mich aufschreien, während jener Schrei in den kahlen Gesteinwänden der Grotte widerhallte. Von jener plötzlichen Pein erfasst, windete ich mich gegen eben jene, versuchte mich gegen Wehr zu setzen, doch musste ich feststellen, dass meine Hände hinter meinem Rücken von festen, eisernen Ketten gehalten wurden, wodurch ich allein das Rascheln jener und das lüsterne Gekicher drei weiterer Personen vernahm, welche sich mit mir in der Hölle befanden. Erst jetzt, wo die Pein allmählich abgeklungen war, bemerkte ich, dass ich bis auf den Intimbereich entblößt war. Eine ekelhafte Mischung voller Scham und Anwidern überkam meinen Geist und ließ mich erschaudern. An meinen Schultern spürte ich wie zwei Hände einen starken Druck ausübten, der allem Anschein nach verhindern sollte, dass ich mich bewegte. „Wie fühlt es sich an, voller Scham an sich herab zu blicken?“, vernahm ich den höhnischen Ton von Ignis und das darauffolgende Gelächter von Auqa und Caeli. Ein erneuter, brennender Schmerz lenkte seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, ehe ich zur Antwort ansetzen konnte und so schrie ich mir ein weiteres Mal meine verdorbene Seele aus dem Leib. Sie verbrennen mich, schoss es mir durch den Kopf. Sie hinterlassen das Mal des Teufels auf meinem Rücken, so wie auch anderen zuvor, die an diesen Ort kamen. Das Mal des gefallenen Engels. Deine Strafe, die du nun zu erdulden hast, ist dieselbe  wie die von Eva, als sie ihre Söhne zur Welt brachte: unkontrollierbarer, höllischer Schmerz!“, rief der Engel Ignis voller unbändigem Hass aus. In seiner Stimme erkannte ich einen bitteren Beigeschmack von Trauer.

Wenngleich er mir das nie freiwillig angetan hätte, so war es der Wunsch Gottes mich mit diesem Zeichen für zumindest etliche Dekaden von dem Himmel zu verbannen. Keuchend verlor ich schlussendlich das Bewusstsein, doch wurde ich durch einen wiederholten Ruck ins Bewusstsein zurückbefördert. Ein unsagbarer Schmerz durchfloss mein gesamtes Rückgrat. Sie hatten mir meine Flügel entrissen! Das klebrige, warme Blut war die Bestätigung, die samt meiner pochenden Pein entlang meiner nackten Haut zu Boden floss.

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Nun saß ich hier seit eine gefühlten Ewigkeit, mit gesenktem Kopf und betete, dass die Schmerzen langsam ausklingen würden. Bittere Tränen sammelten sich wie weiche Regentropfen auf den sandigen, dreckigen Boden vor mir. Mein Weinen kam nicht von der Bestrafung Ignises, sondern von dem unbändigen Neid, welcher mich bereits am Tag der Schöpfung von den Stammeseltern übermannte. „Warum?“, flüsterte ich mit gebrochener Stimme, während mein Corpus zu zittern begann. „Warum hatte dieses Gift so schnell und so sehr meinen Verstand und meine Seele eingenommen?“ „Weil Neid ein unberechenbares und gefährliches Gefühl issst“, zischte jemand in der Dunkelheit vor mir. Ich kannte dieses diabolische, hinterlistige Zischen nur zu gut. „Du…!“, setzte ich mit Zorn an, doch meine Stimme erstarb sofort. Welchen Grund hatte mein Zorn schon gegen sie? Es war allein meine Schuld gewesen, dass ich mich dazu besannt hatte mit dieser Schlange zu reden und sie zu bitten Adam und Eva aus Gottes Herz zu vertreiben.


„Genau ssso issst esss“, zischte das bösartige Wesen erneut. Mir war bewusst, dass es meine Gedanken lesen konnte, so wie ich neben der Tiersprache, auch die Gedanken anderer Wesen lesen konnte . Einen Moment lang herrschte eine unangenehme Stille zwischen uns, welches hin und wieder mit dem Tropfen einzelner Wassertropfen verbunden war, die gen Boden aufschlugen, dann überkam mich im Geiste ein zerronnenes, verblichenes Bild, dass gleichermaßen grotesk, als auch faszinierend wirkte. Ich sah in den Gedanken der Schlange, wie sie sich über meinen Körper schlängelte und schlussendlich in meinen weitgeöffneten Mund eindrang. Ich will dich von deinem Leid befreien, erklärte sie mir. Lass mich das tückische Gift des Neidesss gegen ein anderes einsetzzzzen! Ich gebe dir mein Gift, dasss ssssich langsssam in dein Herzzz hinein fresssen wird. Ein seltsam verzerrtes  Lachen ertönte kurz darauf. Es klang wie das mehrmalige, aggressive Zischen mehrerer Schlangen zugleich. Mein ssssüßes Schlangengift wird diese brennende Emotion und die Scham in dir ein für alle Mal vernichten, doch mussst du dafür einen hohen Preis eingehen. Die Vision endete und gleißendes Licht tauschte sich gegen das verschwommene Bildnis ein. „Was für einen Preis?“, fragte ich, sichtlich benommen und blinzelnd vom fahlen, silbrigen Mondlicht, welches wässrig in die Richtung der Schlange schien. Ihre Schuppen glänzten königlich unter jenem Schein.


Die Schlange riss ihr Maul auf und ihre beiden spitzen, kleinen Zähne kamen zum Vorschein, während sie ihre gespaltene, dünne Zunge hinausstreckte. Beinahe wirkte es so, als würde sie lachen. „Was für einen Preis meinst du?“, rekapitulierte ich nervös, versucht die Ketten endlich zu durchbrechen, doch mein schwacher, geschundener Körper ließ es nicht zu. Meine goldblonden Haare, welche sicher einen kränklichen Ton eingenommen hatten, vielen mir wirr ins Gesicht. Dieses Monstrum nährte sich zischend in meine Richtung und bäumte sich schlussendlich vor mir auf. Obgleich ihre Größe nichts bedrohliches ansich hatte, wären es ihre stechend giftgrünen Augen, die mir ein keuchenden Aufschrei aus bloßer Überraschung entlockten. Schleimig windete sie sich um meinen entblößten Körper und flüsterte mir nahezu lieblich ins Ohr: „Lass mich dein Gift entnehmen, oh gefallener Engel.“ Eine kleine Spur Spott war in ihrem Ton zu hören, jedoch willigte ich nach kurzem Zögern ein. Was hätte ich anderes schon tun können? So oder so war ich dazu verdammt durch meinen eignen, dummen Fehler zugrunde zu gehen.


Ihr schleimiger Körper gelang mühelos in meinem Mund hinein, während ich mit einer aufkommenden Übelkeit kämpfte. Ihre Haut schmeckte bitter-süßlich. Voller Verzweiflung, kämpfte mein einstiger engelsgleicher Körper damit, sie wieder hinaus zu befördern, so spuckte ich einen eigenartigen Schleim auf den Boden, welcher zähflüssig meinen Mund hinab sickerte und einen seltsam farbigen Ton annahm. Es war ein abstoßendes Gemisch aus grau-grünem dickflüssigem Schleim. Schemenhaft konnte ich Stücke ihrer alten Haut darin schwimmen sehen. Als die Schlange es schlussendlich geschafft hatte bis hinunter in meinen Magen zu gelangen, verspürte ich ein scharfes Stechen, welches wohl gegen meine Magenwand sein musste. Ein brennender Schmerz überströmte meinen Bauch, hinauf über meinen ganzen Körper. Ich schrie, wie ich noch nie zuvor geschrien hatte. Nicht einmal zu der Zeit als der Engel des Element Feuers mir dieses verfluchte Mal auf meiner Haut verewigt hatte. Währenddessen, verspürte ich, wie die Schlange sich entlang meines Unterleibs windete und sich durch jene biss. Heißes, schmutziges Blut quoll aus meinem Unterleib hervor. Fast wirkte es so, als würde ich eine Schlange gebären. Die Pein schwoll immer mehr zu einem unermesslichem Grad an, sodass mein zitternder Körper unter dem Druck zusammenbrach. Das letzte, was ich vernahm war wie dieses Biest mir etwas entgegen zischte, das nur verschwommen in mein Ohr eindrang:


Der Preis ist dein Leben für meins.


Dann brachte mich die süße Freiheit in einen traumlosen, unendlichen Schlaf.


BlackRose16 (Diskussion) 10:26, 11. Jul. 2017 (UTC)

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