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Ich hasse den Klang meines Telefons nicht, aber in letzter Zeit wird mir immer ein wenig flau, wenn ich es höre. Ach, was heißt flau... Es fühlt sich an als würden sich meine Gedärme zu einem faustgroßen Klumpen zusammenziehen, von einem Pfeil herausgeschossen und als abstraktes Gemälde an die Wand hinter mir getackert werden. Um dem zumindest ein wenig gegenzuwirken habe ich dreieinhalb Euro für den Klingelton ausgegeben, der gerade jetzt klingelt: Die Melodie der Legend of Zelda-Gameboyspiele, eine fröhliche, unbeschwerte Musik, die mich ein wenig auflockern sollte. Dennoch hindert meine Angst mich seit ein paar Tagen daran, meinen Job so gut zu machen wie bisher.

Wenn man mit Telefonsex sein Geld verdient sollte man lockerer drauf sein als ich.

Als die Melodie zum zweiten mal beginnt, nehme ich ab. Das ist nicht nur meinem unangenehmen Gefühl geschuldet, ich warte immer so lange. Viele der Jungs die anrufen legen schnell wieder auf weil sie unsichere Weicheier sind, und wenn man bis zum zweiten Start der Zelda-Musik durchhält mache ich mir erst die Mühe, das Telefon in die Hand zu nehmen und zu sagen...

„Hey, mein Süßer.“

Ich weiß, die Begrüßung ist echt lau, aber was soll ich sagen? Die meisten die hier anrufen sind entweder anspruchslose Perverse oder jungfräuliche Spinner, die es nicht besser kennen.

„Toll, mal wieder deine schöne Stimme zu hören.“

Oh, Fuck. Dann gibt es natürlich noch Variante Nummer drei: Psychopathen. Meine Eingeweide verkrampfen sich und bleiben so, als wären sie mit Blei übergossen worden, als ich diese Stimme höre. Dabei ist sie gar nicht mal so schlecht. Sanft, zart, irgendwie schmierig. Das macht die Worte, die darin verpackt sind, sogar noch schlimmer.

„Du... du behinderter Arsch. Ich hab dir doch gesagt, dass du hier nicht mehr anrufen sollst. Scheiße noch mal, ich hab dir sogar die Nummer einer Kollegin gegeben, die sich auf Angstspiele versteift hat. Warum rufst du die nicht an!?“

Nicht gut. Meine Stimme wird schon wieder so verdammt schrill. Dadurch merkt er, dass er mich allein durch den Anruf in Panik versetzt.

„Nun, ich gestehe es ungern, aber ihre Nummer spricht mich nicht an. Wer findet es schon toll, wenn eine Frau durch Angst in sexuelle Erregung versetzt wird. Außerdem ist sie weder so reizbar noch mit einer so reizenden Stimme gesegnet wie du. Und es freut mich ungemein, dass ich bereits durch die bloße Begrüßung eine solche Wirkung auf dich habe.“

Tja, die hat er in der Tat, nicht ohne Grund. Als er das erste mal angerufen hatte, war er ziemlich nett, stellte sich als netter Kunde dar und hatte gewartet, bis fast ganz zum Schluss. Dazu ein kleiner Berufseinschnitt: Es ist weitaus einfacher einen Orgasmus vorzuspielen, wenn man tatsächlich einen bekommt, dementsprechend stimuliere ich mich immer selbst, wenn ich einen Kunden habe. In betreffendem Falle war ich vollkommen nackt auf meinem Sofa, eine Hand an meiner Klitoris, die andere an der linken Brustwarze, den Hörer zwischen Schlüsselbein und rechtem Ohr eingeklemmt.

Mich ein wenig davor ekelnd habe ich es fast geschafft, dennoch aufgrund seiner Stimme und der körperlichen Stimuli einen Höhepunkt zu erreichen, als er mir sagte wie schön mein Sofa doch aussähe. Daran war erst nichts besonderes, ich hatte ihm gegenüber erwähnt, dass es mein Sofa war, auf dem ich es mir besorge, nicht etwa mein Bett oder der Küchentisch, aber dennoch irritierte er mich damit und sorgte wohl gewollt dafür, dass ich nachfragte, was er meinte. Und dann beschrieb er nicht nur mein Sofa farblich und der Form nach, sondern auch meinen Körper, meine Haarfarbe... Das war vor einem Monat, und seither hat er noch vier mal angerufen, den aktuellen Anruf nicht mitgezählt.

Und jedes mal wurde es schlimmer.

Ich atme tief durch und versuche meine Stimme möglichst nicht zittern zu lassen: „Wenn du... noch mal anrufst, schalte ich die Polizei ein. Ohne Scheiß, du Mistkerl, die kann dich auch aufspüren, wenn du deine Nummer unterdrückst! Also fick dich in dein Scheiß Knie und lass mich in RUHE!“

Nachdem ich aufgelegt und den Hörer mit einem beinahe destruktiven Kraftakt auf den Wohnzimmertisch geschmettert habe, fällt mir auf, dass meine Stimme vor allem bei dem letzten Wort so schrill geworden war, dass, wenn ich einen Hund hätte, dieser sich gefoltert fühlen würde. Ironischerweise fühle ich mich genau so. Ob die Polizei eine unterdrückte Nummer zurückverfolgen kann weiß ich nicht, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er es ganz genau weiß.



Bis zum nächsten Anruf vergeht eine Dreiviertelstunde, und allein anhand der Tatsache, dass ich die Nummer sehen kann weiß ich, dass es nicht Er ist.

„Hey, mein Süßer.“

„Oh... ähm, Hi.“

Raue Stimme, trocken, zögerlich. Das ist gut, das ist alles was Er nicht ist.

„Hallo. Na, du hast aber eine nette Stimme. Wie heißt du denn?“



Die nächsten dreizehn Minuten verbringe ich damit mir vorzustellen wie sein Fallus meinen G-Punkt auf eine etwas unrealistisch anmutende Weise stimuliert und zu stöhnen als wäre ich im siebten Himmel, als die Leitung plötzlich unterbrochen wird.

Ich habe kaum genug Zeit es zu bemerken, als der Strom im ganzen Haus ausfällt. Vielleicht liegt es an den Anrufen des Irren, die ich in letzter Zeit bekommen habe und in denen er (zumindest in den letzten zwei) sehr anschauliche Vergewaltigungsszenarien beschrieb, aber ich denke sofort daran, dass er sie jetzt endlich wahr machen würde.

Es klingt wohl merkwürdig, aber in dieser plötzlich ins körperliche gehende Extremsituation schaltet sich mein Denken aus und meine Instinkte übernehmen. Nach dem zweiten Anruf von Ihm habe ich mir einen Baseballschläger besorgt, der neben meiner Haustür steht. Ohne zu zögern taste ich mich durch das Wohnzimmer, durch den Flur, bis zur Tür. Trotz der tiefen Nacht dringt ein wenig Mondlicht durch die kleine Glasscheibe der Tür, wodurch ich, gerade die Hand um den harten, kalten Schläger geschlossen, eine Gestalt davor stehen sehe. Groß, schlank, erschreckend.

Dann ertönt diese Stimme von der Gestalt: „Hallo, meine Süße. Ich weiß, wo du steckst.“

Und ich raste aus. Reiße die Tür auf, hebe den Schläger von unten nach oben und quetsche seine Testikel. Während er zu Boden geht trete ich ihm in die Seite, schwinge den Schläger und lasse ihn gegen seine Schulter krachen, die ein hässliches Knacken von sich gibt, welches mir durch meine vom vorherigen Anruf noch feuchte Vagina einen heißen Schauer der Erregung brennt.

Der nächste Schlag trifft seine Schläfe, ohne so viel Schwung. Rückblickend betrachtet hat mein Hirn sich wieder ganz eingeschaltet und mich daran erinnert, dass ich ihn nicht töten sollte. Auch bewusstlos ist er keine Gefahr für mich, nicht mehr.

Ich blicke auf ihn, mit schmerzverzerrtem Gesicht, und atme auf. Einmal, zweimal, dann breche ich zusammen. Keine Ahnung warum, vielleicht weil ich mir des vollen Angstausmaßes des vergangenen Monats nicht bewusst war und als es mit einem Schlag verschwand, hielt ich es nicht aus. Wer weiß?



Aktuell blicke ich eine Zellenwand an und frage mich, wie das möglich ist. Kurz gesagt war der Kerl, dem ich die Schädelbasis angeknackst und die Schulter gebrochen, sowie die Euer gequetscht habe, nicht der Kerl, der mich immer wieder angerufen hat. Seine Stimme klang nicht mal wie seine, und die schlimmste Straftat seines Lebens war Falschparken. Ich hatte keinen Grund gehabt, so der Richter, ihn anzugreifen, und anstatt mich der Notwehr schuldig zu bekennen musste ich wegen unbegründeter schwerer Körperverletzung in den Knast.

Wäre alles halb so wild, immerhin kann ich hier nicht angerufen werden... aber tatsächlich ist es meine ganz persönliche Hölle.

Meine Zellentür wird geöffnet und einer der Gefängniswärter kommt herein, sein Grinsen so anzüglich wie angsteinflößend. Und dann erst seine Stimme... er kommt einmal die Woche zu mir und begrüßt mich jedes Mal mit dem gleichen Satz in dieser eklig sanften, ruhigen Tonart...

„Hallo, meine Süße. Lass mich deine schöne Stimme hören.“

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