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Ich glaube, in jenem Moment zweifelte ich zum ersten Mal an meinem Verstand. Seit ich in dieses Haus gegangen war, passierten so unglaubliche Dinge. Merkwürdige Dinge und... unheimliche Dinge. Nichts, was man mir glauben würde, wenn ich davon erzählte. Warum mache ich das jetzt also? Ganz einfach: Ich ertrage es nicht, das anderen das gleiche Schicksal zuteil wird wie mir und Erik.

Aber ach, ich greife vor. Wie jede gute Geschichte sollte ich von vorne beginnen, auch wenn dies keine Geschichte, sondern eine Art... Warnung ist.

Ich heiße Luisa und war damals siebzehn, mein Freund Erik war genau so alt, und er hatte schon immer ziemlich fragwürdige Ideen. In der achten Klasse hat er im Klassenraum ein zum Glück kontrolliertes Feuer im klasseneigenen Projektor entfacht, um den Schultag vorzeitig zu beenden. Ich habe ihm leichtsinnigerweise bei der Umsetzung geholfen und bin nach wie vor heilfroh, dass die Täter nie ermittelt worden waren.

Wie auch immer, dieses eine Mal hatte er eine eher verrückte, aber ungefährliche Idee. Zumindest dachte ich damals, dass es ungefährlich sein würde. Wie konnte ich nur so gottverdammt DUMM sein?

Erst vor einer Woche vom Zeitpunkt der Idee selbst an gerechnet war eine alte Frau gestorben, oder vielmehr spurlos verschwunden, und das alte, abgelegene Haus stand dementsprechend leer. Aus irgendeinem Grund hatte sich niemand die Mühe gemacht, sich das Gebäude mal genauer anzusehen. Bis auf Erik. Er hatte auf einmal die geniale Idee, eine Nacht in diesem Haus zu verbringen. Wir zwei, allein in einem gruseligen Haus, in dem eine Frau spurlos verschwunden war und in dem es seiner Aussage nach spucken müsse. Ich bin zwar nicht gerade scharf auf eine Nacht in einem potenziellen Geisterhaus, aber andererseits hatte der Gedanke etwas Verlockendes, wenn auch auf eine makabre Art.

Ich will mich hier nicht mit unsinnigen Details über unser Liebesleben auslassen, zumal das hier sich um die Statuen dreht und nicht darum, dass Erik und ich eine Liste mit insgesamt fünfzehn Punkten und dem Titel: „Orte, an denen wir vögeln wollen“ haben. Beziehungsweise hatten. Oder haben werden, wenn auch das wohl nicht so ganz zutreffen wird. Herrgott, ist das alles kompliziert.

Kurz gesagt: Wir sind noch in der folgenden Nacht zum Haus der Lady gefahren. Es war ein altes Haus aus Holz und stand einige Kilometer in der Pampa, die wir mit dem Fahrrad zurücklegten. Etwa zwanzig Meter vor dem Haus gab es ein eisernes Tor, flankiert von je zwei Engelsstatuen. Traurig scheinende Dinger, die sich die Hände vor die Augen hielten, als würden sie weinen. Damals... beachtete ich sie nicht. Erik auch nicht. Wir waren zu abgelenkt von dem großen Schild am Tor, dass uns sagte: „Haut ab. Bitte.“

Für Erik und mich als Besucher eines potenziellen Geisterhauses war das natürlich ein gefundenes Fressen, und als wir das Tor aufstießen und zum Haus liefen, rissen wir einige Witze darüber. Gänsehaut bekam ich erst, als wir die Tür erreichten, die nur angelehnt war. Dafür war in das Holz folgender Text geritzt: „Zu spät. Lasst sie nicht aus den Augen.“

Ich war auf einmal nicht mehr so gut aufgelegt wie zuvor, und kurz diskutierten Erik und ich über diese Aussage und darüber, wer oder was mit „Sie“ gemeint sein könnte. Ich weiß noch, dass ich mich in dieser Sekunde mit einem flauen Gefühl im Magen umblickte und bemerkte, dass auf der dem Haus zugewandten Seite des Eisentores die gleichen vier Engelsstatuen standen wie die, die ich zuvor gesehen hatte. Nur dass diese eben zum Haus gedreht waren und sich nicht die Augen zuhielten. Sie standen einfach mit hängenden Armen da. Damals erschien mir das komisch. Aber jetzt...

Unser Gespräch endete kurz darauf mit der Idee, dass es sich um einen dummen Scherz handeln könnte. Wir stießen die Tür auf und sahen uns im Haus um. Es war dunkel und das knarrende Holz jagte mir bei jedem Schritt eine leichte Gänsehaut über die Arme, aber irgendwie törnte es mich auch ziemlich an. Die Nachricht an der Tür entfaltete ihre Wirkung.

Zumindest, bis ich mich zu meinem Freund drehte und dieser plötzlich verschwunden war. Kein Scheiß, ich lüge euch nicht an! Wir waren in einem Flur, etwa fünf Meter lang und mit keiner Tür an der Seite. Ich habe seine Schritte genau neben mir gehört, und auf einmal war er weg. Hat sich in Luft aufgelöst oder sonst was. Zugegeben, inzwischen habe ich eine Ahnung, was passiert ist, aber damals?

Als mein Freund plötzlich verschwunden war, verfiel ich in etwas, was der eine Panik, der andere typisch weibliche Hysterie nennen könnte. Ich lief im ganzen Haus herum, rief nach Erik, schrie und habe mir sicherlich irgendwas an den Stimmbändern gezerrt. Mir schossen haufenweise Gedanken durch den Kopf, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

Irgendwann blieb mir als einzige Option noch der Keller übrig. Ich wollte dort nicht heruntergehen, ich hatte Panik wie irre, aber was für andere Möglichkeiten hatte ich denn? Am Treppenanfang zum Keller stand an die Wand geschrieben: „Nicht Blinzeln!“

Ich schlug gegen die Wand und heulte auf, keine Ahnung, warum. Und dann ertönte eine Art Schleifen hinter mir. Wie Kreide auf einer Tafel, nur leiser. Ich drehte mich um und sah drei Statuen im Gang stehen. Engelsstatuen, so schien es, aber sie waren kaum engelsgleich. Hässliche, verzerrte Fratzen mit scharfen, raubtierartigen Zähnen. Ihre zu Klauen verkrampften Hände deuteten in meine Richtung.

Ich sah sie nur für eine Sekunde, denn vor Schreck taumelte ich und fiel die Treppe hinunter in die Dunkelheit. Es tat weh, als meine Arme, Schultern, Hüfte und mein Kopf auf die Stufen knallten, und merkwürdigerweise musste ich an die Statuen vor und hinter dem Tor denken.

Weiß der Himmel, wie lange ich ohnmächtig am Fuße der Treppe lag, aber wenn ich so darüber nachdenke, dürften es nicht mehr als einige Sekunden gewesen sein. Ich griff an meinen Gürtel, wo zu meiner Erleichterung meine nach wie vor intakte Taschenlampe fand. Ich schaltete sie ein und ließ den Lichtkegel umherschweifen. Der Kellerraum war groß und vollkommen leer, aber als ich die Treppe hinaufblickte, sah ich die drei Engelsstatuen auf den Stufen stehen. Ihre Pose hatte sich verändert, aber sie war nach wie vor grauenerregend. Noch mehr, wenn man bedenkt, dass es Steinstatuen waren, die sich eigentlich nicht bewegen dürften.

Ich schrie auf, glaube ich, und torkelte in den Kellerraum hinein, drehte mich samt Lampe um und erstarrte vor Schreck, als ich in eine weitere Fratze starrte, die nur wenige Meter vor mir in dem Raum stand, der eben noch leer war wie der Magen eines Buddhisten in der Wüste. Spätestens da wurde mir klar, dass hier irgendeine viel, viel schlimmere, grausigere Macht am Werke war als ich mir jemals hätte träumen lassen. Und dann begann eine eigens für mich konstruierte Hölle. Ich drehte mich herum, versuchte wegzulaufen, aber wo ich auch hinsah, stand auf einmal eine dieser Engelsstatuen, mal in dieser Pose, mal in jener, aber sie kamen irgendwie immer näher, und näher...



Ich erinnere mich noch daran, dass ich aufgewacht bin, im hellen Sonnenlicht und auf einer trockenen aber großen Wiese. Ich brauchte zirka dreizehn Minuten, um mir meiner Lage klar zu werden (zumindest so klar, wie es mir damals möglich war) und hatte dann das zweifelhafte Glück, eine Zeitung zu finden. Als ich sie genauer ansah, hatte ich dann ein ähnliches Gefühl wie in dem Moment, in dem Erik verschwunden war. Das Datum der Zeitung: 1934.

Ich sagte eingangs, dass es sich hierbei um eine Warnung handelt. Warnung wovor? Ich weiß es nicht wirklich, aber ich spüre sie. Die Statuen. Die Weinenden Engel. Ich fühle ihre Blicke auf meiner Haut, in meinem Nacken... Ich habe keinen Schimmer, was sie sind oder so, aber was auch passiert, wenn du sie siehst: Lasse sie nicht aus den Augen und blinzele nicht. Bitte.

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