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Laut und für jeden hörbar, durchbrach der Ruf unseres Kapitäns die Stille der Nacht.

"Land in Sicht!", rief er mit seiner alten Stimme.

Sofort sprangen wir aus unseren Betten, zogen uns in heller Aufregung an und rannten nach oben. Der Anblick, der sich mir offenbarte, ließ mein Herz höher schlagen. Nach all der langen Reise haben wir sie endlich gefunden. Die Insel, welche so wirkte, als hätte kein Mensch sie je betreten. Ein Ort, beschützt von Mutter Natur, welche versuchte die Geheimnisse der Insel vor uns zu verbergen. Bald würden wir den Schatz in unseren Händen halten und mit den Reichtümern nach Hause zurückkehren. Die Gier in unseren Augen spiegelte sich im kristallklaren Wasser, das uns noch wenige Meilen von der Goldgrube trennte.

"Wollen sie wirklich diesen Ort betreten?", fragte unser Kapitän besorgt. "Kein Mensch geht auf diese Insel und wenn doch, kehrte bisher niemand von ihnen zurück."

Wir ignorierten seine Warnungen, genauso, wie die der anderen zuvor, welche verzweifelt versuchten uns von diesem Vorhaben abzubringen. Ein kleines Boot wurde ins Wasser gelassen und ich kletterte die kleine Strickleiter hinunter, gefolgt von meinen beiden Kollegen. Ich, Sam, ein Dozent in Archäologie und Geschichte, erreichte endlich das Boot und ich sah nach oben zu den anderen.

Zuerst folgte mir Jasmin. Ein junges Mädchen, hoch talentiert im Gebiet der Archäologie. Sie interessierte sich sehr für längst vergessene Kulturen und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einige davon wieder zu entdecken. Mein Unterricht faszinierte sie, doch ihre Augen verlangten nach mehr, als nach der staubigen Theorie der Bücher. Als ich ihr von meinem Vorhaben erzählte, bot sie sich freiwillig zu dieser Expedition an.

Über ihr befand sich Wilson. Ein sehr stämmiger Kerl, jedoch täuschte sein mächtiges Antlitz über seinen unstillbaren Wissensdurst hinaus. Was ich ihm lehrte, saugte er auf wie ein gieriger Schwamm, doch den Hunger nach mehr, konnte ich in ihm leider nicht stillen. Wochenlang fragte er mich, ob er mitkommen könnte und irgendwann gab ich nach, obwohl ich meine Entscheidung schon längst gefällt hatte. Ich schämte mich innerlich ein wenig dafür, ihn nur wegen seiner Stärke ausgewählt zu haben und nicht aufgrund seiner Intelligenz.

Endlich saßen wir alle drei im Boot. Wilson übernahm das Ruder und wir entfernten uns immer mehr vom Schiff. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass wir bald die Insel betreten würden. Auf ihr befand sich ein, angeblich verfluchter, Schatz und mit ihm ein Volk, abgeschieden vom Rest der Welt. Es gab nur einen einzigen Menschen, der von dieser Insel zurückgekehrt war und davon berichten konnte. Als er heimkehrte, glaubte ihm jedoch keiner ein Wort und selbst sein abgerissener Arm änderte nichts daran.

Ich fand seine Aufzeichnungen in unserer Bibliothek und aus irgendeinem Grund glaubte ich seinen Worten. Sie wurden im Wahnsinn geschrieben, doch mit einer solchen Klarheit, dass es fast schon beängstigend war. Ich fand sein Tagebuch, wo er die Insel markiert hatte. Laut den Satellitenaufzeichnungen gab es diese Insel, aber sie besaß weder einen Namen, noch gab es Berichte darüber. Sie war völlig unbekannt. Selbst erfahrene Fischer, wussten nicht ein Mal von ihrer Existenz und schworen darauf, keine Insel bei diesen Koordinaten gesehen zu haben. Der einzige war der Kapitän, welcher uns aber nicht sagen wollte, woher er diesen Ort kannte.

"Glauben Sie, dass die Ureinwohner noch immer auf dieser Insel leben?", fragte mich Jasmin plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken.

"Ich weiß es nicht. Es wäre möglich, aber selbst wenn, wären sie uns sicher nicht freundlich gesinnt."

Jasmin seufzte. Man merkte, dass ihr meine Antwort etwas Angst machte. Schließlich kam niemand von dieser Insel zurück und der einzige, der es geschafft hatte, verlor dabei seinen Arm und seinen Verstand.

Endlich kamen wir an dem kleinen Strand an und stiegen aus unserem Boot. Kaum berührten unsere Füße den Sand, da spürten wir auch schon die dunkle Aura, welche die Insel umgab. Dieser Ort war böse und hielt nicht besonders viel von unserer Anwesenheit. Vor uns lag ein dichter Dschungel. Sofort zog Wilson seine Machete und schlug uns einen Pfad tiefer in das Innere der Insel. Je weiter wir kamen, desto stärker wurde das dunkle Gefühl in uns. Mit jeder durchtrennten Pflanze spürten wir den Groll der Insel immer mehr in der Luft.

Plötzlich blieb Jasmin stehen. Wilson und ich drehten uns um und wollten etwas sagen, doch sie hielt ihren Zeigefinger vor die Lippen und zeigte uns leise zu sein. Ihr Gesicht war kreideweiß und ihr ganzer Körper zitterte vor Angst. Ich wusste zunächst nicht was los war, bis ich es selbst hörte. Leise Schritte waren zu hören und als ich den ersten Ast knacken hörte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Mein Herz raste und der Schweiß tropfte von meiner Stirn. Wir waren nicht allein.

Dann spürte ich, wie mich etwas an der Schulter berührte. Ein lauter Schrei war zu hören und als ich mich umdrehte, sah ich auch den Grund dafür. Eine eisige und knochige Hand lag auf meinen Schultern. Lange Finger berührten meine Haut und krallten sich in meinem Fleisch fest. Mein Herz blieb stehen als ich das Gesicht hinter mir erblickte. Eine dämonische Fratze mit einem blutgetränktem Maul, spitzen Zähnen und Augen so weiß wie Schnee.

Ich schrie auf, aber da merkte ich schon, wie ein stumpfer Gegenstand meinen Kopf traf und ich zu Boden sank. Der Schlag hatte mich nicht bewusstlos gemacht, aber ich sah alles um mich herum nur noch verschwommen. Ich hörte Jasmin immer noch schreien und einen brüllenden Wilson. Dann hörten die Schreie plötzlich auf. Stattdessen hörte ich ein lautes Gurgeln, gefolgt vom Geräusch knackender Knochen und einem Messer, welches sich durch Fleisch schnitt. Das letzte, was ich noch bemerkte, war, wie mich jemand hinter sich her schliff. Danach wurde alles Dunkel um mich herum.

Als ich aufwachte, konnte ich nichts sehen. Mein Körper war mit Seilen gefesselt und ich konnte mich kaum bewegen. Ein verwesender Geruch drang in meine Nase und trieb mir die Tränen in die Augen. Wo war ich und was war mit den anderen passiert? Hatten die Ureinwohner sie getötet? Der wirbelnde Sturm in meinem Kopf hielt inne, als ich etwas hörte. Laute Kaugeräusche von mehreren Personen. Messer, die Fleisch und Sehnen durchtrennten. Menschen, die sich mit vollem Mund in einer anderen Sprache unterhielten.

Eine Stimme kam immer näher zu mir und ich spürte zwei dünne Hände an meinem Kopf. Etwas wurde von meinem Gesicht genommen. Für einen Moment konnte ich nichts sehen, doch dann sah ich sie wieder. Die angsteinflößende Fratze, welche ich im Dschungel gesehen hatte. Ich brauchte lange, um zu verstehen, dass es sich hierbei nur um eine Maske handelte. Meine Augen wanderten durch den Raum. Was ich sah, brachte mich zum Schreien und ich zerrte wie verrückt an meinen Fesseln.

Vor mir saßen ungefähr zehn Menschen. Sie waren alle fast vollständig nackt und nur einige Blätter bedeckten ihre Scham. Sie saßen alle auf einer Holzbank, welche nur wenige Zentimeter vom Boden in die Höhe ragte. Vor ihnen befand sich ein langer Banketttisch, belegt mit Früchten und...und...

Ich musste wegsehen, weil ich das Grauen nicht mehr ertragen konnte. Auf dem Tisch befand sich Jasmin, in Stücke geschnitten. Der Tisch war blutüberströmt, ihre Eingeweide quollen hervor und ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Menschen verschlangen gierig ihr Fleisch und das Geräusch, welches sie dabei machten, brachte mich zum würgen. Einer von ihnen hatte weiße Augen und biss gerade in ihr Herz hinein. Das Blut lief in Strömen auf den Boden. Seine schmutzigen Zähne färbten sich in ihrem Lebenssaft.

Vor mir befand sich eine Gestalt. Sie war genauso heruntergekommen wie die anderen. Sein Blick und seine Zunge, welche gierig über seine Lippen leckte, verrieten mir, was er vor hatte. Ich war der Nachtisch. Plötzlich zog er ein Messer und rammte es mir in den Arm. Ich schrie wimmernd auf und meine Augen füllten sich mit Tränen. Die Seile wurden durchtrennt und ich sank zu Boden. Dabei hörte ich, wie mir etwas aus der Hosentasche fiel.

Es war mein Feuerzeug. Sofort griff ich danach und drückte den Knopf. Es war eine Panikreaktion, aber die Hände, die eben noch nach mir gegriffen hatten, wichen auf ein Mal zurück. Ein lautes Schreien war zu hören. Ich hob meinen Kopf und sah, wie die Ureinwohner vor Angst zurückwichen. Diese Menschen hatten Angst vor Feuer, also nutzte ich die Gelegenheit und trieb sie mit den Flammen zurück. Ich stellte es auf die höchste Stufe und eine riesige Stichflamme schoss in die Höhe.

Sie wichen zurück und ich kämpfte mir meinen Weg zum Ausgang frei. Dort angekommen, überlegte ich, ob ich diese riesige Hütte anzünden sollte, doch dann passierte es. Das Feuerzeug war leer. Egal wie oft ich auf den Knopf drückte, kein Feuer entzündete sich mehr. Schnell nahm ich meine Beine in die Hand und rannte davon. Hinter mir war das Brüllen und die lauten Jagdrufe der Wilden zu hören.

Orientierungslos lief ich durch den dichten Dschungel. Ihre Schreie kamen immer näher. Mein Arm schmerzte und meine Sicht wurde immer verschwommener. Mein Fuß stieß auf etwas und ich stolperte auf den Boden. Laute Schritte rannten an mir vorbei, bis sie schließlich in der Ferne verstummten. Vorsichtig öffnete ich meine Augen und stieß einen stillen Schrei aus. Vor mir befand sich Wilson Kopf. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und ich wich vor ihm zurück. Mein Atem raste vor Angst, doch ich musste weiter.

Ich rannte noch ein kurzes Stück, ehe ich den Strand erreichte. Das Schiff war immer noch da. Sofort rannte ich darauf zu. Gleichzeitig hörte ich wieder die wilden Schreie, dieses Mal ganz nahe. Ich drehte mich im Laufen um und sah in eine blutgetränkte Gestalt, die versuchte nach mir zu greifen. Ohne zu zögern, sprang ich ins Wasser, schwamm so schnell ich konnte. Das Salzwasser ließ meine Wunden wie Feuer brennen, doch ich paddelte immer weiter, bis ich schließlich das Schiff erreichte.

Eine Strickleiter wurde heruntergelassen. Ich kletterte hinauf und sah noch ein Mal zurück zum Strand. Die Ureinwohner standen dort, hoben ihre Messer und schrien vor Enttäuschung. Oben angekommen hielt mir jemand seinen Arm hin. Ich wusste nicht, ob es an der Erschöpfung oder an der Panik lag, aber er wirkte wie aus Holz gemacht. Dankbar griff ich zu und ließ mich vom Kapitän nach oben ziehen. Ich hatte überlebt. Kaum befand ich mich an Deck, umhüllte mich die Dunkelheit ein weiteres Mal.

Als ich aufwachte, befand ich mich in einem Bett. Die Angst saß immer noch tief in mir. Vor mir stand der Kapitän mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Ich wollte ihm erzählen, was vorgefallen war, aber er hob seine Hand.

"Erzählen Sie mir alles später. Sie sollten erst Mal etwas Essen und zu Kräften kommen...".

Er reichte mir einen Teller. Ich würgte leicht beim Anblick des Fleisches, doch der Kapitän hatte recht. Ich musste was essen. Mir fiel wieder die Prothese an seinem Arm auf. Angeblich hatte er ihn bei einem Haiangriff verloren. Der alte Mann lächelte, als ich mir das erste Stück in den Mund schob. Ich schlang das Fleisch gierig hinunter. Es schmeckte sehr nach Hühnchen...

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