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Doktor PertuceBearbeiten

12. 5. 2011

Der kleine Klassenraum war voll, jeder Stuhl besetzt. Die Fenster waren allesamt aufgerissen, um die schale Luft ein wenig aufzufrischen. Träge zuckten die Zeiger der Uhr über das Ziffernblatt.

Die Luft war vom allgemeinen Gemurmel der Schüler erfüllt, es vermischte sich und wurde zu einem undefinierbaren Summen, das in Alex' vibrierte und seine Gedanken paralysierte.

Für die Welt war er nur ein Schatten, er stach nicht hervor, er ging nicht unter, er war ein Gesicht in der Menge. Viele Leute übersahen ihn einfach. Sogar die Lehrer.

Aber heute kam ein neuer Lehrer. Alex hatte sich fest vorgenommen, dass er bei dem Neuen auffallen würde. Er würde sich mehr melden als jeder andere, er würde zu seinem besten Schüler werden, immer seine Hausaufgaben machen und dann würde er mit seinem rosa Einhorn die Welt erobern. Er machte sich nichts vor, sein Schicksal war nicht grausam, es existierte einfach nicht. Er würde einen langweiligen Job bekommen, eine langweilige Frau heiraten, sie mit einer fast genauso langweiligen Frau betrügen, langweilig auffliegen und sich in einem langweiligen Lokal mit langweiligem Bier zu Tode saufen. Oder in der Art. Er war bisher zu feige gewesen, Alkohol anzurühren.

Die Tür ging auf und ein Mann trat ein. Er wirkte irgendwie exotisch. Klein und untersetzt, aber irgendwie auch von so gewaltiger Präsenz, dass sie auf Alex' Haut zu Kribbeln schien.

Vermutlich war er etwa dreißig Jahre alt und ein dunkler Typ mit teigigem, rundem Gesicht.

Er hatte einen Hemdanstecker in Form eines Vogels und roch ein wenig nach Basilikum.

Als er die Klasse anlächelte, blitzten seine schneeweißen Zähne auf.

Guten Tag“, quoll es über seine Lippen, eine Mischung aus Nuscheln und Hauchen, und doch war es irgendwie klar verständlich. Es schwang ein eigenartiger Akzent in seiner Stimme.

Das war Alex' erste Begegnung mit Herrn Doktor Pertuce.

19. 5. 2011

Der Himmel hatte sich zugezogen. Alex ahnte schwach, dass es bald regnen würde. Dann würde der Regen wieder aufhören. Und wieder beginnen. Ein ewiger Kreis der Triste.

In der Zimmerecke saß eine Spinne. Vielleicht würde jemand sie töten. Zum Spaß.

Vor genau einer Woche war Doktor Pertuce zum ersten Mal in den Raum gekommen. Nun stand er wieder dort und redete. Während er sprach, zuckte seine Nase, wie bei einem Nagetier.

Weiß jemand, wo Tim diese Woche ist?“, fragte er und ließ seinen Blick durch die Klasse wandern. „Er war auch gestern nicht da!“, meldete sich irgendein Junge.

Ich glaube, er ist gleich nach ihrer Stunde am Montag gegangen“, ergänzte ein anderer Schüler, „Er sagte, es gehe ihm nicht gut.“

Tatsächlich? Ach so.“ Doktor Pertuce kniff die Augen zusammen, als würde er angestrengt nachdenken.

Hat... Eh... Tim Schwierigkeiten zu kommen?“

Alex hielt sich die Ohren zu, als das Gelächter losging. Es begann bei Jochen und breitete sich dann über den ganzen Raum los. Doktor Pertuce hatte sich statusmäßig gerade selbst zu Tode verurteilt.

Ja“, prustete ein Mädchen heiser, „Große Probleme!“

Du kennst dich da wohl aus, hm?“, stichelte ihre Sitznachbarin. Alex sah zu. Wie immer.

Und dann stand Doktor Pertuce vor Jochen.

Jochen! Warum lachst du?“

Jochen hörte auf zu lachen und auch der Rest der Klasse wurde ruhig.

Warum lachst du? Es muss einen Grund geben. Willst du ihn uns nicht mitteilen?“

2. 6. 2011

Wer war er? Alex. Stimmt. Er saß in der Klasse und vor dem Fenster wuchs Löwenzahn.

Irgendwo lachten wieder Leute. Stimmen. Stimmen...

Und Doktor Pertuce sprach. „So viele krank“, wunderte er sich, „Und Tim ist immer noch weg?“

Er wanderte durch den kleinen Raum. Weiße Zähne blinkten. Der Vogelanstecker blinken.

Seine Augen waren so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten.

„Denkt darüber nach? Was ist richtig und was ist falsch?“

Vor dem Fenster begann es zu regnen. Es würde wieder aufhören.

Alex hatte sich noch nicht einmal gemeldet. Nicht bei Doktor Pertuce.

Der Lehrer kehrte zur Tafel zurück . „Ich will, dass ihr denkt:

Abraham Lincoln? Was war er für einer? Wie lässt sich sein Handeln begründen?“

Er hielt kurz mit gequältem Gesichtsausdruck stehen.

„Am Donnerstag ist Elternsprechtag. Ich bin in Chemieraum 3.“

„Doktor Pertuce“, sagte ein Mädchen, „Es gibt keinen Chemieraum 3.“

XXXXXX

Eine Blume. Ein Blatt fiel. Ein Blatt fiel. Ein Blatt fiel. Noch zehn Mal fiel ein Blatt.

Er warf sie zu den anderen. Sie hatten ihre Schönheit verloren.

9.6.2011

Der Raum war fast leer. Nur noch fünf Schüler waren geblieben. Die Deckenlampe flackerte. Es regnete. Und gewitterte. Alle waren fort. Fast. Warum Alex nicht fort war? Vermutlich, weil er nie wirklich da gewesen war. Doch in dem kleinen Klassenraum, wo das Licht flackerte und die Luft schal war, wo viele Stimmen zu einem Summen wurden und wo er ein Schatten war, der nicht versank und nicht emporstieg, da blitzen weiße Zähne, da waren Augen so düster, dass sie fast schwarz waren. Es saß eine Spinne in der oberen Ecke des Raumes. Es funkelte ein Anstecker, der sah aus wie ein Vogel.


Dieser Text wurde ihnen zur Verfügung gestellt vom Kultusministerium, Landkreis Thüringen. Es handelt sich um die letzten Aufzeichnungen von Berta Meyer, einer der letzten Schülerinnen des Tesler Gymnasiums in Hellmunden. Eine Woche vor ihrem Verschwinden. Eine Woche, bevor alle Schüler verschwanden. Es ist anzumerken, dass es an der Schule niemals einen Doktor Pertuce gab, noch einen Alex, auf den die Beschreibung Meyers passt. Doch in einem Fluss nahe der Schule fand man einen Anstecker, einen Anstecker in der Form eines Vogels.

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