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Ich weiß nicht, wo ich bin. Es ist nicht dunkel um mich herum. Es ist… düster. Rot. Ja, die Wände sind rot.

Ich sehe auf den Boden. Tote. Ich bin nicht überrascht. Sie tun mir leid. Einige bewegen sich. Ich will ihnen helfen, aber ich kann mich nicht bewegen. Wieso nicht? Wieso kann ich mich nicht bewegen?

Ich bewege meinen Kopf, um mich selbst anzusehen, aber ich kann auch ihn nicht richtig bewegen. Nur leicht nach links, rechts, oben und unten. Aber nicht so, dass ich mich selbst erkennen kann. Nur die Toten.

Sie sind entstellt. Vielen fehlen die Gesichter, einigen wurden die Gedärme herausgerissen, aber es belastet mich nicht. Sie sind tot. Was soll man noch dagegen unternehmen? Mir wird auch nicht übel. Es ist so, als würde ich dieses Bild schon kennen.

Aber ich kenne es nicht.

…Glaube ich.

Ein Geräusch durchbricht die Stille. Nun, es war nicht wirklich still. Einige Halbtote habe Geräusche von sich gegeben. Aber jetzt hören sie auch das Geräusch und halten die Luft an. Ich glaube, es sind Schritte. Die Schritte zerstören die Stille, die sie selbst verursacht haben.

Ich versuche wieder, den Kopf zu drehen, diesmal in Richtung der Schritte. Es geht nicht…

Plötzlich gibt es einen Ruck und ich kann meinen Kopf und Körper frei bewegen. Als würde mir erst jetzt klar, was um mich herum geschieht, beginne ich zu zittern. Ich bekomme Panik. Der Gang ist voll mit Leichen. Er ist voll mit Leichen.

Ich beginne zu rennen, weg, weg, ich muss hier weg! Ich renne in Richtung der Schritte. Wer auch immer sie verursacht hat, er wird mir helfen.

Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass derjenige auch all das hier verursacht haben könnte. Ruckartig bleibe ich stehen. Ich will noch nicht sterben.

Die anderen Schritte werden schneller, sie haben mich gehört. Ich drücke mich in eine Ecke. Etwas knackst. Zu meinen Füßen liegt ein junges Mädchen. Ich glaube, ich bin gerade auf ihre Kehle getreten und habe sie so getötet. Ich kann nichts mehr daran ändern.

Ich wage auch nicht, um sie zu weinen. Die Schritte dürfen mich nicht finden. Ich bleibe in der Ecke. Langsam kommen die Schritte näher. Dann halten sie an.

Und in diesem Moment beginnen, die Halbtoten zu jammern. Nicht mehr alle haben eine Zunge, wie es scheint, aber sie geben Geräusche von sich. Sie rufen. Sie alle rufen:„Renn weg, renn weg! Es ist hier! Flieh!“

Nahe bei mir ruft ein Junge laut:„Wach auf! Schnell, WACH AUF!!“

Seine Stimme tut weh. Ich verstehe ihn nicht wirklich. Aufwachen? Wieso aufwachen? Ich verstehe nicht.

Und ich verstehe auch nicht, was ich als nächstes mache. Der Junge schreit immer weiter, immer lauter, und ich hebe meinen Fuß und trete ihm mit voller Wucht auf die Kehle. Nun schweigt er. Wie das Mädchen.

Ihre Tode berühren mich nicht. Es ist wie ein altbekanntes Bild.

Die anderen schweigen. Gott sei Dank.

Gott… Dieses Wort… Es scheint, als würde ich es kennen. Woher? Woher? Wieso weiß ich nichts? Wieso ist mein Kopf so leer? Und wieso habe ich den Jungen getötet? Er hat mir nichts angetan! Ich zittere leicht.

Die Schritte. Sie sind leiser als vorher. Ich denke, nicht jeder würde sie hören. Ich höre sie. Klar und deutlich. Vorher hatte ich Angst, aber jetzt will ich herausfinden, woher sie kommen. Ich höre auf, zu zittern. Langsam, auf meine Schritte bedacht, verlasse ich mein Versteck. Der Andere wird meine Schritte nicht hören können.

Doch ich verstehe nicht so recht, weshalb ich nicht gehört werden will.

Ich werde erwartungsvoll schneller und trete auf eine Leiche. Die Schritte hören das Geräusch und werden schneller. Dann folgt ein dumpfes Geräusch, wie ein… Aufprall. Ich glaube, die Schritte sind hingefallen. Jetzt ist meine Chance.

Ich werde schneller. Ich muss herausfinden, wer das war, vor dem mich die anderen gewarnt haben. Ich renne um die Ecke. Dieser Gang ist leer, es gibt keine Leichen. Die Wände sind grau. Irgendwie erinnern mich diese Gänge an eine Schule.

Seltsam. Wieso weiß ich, was eine Schule ist, aber nicht, wer ich bin?

Der Gang ist leer. Aber da hinten – da hinten ist eine Erhebung. Eine zusammengekauerte Gestalt. Ich sehe, wie sie zittert. Ich spüre ein leichtes Bedauern für sie. Ich verlangsame meine Schritte, denn das fühlt sich richtig an.

Der Schemen erhebt sich und dreht sich in meine Richtung. Ich sehe sein Gesicht und gebe einen Laut des Erstaunens von mir. Es ist ein Mensch!

Genau dieser versucht jetzt aufzustehen und rennt ein paar Schritte. Dann knickt er wieder ein. Wie ich beurteile, hat er sich den Knöchel des rechten Beines verstaucht. Ich gehe langsam zu ihm. Vielleicht kann ich ihm helfen.

Wieso fühlt sich das so falsch an? Ich… ich kann ihm doch nicht helfen. Ich will ihm nicht helfen. Ich möchte etwas anderes. Aber ich weiß nicht was. Ich weiß nicht was!

Ein Wutschrei hallt durch den Gang. Es war mein Schrei. Ich bin nur noch ein paar Schritte von dem Menschen entfernt, doch plötzlich brandet ein heftiger Schmerz hinter meiner Schädeldecke auf. Beinahe wie Migräne. Nein, schlimmer als Migräne.

Ich bemerke wie durch einen Schleier, dass ich falle. Ich halte mir den Kopf, drücke meine Hände gegen meine Schläfen. Es hilft nichts.

Doch ich bemerke etwas. Meine Schläfen… Sie fühlen sich seltsam an. Sie… es kommt mir vor, als würden sie nicht existieren.

Langsam verebbt der Schmerz in meinem Kopf. Ich nehme meine Hände weg und sehe sie mir an. Der Mensch kriecht weiter von mir weg.

Meine Hände sind seltsam. Sie sehen nicht aus wie die Hände, die ich bei den Menschen im Gang gesehen habe. Sie sind… sie haben Finger. Aber es sind sieben auf jeder Seite… und sie sind lang. So lang… Sie enden in Krallen.

Warum sind meine Hände so seltsam? Ich verstehe es nicht.

Woher kam der Schmerz in meinem Kopf? Es fühlt sich an, als wollte er mir etwas sagen… Aber was…? Ich weiß nichts.

Eine meiner „Hände“ blutet leicht. Ich fasse mir noch einmal an den Kopf. Es sind wirklich keine Schläfen. Es fühlt sich an wie Hörner. Gewundene Hörner.

Was ist nur mit meinem Körper los? Ich bin doch ein Mensch! Wieso sehe ich dann so seltsam aus?

Ich will den anderen Menschen fragen, doch er ist schon wieder weiter entfernt. Deshalb stehe ich auf. Jetzt spüre ich, dass auch meine Beine nicht menschlich sein können. Sie sind abgebogen, nach hinten. Und ich habe keine Zehen sondern… sie wirken wie Hufe. Wieso sehe ich so seltsam aus? Wer bin ich eigentlich?

Ich ignoriere es und gehe dem Menschen nach. Drei Schritte, zwei, einer. Ich beuge mich zu ihm herunter und packe ihn an seiner Kleidung. Jetzt muss ich nur noch etwas sagen. Aber was?

„Wer bist du?“ Ist das wirklich meine Stimme? Sie klingt so hässlich.

Der Mensch zittert bloß. Es ist ein Mann. Er trägt einen Bart und sein Knöchel ist schon ganz angeschwollen. Er starrt mich entsetzt an und versucht, meine Hand wegzuschlagen.

„Bitte, sag mir wer du bist!“ bettle ich. Nun öffnet er seinen Mund. „T-Tom…“ „Tom? Und Tom, wer bin ich?“ Tom sieht mich entsetzt an. Ich weiß, ich sehe nicht schön aus. Es fühlt sich sogar so an, als würde mir etwas aus dem Rücken wachsen. Aber ich kann nichts dagegen tun. Beschämt wende ich mein Gesicht von ihm ab und lasse ihn los. Er soll mich nicht so anstarren.

Tom stottert. Er ist mir unsympathisch. „Da-Das hast du mir do-do-doch vorher selbst gesa-gesagt!“ Ich erinnere mich nicht. „Habe ich das? Ich glaube, ich habe es vergessen…“ Murmle ich, während ich den Boden anstarre. Dann kommt mir eine Idee.

„Was habe ich gesagt?“

Und wer bin ich?

„Du… Du…“ Tom scheint Angst zu haben. „Du musst mir erst aufhelfen, bevor ich dir das sage!“ „Muss ich nicht.“ Ich trete auf seinen verletzten Knöchel und er schreit auf. Erschrocken von dem Schrei stolpere ich einen Schritt nach hinten. Wieso habe ich das getan? Es kam mir in dem Moment einfach richtig vor.

Tom sieht mich aus verweinten Augen, wie ich jetzt sehe, an. „I-Ich… Bitte tu mir nichts…!“

Wieso sollte ich ihm etwas antun wollen? Er ist keine Gefahr. Ich nicke. „Ich tue dir nichts.“ Er sieht mich aus großen Augen an. „Versprochen?“ Erneut nicke ich. „Versprochen.“

Tom sieht mich ängstlich an, dann spricht er. „Du sagtest… dein Name lautet Doppelgänger…“

Und plötzlich erinnere ich mich.

Ja, ich werde Doppelgänger genannt. Aus einem ganz besonderen Grund.

Langsam beginne ich damit, meine Form zu verändern. Aus meinen Krallen werden Finger, meine Hufe werden zu Füßen, meine Hörner bilden sich zurück und meine Flügel verschwinden. Lächelnd blicke ich Tom an – als sein Spiegelbild. Ich bin Tom.

Seine Augen weiten sich angsterfüllt. „Du hast versprochen, mir nichts zu tun!“ Ich lächle. „Was ist schon ein Versprechen in der Unendlichkeit der Zeit?“

Nachdem ich erledigt habe, was ich wollte, schaue ich ein wenig betrübt auf Toms Leichnam. Sein Gesicht habe ich mir einverleibt, um immer wieder er sein zu können. Schon schade. Menschen sind so leichtlebig. Sie sterben so schnell.

Und plötzlich wallt noch eine Erinnerung in mir hoch. Ein Mensch. Er sah so aus wie jeder andere vor ihm. Und trotzdem… Er war stärker. Wegen ihm habe ich alles vergessen.

Wut füllt meine Brust. Und da, in der Erinnerung, noch ein Gesicht. Ein kleines Mädchen.

Den Mann, der mich eingesperrt hat, habe ich im Todeskampf getötet. Aber das Mädchen… Das Mädchen muss ich noch finden. Sie wird mir nicht entkommen.

Ich sollte „Tom“ dankbar sein, er hat mir geholfen, meine Erinnerungen wieder zu entdecken. Aber „Tom“ gibt es nicht mehr. Ab heute bin ich Tom.

Ich bin wütend. Ich gehe in den Gang meiner Opfer zurück und nehme mir die letzten Gesichter. Ich werde sie brauchen. Ich spüre keine Präsenz mehr in diesen Gängen. Dann muss ich wohl in ihre Welt. Ich verstehe zwar nicht, wie ein so kleines Mädchen entkommen konnte, aber ich weiß auch nicht, was in den letzten paar Jahren geschehen ist. Schade.

Nun, hoffentlich wird es spaßig.

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