FANDOM


Es regnete. Wie zarte, kleine Finger prasselten die Tropfen unaufhörlich gegen mein Zimmerfenster. Das Wetter spiegelte meine Laune perfekt wieder. Ich war nicht nur mies gelaunt, weil heute der letzte Tag der Sommerferien war, sondern auch, weil ich mich unglaublich einsam fühlte.

Mein Name ist Amita, ich bin 15 Jahre alt und habe weder Geschwister noch Freunde. Die einzigen Menschen, mit denen ich mich normal unterhalten kann, sind meine Eltern - falls sie überhaupt mal zuhause sind. Sie arbeiten beide in einer Arztpraxis und kommen meistens erst spät in der Nacht wieder nach Hause, wenn ich schon längst schlafe.

In der Schule bin ich... na ja, wie soll ich es sagen... das perfekte Musterbeispiel eines Außenseiters. Keiner aus meiner Jahrgangsstufe beachtet mich, außer wenn ich mal eine Frage des Lehrers beantworte. Doch auch das passiert relativ selten, obwohl ich ab morgen schon in die 10. Klasse gehe.

Ich seufzte leise und wandte meine Aufmerksamkeit wieder meinem Zeichenblock zu. Ich war gerade dabei, etwas zu malen, auch wenn ich eigentlich gar nicht wusste, was. Doch plötzlich hatte ich eine interessante, aber auch etwas albernde Idee: Ich zeichnete eine Fantasiefreundin. Wenn ich schon keine Echte hatte, konnte ich mir ja genauso gut eine ausdenken!

Und so begann ich, sie zu zeichnen. Ich fing wie immer mit dem Kopf und dem Gesicht an, malte ihr zwei wunderschöne Manga-Augen und einen lächelnden Mund. Ihr Gesicht wurde von langen, glatten, leuchtend blauen Haaren umrahmt, die ich mit besonderer Sorgfalt zeichnete. Danach kamen ihre schmalen, mädchenhaften Schultern, zwei grazile Arme mit zerbrechlich wirkenden Händen und ihr perfekt geformter Körper. Schließlich bekam sie noch zwei schlanke, elfenhafte Beine und zarte, kleine Füße. Als Kleidung zeichnete ich ihr ein traumhaft schönes, schneeweißes Trägerkleid, in dem sie wie ein kleiner Engel aussah.

Als ich endlich fertig war, bemerkte ich, dass es bereits Abend geworden war. Ich hatte alles um mich herum komplett vergessen und mich nur auf das Bild meiner neuen Fantasiefreundin konzentriert. Und es hatte sich so was von gelohnt! Meine Augen musterten jedes kleinste Detail, doch es war alles perfekt.

Ich war stolz auf dieses Bild. Und obwohl ich eigentlich nicht an Geister glaubte, hoffte ich trotzdem, dass diese Gestalt tatsächlich existierte.

Meine Gedanken wurden jedoch von meinem knurrenden Magen abgelenkt, der mich daran erinnerte, dass ich heute noch fast gar nichts gegessen hatte. Also ließ ich meinen Zeichenblock und die Stifte einfach auf meinem Bett liegen und ging zur Küche, um mir etwas zu Essen zu machen.

Während ich mein Toastbrot mit Butter bestrich und mit Käse und Tomaten belegte, fiel mir ein, dass ich mir noch gar keinen Namen für meine Freundin ausgedacht hatte. Ich überlegte fieberhaft, was denn zu ihr passen könnte. Angel? - Nein, das klingt irgendwie kitschig. Hmm... wie wär's mit Dream? - Hey, das klingt gut! Und es passt auch prima, denn sie sieht wirklich aus, als käme sie aus einem schönen Traum!

Nachdem ich fertig gegessen hatte, rannte ich zurück in mein Zimmer zu meinem Zeichenblock. Doch zu meinem Erstaunen lag er nicht mehr auf meinem Bett, sondern auf dem Schreibtisch. "Wer war das?!", fragte ich erschrocken, doch natürlich erhielt ich keine Antwort. Als ich das Bild mit der Fantasiefreundin allerdings genauer unter die Lupe nahm, fiel mir auf, dass jemand mit einer roten, verschnörkelten Schrift etwas daneben geschrieben hatte:

EIN SCHÖNES BILD, ABER WEN SOLL ES DARSTELLEN?!

Ich war über diesen Satz ziemlich erschrocken, denn diese Schrift sah genauso aus wie meine. Doch ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich das nicht da hingeschrieben habe. Schließlich fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und antwortete mit leicht zittriger Schrift:

DAS IST MEINE FANTASIEFREUNDIN. IHR NAME IST DREAM.

Als ich fertig war, spürte ich ein ungewohntes Gefühl in mir. Ich glaube nicht, dass es eine Einbildung war, als ich plötzlich eine zweite Stimme in meinem Kopf vernahm. Sie flüsterte: "Es gefällt mir."

Erschrocken stolperte ich nach hinten. Wer hat da gerade gesprochen?!

Wieder hörte ich diese Stimme in meinen Gedanken. Diesmal kicherte sie leise, allerdings klang es nicht böse. "Ich bin deine neue Freundin!", flüsterte sie, "Ich bin Dream!"

Ich musste unwillkürlich lächeln, denn das alles hier war so... unrealistisch! Ich dachte mir, dass das alles wahrscheinlich nur ein schlechter Traum war. Wieder erklang das Kichern.

"Das hier ist kein Traum!"

Die Stimme schoss mir so energisch und deutlich durch den Kopf, dass ich fast das Gleichgewicht verloren hätte. Zum Glück konnte ich mich noch rechtzeitig auffangen, doch meine Hände begannen, vor Angst zu zittern.

"Hab keine Angst!", flüsterte die Stimme, "Ich bin doch nur deine Freundin, oder?"

Wie als Antwort nickte ich langsam, doch ich wusste nicht, ob diese Bewegung von mir oder von Dream gesteuert wurde.

"Na also!", meinte sie daraufhin lachend, "Ich wette, wir werden noch richtig gute Freundinnen!"

Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun.

Die folgenden Tage verliefen eher ereignislos. Ich kam in die 10. Klasse, meine Mitschüler und Mitschülerinnen ignorierten mich wie sonst auch, und der Unterricht war extrem langweilig. Meine neue "Freundin" Dream gab während des Unterrichts keinen Mucks von sich, wofür ich ihr, um ehrlich zu sein, dankbar war. Ich hatte dennoch das Gefühl, dass sie von Tag zu Tag... stärker wurde. Manchmal, wenn sie mit mir redete, konnte ich für den Bruchteil einer Sekunde ihre Gestalt aufblitzen sehen. Sie sah genauso aus, wie ich sie auf dem Bild gezeichnet hatte.

Und eines Tages kam, was kommen musste: Ich wurde in der Schule zum ersten Mal verprügelt.

"Hey, Gespenst!", erschallte Ashleys Stimme irgendwo hinter mir. Der Unterricht war vorbei, und ich war auf dem Weg zur Bushaltestelle, als sie und ihre Mitläuferinnen, wie ich sie nannte, mich einkreisten. "Gespenst"... das war ihr Spitzname für mich. Weil ich nie auffiel. Weil ich für sie wie unsichtbar war. Und weil sie zu dumm waren, um sich einen etwas intelligenteren Spitznamen für mich auszudenken.

"Na, wie fühlt es sich an, mit seinesgleichen zu reden?!", fragte Ashley mich spöttisch.

"W-wovon redest du?!", fragte ich sie irritiert.

"Wir haben doch mit eigenen Augen gesehen, wie du im Flur mit einer unsichtbaren Person geredet hast! Oder ", sie und ihre Mitläuferinnen warfen sich vielsagende Blicke zu, "waren das etwa Selbstgespräche?!" Daraufhin fingen sie an, wie verstrahlte Hühner über ihren eigenen Witz zu lachen, der eigentlich gar kein Witz war.

Eigentlich ließen mich solche Gespräche völlig kalt, weil ich schon lange daran gewöhnt war. Wenn ich nicht ignoriert wurde, wurde ich eben gemobbt. Doch diesmal war etwas anders, das spürte ich.

Es war Dream, die sich in meinem Kopf zu Wort meldete. "Willst du dir das wirklich gefallen lassen?! Seit Jahren machst du nichts dagegen, dass muss geändert werden!"

Ich spürte, wie sie kurzzeitig Besitz über meinen Körper ergriff.

"HÖRT AUF!!!", schrie ich so laut und bedrohlich, dass Ashley und die Mitläuferinnen erschrocken zusammenzuckten. Die Leute, die sich gerade in der Nähe befanden, drehten sich ebenfalls erschrocken um.

Mit festen Schritten ging ich auf Ashley zu und schlug ihr so hart ins Gesicht, dass sie rückwärts taumelte und hinfiel. Meine Hand schmerzte von diesem heftigen Schlag, aber gleichzeitig breitete sich in mir das wohlige Gefühl der Zufriedenheit aus.

"Was hast du mit ihr getan?!", schrie eine der Mitläuferinnen mich wütend an, während die anderen der heulenden Ashley wieder auf die Beine halfen.

Statt einer Antwort packte ich den Arm der Mitläuferin und drehte ihn so lange, bis ein lautes Knacken und ein entsetzter Schmerzensschrei ertönten. Er war gebrochen.

Wie in Trance schlug ich auch die anderen zusammen, bis keine von ihnen mehr bei Bewusstsein war. Schließlich, als ich endlich fertig war und erschrocken meine blutverschmierten Hände betrachtete, überließ Dream meinen Körper wieder mir selbst. Doch ich war von der Prügelei so überanstrengt, dass ich zusammenklappte und alles schwarz wurde.

Als ich die Augen wieder öffnete, merkte ich, dass ich mich in einer Psychiatrie befand. Das erkannte ich vor allem daran, dass ich eine weiße Weste trug und auf dem Boden einer kahlen, kleinen Zelle lag. "W-wie bin ich hierher gekommen?!", fragte ich verwirrt, erhielt jedoch keine Antwort. Allerdings konnte ich mir schon denken, warum ich hier war: Bestimmt haben einige Leute die Prügelei gesehen und gedacht, ich wäre geisteskrank. Deshalb haben sie mich hier eingeliefert.

Ob meine Eltern wohl davon wussten? Ich hoffte, nicht. Es wäre für mich eine Qual gewesen, ihnen dann noch in die Augen zu schauen.

"Gut gemacht!", ertönte Dreams Stimme wieder in meinen Gedanken. Und es war nicht ironisch gemeint.

"Was soll daran gut gewesen sein?!", schrie ich wütend, um Dampf abzulassen. "Nur wegen dir bin ich hier gelandet! Du hast mich wie eine Puppe gesteuert, und jetzt halten mich alle für wahnsinnig! Es ist alles deine Schuld!!!"

Ich spürte, wie sich die Atmosphäre änderte. Auf einmal hatte ich eine unerklärliche Angst.

"Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden?!", zischte Dream hasserfüllt, "Ich dachte, wir wären Freunde!"

Plötzlich spürte ich, wie sie wieder Besitz über meinen Körper ergriff. Und das Schlimmste war: Ich konnte mich nicht dagegen wehren.

Ich hob ruckartig den Kopf und ließ ihn dann mit voller Wucht am Boden aufschlagen. Ich schrie vor Schmerz laut auf und spürte, wie sich eine warme Flüssigkeit unter meinen Haaren ausbreitete. Erneut hob ich den Kopf und schlug ihn wieder gegen den Boden, diesmal noch härter. Ich hörte ein lautes Knacken und war kurz davor, bewusstlos zu werden, als auf einmal Dreams Stimme ertönte: "Auf Wiedersehen, Amita!" Es war das erste Mal, dass sie mich mit meinem Namen ansprach, und vermutlich auch das letzte Mal.

Ein letztes Mal hob ich den Kopf und sah Dreams Gestalt. Diesmal verschwand sie allerdings nicht wie sonst auch, sondern blieb dort, wo sie war. Ich bemerkte das wahnsinnige Lächeln auf ihren Lippen. Sie hob ihre linke Hand und schnipste mit den Fingern. Mein Kopf schlug am Boden auf und alles wurde schwarz. Für immer.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki