FANDOM


Huhu, ich bin's.  Mensch, wann haben wir das letzte Mal miteinander geredet? Vor drei Monaten? Ich glaub, es war so in dem Dreh, aber nach dieser Sache konnte ich irgendwie nicht mehr zu dir vordringen, du hast jeden Kontakt abgebrochen. Ein wenig übel nehm ich's dir ja schon, du hättest nach dieser Sache meine Hilfe echt gut gebrauchen können. Aber Schwamm drüber, sowas passiert. Jetzt bin ich ja wieder hier, fühlt sich gut an, ne? Ich sehe, du liest immer noch Creepypastas. Würde ich dich nicht besser kennen, würde ich ja fast sagen, dass du nichts dazugelernt hast, aber ich kenne dich ja. Obwohl, die Sache hat ja eigentlich genau so begonnen. Es war wie jetzt, nicht wahr? Du saßt vor deinem Computer, oder deinem Handy, je nachdem was du grade zur Hand hattest, und hast diese kleinen Geschichtchen gelesen. War es nicht so? Ach, jetzt schau nicht so verdutzt, natürlich hab ich es mitbekommen. Ich war immer da, wir waren doch Freunde, wir waren eine Einheit. Ich wusste immer, was du tust, du hast es mir ja quasi immer offen gezeigt. Aber wie gesagt, ich bin dir nicht böse, das könnte ich ja gar nicht. Ja, versteh doch, ich kann ohne dich nicht leben und diese drei Monate waren schon hart, aber jetzt bin ich ja zurück. Und überhaupt nicht böse. Ich hab ja meinen Willen, du lässt mich wieder an dich ran. Das find ich gut, du wirst sehen, es wird auch dir guttun. Na ja, ich schweife schon wieder ab, wir sollten vielleicht mal über die Sache reden, meinst du nicht auch? Mensch, jetzt antworte doch mal. Ich weiß, dass du mir nicht antworten kannst, aber es wäre mal eine schöne Abwechslung gewesen. Na dann erzähle ich dir eben was ich gesehen hab, so rum geht es ja auch.

Es war ja auch nicht besonders anders als jetzt grad, du saßt vor deinem Bildschirm und wolltest dich ein wenig gruseln. Wie immer halt. Und natürlich bist du wieder auf dieser Seite gelandet. Du hattest dich mal wieder stundenlang durch die verschiedensten Storys geklickt, aber nichts war dir mehr spannend genug. Du hättest natürlich auch was anderes machen können, lesen, nach draußen gehen oder sonst was, aber nein, irgendetwas sagte dir, dass du diese eine Geschichte noch lesen müsstest. Danach könntest du aufhören, aber diese Eine, ja, sie musste noch sein. Aber die kanntest du schon, sie beschrieb einen Typen, der auf ungeheuer grausame Weise Leute tötete und dann wieder verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen und ohne je gefasst zu werden. Du wusstest natürlich, dass die Geschichte frei erfunden war, aber das Thema faszinierte dich in deiner Lethargie schon sehr. Der perfekte Mord? Gab es den überhaupt? Du stelltest ein paar Nachforschungen an, über Jack the Ripper, Dr. Holmes und wie sie alle hießen, aber das Interesse verließ dich recht schnell wieder. Diese Leute waren alle tot, und selbst wenn man einige von ihnen nie gefasst hatte, für dich war das nicht perfekt. Es war zu blutig, zu brutal, zu viele Spuren. War es nicht so? Blut hattest du noch nie sonderlich gemocht. Im Endeffekt ist das ja egal, die Sache ist ja trotz allem geschehen, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Du vergaßt das alles wieder relativ schnell und dein Kopf füllte sich wieder mit den typischen Sachen in deinem Alter. Schule, Drogen, Mädchen. Abgesehen von der Schule mochtest du das alles auch ziemlich, nicht wahr? Es gab da dieses eine Mädchen, Gott, wie hieß sie doch gleich? Marie? Melanie? Ist ja auch egal, jedenfalls war sie neu auf deiner Schule, sie sah zwar wunderschön aus, aber mehr wusstest du nicht. Mehr musstest du auch gar nicht wissen. Du warst ja immer sehr beliebt gewesen, bist du es heute auch noch? Also langsam könntest du mir mal antworten. Das ist echt unhöflich, aber dafür müsste Monsieur hier ja mal aufhören zu flennen. Dann setz doch dein Zimmer unter Wasser, mich hält das nicht auf, Schätzchen. Also, wo waren wir? Ach genau, Mathilde oder wie sie hieß, du fandest sie schon echt süß, nicht? Mit ihren langen blonden Haaren, ihren braunen Rehaugen und diesem leichten Lächeln auf den Lippen, immer wenn sich eure Blicke trafen. Ich erinner mich noch gut an den Tag, an dem du sie zum ersten Mal angesprochen hast. Ganz lässig bist du über den Platz zu ihr geschlendert, damit auch niemand bemerken würde wie aufgeregt du warst, und dann, als du vor ihr standest und den Mund öffnetest: Nichts. Du standest da mit offenem Mund und dem Blick in ihre wunderbaren Augen. Du wolltest etwas sagen, dir liefen ganze Liebeslieder durch den Kopf, aber trotzdem. Nichts. Zum Glück nahm sie es mit Humor, sie sprach dich an und dann gelang es dir doch noch, ein paar Wörter rauszuquetschen.  Ihr verstandet euch gut, wolltet ihr nicht sogar ins Kino? Ich glaube ja. Ich weiß es nicht mehr, auf jeden Fall wart ihr schon zwei Wochen später ein Paar. Es war wunderschön, so eine richtig kitschige Sommerromanze. Ihr wart ja auch süß zusammen. Aber der Knackpunkt kommt ja noch. Sie kam aus reichem Hause, und dir graute es daher enorm vor dem Tag, an dem du ihre Eltern kennenlernen würdest.

Du hattest das Schlimmste befürchtet, aber es wurde noch viel schlimmer. Schon als du das Haus betratst wusstest du, dass es nicht gut gehen würde. Ihr Vater, dieser geleckte Lackaffe mit den Haargelfässern im Haar und perfekt zugeschnittenem Anzug, ein typischer Anwalt eben. Und dann diese Mutter. Eine Frau im Nadelstreifenanzug mit Hochsteckfrisur und unglaublich ernstem Gesicht. Sie sah aus, als würde sie gleich eine halbe Firma entlassen, aber nicht als würde sie gleich den Freund ihrer Tochter kennenlernen. Wie konnten zwei so kalte Menschen so eine warme und liebevolle Person wie Mary, ich glaub so hieß sie, hervorbringen. Aber ich schweife schon wieder ab. Kurz gefasst, das Essen war eine Katastrophe. Du wusstest zwar, dass sie dich eh nicht besonders mögen würden und dass Mary mit ihnen auch nicht klarkam, aber dass es so schlimm sein würde? Nein, das hattest du echt nicht erwartet. Du konntest ihre Blicke nicht ertragen. Diese kalten, abwertenden Blicke. Sie hielten dich für widerlichen Abschaum und sie gaben sich wenig Mühe es zu verbergen. Als du Mary am nächsten Tag wiedertrafst, entschuldigte sie sich natürlich bei dir, aber sie sagte auch noch etwas viel Schlimmeres. Na, weißt du es noch? Ich schon. "Ach, sollen sie doch im Straßengraben verrecken." Das waren ihre Worte.

Als sie sie zum ersten Mal sagte, hast du gar nicht richtig hingehört, irgendwas hatte dich abgelenkt. Und nach ihrer zweiten Entschuldigung in der folgenden Nacht hattest du es erst recht vergessen. Es zählten nur sie und du. Das hätte es sein können. Hätte. Aber diese Nacht, sie würde dein Leben noch stark verändern. Irgendetwas in dir war nach langem Kampf an die Oberfläche gekommen, und es wollte so schnell auch nicht gehen. Ich habe noch genau das Bild vor mir. Wie du dort glücklich im Bett lagst und fühltest, wie sich im Schlaf ihre nackte Haut an deine schmiegte. Du warst schon fast eingeschlafen, doch dann hörtest du es, nicht besonders laut, aber doch deutlich: "Sollen sie doch im Straßengraben verrecken." Du hast dir am Anfang nichts dabei gedacht, oder? Natürlich nicht. Du hast kurz den Kopf geschüttelt und bist dann glücklich neben ihr eingeschlafen. Aber es verfolgte dich in deinen Träumen. Du sahst ein Auto auf einer dunklen Straße. Irgendjemand stand auf der Straße und schaute es genau an, dem Fahrer mitten ins Gesicht. Du wolltest schreien und rufen, du wolltest den Typen warnen, doch er bewegte sich kein bisschen. Das Auto kam immer näher, der Kerl hätte noch maximal 10 Sekunden Zeit. Du wolltest dich bewegen, aber du warst wie erstarrt. Du sahst wie der Fahrer des Autos seine Augen aufriss und versuchte auszuweichen. Aber es klappte nicht. Er kam ins Schlingern, konnte das Auto nicht mehr steuern und raste in einen Baum. Du wolltest schreien, doch schon schlugen dir die orangenen Feuerzungen entgegen, die lechzten nach dem Baum, dem Auto und vor allem seinen Insassen. Der Typ auf der Straße stand immer noch bewegungslos da, während neben ihm zwei Seelen verzweifelt um Rettung schrien. Die Schreie gellten durch die Nacht, doch schon bald hörte man nur noch das Knistern des Feuers. Am nächsten Morgen bist du schweißgebadet aufgewacht. Du wolltest Mary in den Arm nehmen und weiterschlafen, doch sie lag nicht mehr neben dir. Deine Augen brauchten eine Weile um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, doch dann hast du sie gesehen und vor allem auch gehört. Sie saß schluchzend in der Ecke und wippte hin und her. Du hast dich langsam neben sie gesetzt, der Boden um sie herum war schon ganz nass, und gefragt, was passiert war. Du wusstest es, aber du wolltest es nicht wahrhaben. Ihre Eltern waren tot. Du nahmst sie in den Arm und tröstetest sie die ganze Nacht. Und egal wie paradox es klingen mag, eure Beziehung war seitdem besser, nicht wahr? Es war um so vieles leichter. Aber du wusstest wie es geschehen war. Du wolltest wissen, wer ihre Eltern von der Straße gedrängt hatte. Du hättest es wissen können. Hättest du bloß die Rußflecken an deiner Kleidung bemerkt. Und er ist dir gelungen. Der perfekte Mord.

Jetzt sitzt du hier, allein in deinem Zimmer, und weinst. Schon die ganze Nacht lang. Ihr seid noch zusammen, nicht? Wie sollst du es ihr erklären. Du weißt es nicht, ich schon. Du musst mit ihr über die Sache reden. Aber ich bin ja da. Nach drei Monaten hörst du mich wieder. Die Stimme deines treusten Begleiters. Die Stimme dessen, der immer da war und immer da sein wird, auch wenn du ganz allein bist. Die Stimme, auf die du nie antworten wirst. Meine Stimme. Die Stimme deines Gewissens.

Duschvorhang (Diskussion)

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki