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Es begann, als ich etwa 5 Jahre alt war. Wir waren gerade erst in unser neues Haus gezogen. Endlich musste ich mir nicht mehr ein Zimmer mit meinem Bruder teilen. Wenige Wochen, nachdem wir in das Haus eingezogen waren, sah ich sie das erste Mal. Ein fremdes Mädchen in einem altmodischen, weißen Kleid stand in der Ecke meines Zimmers und starrte mich an. Es bewegte sich nicht. Es stand einfach nur da und starrte in meine Richtung. Angst überkam mich und ich stürmte geradewegs aus dem Zimmer, um Mami davon zu erzählen.   „Mami, Mami“ rief ich. „Da steht ein fremdes Mädchen in meinem Zimmer!“   Sie streichelte mir über den Kopf und versuchte mich mit ihrer sanften Stimme zu beruhigen: „Da ist kein anderes Mädchen in deinem Zimmer, mein Schatz! Das hast du dir sicher nur eingebildet.“  Doch ich hatte mir das Mädchen nicht eingebildet. Es stand da. In meinem Zimmer. Und starrte mich an.  

Auch in den kommenden Wochen sah ich das fremde Mädchen regelmäßig in unserem Haus. Meist stand sie einfach in einer Ecke, regungslos und starrte in meine Richtung. Und wie auch am ersten Tag trug sie immer dieses altmodische, weiße Kleid. Genau wie die Leute auf den alten Fotos, die bei Oma in der Wohnung hingen.  

Aber immer wenn ich meinen Eltern davon erzählte, lächelten sie mich nur an und sagten, ich hätte eine viel zu lebhafte Fantasie. Warum glaubte mir nur niemand? Sie stand doch da... In der Ecke. Und starrte mich an. Jedes Mal versuchte Mami mich mit Argumenten zu beruhigen, ich würde mir das nur einbilden. Und mein älterer Bruder lachte mich aus. "Du siehst Gespenster und läufst vor ihnen weg, du Angsthase!" spottete er.  

Letztlich brachten sie mich sogar zu einem seltsamen, älteren Herrn in einem weißen Kittel – offenbar war er eine Art Arzt oder sowas. Er stellte mir komische Fragen. Auch über das fremde Mädchen. Aber auch er schien mir nicht zu glauben.   Warum glaubte mir nur niemand?  

Man sagte mir, ich solle das Mädchen einfach ignorieren, wenn sie das nächste Mal auftauchen würde und Mama oder Papa fragen, ob sie sie auch sehen. Wenn das nicht der Fall wär, solle ich laut sagen: "Du bist nicht hier. Niemand kann dich sehen!"  

Eines Tages saß ich im Wohnzimmer und spielte mit meinem neuen Puppenhaus, das mir Mami und Papi zu meinem 6. Geburtstag geschenkt hatten. Plötzlich stand sie wieder da. In der Ecke unseres Wohnzimmers und blickte mich erneut an. Mir fiel auf, dass ihr schönes Kleid nur noch in Fetzen von ihrem Körper hing.   Ich rief Mami, die gerade in der Küche das Abendessen zubereitete: "Mami, Mami, komm schnell!" Meine Mutter kam aus der Küche geeilt. "Mami..." ich zeigte auf die Ecke, in der das Mädchen stand. "Kannst du sie sehen?" Meine Mutter lächelte mich an, strich mir über den Kopf und sagte: "Nein mein Schatz, da ist niemand!" Also spielte ich weiter und tat so, als wäre sie nicht da.  

Als ich älter wurde, wurden die Besuche des fremden Mädchens seltener und jedes Mal, wenn sie wieder in ihrer Ecke stand und mich beobachtete, spielte ich einfach weiter und ignorierte sie.   Kurz vor meinem 10. Geburtstag verschwand sie dann komplett aus meinem Leben.  

Doch sie sollte zurückkehren. Früher als erwartet.

Es waren inzwischen 5 Jahre vergangen, seit ich das fremde Mädchen das letzte Mal gesehen hatte. Ich war nun 15 Jahre alt und lebte noch immer zusammen mit meinen Eltern in dem gleichen Haus. Mein Bruder war bereits ausgezogen, er studierte im Ausland und besuchte uns daher nur selten. Meine Eltern gingen am Wochenende regelmäßig miteinander aus und so hatte ich das Haus an diesen Abenden ganz für mich allein.

Genau wie an jenem Tag im August. Meine Eltern waren gerade zu ihrem monatlichen Kinobesuch aufgebrochen und ich machte es mir mit Popcorn, Cola und meinen Lieblingsfilmen auf unserer großen Couch im Wohnzimmer bequem. Es war ein lauer Sommerabend und die Terrassentür stand weit offen. Nachdem der erste Film zu Ende war, ging ich in die Küche, um mir noch etwas zu trinken aus dem Kühlschrank zu holen. Dabei hörte ich ein seltsames Kratzen, das aus unserem Keller zu kommen schien. Ich dachte mir jedoch nichts dabei – vermutlich hatte sich da unten nur wieder eine Maus verirrt – und ging zurück ins Wohnzimmer. Als der Abspann des zweiten Films lief, trug ich mein Geschirr in die Küche und stellte es auf die blitzblank geputzte Anrichte. “Das wird Mama gar nicht gefallen”, schoss es mir durch den Kopf und ich begann die Sachen in den Geschirrspüler zu räumen, als mich ein lautes Klopfen am Küchenfenster aus meinen Gedanken riss. Mir blieb fast das Herz stehen, mein Puls raste und ich schlich auf Zehenspitzen Richtung Küchenfenster, schob vorsichtig die Gardine auf die Seite und spähte an dem Blumentopf, der auf dem Fensterbrett stand, vorbei. Plötzlich erschien ein Gesicht am Fenster und ich schrie auf. Als ich nochmal genauer hinsah, erkannte ich, dass es meine Mutter war, die sich nun vor lachen den Bauch hielt. Meine Eltern waren schon zurück und wollten mir wohl einen kleinen Schrecken einjagen -  nun, das war ihnen gelungen! Ich schob den Blumentopf etwas zur Seite, um das Fenster zu öffnen und sah dabei, dass das Lachen im Gesicht meiner Mutter einer angsterfüllten Miene gewichen war. Auf ihrem Gesicht spiegelten sich nun Furcht und blankes Entsetzen und durch die Spiegelung des Fenster erkannte ich, dass jemand hinter mir in der Türe stand...Eine junge Frau. Sie trug ein weißes Kleid.   

Als die Eltern wenige Minuten später atemlos in das Haus stürmten, war ihre Tochter spurlos verschwunden. Genauso wie die junge Frau in einem zerrissenen, blutbefleckten, weißen Kleid, die die Mutter wenige Minuten zuvor in der Tür der Küche hinter ihrer Tochter hatte stehen sehen.  Starr und mit einem ausdruckslosen Blick stand sie dort im Türrahmen - den Blick auf ihr kleines Mädchen fixiert.

Dieses Mädchen. Es kam ihr irgendwie so bekannt vor. Doch wo konnte sie es schon einmal gesehen haben. Und da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr Aussehen passte genau auf die Beschreibung des kleinen Mädchens, das ihre Tochter als kleines Kind  immer gesehen haben wollte. Sie erinnerte sich an ein Bild, da ihr ihre Tochter einst gemalt hatte. Es zeigte sie beim spielen und neben ihr stand ein kleines braunhaariges Mädchen in einem weißen Kleid. 

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