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Ich bin Nachtwächter. Auch wenn ich es mal schaffe nach grenzwertig legalen Schichten, völlig übermüdet vor meinem Spiegelbild in einer Glastür zu erschrecken, bin ich an sich sehr Schreck-resistent. Fräsen, Pressen oder Förderbänder die in der Dunkelheit ständig, rhythmisch oder auch völlig willkürlich arbeiten, sind vollkommen normal. Schlimmer sind die Rundgänge in Kellern von fast 100 Jahre alten Fabriken. Aber eigentlich finde ich diese morbide Stimmung sehr ansprechend und mache mir normaler Weise nix daraus.

Einige Wochen zuvor musste ich noch grinsen. Nachdem ich meinen Kollegen an einer dieser „Traditionsfirmen“ abgelöst hatte, merkte ich das er in einem Raum das Licht nicht ausgemacht hatte. Am zweitem oder drittem Tag habe ich ihn darauf angesprochen. Er meinte nur er mag die Dunkelheit nicht und die Lichtschalter sind an einer Säule mitten im Raum. Ein Nachtwächter mit Dunkelangst, haha, hat man sich ja den richtigen Job ausgesucht. Die Woche verging, ich war jetzt mit der Nachtschicht dran. Zugegeben, der Raum war wirklich bedrohlich finster. Irgendwie ging mir das Ganze auch nicht wirklich aus dem Kopf. Immer stärker wurde der Eindruck, irgendwas sei hier falsch. Es war einfach zu dunkel. Es gab sogar Fenster, nur schien einfach nicht genug Licht einzufallen. Hirngespinste! Die Fenster sind dreckig, ich bin überspannt und der Mond ist wolkenverhangen. Als mein Kollege sich krankmeldete und direkt im Anschluss kündigte hab ich mich einfach nur geärgert. Die nächsten Wochen wäre ich der einzige der in die Nachtschicht unterwiesen ist, Bon-Voyage Schlafrhythmus und Privatleben.

Anfang der dritten Woche bemerkte ich die ersten fassbaren Auffälligkeiten. Dieser merkwürdige Raum wurde als Lager für ausnehmend untypische Dinge benutzt. Metall und Elektroschrott, genutzte aber intakte Schutzkleidung, besondere Lösungsmittel, Farben und Lacke, Akten die eigentlich kein Mensch mehr braucht. Alles Zeug, wo irgendwer mal dem Azubi gesagt hat: „Pack das mal an die Seite, dass kann man sicher noch gebrauchen.“ Allgemein schien niemand gerne den Raum zu betreten. Extrem dicker Staub hat sich angesammelt, nur durchschnitten von einem Weg über den meine Kollegen und ich wandern. Doch nicht nur die Menschen scheinen dort ungern zu verweilen. Fast überall auf dem Grundstück findet man Rattenfallen, -Löcher und -Kot. Nur nicht hier. Auch andere Tiere lassen sich nicht finden. Keine Marderspuren, Federn oder Sonstetwas.


Mir ging es merklich schlechter. Das Gefühl beobachtet zu werden war schon länger gewichen. Ich assoziierte es mittlerweile eher, völlig umschlossen zu sein. Einer Decke nicht unähnlich. Auch meine Taschenlampe schien einfach nicht so wirksam zu sein, wie überall sonst. Ich wurde mit jedem Tag erschöpfter.

Schlagartig wurde mir eiskalt und ich war total verschwitzt. Zwei Nächte später sah ich meine Spuren im Staub abseits des Patrouillenweges. Sie waren zwar noch erkennbar aber total verwischt. Krumme, unförmige Spuren schienen über ihnen zu verlaufen. Absolut nicht zuzuordnen, so als wäre etwas leichtes unbeholfen meinen Weg hinterher geschlurft. Hektisch zu werden ist schlecht! Der Körper versetzt sich in die Rolle eines gejagten und psychologisch steigert das die Panik ins unermessliche. Trotzdem eilte ich schnell zu der Säule und hämmerte auf die Schalterleiste. Es blitzte nur kurz auf und machte „Pätsch“. Völlige Finsternis. Ich rannte zur Tür. Keine zehn Meter, aber ich war total außer Atem. Ich sprang förmlich durch den Türspalt. Ganz genau erinnere ich mich an meinen ausgestreckten Arm, der die Tür wieder zuschlug. Die Dunkelheit umhüllte ihn noch richtig und erst nach dem lautem knallen der Tür verflüchtigte sie sich, wie verdunstender Nebel.

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