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Ein Geschenk von meinem Vater

Keuchend beuge ich mich über das Waschbecken. Platsch… Platsch… Platsch…Platsch…Platsch…Platsch. Ich höre den Blutstropfen zu wie sie in kleinen Abständen auf den weißen Keramikboden des Beckens tropfen. Nur langsam finde ich den Mut meinen Kopf zu heben. Im Spiegel der über dem Waschbecken hängt taucht mein Gesicht auf. Mein Blick gleitet langsam an ihm nach oben. Blut tropft von meinem Kinn, Blut verschmiert den Mund, die Wangen und die Augen. Doch ignoriere all das und lasse meinen Blick weiter wandern zur Quelle all des Blutes….

Ihr müsst verstehen warum ich es getan habe. Warum ich es weggeschnitten habe. Ich weiß, dass ihr das nicht können werdet, aber ich werde es euch zumindest versuchen zu erklären. Also mein Leben lang hatte ich diese riesige merkwürdige Warze auf meiner Stirn über dem rechten Auge. Sie war schon so groß das man sie fast als eine Art Geschwür bezeichnen konnte, ganze 4 cm im Durchmesser. Ziemlich fett, nicht? Natürlich nutzen die Kinder in meiner Schule die Gelegenheit aus und spielten ungefähr alle fünf Minuten darauf an, dass ich dieses „Ding“ da an meinem Kopf hatte. Tumorfresse, Geschwürdepp, Warzengesicht ich könnte noch unzählige weitere unkreative und trotzdem verletzende Beleidigungen aufführen. So piesackten sie mich seit der ersten Klasse. Ich war das perfekte Opfer: Ein dicklicher, blasser, Brille tragender Nerd. Zuerst hasste ich sie dafür. Dann hasste ich mich selbst. Ich wollte etwas ändern, nahm ab, bewegte mich draußen und benutzte Kontaktlinsen. Doch gegen die Warze konnte ich nichts tun. In der Mittelstufe wurde ich zwar nicht mehr gemobbt, blieb durch dieses widerliche Ding an meinem Kopf aber immer ein Außenseiter. Jetzt begann ich das Ding an sich zu hassen. Manchmal stand ich stundenlang vor einem Spiegel und starrte es einfach nur an. Wünschte es einfach durch die Kraft meiner bloßen Gedanken zerstören zu können. Mein Hass wurde größer und größer. Ich begann jetzt auch meine Mutter zu hassen, weil sie sich weigerte mich zu einem Arzt zu bringen der dieses Ding entfernen könnte. Immer wenn ich sie darum bat, schüttelte sie mit einem seltsam verklärten Blick den Kopf und meinte nur: „Es ist ein Geschenk von deinem Vater, ich darf es dir nicht geben.“ Schräge Formulierung, oder? Aber das antwortete sie immer, auch später als sich mein Bitten in ein Flehen verwandelte. Selbst, als ich begann ihr zu drohen, ich würde ausziehen oder mich umbringen wenn sie mir nicht helfen würde das Geschwür loszuwerden blieb sie stur bei dieser Antwort. Ich hasste also meine Mutter und da diese Warze das Einzige war das ich je von meinem Vater erhalten hatte, also zumindest wenn ich meiner Mutter glaubte, hasste ich nun auch ihn. Also eigentlich hasste ich ihn vorher auch schon. Immerhin hatte er meine Mutter damals, als sie mit mir schwanger war einfach sitzengelassen und nie auch nur einen Versuch unternommen mit mir Kontakt aufzunehmen. Aber jetzt HASSTE ich ihn wirklich. All dieser Hass summierte sich und eines Tages, dieses Tages beschloss ich es zu beenden. Ich wartete bis ich allein in der kleinen Wohnung war, in der ich mit meiner Mutter lebte, griff mir eine Packung Schmerzmittel, die Mum wegen ihrem Rücken nehmen muss, nahm eine Tablette daraus und holte unser schärfstes Küchenmesser. Dann stellte ich mich vor den Spiegel und begann. Das Scheißding lieferte Widerstand, aber ich war hartnäckig und säbelte es endlich aus meinem Gesicht, wie ich es schon mein ganzes verdammtes Leben hätte tun sollen. Ob ich dabei Schmerzen hatte? Nein, durch das Mittel blieben mir wenigstens diese komplett erspart. Doch das ganze blutete viel mehr, als ich es erwartet hatte. Warmes Blut lief mir über das ganze Gesicht, bis es von meinem Kinn in das Waschbecken unter mir tropfte. Es verklebte meinen Mund, meine Nase und meine Augen, sodass ich nichts sehen konnte. Wissbegierig wie sich die Stelle auf meiner Stirn jetzt anfühlen würde tastete ich vorsichtig mit meinen Fingern nach ihr. Ich stutzte. Ich hatte eine glatte, klebrige Wunde erwartet, aber da war stattdessen etwas hartes, knochiges wo früher die Warze gewesen war. Verwirrt rieb ich mir die Augen um sehen zu können was ich da ertastet hatte. Ich sah es. Ich blinzelte. Nein, nein, NEIN! Das konnte nicht sein. Unmöglich. Es musste an dem Schmerzmittel liegen, das meine Sinne verklärte. Ich würde einfach abwarten bis es seine Wirkung verloren hätte, dann würde alles wieder normal sein. Nein, es würde endlich gut sein. Frei von dem Ding. Frei. Normal. Ich beruhigte mich. Murmelte zu mir selbst: „Komm erst mal runter Junge, komm erst mal runter.“ Schwer atmend vor Schock senkte ich meinen Kopf und sah meinem Blut dabei zu wie es ins Waschbecken unter mir tropfte. Platsch… Platsch…Platsch…Platsch…Platsch…Platsch. Tja und da stehe ich nun. Verwirrt, verängstigt und verschmiert mit meinem eigenen Blut. Jetzt nehme ich meinen Mut zusammen und hebe den Kopf. Im Badezimmerspiegel der über dem Waschbecken hängt taucht mein Gesicht auf. Mein Blick gleitet langsam an ihm nach oben. Blut tropft von meinem Kinn, Blut verschmiert den Mund, die Wangen und die Augen. Doch ignoriere all das und lasse meinen Blick weiter wandern zur Quelle all des Blutes….

Sie liegt über meinem rechten Auge. Es ist eine rund Wunde etwa zwei Zentimeter im Radius. Aus ihr ragt ein hartes, knochiges Gebilde etwa zwei Finger weit aus meiner Stirn. Es ist mit einzelnen Fleisch­­-  und Hautfetzen, des Geschwürs das es einst verbarg, verklebt. Und: Es ist ein Horn. Ein schwarzes spitzes Horn. Ich hatte mich nicht geirrt. Fassungslos starre ich mein Spiegelbild an. Es starrt zurück. Ich beginne zu schreien, zu brüllen. Doch meine Stimme klingt jetzt anders. Tiefer und rauer als vorher, so als wäre sie elektronisch verzerrt worden. Da beginne ich auf einmal zu begreifen was meine Mutter damals mit Geschenk von meinem Vater gemeint hatte. Ich fange an zu lachen. Ein grauenvolles, verrücktes Lachen. Wahnsinnig, boshaft, abstoßend. Um es mit einem Wort zu sagen: „Teuflisch.“

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