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Ich schreie. Ich schreie aus Leibeskräften. Der Schmerz, den ich gerade empfinde ist intensiver als alles, alles, was ich bisher empfand. Ich kann nicht! Ich will nicht! Doch! Ich will!

Es fühlt sich an, als würde man mir das restliche Empfinden aus dem Körper reißen, als würde man mir alles, alles von dem nehmen, was ich noch besitze. Es ist nicht viel, doch alles.

Der Schmerz ist so durchdringend, er geht mir durch Mark und Bein, ebenso mein Schrei. Mir wird schlecht, als ich sehe, wie das Monster mit dem Schwert ausholt. Ein Schlag. Der Kopf hängt noch am Körper. Ein zweiter Schlag. Immer noch nicht abgetrennt. Ein dritter Schlag. Glatter Durchschlag. Es legt eine Schlinge um das Maul meines Sohnes und hängt sich seine „Trophäe“ an den Gürtel.

Ich unterdrücke den folgenden Würgereiz. Wie kann es nur! Die heißen Tränen in meinen Augen brennen, meine Sicht wird durch sie getrübt. Warum!? Was hat ihm mein Sohn getan!? Ich breche zusammen.

„Warum!?“ Ich stürme auf wackeligen, vor Schock und Schreck zitterigen Beinen auf das Monster zu, welches mich selbstgefällig angrinst. Es versteht meine Sprache nicht. Wie auch? Seine Intelligenz liegt weit unter der meinigen. Es wäre nicht fähig dazu, die komplexen Unterschiede in der Lautäußerung meiner Sprache auch nur ansatzweise wahrzunehmen geschweige denn zu verstehen.

Es streckt mir das Schwert entgegen. „Monster!“, schreie ich es an. „Mörder! Schänder!“ Mein Schweif peitscht in meiner Aufgebrachtheit unkontrolliert hin und her. Er donnert gegen eine junge Tanne, welche der Wucht des Aufpralls nicht standhalten kann.

Das Monster versucht mich mithilfe seines Schwertes einzuschüchtern. Ich zittere. Nicht aus Angst. Aus Wut und Trauer, aus Verzweiflung, Hass auf das mickrige Wesen vor mir, welches mir das einzige nahm, was ich noch „mein“ nennen konnte.

Ich spiegele mich in der scharfen Klinge. Mein Antlitz wird als furchterregend beschrieben. Die messerscharfen Zähne, welche zum Teil aus meinem Maul ragen. Meine orangefarbenen Augen mit den senkrechten Pupillen, von denen gesagt wird, sie gewähren direkten Einblick in die Hölle, in jegliche Abgründe. Meine dunkelbraune, mit harten, panzerartigen Schuppen bedeckte Haut, von der gesagt wird, dass sie unverwundbar ist. Meine schwarzen Hörner, vier Stück an der Zahl, von denen die zwei langen oben, hinten an meinem Kopf gewachsen sind und die zwei kleineren jeweils darunter.

Das Monster kommt auf mich zu. Es will mich töten? Es hat schon meinen Sohn!

Ich bäume mich auf. Ich schreie es an. „Warum!? Warum tust du das? Sag es mir, warum!? Du ziehst durch die Lande, unter Monden- und Sonnenschein, du mordest! Weshalb tust du, was du tust? Hast du kein Gewissen? Denkst du, du bist in dieser Welt mächtig genug, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen? Dachtest du überhaupt schon ein einziges Mal?“ Meine Stimme klingt verzweifelt, ich weiß, dass es mich nicht verstehen kann.

Ich will es nicht töten! Ich will nicht so sein wie es! Ich bin kein Monster, ich bin kein Mörder! Ich will Frieden, ist das zu viel verlangt? Es suchte mich auf. Es tötete mein Kind. Warum? Aus Freude am Töten? Wer tut so etwas!?

Ich richte mich auf die Hinterbeine. Meine dunklen Schwingen spreize ich zur Seite, ich zeige mich dem Monster in ganzer Größe. „Lass mich in Ruhe, verschwinde endlich!“, meine Stimme ist so schwach, so kraftlos, so verzweifelt.

Lachend kommt es weiter auf mich zu. Das Schwert schwingend. Ich bin größer als es, jedoch nur etwas. Etwa doppelt so groß. Es sieht sich überlegen. Was bin ich in seinen Augen? Ein Untier das nicht kämpfen kann? Gewalt ist die Sprache des Dummen. Doch... Sollte man Gewalt mit Gewalt bekämpfen?

Es rennt auf mich zu. Ich denke nicht nach. Ich erhebe mich mit gewaltigen Flügelschlägen in die Luft. Blätter wirbeln auf dem trockenen Boden auf. Das Monster blickt zu mir auf. Und ich speie Flammen. Zum ersten Mal seit ewiger Zeit. Ich hatte so lange keinen Gebrauch von dieser zerstörerischen Macht machen müssen, doch nun muss es sein.

In Windeseile verbreitet sich das Flammenmeer, ich könnte weinen. Die Flammen werden alles zerstören, was wertvoll ist.

Das Monster rennt. Weg von dem Feuer. Zu spät. Mit einem aufflammenden Feuerstoß schneide ich ihm den Weg ab, es schreit auf. Es ist in dem Glutmeer gefangen. Die Flammen lodern rot und orange und erhellen den Wald in ihrer Pracht.

„Ein Leben für ein Leben!“ Tränen rennen über meine gepanzerten Wangen.

Panisch sieht sich das Monster nach einem Fluchtweg um. Es realisiert nicht, dass es keinen Ausweg finden wird.

Als ich hinter ihm auf dem Boden lande, erschüttert der Waldboden. Meine Augen lodern wie die Flammen. Doch nicht zerstörerisch sondern innerlich zerstört. Das Monster starrt mich an. Ich muss im Flammenmeer bedrohlicher wirken als im dichten, grünen Wald.

Äste krachen. Der beißende Geruch verbrennender Tannennadeln benebelt meinen Geruchssinn.

Wir stehen uns gegenüber. Vielleicht stimmt es ja. Monster gegen Monster. Monster. Vielleicht zwei?

Ich passe eine Sekunde nicht auf und brülle vor Schmerz. Eine weiße, fast silbrig glänzende Flüssigkeit rinnt von meiner linken Schwinge. Blut. Das Monster hat sie zerfetzt, ich schreie, brülle vor Schmerz. Vielleicht habe ich es ja nun verdient? Vermutlich bin ich das Monster geworden, das sie in mir sehen wollen.

Ich kann nicht fliehen. Eben so wenig wie das Monster. Ich selbst halte die Flammen nicht aus. Entgegen aller Legenden.

Und ich schnelle nach vorne. Ich schnappe zu. Meine Reißzähne durchbohren die „Rüstung“ des Monsters wie nichts. Ich bin mir sicher. Ich bin ein Monster! Das rote Blut tritt aus dem zuckenden, sterbenden Körper aus, klebt an meinem Maul und vermischt sich in diesem Moment mit dem Meinigen. Der Geschmack bringt mich zum würgen. Ebenso der Schmerz.

Ein Schwert steckt in meiner Brust. Es brennt. Die Flammen machen alles ungeschehen. Auf zwei Monster mehr oder weniger kommt es in dieser Welt nicht an, auch, wenn das Gegenteil behauptet wird.

Das Monster blickt mir direkt in mein orangefarbenes Auge, direkt in die schwarze, senkrechte Pupille. Es wird gesagt, meine Augen gewähren direkten Einblick in die Hölle, in jegliche Abgründe.

Alles, was das Monster sieht, als es, seinen letzten Atemzug machend, in mein sterbendes Auge blickt, ist sein Spiegelbild.

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