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Der Tag im tschechischen Gefängnis beginnt nach meiner mitternächtlichen Überstellung sehr hektisch. Nach einem Wecksignal um halb 6 Uhr morgens springen meine weiteren 5 Zellengenossen wie von einer mutierten Bettwanze gebissen auf. Sie bringen schnell ihre dünnen Decken, welche unser einziger nächtlicher Komfort sind, zwischen den Gitterstäben am Fenster oder in einem der winzigen Schränke in Sicherheit. Ich tue es ihnen gleich. Ich erfahre auch schnell, dass dieser Trubel durchaus berechtigt ist. Aus den Duschköpfen direkt über unseren vorigen Schlafplätzen strömt nämlich eiskaltes Wasser für die morgendliche Dusche. Verschlafen existiert in Bukov bestimmt nicht.

Nach diesem ungemütlichen Weckruf geht es in der dünnen Gefängnisbekleidung aus Halbleinen zum Frühstück. Während ich mich noch über den kaum vorhandenen Schutz vor der morgendliche Kälte ärgere, stelle ich fest, dass es die weiblichen Insassen auf der anderen Seite des Hofes noch schlimmer getroffen haben. Nackt und in Windeseile werden die Frauen über den Gefängnishof getrieben. Bei diesem Anblick wird mir plötzlich wieder warm. Das hüpfende, teilweise sehr stramme Fleisch, lässt mein Blut wieder sehr aufgeregt fließen. Eine riesige Beule entsteht in meinem Schritt, die durch den dünnen Stoff des Overalls kaum gebändigt wird. Doch als ich mich bei meinen Mithäftlingen erkundigen möchte, ob diese morgendliche Peep Show zur Routine gehört, stelle ich mit Erstaunen fest, dass alle ihre Köpfe abwenden und in die andere Richtung starren. Die Fragen, die durch meinen Kopf schwirren, sollten jedoch vehement verstummen als mein Prügel einem viel härteren Prügel begegnet. Ein Wärter lässt beim Eintritt in den Speisesaal mit einem gezielten Hieb meine Erektion nachdrücklich erschlaffen.

Stöhnend geht es weiter zum Tresen der Essensausgabe. Die morgendliche Mahlzeit besteht aus einem Körnerbrötchen, einem hartgekochten Ei, etwas Margarine und kaltem Schwarztee. Als ich mich im Saal umsehe, bemerke ich, wie an vielen Tischen nur ein Häftling mehrere Eier auf seinem Tablett liegen haben, während andere leer auszugehen scheinen. Bei genauerem Hinsehen wird auch klar warum. Die Insassen mit mehr Nährstoffen scheinen die Kräftigsten zu sein. Mir bleibt an diesem Morgen diese darwinistische Steuer noch erspart, da ich noch relativ wohl genährt wirke. Trotzdem kann ich mir schon jetzt ausmalen, wie dieser Teufelskreis aus Eiweiß-Zufuhr funktioniert.

Nach dieser spärlichen Verköstigung beginnt der alltägliche Arbeitsdienst. Derzeit hat vor allem der Ausbau der Gefängnisanstalt höchste Priorität. Hinter dem Hauptgebäude soll ein zusätzliches Gebäude für weitere 150 Häftlinge errichtet werden. Die Arbeit im Schnee wird vor allem durch das Fehlen von Hilfsmitteln erschwert. Die Ziegel müssen mit bloßen Händen geschleppt werden und in der Kälte machen die rissigen Handflächen dies nicht lange ohne Blutungen mit. Selbst der Zement, der von Hand gerührt wird, verfestigt sich viel zu schnell und so muss damit gerechnet werden, dass jede zweite Mauer nur für ihren erneuten Abriss aufgebaut wird. Die Strafen, die es für solche Fehlversuche gibt, bleiben mir zu diesem Zeitpunkt noch verborgen, da alle Übeltäter in die Isolation geschickt werden.

Nach einem ganz Tag voll Arbeit und ein wenig Wasser mit fettigen Fleischstücken, was wohl ein Gulasch sein soll, kehren wir in unsere Zellen zurück. Dort bemerke ich einen neuen Mitbewohner in dem ohnehin schon überfüllten Raum. Von dem harten Arbeitstag gezeichnet, kauern wir uns in die Ecke und sprechen kaum ein Wort. Der Neuling liegt auf seiner Decke und traut sich angesichts unseres Zustandes kaum zu fragen, was da noch kommen mag. Um 9 Uhr abends kommt es aber. Die Dusche wird erneut aktiviert und spritzt kaltes Wasser auf uns herab. Dank der Vorwarnung meiner erfahrenen Leidensgenossen packe ich erst nach dieser Wasserfolter meine Decke hervor und Hülle mich in sie.

Der Neuling bettelt hingegen einen vorbeigehenden Wärter an, ob er eine neue Decke bekommen könne, denn sein durchnässter Fetzen könnte keine Wärme für die Nacht mehr spenden. Die Antwort lautet nur forsch: „Ihr habt ja Eure gegenseitige Körperwärme!“ Seine Kollege fragt lachend: „Auf was soll das nun anspielen?“

Ich bekomme all dies nur am Rande mit, da ich versuche möglichst viel meiner eigenen Körperwärme innerhalb der dünnen Decke zu fangen und mir so einen Kokon für die Nacht zu schaffen. Vor Anstrengung schlafe ich auch schnell ein. Doch um Mitternacht, 24 Stunden nach meiner Einlieferung, erwache ich. So muss es sich anfühlen in einen Alptraum und nicht aus einem solchen zu erwachen. Ich sehe mich um und sehe den Neuling in eigenartiger Pose daliegen. Ich krieche näher. Ich sehe wie sich das orange Licht der nächtlichen Scheinwerfer, welche durch das vergitterte Fenster scheinen, in seinen starren, leblosen Augen reflektiert. Das Erfrieren hat ihn vor seinem ersten Tag in Bukov gerettet.



Patrick "yung" Berger

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