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"...heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen..."

Ich lasse eine weitere Perle meines Rosenkranzes zwischen die Finger gleiten, so wie man es beim Rosenkranzbeten eben macht. Noch 3 Perlen, dann sind wir fertig. Schade eigentlich, ist gar nicht mal so langweilig.

"...heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.."

Die Gemeinde fängt erneut an zu beten. Meine Blicke gleiten immer wieder auf das große und wunderschöne Bild, etwa 5 Meter von mir entfernt. Die Stuppacher Madonna, so heißt es. 1 Jahr lang war es weg, um in Berlin ausgestellt zu werden, nun ist es aber wieder da. Ich sage euch, ein wirklich sehr detailliertes und prachtvolles Bild. Im Vordergrund Maria, mit Jesus auf ihrem Schoß. Es sieht so aus als würde sie mit ihm spielen, er lacht, und sie hält eine kleine Kugel in der Hand. Im Hintergrund ist eine mächtige Kirche und ein altes Dorf zu sehen. Kein Wunder, dieses Bild wurde im 16. Jahrhundert gemalt. Trotzdem sieht man keine Spuren von Verwitterung oder Kratzer.

"..heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen..."

Ich atme tief die kalte Kirchenluft ein, schließe die Augen und höre der Gemeinde wieder zu.

"Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus, der dich, oh Jungfrau, im Himmel gekrönt hat.

Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen."

Jetzt noch das Vater Unser, danach das Glaubensbekenntnis...

Nachdem wir gebetet haben, tun mir ganz schön die Knie weh. Keine Polster sind hier zum Hinknien, und das dann 30 Minuten lang. Ich seufze, stehe langsam und gequält auf und beobachte die Leute, wie sie in einem Strom durch die Haupttür hinausgehen. Nach ein paar Minuten hat auch die letzte Person die Kirche verlassen. Nun ist alles still. Keine Huster von erkälteten Leuten, kein Rascheln von Jacken oder anderem, und keine Stimmen, die mit mir Rosenkranz beteten. Ich sehe mich um, mir fällt die Stuppacher Madonna wieder ins Auge. Sie sprüht einen unheimlichen Flair aus, irgendwie fühle ich mich von ihr beobachtet. Ich sehe mich um, niemand ist hier.

Um sicherzugehen, dass hier wirklich niemand ist, der mich beobachten könnte, gehe ich auf dem braunen Teppich, zum Altarraum. Der Altar ist steinern, mit einer festlichen Decke fast zugedeckt. Hinter dem Altar, etwa 5 Meter von ihm entfernt, hängt ein großes, hölzernes Kreuz, mit komplizierten Mustern und Einkerbungen verziert ist. Daneben, der goldene, ebenfalls mit komplizierten Mustern überzogene Tabernakel. Ich verneige mich und laufe am Altar vorbei. Auf dem jetzt steinernen Mamorboden quietschen meine Schuhe ziemlich laut. Sowas haben halt Turnschuhen an sich. Sie quietschen immer auf glattem Boden. Ich gehe nun langsam zur Sakristei, klopfe an der angelehnten Tür. Das Klopfen hört man in der ganzen Kirche. Aber nach weiteren 2 mal Anklopfen lasse ich es. Da drin wird schon niemand sein. Langsam, um das quietschen meiner Schuhe zu vermeiden gehe ich zurück zum Altar und schaue hoch zur Empore, wo die riesige Orgel steht. Niemand zu sehen. Dann bilde ich mir das alles wohl nur ein, genau wie die seltsame Präsenz, die ich wie ein Wasserfall an meinem Rücken spüren zu glaube. Mich beunruhigt es trotzdem, sehe nochmal herum, bevor ich in Richtung Stuppacher Madonna gehe. Das Bild ist hinter einer Glasscheibe, wegen Diebstahl Gefahr. Es ist in der Tat sehr wertvoll, nicht nur, weil es so alt und schön ist. Kurz vor der Scheibe bleibe ich stehen und schaue ihr tief in die Augen. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verstärkt sich. Ich schaue mir hinter die Schulter, aber ich bin allein.

Auf einen Schlag erinnere ich mich an den Sarg, an dem ich gerade eben vorbeigegangen bin, vom Altar bis hier zu Stuppacher Madonna. Hier soll doch doch der Heilige Felicitas liegen... deshalb die Präsenz, aber nur vermutlich. Unglaublich, dass ein paar Meter von mir eine Leiche liegt, dazu noch eine Heilige. Ich atme schneller, schlucke und wende mich wieder der Madonna zu. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie erinnere ich mich an den Film "Illuminati", der letztens erst im Fernseher kam. Ein wirklich spannender Film. Ein paar Leute entschlüsseln die geheime Botschaft der Illuminaten, durch Engelsfiguren, Büchern usw. Hm, wenn hier auch irgendwelche Botschaften sind, die man nur durch gesunden Menschenverstand entschlüsseln kann... Vorsichtig schaue ich mir die Kirchenwände an. Beim 1. Blick nichts Auffälliges: ein paar Figuren der Heiligen Maria und Josef. Wie hieß der Apostel mit der Säge nochmal? Simon glaube ich, ja Simon. Der mit dem Schlüssel müsste Petrus sein, der Schlüssel zum Himmelstor hat er in der Hand. Je mehr ich mich anstrenge, die Figuren zu begutachten, schwindet jene Angst vor Leichen oder angestarrt zu werden. Als ich jede Figur nach Details oder Veränderungen abgescannt habe, atme ich erleichtert und leicht betrübt auf und schaue mir nochmal das Marienbild an. Eine Kugel hält sie in der Hand... also, vielleicht gibt es hier etwas mit einer Kugel...

Nach ein paar Minuten gebe ich es auf nach einer Kugel zu suchen, hier gibt es einfach keine Hinweise mit einer Kugel. Kritisch schaue ich nochmal die Stuppacher Madonna an, drehe ihr den Rücken zu, sehe prüfend die graue Wand auf der anderen Seite der Kirche an. Eine Engelsfigur! Die ist mir vorhin gar nicht aufgefallen. Die Präsenz wird stärker in meinem Rücken, sodass ich mich mit aufgerissenen Augen ruckartig zur Madonna drehe. Nichts ist passiert. Erleichtert drehe ich mich wieder um, um den Engel genauer zu mustern. Er schaut mürrisch, oder doch traurig? Je näher ich ihm komme, desto abstrakter wirkt er. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Grimasse, keine Ahnung warum. Ich muss schon zu ihm hochschauen, dass ich erkennen kann, was er da oben tut. Seine Hand ist seitlich von ihm ausgestreckt. Sie sieht unheimlich verkrampft aus. Dennoch, ein Finger zeigt in eine Richtung, die ich bisher gar nicht beachtet habe. Ein Schauder erschüttert meinen Körper, mein Herz schlägt schneller und ich fange an zu zittern. Ich. Will. Nicht. In. Diese. Richtung.

Auf einmal fange ich an, mich genauso zu verkrampfen wie die Engelsfigur, ohne es zu wollen. Was. Passiert. Hier? Noch bevor ich schreien kann, wird mein Kopf unsanft, vielmehr brutal in die gewiesene Richtung gerissen. Ich fange vor Schmerzen zu stöhnen, mein Genick knackst fürchterlich. Was ich dort sehe, lässt mich erschüttert: eine Tür! Aber keine normale Tür... ich habe diese Tür noch nie in meinem verdammten Leben gesehen. Ich atme verkrampft, mein Herz schlägt verkrampft. In anderen Worten: mein ganzer Körper ist verkrampft. Ich kann mich nicht bewegen. So sehr ich es versuche. Es ist wie, als würde ein Baum in mir gewachsen sein, der immer robuster und steifer wird. Ich habe fürchterliche Angst, eine Angst, die ich noch nie gefühlt habe. Eine stärkere Angst.. Todesangst! Schweißperlen tropfen mir von der Stirn auf den kahlen Boden. Ich stöhne wieder, als sich meine Beine wieder etwas entkrampfen. In der Hoffnung, mein Körper wird wieder normal, greift mich etwas von hinten und schiebt mich in Richtung Tür. Nervös und voller Angst versuche ich meinen Kopf nach hinten zu drehen, er ist aber noch immer so verkrampft und noch genau so, wie er vorhin herumgerissen wurde. Aber was ist das? Verschwommen aber doch deutlich kann ich im Augenwinkel erkennen, dass der Sarg geöffnet ist... der mit dem Heiligen Felicitas. Schreie hallen in der Kirche, alle erstickt von einer verfaulten und knöchernen Hand in meinem Mund. Ich muss würgen, sie schmeckt wirklich scheußlich, der Mageninhalt wird aber wieder zurück in meinen Magen geschoben. Ich spüre einen kalten und keuchenden Atem an meinem Genick. Oh mein Gott, ich will hier weg! Wer ist das? Was passiert hier? Tränen fließen über meine Wangen, Tränen meiner Verzweiflung und Angst.

Die Tür öffnet sich, eine andere Hand wird in meinen von Schweiß überzogenen Rücken gestoßen. Langsam und grausam kratzt diese scheußliche Gestalt meinen Rücken auf. Ich schreie, die Hand ist noch immer in meinem Mund. Tränen, Blut und Schweiß umhüllen meinen gesamten Körper. Noch immer bin ich so verkrampft und kann mich nicht bewegen. Unglaublich, dass ich vor einer halben Stunde noch gebetet habe. Voller Hoffnung, es würde etwas passieren fange ich an zu beten, werde aber durch einen ruckartigen Griff auf den Boden gestoßen. Die verwesende Gestalt, drückt mich auf den kalten, nassen Boden und reißt ein Stück Fleisch aus meinem Rücken heraus. Ich schreie. So laut, dass selbst mir die Ohren weh tun. Der unglaublich stechende Schmerz, der an meiner Schulter und an meiner gesamten Wirbelsäule herrscht, ist nicht auszuhalten. Die schwere Tür fällt zu, nun kann mir wirklich niemand mehr helfen. Meine Hoffnung schwindet langsam, hier komme ich nicht mehr lebend heraus. Noch bevor ich einen anderen Gedanken erfassen kann, spüre ich etwas Kaltes an meinen Rücken. Auch wenn dies ein Messer sein soll, es tut unheimlich gut etwas Kaltes an meinem schmerzenden und offenen Rücken zu spüren.

Meine Sicht vertrübt sich, offenbar habe ich schon viel zu viel Blut verloren. Ohne mich zu bewegen liege ich da und lasse es zu, wie diese Bestie mich weiterhin aufkratzt. Wie soll ich mich denn wehren, ich habe keine Kraft. Plötzlich ertönt ein leises Kichern und ich werde auf meinen nun hautlosen Rücken gerollt. Mit halb offenen und glasig nassen Augen erkenne ich die große Blutlache, auf der ich halbtot und verkrüppelt liege. Allmählich erkenne ich verschwommene Umrisse der Kreatur. Ich wünsche, ich hätte diese ... Mumie nie gesehen: anstatt Augen oder Nase sind nur klaffende Höhlen zu sehen. Ein unheimlich verwesender Gestank liegt in der Luft, die Mumie grinst immer noch wie wild. Die Haut besteht nur aus grünlich schwarzen Hautfetzen, darunter sind bräunliche Knochen vorhanden. Magenflüssigkeit kommt wieder in mir hochgekrochen, es fühlt sich wie ein Schwarm Insekten an, der langsam von meinem Bauch zu meinem Mund wandern. Meine Augenlider werden schwerer und schwerer. Anstatt mich einfach sterben zu lassen, riss mir die Gestalt die Augen auf, sie tränen fürchterlich. Neben mir erkenne ich noch einen silbrigen Kelch, der mit Blut gefüllt ist. Meinem Blut. Das war also das Kalte an meinem Rücken.

Die Mumie kniet anscheinend neben mir, mehr kann ich nicht erkennen. Irgendwas macht sie, was genau kann ich nicht mehr erkennen. Ich fange an, stotternd aber deutlich zu beten:


V..Vater un..unser im Him..mel

Geheiligt w...erde d..dein Nam-


Ich muss von dem widerlichen Gestank husten.


Dein..Reich komm..e

..dein Wille g..geschehe

Wie im Him-krr

Die Mumie drückt mir die Kehle zusammen, ich kann nicht mehr...atmen. Tränen fließen mir über die Wangen, mein offener Rücken schmerzt wie wild. In meinen Gedanken vervollständige ich das Gebet. Aber bevor ich sterbe.. will ich noch was wissen... mit letzter Kraft reiße ich seine Hand von meinem Hals und fange an mit krächzender Stimme zu schreien:

Wer ..bist ..du..? W..aru..m tust.. du da..?


Wieder ertönt ein Kichern, dann sehe ich eine transparente Gestalt durch die Tür kommen. Ich starre sie an, sie sieht genau aus wie Maria auf der Stuppacher Madonna. Das gleiche Kleid, das gleiche Gesicht. Wie ist das möglich? Ich erschrecke, würge erneut. Ich atme schneller, so schnell wie es meine immer noch zugedrückte Kehle zulässt. Sie geht auf mich zu, kniet sich neben mich und der Mumie. Beide, die Mumie und die vermeintliche Madonna grinsen mich an und sprechen im Chor, fast schon singend:


Du glaubst wir sind es, doch wir sind es nicht

Wir sind verdammte Seelen, dürfen nicht ins ewige Licht

Um doch zu gelangen in Gottes Reich

Müssen wir umbringen gleich

Der, dem Gottes Reich gewährt

Und sich an seinem Glauben nährt

Ein kurzes Schweigen, eine leise Melodie kann ich wahrnehmen. Sie klingt wunderschön, aber auch unendlich traurig. Immer schwerer fällt mir das Atmen, mit Mühe halte ich meine Augen offen und höre weiter zu:

Nun, bald ist es schon so weit

Wir werden durch dich kommen in die selig Ewigkeit

Du hast uns erlöst von dieser grausam Welt

Wo wir scheußlich verstorben und zerschellt

Herumgewandert sind

Um dich zu suchen, Kind

Nun werden jetzt, wir zwei

Doch noch kommen zu Gottes Reich

Unser Dank begleite dich

Bis du selbst kommst zum ewgen Licht.



Stille. Dunkelheit. Wo bin ich? Neben mir spüre ich eine Wärme, wahrscheinlich eine Person. Moment, ich bin doch gerade gestorben... ich schrecke auf.

"Wie geht es dir, mein Kind?"

Panisch und erschrocken erkenne ich eine vertraute Person.. braune, kurze Haare, eine rundliche Brille und eine große Nase: mein Vater! Es war also doch nur ein Traum! Erleichtert atme ich auf, lächle und umarme ihn, er scheint sehr froh zu sein...

"Was ist denn passiert?"

"Das könnte ich dich fragen, der Messner hat dich hinter einer Tür gefunden hat...wie zur Hölle bist du da rein gekommen? "

Ich schlucke, beschließe zu lügen.

"Nun ja, sie war angelehnt und ich hatte komische Geräusche dahinter gehört, ich muss wohl so viel Angst gehabt haben, sodass ich in Ohnmacht gefallen sein muss...

Mein Vater schließt die Augen und seufzt, so wie er es immer macht, wenn er merkt, dass ich lüge.

"Der Messner hat ebenfalls Schreie und Geräusche gehört..."

Oh wirklich? Ich wusste nicht dass meine Lüge wirklich wahr ist. Ich fange mich schon an zu freuen, bis mein Vater den Satz vervollständigt.

"sodass er beschloss, die Tür zu öffnen um nachzusehen was dort ist..."

Stille. Er schaut direkt in meine Augen, etwas Verwirrung und Verzweiflung kann ich in ihnen erkennen. Er fährt fort:

"Diese Tür... ist schon seit langem zugemauert. Man kann nicht hinter die Tür gelangen, ohne sie einzureißen."

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