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„Hm, nope, ich sehe nicht, wie man Weihnachten schöner verbringen könnte", murmelte Fae zu sich selbst, während sie über den Zaun kletterte. "Im Kreise der geliebten Familie, in einem warmen Haus, friedlich und sicher..." "Danke, Gehirn, ich werde dich später chemisch betäuben." "Das ist für mich okay." Fae wusste nicht mehr genau, seit wann sie die Stimme in ihrem Kopf hörte, aber es war irgendwann nach dem Tod ihrer Familie gewesen. Damals, als sie sich selbst in ihren Betten mit zehn Zentimeter-langen Krallen ausgeweidet hatten. Tragisch, aber sowas passierte. Jede andere Theorie war einfach verrückt. Weshalb Fae die letzten Monate in Therapie verbracht hatte. Denn ganz eindeutig war sie hier ja die Verrückte. "Falls es dich tröstet, auf mich wirkst du völlig normal", versicherte die Stimme, als Fae über das karge Grundstück zum Haus von Amandus Kraft schritt, jede Bewegung bedacht und vorsichtig, zum einen aus Vorsicht, zum anderen, weil Fae noch immer von der letzten Untersuchung ein wenig betäubt war. In jedem anderen Winter hätte Fae um diese Zeit bereits mit Unterkühlung zu kämpfen gehabt, aber 2015 bekam nicht einmal einen halbwegs anständigen Winter hin. Was für ein Drecksjahr. Die Tür des Hauses wirkte, als hätte ein kräftiger Tritt ihr Ende sein können, doch so wirkte das gnaze Haus und Fae wollte nichts riskieren. Auch keinen Lärm. Kraft hatte sie gewarnt, sich auf dem Grundstück ruhig zu verhalten. Bevor er sich ein langes Küchenmesser ins Auge getrieben hatte. Entgegen Fae's damaliger Annahme, war auch für Amandus Kraft das Gehirn relevanter Bestandteil der Anatomie gewesen, daher war eine weiterreichende Erklärung leider nicht möglich gewesen. Oh, und es war auch Schade um Amandus selbst, netter Kerl und alles. Jedenfalls machte es Fae auf die subtile Art: Sie drückte die Türklinke herunter und öffnete die Tür wie jeder geistig gesunde Mensch.

In dem Moment, als sie das Haus sah, überkam sie ein seltsames Gefühl. Keine vage Ahnung von Bedrohung, keine übersinnliche Angst, die ihr wie Frost in die Glieder kroch, nein, es war viel eher eine Art Leere. Als würde jede Empfindung von ihr genommen. Das Haus selbst war verstaubt, im schmutzigen Flur häuften sich Kisten mit Müll und die Tapete (ehemalig weiß) schälte sich von den Wänden wie tote Haut, aber die Luft und Stimmung war kühl und fast klinisch rein. Fae trat über die Schwelle, wobei sie eine leise Entschuldigung murmelte. Kraft hatte sie hergeschickt, aber Fae war inzwischen recht abergläubisch und sie betrat nur ungern das Haus eines Selbstmörders. Neben dem Aberglauben kam dabei auch der nicht unwichtige Umstand hinzu, dass Kraft sich getötet hatte, um dem zu entkommen, das hier lauerte.

Fae warf einen Blick auf die Treppe in den ersten Stock, aber zum einen gab es dort oben nichts, dass sie interessierte und zum anderen sah sie Treppe nicht aus, als könne sie eine Maus tragen, von Fae's Gewicht ganz zu schweigen. Wobei nach den Schikanen der jüngsten Ereignisse der Gewichtsunterschied zwischen Fae und einer Maus rapide gesunken war. Und sie war vorher schon sehr dünn gewesen! "Das sagte deine Großmutter. Dein Doktor meinte, etwas Sport würde dir nicht schaden." Fae ignorierte ihr Gehirn und sah sich nach dem Keller um. Der Flur führte in das Wohnzimmer und die Küche, allerdings war das Wohnzimmer von Kisten verstellt. Fae konnte über die Kistenstapel einige breite Bücherregale mit wichtig aussehenden Werken. Vielleicht war Kraft nicht immer das neurotische Gemüse gewesen, dass Fae in der Psychiatrie getroffen hatte. Eigentlich tragisch, wie der Wahnsinn alles Lebenswerte in der menschlichen Seele verschlingen konnte. Fae hatte tief im Innern echte Albträume vom Gedanken, sie könne auch so enden. "Aber seine Zuckungen waren lustig. Und seine Singstimme erst." "Seine Singstimme hat drei andere Patienten in den Selbstmord getrieben. Und keiner von ihnen litt vor ihnen an Suizidgefahr." "Ich sagte lustig, nicht gut. Wie die im Netz veröffentlichten Geschichten eines neurotischen Teenagers ohne Sozialleben, der seine Unsicherheit durch Humor... Oh, sieh mal, da ist die Kellertür!" Fae hatte die Küche erreicht und tatsächlich lag ihr gegenüber eine Tür mit der Aufschrift ´Keller´. Allerdings war der weniger redsellige Teil von Fae eher auf den Rest der Küche fixiert: Die Möbel waren umgeworfen, die Regale zertrümmert. Auf dem Boden war etwas verschmiert, dass Geruch und Farbe nach vor zwei Wochen Tomatensoße gewesen war. Der Tisch war in zwei Hälften gebrochen. Und auf dem Holz, wie Fae mit dem Anflug einer grausigen Gänsehaut erkannte, hatten sich die Spuren langer Klauen entlang gezogen. "Wie übersieht die Polizei solche Dinge?", fragte Fae, im Gedanken an den Horror, an den sie ihr Haus und ihre Familie verloren hatte, und strich über das splittrige Holz. Die Krallenspuren waren auffällig kalt, als hätte ein Beutel Tiefkühlware darauf gelegen. Je glaubte Fae, Atemzüge in ihrem Nacken zu spüren und fuhr herum. Wie jede Liste von Horror-Klischees ihr hätte sagen können, war dort nichts. "Geil, ne Wand", kommentierte die Stimme trocken. Fae widerstand dem Drang, sich gegen den Kopf zu schlagen und sah sich lieber nach irgendetwas um, dass sich als Waffe nutzen ließ. "Da wir in einer Küche sind, würde ich dir empfehlen, bei den Löffeln nachzusehen." Fae ging hinüber zum Küchenschrank, wobei sie versuchte, nicht auf lärmende Oberflächen zu treten, die im Keller irgendetwas hätten wecken können. Die Schublade mit den Messern stand günstigerweise ein ganzes Stück offen, als hätte sich schon Amandus Kraft hier bewaffnet, kurz bevor er wild brüllend und blutend ins Dorf gerannt gekommen war. Fae wählte eine Klinge und zog es aus der Schublade. Es war recht schwer und lag gut in der Hand. Die Spitze wie ein Schild vor sich halten, drehte sich Fae zur Kellertür. "Redrum... Redrum...", röchelte die Stimme und hielt sich vermutlich für unheimlich witzig.

Fae stieß die Tür und machte sofort einen Schritt zur Seite, aus Furcht, etwas könne sie anspringen. "Kratzspuren an der Innenseite der Tür, Fae. Ist das nicht weihnachtlich?" Fae strich auch über diese Kratzspuren, um zu prüfen, ob sie ebenfalls so kühl waren, wie die Male auf dem Tisch. Doch sofort zog sie die Hand zurück, die Tür war so eiskalt, dass ein Fetzen ihrer Haut am Holz hängen blieb. Sie konnte gerade so einen Aufschrei unterdrücken und der kurze Schock reichte aus um die Ruhe, die sie sich selbst vorgespielt hatte, zu zerstören. "Oh Gott, was mache ich hier?", hauchte sie. In der Kälte, die aus dem Keller quoll verwandelte sich jedes Wort in eine kleine Wolke weißen Nebels. Dennoch fand sie sich selbst dabei, wie sie Sekunden später die Kellertreppe hinabging, Die Hand um den Griff ihres Messers geschlossen. Mit jedem Schritt in die Tiefe wurde es kälter und es war die Kälte von Eiswasser, es floss ihr regelrecht in die Haut. Und dann, als sie den letzten Schritt von der Treppe auf den schlichten, grauen Kellerboden machte, schwand alle Kälte und zurück blieb nur diese Aura von Leere, die sie schon an der Haustür gefühlt hatte. Der Keller bestand aus nur einer einzigen großen Kammer, erhellt von vier Fenstern nahe der Decke, vollkommen leer, bis auf die Mitte. Dort konnte Fae etwas sehen. Dort konnte etwas Fae sehen.

Die hellen Lichter schwirrten umher wie Fliegen in einem Glas, doch eines, das größte Licht blieb immer im Zentrum des Kopfes schweben, ein kalt glimmendes Auge. Der Körper selbst war im Grunde nur zu sehen, weil er nicht zu sehen war, eine Silhouette, die nur erkennbar war, weil sich dort das Licht schwache Licht brach, das die Fenster spendeten. Fae hielt das Messer vor sich. Das Ding beobachtete sie. Fae machte eine leichte Bewegung rückwärts und, als wenn man in einem Film eine Szene vorspringt, stand das Ding vor ihr und streckte die Hand nach ihr aus. "Nein", schrie Fae, als Adrenalin in ihr Blut schoss und jeder Muskel ihres Körpers sich auf das einfache Ziel konzentrierte, einen plötzlichen und unerfreulichen Tod zu vermeiden. Entsprechend ließ sie sich fallen, entging so dem seltsamen Flimmern, welches bei genauer Betrachtung der Arm des Wesens war, sprang in der selben Bewegung wieder auf und stach mit dem Messer nach vorne. Welches das gleichermaßen unerwartete als auch unerfreuliche Resultat brachte, dass der Glanz der Klinge matt wurde, bevor sie dann zerbröselte wie Käckebrot. Fae wirbelte herum, sah die offene Tür, oben an der Treppe, warf sich dann aber zur Seite. Als sie sich von dem Ding, welches erneut nach ihr gegriffen hatte, entfernte, knallte oben die Tür zu. Soweit Fae sich mit dem Okkulten auskannte, würde sie sich nicht allzu bald wieder öffnen. "Was machen wir jetzt?", fragte sie, nur um ihre Stimme zu hören, denn die Leere der Kammer machte ihr zu Schaffen wie ein schalltoter Raum, der Menschen nach einer halben Stunde irre macht. Ein Teil von ihr verstand, dass diese Kreatur genau das war: Leere. Einsamkeit. Isolation. Als redete Fae weiter: "Wie können wir diesem Wesen entkommen?" "Wir sind nicht hier, um zu entkommen." Das Ding erschien rechts neben Fae und warf sich auf sie, Fau tauchte unter ihm durch, stolperte und fiel. "Ich habe kein Messer", keuchte sie. "Wenn das Messer nicht geholfen hat, dann hast du es auch nicht gebraucht. Verwende deinen Verstand. Oder was auch immer du anstelle eines solchen besitzt." Faes' Gedanken begannen sich zu verschieben. Neue Aufgaben und Probleme formulierten sich von selbst, Lösungsansätze, Pläne, Konstrukte... Und dann machte es Klick. So unspektakulär dies als Vergleich sein mochte, aber die Erfahrung glich der eines Schülers ohne jede Ahnung von Mathe, der auf die Tafel starrte, ohne zu verstehen und der dann plötzlich die Aufgabe begriff und die Lösung verstand, nicht weil er eine Formel auswendig wusste, sondern weil etwas in ihm begriffen hatte, weshalb die Dinge funktionierten, wie sie funktionierten. Für einen Moment fühlte sich Fae wundervoll.

Und dann war der Moment vorbei.

Der Lichterschwarm sammelte sich nun im Kopf der Kreatur, wie ein Insektenschwarm, der eine Straßenlaterne umschwirrt. Das glimmende Auge schien zu pulsieren, als das Wesen verschwand. Und dann war Fae leer.


Es war in ihrem Innern aufgetaucht. Es hatte sich in sie hinein teleportiert und sie mit Nichts gefüllt. Sie empfand nicht, sie bewegte nicht, ihre Gedanken begannen lahm zu werden. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen sah sie die Lichter um sich tanzen, als würde sie die Sterne wandern sehen. Es wirkte hypnotisch, nicht beruhigend aber dennoch einschläfernd, wie die Erschöpfung nach einer Schlafparalyse. Fae schloss die Augen und begann sich der Leere zu ergeben. Im Grunde hatte sie dies schon vor langer Zeit getan. Denn wer oder was war sie, außer Leere? Keine Freunde, keine Familie, kein Zuhause, kein Ziel, kein Nutzen. Seit ihr Haus dem Grauen hinter der Tür verfallen war, war sie halbwahnsinnig durch diese traurige Entschuldigung für ein Leben gedriftet und hatte alles verloren, dass sie gewesen war. Der Psychologe Jung hatte einst von der Persona geschrieben, die sich Menschen erschaffen um sich zu verbergen, vor allem die Züge, die ihnen oder anderen unangenehm sind. Fae war nur noch die Persona, das Kind dahinter war schon lange tot. Oder etwa nicht? Die Leere, die sie erfüllte, schien zu zögern. Fae schlug jäh die Augen auf und erhob sich vom Boden. Sie konnte nicht anders, als breit zu grinsen. "All die Schulschläger und hochnäsigen Ziegen", erzählte sie der Stille, "hatten so viele Schichten und Schalen aus falschem Selbstbewusstsein, dass man das Gefühl hatte, man rede mit einer boshaften und ausgepsrochen dummen Zwiebel." Sie kicherte. "Aber tief in ihnen, ist es doch immer gleich: Da haben sie nichts, da wollen sie nur Bestätigung, dass sie etwas sind. Sie erschaffen sich eine Maske eines Menschen der etwas ist und hoffen, dass niemand sie in Frage stellt. Und so funktionierst du, oder? Du schälst die Zwiebel." Einige Lichter schimmerten in der Luft, während Faes' Stimme den Raum füllte. Mit jedem Wort fühlte sie, wie ihr Etwas das Nichts des Hauses vertrieb. "Aber ich bin anders. Du hast Schale um Schale an mir gezerrt, bis du auf einen Teil von mir gestoßen bist, der denkt, er sei verloren, sinnlos, nichts. Nur ist das nicht mein Kern, nicht wahr?" Sie fühlte Spott in ihre Stimme fließen. Die Stimme in ihrem Kopf lachte mir ihr ihm Chor. "Man könnte sagen, du hast zu tief und zu gierig gegraben", freute sie sich, "Durch all die zarten Schalen bis zu einem Kern so hart wie Stahl." Denn sind es nicht nur unsere Schwächen, vor denen wir uns Schützen, auch unsere größte Stärke muss mit Vorsicht behandelt werden. Auch sie verbannen wir nur zu häufig in den Kern unseres Seins, den wir nie zu ergründen wagen.

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"Doktor Kraft, die Patientin ´Fae Kauz´wacht auf."


"Sehen Sie, Schwester, ich sagte doch, sie würde nicht aufgeben. Bitte geben sie ihr etwas zum Aufputschen. Wenn die Betäubung nachlässt, spreche ich mit ihr über unser weiteres Vorgehen."

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