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„Hier spricht Doktor Augustin Docke, Behandlungsmitschnitt Nummer 1: Der Name der Patientin ist Fae Kauz, Alter 14. Über ihre Psychose kann ich soweit nur sagen, dass sie an Angstzuständen leidet. Ich betrete jetzt den Behandlungsraum. … Guten Tag!“

„Guten Tag.“

„... Du kannst dich setzen, Fae. Darf ich dich so nennen?“

„...“

„Gut, setz dich. Du bist hier sicher.“

„Was ist das da?“

„Ich nehme unser Gespräch auf, wenn es dich nicht stört?“

„Nein, das geht in Ordnung.“

„Sehr schön. Fae, ich würde vorerst gerne etwas mit dir plaudern. Dich kennenlernen.“

„Damit Sie mich einschätzen können?“

„Das hat einen kritischen Klang. Wieso?“

„Weil es Ihr Job ist, mich zu kennen. Sie wollen mich ja nicht kennenlernen, wie ein Freund es tun würde.“

„Genau deswegen bin ich Psychologe geworden, Fae. Um ein Freund für Leute zu sein, die einen Freund brauchen.“

„Sie wollten ein Freund für Psychos sein?“

„Das ist kein schönes Wort, aber ja, im Grunde schon.“

„... Also gut, Sie wollen wissen, wie ich bin, ja?“

„Genau. Zum Beispiel würde es mich interessieren, ob du gerne liest.“

„Bestimmte Bücher. Kein bestimmtes Genre, ich suche sie nach Bauchgefühl aus.“

„Hast du ein Lieblingsbuch?“

„Nein, keines.“

„Nein? Wie steht es mit Filmen oder Serien?“

„Ein paar Animes und Cartoons... Ich mag Gravity Falls.“

„Ich werde es mir ansehen... Wie verbringst du deine Freizeit sonst so?“

„Ich spiele Schach.“

„Im Verein?“

„Früher einmal. Ich wurde rausgeworfen, weil ich mich geweigert habe, Weiß zu spielen.“

„Wieso denn das?“

„Äh... Es ist sowas wie ein kleiner Tick von mir. Bedeutet das, ich war schon vorher verrückt?“

„Nun, jeder hat seine Macken.“

„Meine Tante züchtet Wasserschnecken.“

„Siehst du?“

„Verzeihen Sie, wenn ich zu schnell auf das eigentliche Thema zu sprechen komme, Doktor, aber würden Sie den Schrank dort drüben vielleicht ein wenig von der Wand entfernen?“

„... Äh... Nun, ich schätze, das lässt sich einrichten......... So. Was machst du da?“

„Ich will nur sehen, ob etwas dahinter ist. Ich habe schon hinter den Bildern nachgesehen, während ich auf Sie gewartet habe, aber ich habe den Schrank nicht bewegt bekommen.“

„...Nun, kommen wir also zum Punkt. Äh... Fae, ich habe einen Bericht bekommen, aber ich würde die Geschichte gerne einmal nur von dir hören.“

„Also... Ich bin nachts aufgewacht, weil es angefangen hat zu regnen. Ich werde bei Regen nervös. Ich bin eine Weile durchs Haus gewandert, habe in der Küche etwas Milch getrunken, habe im Wohnzimmer ein wenig gelesen, und irgendwann habe ich dann das Kratzen gehört. Es kam von einem Schrank und ich dachte, es wäre eine Maus. Ich habe den Schrank geöffnet.“

„Und da war der Raum, von dem du erzählt hast?“

„Nein, da war nichts. Der Schrank stand aber auf Rollen und ich dachte: Vielleicht ist ja ein Mäuseloch in der Wand dahinter. Also habe ich den Schrank zur Seite geschoben. Und da war eine Tür. Hinter dem Schrank. Ich war müde und alles, also habe ich nicht groß überlegt, bevor ich sie geöffnet habe... und dann... und...“

„Auf Wunsch der Patientin wurde der folgende Abschnitt entfernt.“

„Geht es dir besser?“

„Besser. Nicht gut.“

„Verständlich. Kannst du deine Geschichte beenden, oder möchtest du dich ausruhen?“

„Ich werde es kurz machen, wenn es Ihnen nichts ausmacht: Nach diesem... Vorfall, tauchte die Tür überall auf. Oder die Türen, manchmal sahen sie anders aus. Und sie waren immer an Orten, die man nicht sofort sieht, wenn man einen Raum betritt: Hinter Bildern, hinter Schränken, aber auch hinter Duschvorhängen oder unter meinem Bett. Ich höre es meistens, bevor ich es sehe, aber einmal wollte ich morgens duschen, zog den Vorhang zur Seite und da war die Tür. Geschlossen, zum Glück. Ab einem bestimmten Punkt konnte ich es in einem Raum nicht mehr aushalten, ohne zuerst alle Winkel und Verstecke zu prüfen, und manchmal war da eine Tür. Sie war nur immer weg, wenn ich sie meinen Eltern zeigen wollte. Und ich reagiere mittlerweile panisch auf das Geräusch von öffnenden Türen. Also haben meine Eltern mich hier eingewiesen.“

„Gut, ich habe mir hier alles notiert. Ich würde sagen, wir beenden die Sitzung und sehen uns dann am Mittwoch?“

„Ja, klingt gut.“

-

Docke saß in seinem Büro und drehte nervös einen Bleistift zwischen seinen Fingern umher, während er sich das Band zum vierten Mal anhörte. Direkt nach dem Gespräch mit Fae hatte er eine solide These gehabt: Laut ihrer Familie, tendierte sie zum Schlafwandeln. Regen machte sie nervös, sie war in der Vergangenheit aufgewacht und hatte zur Beruhigung bestimmte Rituale durchgeführt: Milch trinken. Lesen. Als an diesem Abend der Regen eingesetzt hatte, war Fae aufgestanden und im Schlaf die besagte Routine durchgegangen. Dann hatte sie etwas gestört, vielleicht wirklich eine Maus, und sie schlagartig aufgeweckt. Und erfüllt von Nervosität, kombiniert mit der grundsätzlichen Problematik, beim Schlafwandeln zu rasch geweckt zu werden, hatte sie eine schreckliche Halluzination gehabt. Doch während diese These in einem Einzelfall so simpel und klar gewirkt hatte, erklärte sie nicht, weshalb in der ganzen Gegend plötzlich Kind für Kind in genau ebendieselbe Psychose verfielen. Ein Zwillingspaar hatte sich im Anfall von Panik das Gesicht zerkratzt. Was passierte hier? Eine der ersten Regeln, die man ihm eingebläut hatte, als er Psychologe wurde, war gewesen, die Halluzinationen seiner Patienten ernst zu nehmen, aber nicht zu glauben. Er sollte sie analysieren, nicht auf Geisterjagd gehen. Aber was löste diese Panikattacken aus, diese Träume von der Tür? Ein weiterer Fall hätte bedeuten können, dass die Kinder von Fae gehört hatten, aber so viele? Als das Telefon klingelte, zerbrach Docke vor Schreck den Bleistift. „Hallo, Augustin Docke?“ „Ähem, guten Tag, Herr Docke, Lin ist mein Name. Sind Sie der Herr Docke dem die „Tür-Psychose“ zugewiesen wurde?“ „Ja?“ „Ich wurde informiert, dass Sie um einen Assistenten gebeten haben. Ich hätte einen möglichen Kandidat für Sie und wollte Ihnen die Nummer geben. Er würde Sie vermutlich am Mittwoch kontaktieren, aber wenn nicht, sollen Sie ihn anrufen...“ Docke notierte sich die Nummer mit einer Hälfte des Bleistiftes und legte auf. Immerhin das, ein Anfang. Dinge wurden besser. Dachte er, bis er aufhörte zu schreiben. Bis er begriff, dass nicht der Stift dieses kratzende Geräusch verursacht hatte.

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