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Ich werde dir nun erzählen, was für Abgründe sich mir auftaten, als ich vorige Nacht die Torheit besaß, dem Wispern des diffusen Gedankenrauschens der Thetawellen, das man gemeinhin Traum nennt zu lauschen. Vorweg sei dir gesagt, dass diese Lektion, die das Chaos diffus feuernder Synapsen mir zutrug eine graue Furcht in mir weckte, wie sie nie ein Horrorfilm oder auch ein Roman heraufzubeschwören vermochte. Ich bin beileibe kein kleines Kind mehr, das Nachts schreiend aufwacht, weil es im Traum ein Gespenst gesehen hat, nein im Gegenteil ich bin ein äußerst furchtloser und rational denkender Mensch, bzw. ich war es bevor mich dieser unbezwingbare Horror anfiel.

Bitte verstehe mich nicht falsch, ich rate dir natürlich nicht, den Schlaf zu fürchten, aber ich möchte dich doch dringend vor dem warnen, was im grenzenlosen Ozean der treibenden Gedanken und des schlafenden Verstandes an Scheußlichkeiten lauert, die alles Böse überschreiten, das ein wacher Mensch erdenken kann.

Letzte Nacht geschah es also, dass ich mich mit einer unheilvollen Prädisposition in jenem unendlichen Reich der geistlos taumelnden Gedankenrümpfe wieder fand zwischen irrsinnigen Szenerien, Phantasiefiguren und Erinnerungen aus meiner Kindheit sowie den fraktalen Gebilden und bizarren Farbblitzen, die erschöpfte Menschen mit geschlossenen Augen aufflammen sehen. Und aus all diesem ergodischen Irrsinn, schälte sich ein geradezu profaner Kausalitätsfaden. Ich saß in dem mir so bekannten Hörsaal in Wechloy mit der falschen Erinnerung, gerade eine langatmige Vorlesung über die stereoselektive Synthese des Juvenilhormons gehört zu haben. Und natürlich hatte ich Hunger, da ich folgerichtig glaubte, dass es eben nicht tiefste Nacht, sondern Mittagszeit sei und ich reihte mich ein in den gelangweilten Strom von Studenten, die sich schleppend auf die Mensa zu bewegten, und wie jeden Tag eine gut einhundert Meter lange Warteschlange bildeten, die sich durch das halbe Universitätsgebäude schlängelte. Und da es ja ein Traum war, verwunderte es mich keinesfalls, dass ich nach einer Viertelstunde des Wartens und langsamen Dahinschlurfens nicht mit einem Tablett in der Hand an den Tresen der bärbeißigen Mensaköche entlanglief, sondern mich in den langen Gängen eines Supermarktes wieder fand.

Ich bahnte mir meinen Weg durch den Wald aus Reklameschildern, Sonderangeboten und Regalen mit Haushaltswaren, Lebensmitteln und Kleidung, bis ich eine gigantische Kühltruhe erreichte. Sinnloserweise hatte ich keinen Appetit mehr auf ein deftiges Mittagessen, sondern wollte ein Eis am Stiel.

Wieder formte sich in meinem Kopf eine falsche Erinnerung und diese sagte mir, dass es eine neue Sonderedition von Magnum® geben würde, die nach Sexstellungen benannt sein sollte. Ich kannte alle zugehörigen Werbespots, auswendig, sie liefen wie ein Film vor meinen Augen ab, sie waren dermaßen abgedreht und voller Obszönitäten, dass es mir beinahe den Appetit verdarb und ich fragte mich, was der perverse Schweinkram denn mit Eis zu tun haben sollte.

Trotzdem wollte ich ein solches sündhaft teures Eis irgendwie haben, ich erinnerte mich daran, wie gerne ich dieses Eine aus der alten Sonderedition mochte, was einen Überzug aus Erdbeerschokolade und eine süße Füllung aus Vanilleeiscreme hatte. Mit größter Sorgfalt suchte in der monumentalen  Kühltruhe, die sich wohl einige hundert Meter lang zog und sicher viele tausend Eissorten beherbergte, die alle zu dieser perversen Edition von  Magnum® gehörten und deshalb alle nach Sexstellungen benannt waren. Die Versionen Missionar, Deepthroat und 69-deluxe entsprachen so ziemlich dem, wonach ich suchte, aber ich griff nach Doggystyle-anal, einem ca. 300g schweren Ungetüm, das aus pechschwarzer Bitterschokolade mit einem Kern aus dunkelster Kakao-Eiscreme bestand, und eine solche Bitterkeit versprach, dass allein die Vorstellung zu Magenverstimmungen und Aufstoßen führte.

Dennoch schreckte auch der halsabschneiderische Preis von 500€ mich nicht davon ab, dieses Monstrum zu kaufen und mit einem gewissen Stolz ging ich mit dem Eis in der Hand zur Kassiererin. Als sie mir den Preis vom Display vorlas, der nun 10.000 € betrug, bemerkte ich, dass ich den Betrag nicht passend da hatte und deshalb gab ich ihr drei Tränen und den kleinen Finger meiner linken Hand. Es war mir völlig egal, dass daraufhin die Adern auf meinen Händen platzten, die Haut aufriss, das Fleisch von den Knochen fiel und auf dem Boden zähe Pfützen bildete, aus denen  Maden krochen, die sich unruhig umher wälzten als müssten sie sterben.

Als ich um mein Wechselgeld bat, nahm die Kassiererin das Nagelbrett auf dem sie die Bons aufspießte und stach mir damit ein Auge aus. Auf dem Bon, den sie mir reichte stand statt den erwarteten 10.000€ nun "Reduziert: Das klägliche Leben eines Gescheiterten", was ich geflissentlich ignorierte.

Vor dem Laden biss ich dann in das teuer gekaufte Eis, von dem ich wusste, dass es mir nicht schmecken würde und war nicht überrascht, als dessen schier unerträgliche Widerwärtigkeit mir versicherte, dass ich mir in der Tat das Schlechteste ausgesucht hatte. Mit perlendem Schweiß auf der Stirn und größter Mühe, das Erbrechen zu unterdrücken, würgte ich dieses aus Schokolade und gefrorener Kakaomasse gefertigte Ekel in mich hinein.

Als ich alles herunter geschluckt hatte, dachte ich über das nach, was ich da getan hatte und wachte vor Schreck auf, als ich es verstand. Ich wollte schreien, aber es kam nur ein ersticktes Röcheln aus meiner trockenen Kehle. Als die lähmenden Reste des Schlafes aus meinem Körper wichen, wuchs das Wimmern und Krächzen zu einem gewaltigen Schrei an, der mit wildem Echo durch die kalten Stahlbetonflure des Studentenwohnheimes schallte, während sich in meinen nun völlig wachen Verstand ein sieches Grauen einbrannte. Und dieses Grauen ist Weisheit, so wie die Bibel uns bereits lehrt, dass Erkenntnis eine zeitlose Sünde ist, die unendlich schwerer wiegt als Mord.

Denn erkennen sollst du nie.

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