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Hallo Freunde. Bestimmt kennt ihr alle genau so gut wie ich all die kleinen netten Geschichtchen, die man hier so häufig findet, handelnd von einem ungeliebten, gehänselten und verachteten Kind. Natürlich entwickelt ausgerechnet dieses Kind dann unfassbare dunkle Kräfte oder ein unkontrollierbares Verlangen zu töten. Natürlich auch verbunden mit übermenschlichen Kräften und dem Verlust des Schmerzempfindens. Ihr wisst sicherlich wovon ich rede. Nun, nicht nur wir kennen diese Erzählungen, auch Harry kannte sie. Er war einer ihrer unzähligen Fans, hatte sich sogar selbst an einer versucht, aber um ehrlich zu sein, besonders gut gemacht war sie nicht. Das hatte auch den einfachen Grund, dass er sich einfach nicht in eine solche Person hineinversetzen konnte. Schließlich hatte er es ja auch nie gemusst, er war sowohl der größte als auch der sportlichste Junge seines Jahrgangs und ,wie einige fanden, auch der bestaussehendste. Er war auch ein hervorragender Schüler, hatte eines der hübschesten Mädchen der Schule zur Freundin, er war alles in allem das Idealbild eines Jugendlichen, alle Mädchen wollten ihn und die Jungs wollten so sein wie er. Und das war auch der Grund, warum er die folgende Wende, die sein Leben nehmen sollte, beim besten Willen nicht begreifen konnte.

Ich weiß, was ihr denkt. Nein, seine Freundin wird ihn weder betrügen wodurch er, resultierend aus seiner unfassbaren Liebe, einen riesigen Hass auf seine gesamten Mitschüler bekommt und sie alle umbringt. Und nein, es wird auch kein von ihm gemobbtes Kind irgendwelche dunkle Magie erlernen und ihn töten oder verfluchen oder sonst was tun. Mobben war eh nicht so sein Ding. Nicht, dass er es nie gemacht hätte, aber er mochte es nicht besonders. Wie auch immer, es trug sich in der letzten Woche vor den Sommerferien zu, die Sonne wärmte die Erde und das Herz, sie alle feierten ausgelassen und schon bald würden sie ihr letztes Schuljahr erreicht haben. Es war ein unglaubliches Gefühl der Kraft, der Freiheit und des Gewissens, bald alles tun zu können, worauf man schon immer einmal Lust gehabt hatte. An jenem Abend war er grade mit Melanie, seiner Freundin, auf dem Weg zu einer Party. Die Straßen flimmerten im roten Licht der untergehenden Sonne und die alten Bäume am Rand warfen ihre mächtigen Schatten auf die Flecken Asphalt, die den ganzen Sommer über noch keinen einzigen Sonnenstrahl gesehen hatten. Die Vögel zwitscherten munter vor sich hin und alles schien die perfekte Kleinstadtidylle zu wahren. Doch als sie grade in eine Querstraße abbiegen wollten, bemerkte er etwas im schmalen Schatten einer noch recht jungen Birke, die wie die vollkommene Unschuld zwischen all den gewaltigen und eindrucksvollen Bäumen emporwuchs. Genau an dieser Stelle, dort, wo der Schatten am hellsten und das Licht am nahsten war, lag völlig unberührt ein kleines Kästchen. Harry konnte es schon von Weitem erkennen und wollte es, wie jeder andere Mensch, der heute schon daran vorbeigelaufen war, einfach ignorieren. Falls jemand von euch jetzt denken mag, die Schatulle hätte ihn in ihren Bann gezogen, zu einer Marionette des Bösen gemacht und die Apokalypse herbeirufen lassen, so irrt ihr euch. Denn er ignorierte es wirklich einfach. Fürs erste.

Die Sonne streckte schon ihre ersten Strahlen über den Horizont, als Harry sich auf den Weg nach Hause machte. Die Party war ganz gut gewesen, sie hatten viel gelacht, viel getrunken und alles in allem eine schöne Nacht gehabt. So lief er nun also seinen Rückweg entlang, als sich der Gedanke an die Schatulle in seinen benebelten Verstand schlich. Sofort hatte er das Gefühl, aus irgendeinem kruden Grund wieder schärfer zu denken, sobald er sich ihr Bild ins Gedächtnis rief, doch das verflog schnell wieder. Er war viel zu betrunken, um tatsächlich einen klaren Gedanken zu fassen. Nichtsdestotrotz hielt er an der jungen Birke kurz inne, ließ seinen Blick umherschweifen, bevor er sich dann schlussendlich seinem Haus näherte und der Gedanke an die Schatulle von der Sehnsucht nach seinem kuschligen Bett verdrängt wurde. Als er wenige Stunden später seine Augen aufschlug, hatte sich nicht viel verändert. Das Sonnenlicht fiel durch sein Fenster und erhellte das ganze Zimmer, während die munteren Vögel von draußen es beschallten. Und noch bevor er sich an der Schönheit dieses Augenblicks erfreuen konnte machte sich ein dumpfer Schmerz in seinem Kopf breit. Wer jetzt denkt, irgendein böser Geist habe ihn infiziert und übernehme nun langsam die Kontrolle über seinen Körper, der irrt sich. Er hatte einfach nur einen gehörigen Kater. Seine Blicke schweiften durch sein Zimmer, er sah alles so, wie es sein sollte: seinen mehr oder weniger aufgeräumten Schreibtisch, seine strahlend weiße Schrankwand, die Bilder von ihm und allen die ihm wichtig waren und hinten, in der letzten Ecke fand sich auch ein kleines bisschen Chaos, denn dort hatte er vorhin nur schnell seine Sachen und das Kästchen hingeworfen.  Ja, du hast richtig gelesen. Das Kästchen. Es lag dort feinsäuberlich auf all der zusammengeknüllten Kleidung. In diesem Augenblick stellte sich Harry die gleiche Frage, wie einige von euch:  Wie kam das denn bitte dahin? Hatte er es doch gefunden und mitgenommen? Er wusste es selbst nicht (offen gesagt hatte er eh nur wenige Erinnerungen an diese Nacht), aber trotz seiner Kopfschmerzen nutzte er die Gelegenheit, es einmal näher zu betrachten. Es war eine ungefähr faustgroße Kiste, mit allerlei merkwürdigen Ornamenten verziert und in den herrlichsten Farben bemalt. Es leuchtete in tiefstem Rot, hellsten Gelb, reinsten Orange, stärksten Grün und vollkommensten Türkis. Das klingt jetzt bestimmt komisch, aber es gehörte zu den schönsten Dingen, die er je gesehen hatte. Mittlerweile hatte er es auf seinen Schoß gelegt und, wie jeder andere in dieser Situation wohlmöglich auch, brannte er darauf, es zu öffnen. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, er stellte sich vor, es enthielte Gold, Edelsteine oder Diamanten, aber stattdessen war es bis zum Rand voll mit... nichts. Ja, das Kästchen war vollkommen leer.

Natürlich fragt ihr euch jetzt, wo dort der Grusel ist, wo ist die Spannung, das finstere Mysterium, der düstere Fluch, warum zur Hölle erzähle ich euch das eigentlich alles? Nun ja, der Grund ist ganz einfach. Ich habe euch eingelullt, habe euch ein nahezu perfektes Leben gezeichnet, euch von der durchzechten Nacht eines jungen Erwachsenen erzählt und euch hungrig auf etwas Dunkles und Schreckliches gemacht. Und wieso? Damit ihr abgelenkt seid! Du, mein verehrtester Leser, bist in diese Fantasiewelt geflohen, hast deine Umwelt völlig vergessen und dich von Allem abgekapselt. Du hast nicht bemerkt wie ich deine Tür aufgebrochen hab, du hast weder die verzweifelten Schreie noch das ängstliche Flehen deines Mitmenschen gehört. Du wolltest etwas Düsteres und da hast du es! Ich hoffe, dass dir mein kleines Geschenk Freude bereitet und es ist mit Sicherheit auch viel spannender, als eine Geschichte, die du irgendwann durchgelesen hättest. Nun darfst du es alles erleben. Die Angst, die Verzweiflung, den Tod deiner Lieben und die Rachegedanken. Deine Seele wird ihre tiefsten Abgründe entdecken, deine gesamte Existenz wird zerfressen sein vom Zorn auf deine eigene Untätigkeit und von Neid auf alle die anderen, die noch haben, was du dir selbst für immer verbautest. Nun erlebst du es alles. Es war mir eine Ehre und ein unvergleichliches Vergnügen. Adieu.

von Duschvorhang

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