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Der Schmerz etwas zu verlieren, ist immer größer, als der Schmerz etwas nie besessen zu haben.

I

Es liegt nun schon einige Zeit zurück, und dennoch erinnere ich mich daran, als wäre es erst gestern gewesen. Damals lebte ich zusammen mit meinen Eltern und unserem Hund Sandy in einem recht abgelegenen Vorort. Dieser lag zur Talseite eines Berges, sodass Regen und Nebel sehr oft über unsere kleine Welt hereinbrachen. Sogar an den heißesten Tagen zogen schwarze Wolken auf, und bescherten uns derart starke Gewitter, dass nicht selten ein kleines Kind verschreckt wurde.

Unser Haus lag nahe einem kleinen Forst. Mein Großvater hatte mir einst Horrorgeschichten über diesen Wald erzählt, sodass dieser für mich stets eine unheimliche Aura hatte. Jedes Licht, das auf die Kronen der Bäume traf, schien sich im Gestrüpp der Äste und Dornen zu verlieren, während eine dichte Laub und Nadelschicht den Boden gänzlich bedeckte. Einst hatte ich sogar einen Wolf herausrufen gehört, dem Vollmond entgegen rufend. Seither assoziierte ich dieses grauenhafte Jaulen mit den Abgründen des Hains und noch heute läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich einen Wolf heulen höre.

Doch fühlte ich mich sicher, solange Sandy, der Hund, bei mir war. Als kleinen Welpen hatte ich ihn zu meinem Geburtstag bekommen und aufgrund der Tatsachen, dass er sein Fell nicht nur die gleiche Farbe wie Sand hatte, sondern er es auch liebte, Dinge im Sandkasten unseres Gartens zu vergraben, hatte ich ihn kurzerhand Sandy getauft. Er war ein treuer Begleiter und mehr als das – er schien Dinge zu spüren, ehe sie eintrafen, geradezu als könne er Unheil wittern.

Im Gegensatz zu meiner Mutter war mein Vater nur selten Zuhause anzutreffen. Er ging früh und kam spät, und außer an den Wochenenden, bekam ich ihn recht selten zu Gesicht. Das eine oder andere Mal hatte ich ihn mit einem Anzug und einem schweren Aktenkoffer das Haus verlassen, in seinen Sportwagen einsteigen und gen Sonnenaufgang fahren sehen. Meine Mutter seufzte nicht selten darüber, dass viel Arbeit an ihr hängen blieb, doch schien die Tatsache, dass mein Vater der Alleinernährer unserer Familie war, sie davon abzuhalten, ihn damit zu konfrontieren. Wenn mein Vater dann einmal zu Hause war, suchte er kaum Kontakt zu mir. Seine Arbeit schien ihn sehr in Anspruch zu nehmen, und seine freie Zeit verbrachte er meist damit mit einem Glas Sherry in der Hand uralte Filme anzusehen. Er hatte schon immer einen Fabel für die Zeit gehabt, in der Männer mit Hüten und Anzügen in Kneipen zusammengekommen waren.

Es war an einem heißen Sommertag gewesen, doch ein kühler Wind kündete von einem Unwetter, das herannahte und wenn man in die Ferne blickte, konnte man den Sturm erahnen, wie er sich langsam zusammenbraute. Die Vorboten der Dunkelheit, die Krähen, zogen heran und versprachen ein Gewitter.

Nichtsdestotrotz hatten ich und mein Kindheitsfreund uns dazu entschlossen, im kleinen Planschbecken aus Gummi zu spielen und die wenige sonnige Zeit, die uns noch blieb, auszukosten. Stunden musste wir dort im Wasser getobt haben, doch waren nur Minuten verstrichen, als die Luft merklich kälter wurde und aus der sanften Brise eine beachtliche Böe geworden war.

Schon seit einiger Zeit hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden und manchmal meinte ich sogar, wenn ich zum Dachfenster unserer Hauses blickte, flüchtig eine schwarze Silhouette auszumachen, doch war mein infantiler Verstand naiv genug, der Tatsache keinerlei Beachtung zu schenken. Was kümmerte es einen Jungen, ob man ihn beobachtete? Das einzige, was mein Interesse gewonnen hatte, war das Spiel mit meinem Freund. Erst als wir das Wasser verließen und unsere nassen Körper trockneten, begann ein ungutes Gefühl in mein Bewusstsein zu kommen. Wer war der Mann gewesen? Vielleicht mein Vater, der früher von der Arbeit gekommen war?

Auch Sandy schien etwas wahrgenommen zu haben.

Mein Freund tat es auf ein Eichhörnchen oder ein anderes Tier ab, und wenig später hatte mein infantiler Verstand die Sache längst verdrängt. Auch das seltsame Gefühl hatte sich in Rauch aufgelöst. Nur mein Hund Sandy starrte angespannt aus dem Fenster, geradezu als würde er das, was ich eben gehört hatte, beobachten.

Als dann die vorhergesagten Wolken langsam über uns hereinbrachen, und der Himmel dunkler wurde, bemerkten wir die Kälte, die die Witterung mit sich brachte. Fröstelnd trabten wir zurück ins Haus, nahmen uns ein paar Handtücher und kleideten uns damit ein.

„Mama“, rief ich von oben, um mich zu vergewissern, dass sie noch hier war. Für einige Minuten jedoch erhielt ich keinerlei Antwort. Skeptisch trat ich zum Eingang, und musste feststellen, dass sowohl die Handtasche, als auch die hohen Schuhe meiner Mutter verschwunden waren.

„Mama?“, rief ich erneut, und wieder wartete ich einige Momente, doch hörte ich nichts, außer dem prasseln der Regentropfen, die nun bereits vereinzelt auf die Pflastersteine unserer Terrasse fielen.

„Mama!“, schrie ich nun energisch, damit rechnend, keine Antwort zu erhalten. Zu meiner Überraschung jedoch, tönte eine seltsame, raue Stimme von oben her, ein Klang, der mir das Blut in den Andern gefrieren ließ.

„Mein Schatz“, antwortete meine Mutter, und ich fragte mich, was wohl der Grund dafür sein könnte, dass sie in dieser merkwürdigen Stimmlage sprach.

„Ist bei dir – alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig, in der Hoffnung eine sinnvolle Erklärung zu bekommen. Aber nun war es wieder still. Wind war aufgekommen, und das Prasseln des Regens war nun nicht mehr zu überhören. Ein Blitz stieß herab vom Himmel, gefolgt von einem Donner, und ich begann am ganzen Körper zu zittern. Irgendetwas stimmte nicht, das wusste ich. Ich begann mich zu fragen, wo mein Hund Sandy war. Wann immer ich mich unwohl fühlte, brauchte ich seine Nähe. Doch ich konnte ihn im Erdgeschoss weder sehen noch hören, was mein Unwohlsein noch bestärkte.

Vom Donner verschreckt wagte ich mich langsam die Treppe nach oben. Gleich einem Geist versuchte ich kein Geräusch von mir zu geben, und meine Füße schienen über die Holzstufen zu gleiten, als wären diese aus Eis. Gerade als ich die letzte Stufe besteigen wollte, ertönte von nun von unterhalb ein Geräusch.

Mein Blut gefror mir in den Adern. Ich kannte diesen Klang: Ein Schlüssel! Jemand versuchte unsere Türe zu öffnen. Aber mein Vater würde erst auf die Nacht nach Hause kommen, und meine Mutter war dort oben, in ihrem Zimmer. Wer also könnte einen Schlüssel zu unserem Haus haben?

Meine Knie wurden weich. Mein Herzschlag wurde schneller und intensiver. Dann, mit einem mechanischen Quietschen, konnte ich erahnen, wie jemand unsere Wohnung betrat. Ich hörte seine Schritte, viel eher gesagt war es fast unmöglich, sie zu überhören. Es waren Stöckelschuhe. Eine Frau.

„Schatz, bist du hier drinnen?“, hörte ich die Stimme meiner Mutter aus dem Untergeschoss, und alle Anspannung löste sich mit einem Mal von mir. Es war, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen, und mit einem Mal bereitete mir nicht einmal das Gewitter mehr Unbehagen.

„Ja Mama, ich bin hier oben“, entgegnete ich ihr lautstark, und wandte mich wieder der Treppe zu. Dann mit einem Mal begriff ich es; es hatte mich wie ein Schlag ins Gesicht getroffen und ich brach voll Angst zusammen…

„Mama, komm schnell!“, rief ich halb schluchzend, halb erstickt nach unten, und warf mich, da sie oben angekommen war, verängstigt an ihren Fuß.

„Was ist denn los?“, fragte sie mich mit ihrer sanften Stimme, der man einen Hauch von Verwunderung entnehmen konnte.

„Da… Da ist jemand… in deinem…“, mehr brachte ich nicht heraus, und meine Mutter schien zu ahnen, was ich ihr versuchte mitzuteilen. Ihr Blick wurde dunkler, und von draußen ertönte abermals der Donner.  Nun war auch ihre Mimik von Horror gezeichnet. Auf eine seltsame Art und Weise schien zu wissen, was vor sich ging.

Langsam öffnete sie die Türe zu ihrem Zimmer. Ich wagte nicht meine Augen zu öffnen, und ich wagte auch nicht zu weinen, ich wagte nicht einmal zu atmen. Meine Hoffnung bestand darin, dass dieser schreckliche, schreckliche Moment nur endlich enden möge.

Ich spürte, wie meine Mutter das Zimmer betrat. Ihr Aufschrei war wie ein Weckruf für mich. Er drang durch alle Wände, durch alle Fasern meines Körpers bis hin zu den tiefsten Abgründen meiner Seele. Nie werde ich den Anblick vergessen, der sich mir bot, als ich meine Augen aufschlug. Noch heute plagen mich Albträume von jenem Abend.

Es war eine Tat so brutal, wie ein menschliches Wesen sie kaum verüben konnte. Mein Hund Sandy, mit vier Nägeln an die Wand fixiert, je einer durch seine Ohren, die anderen beiden durch seine Vorderpfoten. Sein Fell war ihm abgezogen worden, und lag nun, mit Blut getränkt, auf dem sonst reinlichen Parkettboden. Seine Augen schienen hervorzuquellen, und seine Zähne brachen mit einem gequälten Biss aus dem Zahnfleisch hervor. Mit dem Blut des Tieres hatte er einen einzigen Satz an die Wand geschrieben.

Das einzige, was der Täter außer den Zeichen an der Wand hinterlassen hatte, waren die Abdrücke seiner Stiefel, die vom Zimmer direkt auf den Balkon führten. Vermutlich war er abgesprungen. Er war weich gelandet, denn das Gras war nass und schlammig.

Ein letzter Blitz schlug vom Himmel nieder, und warf sein Licht auf das Werk, das er verrichtet hatte: „Er gehört mir“

II

Das Wetter schien auch die Tage nicht besser zu werden. Viel mehr verdichteten sich die grauen, tristen Wolkenfetzen am Himmel und bildeten eine dicke Wand, die kein Licht hindurch ließ. Regen goss in Strömen vom dunklen Firmament, gefolgt von warnendem Donnergrollen und Blitzen, und das scharfe, blendende Licht, dass sie auf die dunkle Welt warfen, schmerzte in den Augen.

Zwei Nächte tat ich kein Auge zu, und auch meine Mutter nicht. Mein Vater blieb zu Hause, und wir waren wachsam, immer zu. Wir schliefen nicht, wir ruhten nicht. Wir waren auf der Hut. Am zweiten Tag dann läutete es an der Türe. Ein Mann mit Anzug und säuberlich nach hinten geworfenen Haaren trat ein und stellte sich als Hauptkommissar vor. Sein Gesicht war über und über mit Narben geziert, und die Kälte in seinen Augen verriet, dass er bereits getötet hatte.

Er erklärte, dass er ein Polizist wäre und setzte sich, ohne um Erlaubnis zu bitten, auf den Stuhl gegenüber meiner Mutter. Er musterte sie mit einer Mimik in dem sich eine Reihe von Gefühlen vermischt hatte, doch konnte ich keines von ihnen ausmachen. Eine Sonnenbrille verdeckte seine Augen, sodass ich es nicht erahnen konnte, was er fühlte oder gar dachte. Nun setzte sich auch mein Vater an den Tisch. Nie zuvor hatte ich ihn mit einem derart ernsten und starren Gesichtsausdruck gesehen. Es war fast so, als lieferten sich die beiden Männer einen erbitterten Kampf darum, wer dieser völligen Ausdruckslosigkeit und Kälte länger standhielt.

Dann, völlig unerwartet, schwenkte der Blick des Mannes zu mir. Ich nahm ein kleines, kaum merkliches Zucken in seinen Mundwinkeln war, und die Kälte, die diese Person ausstrahlte, verängstigte mich. Zwar hatte ich mich noch nie mit der Polizei identifizieren können, doch war an diesem Mann etwas anderes, etwas, dass ich noch nie zuvor bei einer Person gespürt hatte. Es lag zweifellos an seiner Aura, der Aura eines Mörders. Es war sein Beruf zu morden, ich wusste das, und dennoch ängstigte es mich.

Doch auch der Blick meines Vaters, der mich nie mit sonderlich liebenden Augen betrachtet hatte, war nun von etwas gänzlich fremdem gefärbt. Fast schon gleichgültig betrachtete er mich, seinen Sohn. Es war ein Ausdruck des Hasses, der puren Abscheu, und ich konnte partout nicht sagen, wem diese Ächtung galt. Es war fast so, als hätte sich meine ganze Umwelt zu einem Kreis aus Feindschaft zusammengefunden. Die Wände, in die sie mich eingezäunt hatte, schienen nun bedrohlich nahe zu kommen, und ich ertrug es nicht, dass ein Fremder mehr Aufmerksamkeit erhalten sollte, als ich.

Im nächsten Augenblick gab der Mann meinen Eltern ein Zeichen, die mich daraufhin aus dem Zimmer wiesen. Schon des Öfteren hatte sie sich gestritten und mich aus dem Zimmer geschickt, sodass ich nie wusste, was der Grund ihrer Auseinandersetzungen war. Lediglich zusammenhanglose Worte wie „betrogen“ oder „der Junge“ konnte ich im Geschrei ausmachen. Es war der gleiche Blick, den meine Mutter an den Tag legte, wenn sie sich mit meinem Vater stritt, der mich verscheuchte.

Betrübt und verunsichert zugleich trabte ich die hölzernen Stufen der Wendeltreppe nach oben. Meine Gedanken wanderten zu den vergangenen Tagen… Es war ein schrecklicher Tag gewesen, einer, der meine Erinnerungen vergiftete, sich wie ein Faden durch alles Schöne, das mir einst widerfahren war, zog und gleich einer scharfen Klinge zerschnitt bis nichts mehr übrig war, als ein Haufen Scherben. Ich fühlte mich alleine gelassen und ohne jede Hoffnung.

Verloren, wie ich mich glaubte, saß ich mich auf mein Bett, zog die Knie an die Brust und umklammerte sie mit meinen dürren, bleichen Armen. Ich hatte seit jenem Tag nichts mehr gegessen, und je mehr ich darüber nachdachte, was mir widerfahren war, desto eher stiegen mir Tränen in die Augen. Ein Kind, wie ich es war, sollte nicht unter diesem Einfluss aufwachsen. Es war, als wäre meine unbeschwerte Kindheit mit einem Hauch verloschen, und stattdessen tobte Horror in meinem Herzen. Ich musste besonnen sein, denken wie ein Erwachsener, denn nur so könnte ich all dem Terror, der mir drohte, standhalten. Ich zwang mich, meine innersten Gefühle zu unterdrücken, und kehrte in mich.

Ein Blitz fuhr vom Himmel, und ich war nicht länger im Stande, auch nur eine einzige Träne länger zurückhalten. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als jemand der mich in seine Arme nahm, als eine Person, die sich schützend an mich schmiegte, und mir versicherte, dass alles wieder gut werden würde. Und doch blieb ich alleine, den ganzen Abend über alleine. Nur der Regen stand an meiner Seite. Gemeinsam weinten wir in die anbrechende Nacht, eine Nacht, die gerade erst zu beginnen schien. Ab und an wimmerte ich kurz und ein Donner riss mich zurück in meine Verzweiflung.

Es war nicht viel später, da der Polizist mein Zimmer betrat, im Gefolge meine Eltern. Ihr Blick war wie üblich trüb, und ich sah, dass meine Mutter geweint hatte. Nun, da ich viel aufmerksamer geworden war, fielen mir diese Dinge auf, und ich sog jedes Detail aus meiner Umgebung in mich auf. Ich erkannte die leicht grünliche Färbung in der Iris meines Vaters, ich erkannte die leicht bläuliche in der meiner Mutter, und die graue des Polizisten. Ich erkannte jedes Muttermal auf dem Arm meiner Eltern, und jede Narbe, die der Officer an den Armen trug, brannte sich in mein Gedächtnis.

Mit seiner Stimme von Winter und Kälte wies der Beamte meine Eltern an, einige meiner Besitztümer auszuhändigen. Fingerabdrücke müssten genommen werden – meine und auch die des Täters. Immer wieder beteuerte er, dass der Täter wohl schon seit längerer Zeit ein Auge auf mich geworfen hatte und es wahrscheinlich wäre, DNA von ihm an meinen Spielzeugen und anderen Habseligkeiten nachzuweisen. Ohne zu zögern riss mir mein Vater den Teddybären, den ich von ganzem Herzen geliebt hatte aus den Armen und warf ihn dem Mann vor die Füße. Sie nahmen mir alles, woran mein infantiles Ich festgehalten hatte, doch war ich nun mehr in die Rolle eines Erwachsenen geschlüpft. Dennoch hatte ich sie gebraucht, meine Eltern, dringender als zu jedem anderen Zeitpunkt in meinem Leben, aber hatten sie mich im Stich gelassen.

Nicht nur, dass meine eigenen Eltern mich in meinen schlimmsten Stunden, da ich vom Kind zum Erwachsenen wurde, da ich die Gefühle von Jahren in Sekunden entwickeln und verarbeiten musste, da ich gezwungen war, jede Unbeschwertheit hinter mir zu lassen, alleine gelassen hatten, sie stellten sich nun auch noch gegen mich, und mein Herz schien in tausend Teile zu zersplittern, als ich den zornerfüllten Gesichtsausdruck meines Vaters so deutlich wie nie zuvor betrachtete.

Ich hatte die beiden von unten streiten hören, aber wusste ich nicht, worum es ging, und mein Blick wanderte flehend zu meiner Mutter, in der Hoffnung sie würde zu mir stehen, und mir mein Kuscheltier zurückerobern, doch hatte diese ihren Blick auf den Boden geworfen und schien mich, ihr eigenes Kind, nicht weiter zu beachten. Ein heller Blitz gepaart mit einem höllischen Donner zerriss die Luft, und ich ließ mich wie betäubt auf mein Bett fallen.

Da war ich nun, hilflos, und keiner schien mich zu verstehen. Ich war meines Eigentums beraubt, und meine Kindheit war mir entrissen worden. Mein größter Schatz, die Freude und Hoffnung selbst, sie schien sich in grenzenloser Trauer und Hoffnungslosigkeit zu manifestieren, und wie ein Hauch zerfloss sie im Regenschauer.

Es war noch am nächsten Morgen, da meine Eltern kamen und alles, was sie über die Jahre in unserem Haus angesammelt hatten, in großen Pappboxen verstauten. Auch in ihren Augen war nun der blanke Horror zu sehen. Meine Mutter hatte wieder begonnen zu Rauchen, mein Vater nippte fast minütlich an einem einen Glas Sherry, in das er zwei kristallklare Eiswürfel geworfen hatte. Beide zitterten unaufhörlich, und ich spürte, dass etwas nicht stimmte.

„W-Was ist los Mama? Wieso.. wieso packen wir?“

Meine Mutter warf mir einen hastigen Blick zu, musterte mich einen flüchtigen Moment. Dann stieß der Donner von Himmel, und meine Mutter fuhr so sehr zusammen, dass sie das teure Porzellanservice, das sie einst so sehr verehrt hatte, fallen ließ. Tränen kamen in ihre Augen, und sie begann an ihren Nägeln, die ihr einst so sehr am Herzen gelegen hatten, zu kauen.

„Ziehen wir weg?“, wandte ich mich an meinen Vater, der trübselig auf den Grund seines Glases starrte. Ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, antwortete er mir.

„Ja, denn wir sind hier nicht länger sicher“

Ein Schauer lief mir über den Rücken, fast so als ob ich es geahnt hätte. Ich wusste nicht, was geschehen war, aber ich wusste, dass er erneut zugeschlagen hatte.

„D-Dieser Mann… er … er war wieder hier, oder?“, fragte ich zitternd, und mein Vater riss seine Augen auf, sodass rötliche Adern auf seinem Augapfel hervorquollen, und eine kleine, schimmernde Träne platschte auf den rostbraunen Sherry, den er nun schon seit Minuten unablässig anstarrte. Ich kannte die Antwort, die mein Vater mir nicht gab, bereits, und so fuhr ich fort.

„Aber“, ich hielt kurz inne, und beachte meine Worte, „was ist mit dem Polzisten? Kann er uns nicht beschützen?“

Daraufhin atmete mein Vater tief ein, ertränkte den Lufthauch mit einer Welle aus seinem Glas, verzog seine Mundminkel zu einem halb gequälten, halb verzweifelten Lächeln, und antwortete mir dann mit einer Stimme, die mir auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Es kam aus dem tiefsten seiner Seele, aus dem entlegensten Winkel seines Herzens, und war nichts als blanke Angst:

„Er war kein Polizist“

III

Es waren bereits einige Wochen vergangen, als der Herbst den Sommer verdrängte, und die Tage wieder üblich neblig wurden. Die Regenzeit hatte zeitweise gestoppt, war nun aber wieder präsent, wie man es in unserem neuen Dorf gewohnt war. Ich hatte bereits, ohne es zu wissen, begonnen mich in eine Traumwelt zurückzuziehen. Oftmals starrte ich einfach die grauen Wolken am Himmel an, und erahnte wage Gestalten. Bald ertappte ich mich dabei, wie ich einsam in den Nebel rief, und hoffte, mir würde jemand Antwort geben.

Seit dem Umzug hatte ich nicht nur jeden Halt in meiner tristen Welt verloren, sondern war auch einsam wie nie zuvor. Meine Mutter verbrachte viel Zeit damit, unwichtige TV-Shows in sich aufzusaugen, in der Hoffnung sie würden das riesige Loch, dass die Angst in ihr Herz gefressen hatte, füllen. Mein Vater schien nun noch seltener nach Hause zu kommen, und wenn ich ihn dann doch einmal zu Gesicht bekam, hatte er jegliches Mitgefühl in einer Lache aus Gin und Sherry ertränkt. Selbst meine Freunde hatte ich zurückgelassen, denn ich fühlte mich viel sicherer in meiner eigenen, kleinen Welt, zu der nur ich Zutritt hatte. In meiner neuen Umgebung hatte ich sicherlich die Möglichkeit gehabt, neue Kontakte zu knüpfen – ein Achtjähriger findet schnell Freunde – aber je mehr ich mich in meine Welt hineindachte, desto weniger schien die Realität bedeutsam zu sein.

Es war wahrlich eine einsame Welt, in die ich mich flüchtete, doch schien die Einsamkeit mir Sicherheit und Trost zu bieten. Eine weite Sphäre aus Hoffnungslosigkeit und tiefstem Grau schenkte Geborgenheit. Jeder Ausflug in diese Welt, die mir zu Füßen läge, war wie ein Traum, und ich fand mich bald schon in einem großen Turm gefangen: Vor mir der ewige Abgrund, und eine eiserne Brüstung, die mich davon trennt, und über mir die grenzenlose Dunkelheit, die Unendlichkeit und völlige Leere.

Mit der Zeit vergaß ich zu unterscheiden, war real war, und war nicht. Ich verlor mein Gefühl für Zeit, mein Gefühl für Raum, und meine Gedanken wanderten von der einen Welt zur anderen, gleich dem Pendel einer standhaften Uhr, dass immer schneller wurde, dann langsamer und schließlich ganz erstarrte.

Es muss die Realität gewesen sein, in der mich zu diesem Zeitpunkt befand, denn die Ereignisse schließen es aus, dass ich all das nur fantasiert habe. Doch fällt es mir auch heute noch schwer zu unterscheiden, was tatsächlich war, und was gewesen wäre. Ich lag auf einem brachen Acker, und Nebel zog durch die kühle feuchte Luft. Mein glasiger Blick war starr gen Himmel gerichtet, und auch wenn ich dort nur die schier grenzenlose Wolkendecke, die sich im Nebel gleich einem Rauchschwanden aufzulösen schien, so wandte ich meinen Blick für Stunden nicht von ihr ab.

In Nähe und Ferne schienen Krähen zu krächzen. Ich hörte das heftige Schlagen ihrer Flügel, und malte mir jede einzelne Feder, die diese schmückten, so detailliert und akkurat aus, dass ich bald meinte, einer Krähe gegenüber zu liegen.

„Kind…“, krächzte sie mit der üblich rauen Stimme. Ihr Federkleid war schwärzer als das der anderen, und ihr Schnabel seltsam geformt. Er schien von außerordentlichem Purpur zu schimmern, und die eisgrauen Augen des Vogels schienen mich anzufunkeln.

„Hallo Krähe“, entgegnete ich, und ein Lächeln wanderte über meine Lippen. Ich erinnerte mich – bereits gestern hatte ich mit der Krähe gesprochen. Ich wunderte mich nicht recht darüber, dass ich scheinbar mit einem Tier zu kommunizieren versuchte, denn zu diesem Zeitpunkt war mein Bewusstsein nichts weiter als formlose Masse, die zwischen den Welten der Einbildung und der Realität umherwanderte.

Die Krähe trat einige Schritte näher, und mir fiel auf, wie seltsam ihre Klauen doch waren. Es war ein gänzlich sonderbares Tier, von sonderbarer Aura, und sonderbarem Wesen. Dann breitete es seine Flügel aus, sodass all die Federn, mit denen die Krähe sich geschmückt hatte, zu Boden fielen. Die nun mehr kahlen Arme umschlossen meinen Nacken, und ich spürte das kalte Blut durch die Adern des Vogels pulsieren.

„Hallo, Kind“, hauchte sie mich mit ihrer rauen Stimme an, und ich spürte wie mein Herz schneller schlug. Mit jeder Sekunde, die ich gemeinsam mit der Krähe verbrachte, schien es schneller zu werden, und bald raste das Blut so schnell durch meine Venen, dass ich meinte, es würde mir bald aus den Ohren hervorquellen.

„Komm mit“, entgegnete ich ihr und wollte sie in mein Zimmer führen. Sie war mein Freund und stets gut zu mir gewesen. Ich ahnte, dass sie nicht real war, doch kümmerte mich die Tatsache nicht, denn war der Traum meine Wirklichkeit geworden und die Realität nichts weiter als ein lebloses Gefäß, in dem die Einbildung sich formen konnte.

„Ich kann dich nicht begleiten. Niemand kann mich sehen“, sagte das Tier mit behutsam ruhiger Stimme.

„Ich kann dich sehen. Ich werde niemandem erzählen, dass du bei mir bist, ich verspreche es“ erklärte ich, und der Vogel willigte schließlich ein, als sich alles in Rauch aufzulösen begann und ein Schatten mich gegen mein Kissen drückte. Ein Kuss weckte mich aus meiner Trance und Wolken waren am Himmel aufgezogen.

Im Regen rannte ich aufs Feld, packte die Krähe an ihren dürren Armen, und zerrte sie regelrecht in mein Haus. Ihr durchnässtes Federkleid tropfte auf den verdreckten Teppich – ich war mir nicht sicher, wann meine Mutter zum letzten Mal das Haus gesäubert hatte. Mit Mühe und außerordentlich viel Arbeit wies ich sie die Treppen meines neuen Zuhauses hinauf, öffnete den Wandschrank und wandte mich an die Krähe:

„Hier ist genug Platz für dich. Du kannst hier bleiben“

Die Krähe, deren Maße für einen einfachen Vogel gar außerordentlich waren, sodass sie von der Größe an einen ausgewachsenen Menschen heranreichte, zwängte sich zwischen meine staubigen Jacken, und krächzte zufrieden in die Dunkelheit. Dann antwortete sie:

„Danke, Kind. Aber lass uns nun endlich spielen“, und ihre Stimme durchzog ein fast wahnsinniger Klang. In ihren Augen funkelte etwas seltsames, ein Schimmern, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Mit einer gebieterischen Geste erhob sich die Krähe, trat aus dem Wandschrank heraus, und stieß sich ihren Schnabel an der Pforte, sodass dieser entzwei brach, und gleich einem angebrochenen Ast nun teils fest am Federkleid des Vogels fixiert war und teils leblos herabbaumelte.

Es näherte sich mir, und ich fühlte ein ungutes Gefühl, wie ein Reflex aus dem tiefsten Inneren, etwas längst Vergessenes. Es schien sich zu nähern, und was ich einst gespürt hatte, an jenem heißen Sommertag, es war nun wieder da. Ich blickte starr auf die Krähe, in der Hoffnung sie möge mich beschützen vor dem, was sich anbahnte, und sank schließlich voll Verzweiflung auf den Boden.

Mitfühlend beugte sich die Krähe herab, strich mir sanft übers Haar und flüsterte mit ihrer rauen, krächzenden Stimme in mein Ohr. Der Klang, der mir so vertraut war, auf den ich mich verlassen konnte, er war nun nicht länger der Fels in der Brandung. Die feinen Härchen an meinen Armen und Beinen stellten sich auf, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

„Ich werde immer für dich da sein. Ich liebe dich“

Dann, mit einem lauten Poltern, wurde die Türe zu meinem Zimmer aufgestoßen. Von der Krähe fest umklammert pochte mein Herz so wild und so schnell, dass ich allein schon vom Geräusch betäubt fühlte. Mit langsamen, graziösen Schritten glitt die Gestalt, die im Türrahmen stand, und von der Finsternis in meinen Gedanken gänzlich verdeckt war, in mein Zimmer.

„Schatz!“, rief die Stimme meiner Mutter, und die Welt brach in sich zusammen. Mit einem Mal zerbarst das Firmament, gleich einem Glas, das erst rissig wird und dann in tausend Scherben herabfällt, und all jene schossen in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft, durchtrennten die breiten und soliden Stämme der Bäume im Wald. Risse, riesige Risse bis hin zu Kratern im Grund, und die Wiesen glitten auseinander. Ich blickte hinab in den ewigen Abgrund zu meinen Füßen, und mir schien der Boden unter den Füßen zu entgleiten, sodass ich fiel, und schließlich aus meinem schier ewigen Traum erwachte.

Erstarrt fand ich mich in meinem Zimmer wieder. Ein Anblick, wie ich ihn zuletzt vor Dekaden gesehen hatte. Ich wandte mich um. Das erste was ich sah, war meine Mutter. In ihren Augen stand ein stummer Schrei voll Angst und Verzweiflung geschrieben und ihre Knie schienen weich zu werden, da sie nun auf den Boden sank, während gläserne Tränen ihre erröteten Wangen herabsanken.

Mein nächster Blick fing das Fenster ein. Das Glas war zerbrochen worden, sodass der kalte Wind heulend kleine feine Tröpfchen in mein Zimmer wehte, die mein Gesicht so sanft erreichten, dass sie wie Säure zu brennen schienen. Meine Sinne nahm langsam wieder Formen an, mein Blick wurde offen, und ich kehrte der Welt, die soeben untergegangen war, endgültig den Rücken.

Meine Augen folgten den tausend Scherben, die vom Fenstersims hin zum Teppich, auf dem ich kniete, bemerkten eine pechschwarze Feder auf dem Weg und verweilten schließlich starr. Voll Horror blickte ich auf das mit Federn bedeckte Kostüm einer Krähe, schmutzig und rissig und über und über mit Erde bedeckt, auf die Maske, deren Schnabel zerbrochen war, und das Blut, das hinaus in die kalte Realität führte.

IV

Schmerz und Trauer zogen sich durch meinen schweren Körper und ich schien zu fallen in ein endloses Dunkel aus Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ein Schatten – erst langsam herannahend - , der sich nun ausbreitete wie ein pechschwarzes Netz, das über mich fällt und sich langsam zusammenzieht. Hilflos zappelnd rief ich um Hilfe, doch konnte mich niemand hören in der endlosen Leere, die mich umgibt. Alles was einst war scheint zu verblassen und gleichwohl ich aus der Trance erwacht war, schien die Realität, die mich umgibt noch viel kälter zu sein als alles mir Bekannte.

Ich sah mich selbst vor meinem inneren Auge – ich war so verletzlich und ich wusste darum, ich wusste genau, dass mich jeder Windhauch aus den Angeln reißen könnte, ich wusste mit sicherer Bestimmtheit, dass das Kartenhaus das sich mein Leben nannte, im Fundament zu bröckeln begonnen hatte.

Die Wände, die mich umgaben, waren kahl und leer. Einst hatten an den Wänden meines Zimmers Poster gehangen, Bilder von Verwandten und andere Dekorationen, einst hatte ich einen Ort mein zuhause genannt, doch war all dies jetzt so fern. Vergeblich griff ich nach der Zeit, da meine Mutter mich schützend umarmte, da mein Vater sich wie ein Wächter vor mich stellte und nichts mir etwas anhaben konnte.

Ich hatte aufgehört zu zählen, wie oft wir nun umgezogen waren, denn egal wo wir landeten, meine Mutter schien es nicht einen Monat lang für sicher zu halten. Eine regelrechte Paranoia hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie schlief kaum noch, begann mit sich selbst zu reden, wobei die Monologe mehr und mehr zu abstrusen Satzgebilden wurden und sie schließlich nicht mehr hervorbrachte als einzelne Wörter oder Laute. Während ihr Äußeres immer mehr zerbrach, errichtete ich eine Fassade, eine kalte Mauer, ein gefasstes Gesicht, das der Welt zeigen sollte, dass ich noch nicht gebrochen war, dass immer noch ein Funke Hoffnung in meinem Herzen schimmerte. So sehr meine Seele auch geschändet war, sie war noch intakt – mein Herz schlug noch immer in meiner Brust und ich wusste, dass alles, woran ich mich nun noch klammern konnte mein eigenes Leben war.

Ich begann die Aufgaben meiner Mutter zu übernehmen, ich hatte gelernt zu kochen und für mich zu sorgen, hatte die kleine schäbige Wohnung, in der wir hausten so gut es ging in Schuss gehalten und meiner Mutter beigestanden. Seit mein Vater sie nach einem grausamen Streit verlassen hatte, war sie nie wieder Dieselbe gewesen. Es schienen Jahre vergangen zu sein, da ich in meinem Zimmer gesessen hatte, weinend und bangend und nichts gehört hatte, außer die Wutschreie meiner Eltern und den Beschimpfungen, die sie sich an den Kopf geworfen hatten. An jenem Abend war mein Vater hinaus in den Sturm gezogen und ich hatte ihn nie wieder gesehen.

Ich war ein Junge von sechzehn Jahren, ein Wrack von einem Menschen, ein Mann ohne Kindheit. Doch meine Maske verbarg das, was unter der Oberfläche schlummerte gleich einem Panzer, der meinen zerbrechlichen Körper umgab. Ich ging wie ein normales Kind zur Schule, knüpfte wie ein normales Kind Freundschaften und Feindschaften und niemand wäre je auf die Idee gekommen, welch Leid in meinem Herzen tobte. Es war, als würden zwei Geister meinen Körper wohnen: Der eine unversehrt, der andere geschunden. Beide Stimmen waren gleichgestellt – zuhause regierte das verletzte Ich und in der Öffentlichkeit war die Maske mein Verstand.

Es vergingen Wochen und ich hatte ein Mädchen kennengelernt. Kein gewöhnliches – in meinen Augen war sie das Licht der Welt, ein Engel, der vom Himmel herabgestiegen sein musste, so wie sie glänzte und strahlte. Ihr Haar schimmerte wie Gold und ihre Augen waren  von einem Blau tiefer als der Ozean. Ihre sanften Wangen, ihre weiche Haut – ich war ihr auf den ersten Blick verfallen.

Mit Unsicherheit und Furcht sprach ich sie an, rechnend abgewiesen zu werden. Sie war seit einer gefühlten Ewigkeit der erste Mensch, mit dem ich sprechen wollte, doch schien es mir, als hätte ich vergessen, wie man Worte und Sätze bildete.

Dennoch kamen wir ins Gespräch. Wir beide schienen uns auf Anhieb zu verstehen und bald schon war sie mir wichtig geworden, wichtiger, als ich es hätte zulassen sollen. Wir sahen uns fast jeden Tag und ich genoss es in ihrer Gegenwart zu sein. Wann immer sie anwesend war, schien sich eine seltsame Wärme durch meinen Körper zu winden, wie eine Glut aus Hoffnung und Glück. Ich erzählte ihr von meinen Sorgen, meinen Ängsten und nach ein paar Wochen hatte ich zum ersten Mal vor ihr geweint.

Ich hatte damit gerechnet, dass sie mich im Stich lassen würde, doch legte sie nur ihren Arm um mich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich bin für dich da“. In diesem Moment wusste ich es – es war Liebe. Ein derart berauschendes Gefühl hatte ich seit Jahren nicht gefühlt – es war Glück und Friede, unendlicher Einklang mit allem. Ein sanfter Lichtstrahl war in die Finsternis gedrungen; es war stärker und stärker geworden und endlich, endlich sah ich sie, nach all dieser Zeit – die Sonne.

Je weiter unsere gemeinsame Zeit voranschritt, desto schwächer schien die Furcht in meinem Herzen zu werden, desto dünner die Rüstung, die meinen gebrochenen Kern umgab. Meine Erinnerungen an das Grauen, dass ein Mann mir angetan hatte wanderte dorthin, wo sie hergekommen war – zurück in die Schatten. Ich war befreit – sie, der Engel, hatte mich aus meiner tiefen Depression gerissen.

Es war an einem sonnigen Tag, nicht zu heiß und nicht zu kalt, da ich ihr meine Liebe gestand. Nie werde ich den Moment vergessen, in dem sich unsere Lippen das erste Mal berührten und mein Herz für einen Moment inne hielt, auf das der Moment ewig währen möge. Sie war mein ein und alles und würde es immer bleiben, mein Engel.

Doch das Schicksal ist niemandes Freund. Heute weiß ich, dass ich nur deshalb Glück empfunden hatte, weil er es zugelassen hat. Er hat es gewollt. Er hatte gewusst, dass der Schmerz, der einem widerfährt, wenn man aus dem Licht zurück in die Dunkelheit gerissen wurde, der Stärkste war.

Der wohl traurigste Tag in meinem Leben hatte mit Sonnenschein begonnen. Ich war mit einem seltsamen Gefühl aufgewacht – ein Dejavu. Mir war wie an jenem heißen Sommertag, da ich ihm zum ersten Mal begegnet war. Am Horizont zogen Wolken auf, doch ich lebte im Jetzt und das heiße Licht der Sonne war alles, was mich kümmerte.

Ich und mein Engel waren in meinem Garten; verträumt starrten wir auf den Himmel, deuteten die Formen der Wolken. Ein kalter Windhauch fuhr durch die Hecken und trug ein leises Rascheln in meine Ohren. Ein Geräusch, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit einem Mal kehrten meine Erinnerungen an jenen Tag zurück, so deutlich, dass ich meinte, sie mit meinen Augen zu sehen.

Dann trieben schwarze Wolken vor die Sonne und warfen ein fahles Licht auf den Engel, der neben mir schlummerte. Der Glanz schien aus ihren Haaren entschwunden und ihre Haut wirkte blass und leblos. Mein Herz begann wie wild zu pochen.

Ein Donnerschlag setzte ein und feine Tropfen rieselten vom Himmel herab. Stärker und stärker nahm ich den Regen auf meiner Haut wahr, doch galt meine ganze Aufmerksamkeit der Schönheit, die regungslos zu meiner Linken lag. Meine Hände tasten ihre Haut ab und fühlten das Blut schwach durch ihre Venen strömen. Sie war am Leben, doch schien ihr Bewusstsein in höhere Sphären entglitten zu sein.

Ich tat alles, um sie aufzuwecken, rüttelte an ihr, flehte und schrie sie an. Sie rührte sich nicht. Voll Panik begann ich zu zucken und mein Blick fiel auf die Flasche, aus der sie getrunken hatte. Schlagartig wurde mir bewusst, was sie betäubt hatte und noch viel schlagartiger bemerkte ich die Ausweglosigkeit meiner Lage: Auch ich hatte vom Wasser gekostet, dass sie in den Schlummer geschickt hatte.

Das letzte, was ich sah, ehe die Dunkelheit meinen Geist umhüllte, war die Silhouette eines Mannes, schwarz wie die Nacht. Ein Blitz warf für einen Moment ein grelles Licht auf den Teufel, vor mir. Ich spürte die Kraft schwinden und kippte nach hinten. Diese eiskalten, grauen Augen, sie schienen wie ein Speer in mein Herz einzudringen und töten die goldene Wundergestalt, die es geheilt hatte, sodass all die Trauer, Furcht und Hoffnungslosigkeit wiederkehrten.

Ich erwachte mit einem jähen Dröhnen in den Ohren. Mein Kopf war schwer und schmerzte, und mein Blick getrübt durch einen schwarzen Schleier. Es dauerte eine Weile, bis meine Sinne zurückkehrten und ich fand mich in einem recht dunklen Raum wieder. Die Wände waren schmutzig und grau, farblos und ohne Emotion. Ich war nicht gefesselt, doch schien mein Körper sich nicht regen zu wollen. Mit aller Kraft versuchte ich mich zu erheben, doch brachte ich nicht mehr als ein reges Zucken zustande.

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich nicht alleine war. Einige Kerzen warfen ein fahles Licht in den Raum und ich konnte die Gestalt, die mir gegenübersaß nur schwer erkennen. Ich kannte die Person, war alles an ihr so anders. Ihre Züge voll Angst, ihr Haar fast farblos und die Haut bleich wie Kreide. Ich spürte es – mein Engel, er musste den gleichen Terror ertragen, den ich einst erlitten hatte.

Es war ein seltsames Gefühl aus Angst, Verzweiflung und Schuld, das mich gänzlich erfüllte und jede Faser meines Körpers durchzog. Mir war kalt wie Eis und heiß wie Feuer zu gleich. Was hatte ich getan? Der Mensch, der mir alles bedeutete, der mich in seine Welt geholt hatte… ich hatte ihn in meine gezogen. In meine finstere Welt des Grauens und des ewigen Leids. Wie könnte ich mich je dafür verantworten, was ich dem Engel angetan hatte?

Dann trat er hervor, aus der Finsternis. Er musste gemerkt haben, dass ich erwacht war. Seine Züge waren finster und leer und doch voller Schärfe. Es war ganz eigenartig, wie eine solche Ausdruckslosigkeit einen derart heftigen Ausdruck vermitteln konnte. So nüchtern und kalt starrte er mich an, begutachtete mich mit seinen blaugrauen Augen und setzte sich dann neben den Engel.

„Ich möchte, dass du etwas verstehst“, begann seine Stimme wie ein eisiger Blizzard zu flüstern. Ihr Klang schien alles Leben aus mir zu treiben und mich einzufrieren. „Ich möchte, dass du weißt, wie es sich anfühlt, etwas zu verlieren“

Ein kaum merkliches Lächeln überkam seine dünnen Lippen und sein tiefer Atemzug strömte wie der Winter durch den schäbigen Raum. Seine Worte waren wie Feuer, dass durch die Kälte brannte und einen Schmerz erzeugte, der so intensiv zu sein schien, dass ich für einen Moment glaubte, er könne nicht real sein.

„Auch mir wurde einst das genommen, was ich am meisten geliebt hatte. Verlust ist der größte aller Schmerzen und ich will, dass du erfährst, wie es sich anfühlt. Was du bisher durchlebt hast, war nur ein Vorgeschmack auf das eigentliche Dunkel, das dich erwartet“

Dann erhob er sich. Wie ein Geist glitt er hinter den Engel, der immer noch voll Angst zu schlafen schien. Seine Schritte waren von einer unbeschreiblichen Anmut – graziös und weich wie Seide und doch scharf und bitter wie die Klinge des Messers, das er gezückt hatte. Ich sah seine langen Arme zur Kehle des Engels wandern. In mir war jede Zelle erwacht und glühte nun in meinem Körper wie Lava. Ich wollte schreien, wollte ihm sagen, er solle sie verschonen und mich statt ihrer zu morden, doch gelang es mir nicht, einen Laut hervorzubringen.

Mein Herzschlag war unerträglich laut und schnell geworden und das Herz in meiner Brust hämmerte wie wild gegen den Knochen. Schweiß perlte von meiner kalten Stirn herab und meine Augen waren weit aufgerissen und starrten den Teufel vor mir an.

„Ich weiß, wie du dich fühlst. Du wünschst dir nichts sehnlicher, als sie zu beschützen. Du würdest sogar – dein eigenes Leben geben. So wie ich es einst tun wollte. Aber wie ich wirst du einsehen müssen, dass du völlig machtlos bist“, sagte er und schlitzte dem Engel die Kehle auf.

Mein Herz hielt für einen Augenblick Inne – genau wie damals, als ich sie das erste Mal geküsst hatte, doch war es nun die Finsternis, in die das Messer des Mannes mich gestoßen hatte und nicht das Licht, in das ihr Blick mich einst gezogen hatte. Wie ironisch, dass die Augenblicke, die man ewig halten will, entschwinden wie Rauch und die, die man von sich stößt, einen auf ewig verfolgen. Ich wusste, dass dieser eine Moment alles ändern würde. Ich wusste, dass dieser eine, grausame, schmerzhafte Moment mich ändern würde – für immer.

Mein Engel hatte mich verlassen und es war meine Schuld. Ganz allein meine.

V

Der Augenblick war grau und leer und für einen Wimpernschlag schien die Zeit still zu stehen. Ich vergaß den Teufel, der mir voll Kälte in die Augen starrte, den Engel, der sein Leben meinetwegen verloren hatte und nicht mehr war und auch die Finsternis, die meine Seele verschluckte. Für diesen winzigen Moment und nur für ihn, schien alles nicht real zu sein. Weder er, noch sie und auch nicht ich. Meine Hund war nicht gestorben, meine Eltern hatten sich nicht getrennt, der Engel nicht gefallen und mein Leben nicht der Trümmerhaufen, für den ich es hielt. Doch wusste ich, dass ich diese Illusion nicht festhalten könnte, nicht mehr, denn selbst meine Gedanken und Träume hatte die schwarze Krähe, der Teufel meiner Albträume, infiltriert und beherrscht. Ich war ihm ergeben, ganz und gar, hoffnungslos, hilflos, dem Tode geweiht.

„Dieser eine Moment“, begann der Mann zu sprechen, und jeder Laut war wie ein Messer, das rasend schnell in mein Herz stach, „in dem man alles zu verlieren scheint, ist der wirklichste und unwirklichste zugleich, findest du nicht?“

Ungläubig und voll Entsetzten starrte ich in das Gesicht der Kreatur vor mir und wo eben noch Stille und Dunkelheit gewesen war, stieg ein anderes Gefühl in mir auf. Ein Gefühl von heißem Feuer, brennend und tobend, doch war es nicht die Liebe, die mich einst erfüllt hatte, sondern etwas viel Stärkeres, Heftigeres – Hass. Jede Faser meines Körpers wünschte sich, ihm die blutige Klinge aus der Hand zu reißen, und ihn aufzuschlitzen, so oft, bis nichts mehr als totes Fleisch von seinem Körper übrig war. „Ich werde dich umbringen!“, schrie ich und meine Seele schrie mit mir. Es war ein tiefer, dunkler und böser Schrei, etwas, das aus den tiefen meiner Verzweiflung gekommen war und lange dort gebrütet hatte.

Zum ersten Mal überhaupt, sah ich ihn Lächeln. Es war ein befriedigtes Grinsen. Er musste wissen, wie ich mich fühle und er hatte gewusst, dass ich mich so fühlen würde. „Hättest du jemals gedacht“, der Mann vor mir ließ sich neben dem toten Engel nieder und strich ihr sanft über das fahle, spröde Haar, „dass du etwas derartiges empfinden würdest? Einen derartigen Zorn?“

Es machte mich rasend zu sehen, mit welcher Genugtuung er sein Werk betrachtete und mit welcher Gleichgültigkeit er der Leiche meines Engels gegenübertrat. „Nein, das hättest du sicherlich nicht von dir gedacht“, antwortete er für mich und betrachtete sein Opfer. „Sie war wahrlich ein schönes Kind, ganz wie du es bist. Sag mir, bereust du es? Bereust du es, ihr in ihre Augen gesehen zu haben? Bereust du es, sie geküsst zu haben? Bereust du den Moment, da eure Körper sich vereint hatten und du die grenzenlose Liebe empfinden durftest, jetzt, wo du siehst, dass aus Liebe niemals gutes folgen kann?“

Die Antwort mochte ich mir sparen. Er kannte sie bereits, so wie er alles zu wissen schien, alles über mein Leben, meine Gefühle, mich. Wer auch immer er war, was auch immer er sein mochte, so war ich ihm niemals überlegen gewesen. Welch Überheblichkeit hatte mich ergriffen, dass ich geglaubt hatte, ihm entkommen zu sein?

„Reue ist ein erdrückendes Gefühl, nicht? Sich zu wünschen, den ewigen Lauf der  Zeit zu verändern, welch Irrsinn. Ja auch ich kenne dieses Gefühl, ich kenne es nur allzu gut. Den Schlaf hat es mir einst geraubt, ehe ich einsehen musste, dass die Vergangenheit endgültig ist. Die Wahrheit liegt nur in dem, was bereits geschehen ist und nichts absolut gar nichts vermag es, diese Wahrheit zu verändern.“

Dass er begann von Reue und Wahrheit zu sprechen, es war als würde der Dämon von Erlösung und Frieden philosophieren und jede Pore in meinem Körper schien sich gegen den Gedanken zu wehren, dass er es war, der von höheren Idealen und Moral erzählte.

„Sie sprechen von Wahrheit? Sie, der mich mein ganzes Leben aus dem Schatten heraus belauert und manipuliert hat, der mich voll Freuden gequält hat?“

Sein Lächeln verblasste mit einem Hauch und seine Züge waren abermals kalt und scharf. Seine grauen Augen starrten wie Nebel in die meinen.

„Ich spreche von Wahrheit, denn im Gegensatz zu dir kenne ich sie. Ich habe dich nicht im Schatten belauert, ich bin dein Schatten – das, was du als Qualen bezeichnest, ist etwas, das ich dir begreiflich machen will. Ich quäle dich nicht, ich zeige dir lediglich, zu welchen Grausamkeiten eine einzige Person fähig sein kann und wie bösartig und schwarz die Welt tatsächlich ist. Es gibt kein Licht, gibt keine Hoffnung – das Leben ist ein ewiger Abgrund. Einige realisieren es früher, andere später und wieder andere gar nicht, doch sollst du, sie kennen, die Wahrheit und die Dunkelheit, die sich dahinter verbirgt“

Sanft wie ein Windhauch glitt er in die Finsternis und entzündete eine weitere Kerze, sodass mehr Licht in den klammen Raum dringen konnte und mein Blick die andere bleiche Gestalt in der Ecke traf. Sein Anblick war mir wohl bekannt, doch sträubte ich mich gegen ihn, wissend, dass ich nichts für  ihn tun konnte.

„Dieser Mann“, begann er mit spöttischem Ton voller Hohn, während seine Augen voll Verachtung den Mann, den ich Vater genannt hatte, musterten, „ist ein Lügner. Er ist ein Lügner, denn er hat dich belogen. Wissend, dass die Wahrheit irgendwann einmal das Licht finden würde, hat er dir Zeit deines Lebens ins Gesicht gelogen. Nun musste er den Preis dafür zahlen“

„Nein“, hörte ich mich sagen, doch mein Herz war kalt wie der Winter und empfand kein Mitgefühl für den Toten, auch wenn allein die Tatsache seines Todes mich paralysierte. Zweifellos war es ein bizarres Gefühl, den Mann, der mich aufgezogen hatte, leblos vor mir zu sehen und im gleichen Moment sein Ableben zwar zu bedauern, aber ihn nicht zu betrauern. In diesem Moment schien ich zu begreifen. Die Augen, mit denen der Tote mich angesehen hatte, sie waren nicht die eines Vaters gewesen.

„Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Ein Lied von Liebe und Verrat und endlosem Schmerz.

Ich lernte einst eine Frau kennen, von unermesslichem Wert und grenzenloser Schönheit, sodass ich glauben wollte, sie war ein Engel. Ich bin mir sicher, dass auch du so empfunden hast für dieses kleine, zierliche Kind“, sein Blick wanderte zu meinem gefallenen Engel und mir schien sich jedes Organ zusammenzuziehen. „Meine Liebe zu ihr war vom ersten Augenblick an nicht zu bändigen und inniger, als ich es je hätte zulassen sollen. Ich kannte sie nicht und sie kannte mich noch weniger und dennoch waren es unsere Herzen, die zueinander gefunden hatten. Die Nächte die wir gemeinsam verbrachten zähle ich noch heute zu den Schönsten meines Lebens. Ich malte mir allen Ernstes aus im Paradies angekommen zu sein“

Meine Gedanken kreisten um die eine Wahrheit, die langsam aus dem Schleier des Verbergens hervordrang und ich erahnte nun, wieso er mir all das zugefügt hatte.

„Das Schicksal ist niemandes Freund und so auch nicht meiner. Kaum eine Woche hatten wir verbracht, da stand sie mit Tränen in den Augen vor mir. Sie erzählte mir von einem Kind, das mein Samen hervorgebracht habe und auch, dass sie es nicht austragen könne, da sie fernab von diesem Ort einen Ehemann hatte. Naiv wie ich war, flehte ich sie an, sich von ihm zu trennen und ein Leben mit mir beginnen und unser beider Kind großzuziehen. Doch wandte sie sich von mir ab und ließ mich zurück, gebrochenen Herzens“, für einen Moment nur hielt er Inne und es wirkte, als würde der Mann mit den Tränen ringen.

„Erst später sollte ich herausfinden, dass sie das Kind ausgetragen hatte, aus Furcht das Leben ihres Fleisches zu schänden und aus Mitgefühl zu dem Bastard, den wir gezeugt hatten. Ich fand sie und fand auch ihren Sohn, ein wunderschönes Kind, und prompt hatte ich sie zur Rede gestellt, doch war das einzige, was sie mir entgegnen konnte, ihr Unverständnis und dass ich nicht länger Teil ihres Lebens sein durfte. Ihr Mann war ihr treu geblieben und hatte ihr verziehen, er hatte sogar eingewilligt, das Kind als Vater großzuziehen. Doch was hatte dieser Entschluss für mich zu bieten, außer Sehnsucht und Verzweiflung?

Es war an einem kühlem Sommertag gewesen, da ich beschloss, mein eigen Fleisch und Blut zu berühren, seine Haut und sein Haar ertasten, in seine Augen zu blicken mit dem Stolz eines Vaters. Doch sollte die Frau, die mir den Sohn genommen hatte, abermals in die Quere kommen und den Sohn meiner verwehren. Ihren Hund aber wollte ich hinrichten, so wie sie meinen gequälten Geist hingerichtet hatte, da sie mich immer noch nicht zu meinem eigenen Kind lassen wollte.

Als Polizist dann verkleidet, bekam ich zum ersten Mal die Chance, den Jungen leibhaftig zu sehen. Es war ein magischer Moment und ein Lächeln wollte mir entkommen, so schön war der Anblick meines Sohnes. Doch würde auch dieser Moment nur von kurzer Dauer sein.

Ich beschloss mich der Aufgabe deines Vaters anzunehmen und ihn zu weisen. Eine einzige Wahrheit wollte ich ihm beibringen und das Bild einer Krähe als Bote von Lüge und Trug schien mir nur all zu passend. Niemals hatte ich dem Kind körperlichen Schmerz zugefügt, doch seine Seele würde ich verletzen müssen, das war mir schmerzlich bewusst, schon immer, und dennoch hielt ich an meiner Aufgabe fest.

Ich musste ihn meine Gefühle durchleben lassen, meinen Hass und meine Liebe, bruchteilhaft doch hingabevoll, damit er dann, wenn der Zeitpunkt kommen würde, bereit für deinen Teil des großen Ganzen wäre. Ja mein Sohn hatte sich verliebt, wie ich einst, und wie man es mir einst angetan hatte, würde ich ihm diese Liebe nehmen müssen“, ein letztes Mal glitt sein Blick zum Engel neben mir, seine Augen feucht und voller Trauer.

Auch meine Augen konnten sich einer Träne nicht verwehren, denn ich begriff nun, wer er war und ich begriff nun, wieso er all das tat. Ich begriff nun, wer der Mann war und was ihn zu seinem Werk getrieben hatte. Würde man Tat und Motiv nun abwägen, so würde gewiss der Schmerz, dem man ihm zugefügt hatte, überwiegen und dennoch war es auch Abscheu, die ich für den Mann, meinen Vater, empfand.

„Weißt du Kind, wer an deinem Leid eigentlich die Schuld zu tragen hat?“, fuhr er mit bebender Stimme fort und eine weitere Träne rannte sein Nasenbein hinab.

Ich wusste es, ich kannte sie, die erschütternde Wahrheit, die alles veränderte. Mein Hass galt nun einer anderen Person. Mein echter Vater war grausam gewesen, doch mochte ich mir nicht ausmalen, wie groß seine Verzweiflung gewesen sein mochte. Sein Herz hatte ihn gewiesen und ich würde seine Entscheidungen nicht anzweifeln, nicht mehr, da ich sie nun zu verstehen vermochte.

„Ich weiß, wessen Schuld es ist, ja. Ich weiß nun auch, wer du, mein Vater, bist. Und ich weiß auch, wieso ich nun hier sitze, gegenüber dem gefallenen Engel und dem einstigen Teufel, der durch Verrat in die Schatten gestoßen wurde. Aber sag mir, was planst du nun zu tun?“

Nun war er es, der sich die Antwort sparen durfte. Ich kannte sie bereits, im tiefsten Inneren hatte ich sie vielleicht immer gekannt. All die Jahre hatte man mich belogen, mich aufs Tiefste verraten. Ein Verräter war bereits von ihm hingerichtet worden.

„Ich vertraue es dir an, mein Sohn“, sagte er mit sanfter Stimme mit einem Klang wie Wind und zum ersten Mal sah ich sein wahres Gesicht. Seine Maske war in tausend Stücke zerbrochen, die nun entglitten. Ich sah Furcht, sah Verzweiflung, sah Elend. Dann beschloss er, mein Vater, es zu beenden. Er hob die kupferne Klinge, mit einem Hauch von Silber und voll getrocknetem Blut, führte sie langsam an seinen Hals und ein weiteres Mal kostete die silbrig schimmernde Klinge das Blut eines Menschen.

Nun stehe ich hier in der Dunkelheit. Die wachsamen Augen der Nacht lasten auf mir. Mein Herz pocht, denn ich kann es schlagen hören, so wie ein schwerer Hammer von Stahl auf das Eisen des Amboss trifft. Meine Finger umklammern die blutige Klinge, die bereits drei Menschenleben gefordert hat, nach dem Blut des Vierten lechzend. Wie einfach es wäre, sie im Schlaf zu erdolchen. Ein einziger Schritt, ein einziger Hieb. Ich höre sie schlummern, die Mutter meines Körpers, doch nicht meiner Seele. Ihr Anblick ist geradezu ekelerregend, so abstoßend hatte die Wahrheit sie gemacht. Er hatte sein Werk mir anvertraut. Seinem Sohn. Was aber würde ich nun tun? Ich hatte die Macht zu entscheiden. Strafe oder Gnade? Blut oder Vergebung? Leben oder Tod? Ein Lächeln zeichnete sich auf meinen Lippen ab. Meine Entscheidung war gefallen.

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