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Ich lasse den Blick noch einmal nachlässig durch das Büro schweifen, dann wende ich mich ab und tappe langsam auf die gegenüberliegende Tür zu, knisternden Schrittes durch ein Meer aus abnormen Notizen und irrsinnigem Informationsbrei.

Muss hier raus, muss hier raus, ich muss... hämmert es durch meinen schmerzenden Schädel in dem die Rädchen rattern und rattern und rattern und sich damit abmühen, einen Zusammenhang zwischen all den Eindrücken der letzten Stunde zu finden. Aber offenbar ist etwas Sand in mein gut geöltes Getriebe geraten, denn die Zahnräder drohen zu verklemmen, und eine lähmende Panik macht sich in meinen Gehirnwindungen breit. Die kratzige Stimme übertönt alle anderen Gedanken: „In Kürze wird sie jemand abholen...“ Meine eiskalten Finger schließen sich um die Klinke der schmucklosen Eisentür, welche sich wider allen Erwartungen problemlos öffnen lässt, und ich schiele vorsichtig in einen weiteren kargen, verwahrlost wirkenden Gang. Er wird spärlich von einer kränklich flackernden Halogenröhre beleuchtet und im schummrigen Dämmer erkenne ich etwas, das wie die Überreste eines aufgelösten Messihaushaltes aussieht. Während ich mir meinen Weg auf das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels zu bahne, zwischen Plastiktüten voll mottenzerfressener Kleidung, kaputtem Kinderspielzeug und stapelweise vergilbter Zeitungen hindurch, versuche ich mich selbst mit einer Atemtechnik zu beruhigen, die ich irgendwann mal von einem alten Mönch auf einer meiner Reisen... wo war das doch gleich? Oh Scheiße, ich drifte total ab... Warum ist hier nur niemand? Man entführt mich, schnippelt unerlaubt an meinem Gekröse herum, das alles im Auftrag irgendeiner paranormalen, durchgedrehten Sekte, und jetzt kann ich einfach so gehen? Keine labyrinthische Todesfalle voll von blutlüsternen Dämonen, Nazivampiren oder Geisteskranken mit Kettensägen, die mich zum Teufel jagen wollen?

Trotz meiner Zweifel schaffe ich es, unbehelligt die Treppe zu erklimmen und aus der rostigen Eisentür (Sie steht einen Spalt breit offen, warum zum Henker ist sie EINFACH SO offen?!) nach draußen zu taumeln. Helles Tageslicht prallt auf meine unvorbereitete Netzhaut, und ich muss blinzeln. Als ich einigermaßen klar sehen kann, schnappe ich schockiert nach Luft.

Ich stehe am Rand einer belebten Straße und verdammt, ich KENNE diesen Straßenzug! Da ist das Cafe, in dem ich nachmittags gerne sitze und der hübschen Bedienung, erfolglos, schöne Augen mache. Und dort, der Fotoladen, in dem ich meine Bilder entwickeln lasse! Dr. Mengele fuhrwerkte also gemeinsam mit mutierten Monstern und mörderischen Okkultisten in einem Haus mitten in der Innenstadt fröhlich vor sich hin, viviseziert Entführungsopfer und verscherbelt deren Organe, und niemand bemerkt etwas davon?! Hektisch blickte ich noch einmal zurück in das Haus, erhasche einen Blick die Treppe hinunter, dann bemerke ich das große, merkwürdige Symbol, dass mit roter Farbe auf den abblätternden Putz neben die Tür geschmiert ist. Ich gehe einen Schritt zurück und versuche, die Rune (Blut, Scheiße es sieht aus wie Blut!) einzuordnen.

Da zuckt plötzlich ein stechender Schmerz durch meine Stirn, ich kneife die Augen zusammen und stöhne gequält auf. Scheiße, was ist das, spontane Migräne? Doch der Anfall verschwindet so schnell, wie er gekommen ist, und als ich die Augen wieder öffne, entfährt mir ein Laut der Überraschung. Das Haus ist verschwunden! Nein, nicht verschwunden... es hat sich einfach komplett verwandelt! Symbol und Metalltür sind fort, Fenster mit hübschen Blumenkästen davor sitzen plötzlich dort, wo vorher nur nacktes Mauerwerk war. Ein fröhlicher, hellgelber Anstrich unterstreicht den gutgelaunten Gesichtsausdruck der niedlichen Oma, die gerade dabei ist, ihre Geranien mit einer kleinen grünen Plastikgießkanne zu wässern. Ich erwidere ihr freundliches Nicken mit panischer Verständnislosigkeit.

Langsam tappe ich rückwärts auf die Straße. „Pass doch auf!“, keift mich ein Radfahrer an, der in letzter Sekunde noch ausweichen kann. Autos hupen. Ich erreiche die andere Seite und gehe wie paralysiert das Trottoir entlang, egal in welche Richtung, einfach nur fort. Ich remple gegen andere Passanten, nehme sie allerdings kaum wahr. Es fällt mir unglaublich schwer, mich auf meine Umwelt zu konzentrieren, denn alles, die Menschen, die Häuser, selbst die Wolken, die am Himmel entlang jagen, kommen mir auf einmal seltsam unwirklich vor, irreal und künstlich... Einige Leute drehen sich nach mir um, ein paar gucken weg, trotzdem nehme ich am Rande ihre Blicke wahr. Diese bestimmte Mischung aus Unbehagen, Mitleid und Ekel, die man ansonsten nur drogensüchtigen Obdachlosen oder geistig Verwirrten entgegenbringt. Aber wenn sie wüssten, was ich weiß, wären sie auch verwirrt und würden nicht so treudoof ihren trivialen Alltagsaufgaben nachgehen! Wut kocht in mir hoch. Und dann sehe ich, inmitten der Menge, das erste kostümierte Monster in Menschengestalt. Und ich weiß, dass sie gekommen sind, um mich zu holen.


~~ TheVoiceInYourHead~~


Nächster Teil - Verschwommen

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