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Der Staub fraß sich langsam aber stetig durch das von der langen Reise rissig gewordene Leder seiner Stiefel. Er war überall. Zwischen den Zehen, unter der Sohle, im Schaft der ehemals bemerkenswert gepflegten Stiefel. Auch im Schritt merkte der Mann, wie sich die kratzigen Körner auf seiner Haut langsam in das wunde Fleisch seiner Schenkel bissen. Der schweren Sack auf dem Rücken und der lange Rauledermantel schützten seine Brust und seinen Rücken weitestgehend vor dem heißen Wind, während das dicke Tuch vor dem Mund und das andere um den Kopf nur dafür sorgten, nicht gleich zu erblinden oder an dem verfluchten Staub und der Asche zu ersticken, doch hielten sie die Hitze nicht ab. Oft schon hatte er sich in den letzten Stunden gefragt, ob er lieber den Mantel ausziehen sollte, doch wagte er nicht, ihn zurückzulassen oder auch nur zu öffnen, aus Furcht, er würde fortgeweht und böte keinen Schutz mehr in der eiskalten Nacht, die bald kommen würde und sich durch die schnell sinkende, heiße Sonne ankündigte. Mal ganz abgesehen davon, dass der Sand, der Staub und die Asche seinen Torso bisher dank dieses Kleidungsstückes verschont hatten.

Die vorletzte Wasserflasche war bereits fast leer, und was sich darin befand, war kaum noch mehr als eine breiige Mischung aus den Schwebstoffen in der Luft und der ehemals klaren, lebenserhaltenden Flüssigkeit. Fluchend stolperte der Mann über einen Stein, unsichtbar unter dem Sand- und Aschegemisch, stürzte und fiel bäuchlings zu Boden. Keuchend, prustend blieb er einen Augenblick liegen. Genoss beinahe die Ruhe, wusste jedoch,  dass er vor Einbruch der Nacht eine sichere Stelle finden musste. Die gnadenlose Hitze am Tage und die ebenso tödliche Kälte der Nacht würden ihren Tribut fordern. Also rappelte er sich auf. Klopfte, mehr schlecht als recht, seine Kleidung glatt, befreite sie von dem gröbsten Schmutz und machte sich wieder auf den Weg.

Das kleine Feuer spendete Licht und Schutz vor den Kreaturen in der Wüste. Außerdem hielt es die Kälte soweit von dem Mann fern, dass dieser sich ein wenig entspannen konnte, um seine Ausrüstung zu überprüfen. Beim Sturz war eine seiner bereits leeren Wasserflaschen zerbrochen. Das verärgerte ihn maßlos, denn so wäre er bei der nächsten Wasserstelle ohne eine weitere Tagesration. Mit ein bisschen Glück und wenn er sich beeilte, wäre das zwar nicht nötig, denn das Ende der Wüste konnte er bereits am Horizont erahnen. Vielleicht noch zwei oder drei Tagesreisen ,aber zunächst musste er sich mit dem Tauwasser, das er über die Nacht auffing, begnügen. Sicher würde er morgen auf eine Möglichkeit der Wasserbeschaffung stoßen. Diese Hoffnung hielt ihn am Leben. Sein kleines Messer zückend, schnitt er das Dörrfleisch in kleine Portionen und kaute es langsam. Es war fade, zäh und ohne Aroma, aber ein bisschen Energie lieferte es doch. Das, was er noch hatte, würde noch für fünf Tage reichen, wenn er so sparsam blieb. Es war die sechste Nacht in der Wüste und die neunte seit er die Stadt verlassen hatte. Ein notwendiges Opfer und nur er konnte es erbringen.

Er hatte am nächsten Tag zwar nur eine kleine Menge Wasser in einer geschützten Senke hinter einem Felsen gefunden, aber es reichte, um die letzte Etappe sicher hinter sich zu bringen. So stand er nun vor dem Bergmassiv am Rande der Wüste und sah in Richtung Norden und Süden einige Karawanen nahe des schmalen Taleingangs, der auch sein Ziel war, langsam marschieren. Ein breites, zerfleddertes Lederbanner war in dem engen Einschnitt gespannt auf dem „Traders Cave“ in roter Farbe geschrieben war. Vier schwer bewaffnete und gepanzerte  Wachen standen vor dem Eingang in einer Art zusammengezimmertem Verschlag, der nur mäßigen Schutz vor den Elementen, aber dafür eine gute Verteidigungsposition bot. Für eventuelle Raubüberfälle, dachte sich der Mann.

Als er sich näherte, rief der Mann ihm einen barschen Befehl zu. Er hob die Arme, drehte sich langsam um sich selbst und zog zuerst das kleine, dann das große Messer und zum Schluss das Sax, ein kurzes, einschneidiges Schwert aus seinem Gürtel, zeigte der Wache, dass er keine Distanzwaffen bei sich trug und näherte sich dann  weiterhin langsam. Die Wache winkte ihn zu sich und tastete ihn nochmals ab, bevor sie ihn passieren ließ. Einige hundert Schritte in das Tal hinein wurden die Menschen zahlreicher, weniger abgewetzt und einige waren anscheinend sogar wohlhabend. Händler und Sklavenhalter vermutlich.

Lautes Geschrei, viele rufende Stimmen. Hier wurde Papier, dort eine Schmuckauslage feilgeboten. Essen und frisches Wasser gab es an den Ständen um die sich hungrige Kinder tummelten und immer wieder wurde diese von den Wachen der Händler fortgescheucht. Was nichts nützte, denn kaum war die eine Meute verjagt, kam die nächste und bettelte nach Almosen oder ein paar Stücken des hart gewordenen Brotes vom Vortag. Nicht selten versuchten sich einige der Kinder an den Taschen der Wachen zu bedienen, während sie von anderen abgelenkt wurden, fast nie klappte das. Die Wachen hatten sie sorgfältig gesichert und beim Schneider verstärken lassen. Ein solcher Alltag auf einem Markt, lässt die Männer Vorkehrungen treffen. Das dichte Gewühl ließ nicht nach und wurde sogar dichter,  bis er immer näher an den Hauptplatz kam, auf dem gerade eine Versteigerung von Kindersklaven lief. Die dicken Ketten um die dürren Knöchel klapperten bei jedem Schritt, während die Jungen und Mädchen auf dem  großen, runden Podest immer wieder im Kreis liefen. Untermalt von den Lobpreisungen des Sklavenverkäufers, warum die Kinder im Norden sehr viel zäher seien als die aus dem Süden und man sie doch besser jung kaufen sollte, um den maximalen Nutzen aus ihnen schlagen zu können. Das ganze weitgehend ignorierend, steuerte der Mann auf das gelbe Schild mit der Schlange und dem Bierkrug zu, was anscheinend ein Gasthaus am hinteren Rande des Platzes verhieß und somit weniger besucht war.

Die Schänke, in der er sich ein Zimmer nahm, bevor er zu seiner Aufgabe beim Verwalter, Leiter, Anführer oder Tribunal dieses Ortes widmete, wurde von einer überraschend fülligen und fröhlichen Frau geführt und hatte ihr Geschäft auf den Namen „Poisoned Beer“ getauft. Warum blieb ihm schleierhaft, war dies doch eher gästeabschreckend. Aber die Frau meinte, dazu gäbe es eine großartige Geschichte und wollte gerade ansetzten, diese in aller Ausführlichkeit zu erzählen, als er sie höflich, aber bestimmt unterbrach und nur um ein Zimmer und jemanden, der ihm Essen und Wasser auf das Zimmer brachte, bat. Wenn möglich würde er seinen Mantel noch reinigen lassen und bat die Frau, auch das zu veranlassen. Als die zugebenermaßen großartige Kochkunst der Frau verschlungen, das frische Wasser getrunken und der Mantel und auch die restliche Kleidung dem schmächtigen Bediensteten übergeben war, und ihm versichert wurde, morgen würden seine Sachen frisch gewaschen und geflickt auf sein Zimmer gebracht werden, zog er das frische Nachthemd an und es legte sich endlich eine wohlige Entspannung auf ihn und er konnte bis zum nächsten Morgen ohne Störung schlafen.

Das Tor der Stadtverwalter war aus dunklem Holz, zwei Manns hoch und wurde von sechs groben Kerlen bewacht. Diesen zeige er den Brief mit seinem Anliegen und wurde In den Innenhof geführt, wo er auf die Zeit für Audienz warten solle. Einige Kinder reicher Eltern spielten hier und tobten ausgelassen um die Bediensteten herum, die ihrerseits jauchzend das Spiel erwiderten. Kurz darauf scharrte es vernehmlich. Das Nebentor öffnete sich und man bat ihn, einzutreten. Ein kühler Raum. Da das Anwesen am Talrand lag und somit die meiste Zeit im Schatten, war es hier durchaus erträglich. Vier Männer, mittleren Alters, gut genährt, saßen an einem langen Tisch, voll mit Papieren, Büchern und Schriften, die wohl das Verwalten der Stadtsteuern und Verteilung der Güter in überschaubarem Maße hielten.

Der rechts außen Sitzende winke den Mann nach vorn.

„Ein Sendbote aus der brennenden Stadt bist du also. Was ist dein Anliegen? Die weite Reise kann doch nicht unseretwegen sein. Wir, wir sind doch nur eine kleine Handelsbastion und Durchreisepunkt zu den Eisenstädten und den Erntegründen im Osten.“

Langsam auf den Tisch zugehend und sein Hemd aufknüpfend begann der Mann zu sprechen:

„Richtig, Richtig. Nur ist es so, dass seit der Gründung ihrer Bastion keinerlei Abgaben an die brennende Stadt geleistet wurden, und da ich nun auf dem Weg bin, um das Bündnis mit den Ostsiedlern zu erneuern, ist mein Anliegen folgendes: Ihr müsst den Tribut von einem Zweihundertstel eures Warenumschlages der letzten drei Sommer unverzüglich an den Phönixkaiser entrichten. Schickt sofort Karawanen in die Stadt und er wird Gnade walten lassen. Das gesamte Volk hungert westlich dieses Gebirges und er kann nicht zulassen, dass die ausbleibenden Lieferungen durch die Aschewüste ein Dauerproblem werden.“

Die Verwalter wurden weiß. Doch der zuerst gesprochen hatte nahm sich ein Herz und sprach erneut, zwar mit leicht zitternder Stimme, aber entschlossen:

„Der Phönixkaiser hatte Glück, dass er seine brennende Stadt auf den alten Feldern des schwarzen Wassers gebaut hat, sonst wäre er niemals so mächtig geworden! Wir haben hier alles ohne seine Hilfe aufgebaut und seine stählernen Monstrositäten schüchtern uns nicht ein! Wir sind klein und kontrollieren doch den gesamten Warenfluss von Ost nach West. Wenn er uns drohen will, soll er das selbst tun und keine Handlanger schicken. Vorher werden wir keinen Tribut zahlen, der vollkommen ungerechtfertigt ist.“

Der Mann ließ den Kopf sinken, sah den Verwalter immer noch an. Er hatte innegehalten, sein Hemd aufzuknüpfen, während der alte Mann sprach und fuhr nun schweigend fort. Der letzte Knopf löse sich und er entblößte seine Brust. Eine Brandnarbe bedeckte seine gesamte Brust. In Form eines flammenden Vogels. Die Ränder waren fein säuberlich mit Tätowierungen hervorgehoben. Als die Männer das sahen, gingen ihnen fast die Augen über. Alle Vier rutschten sofort von den Stühlen, fielen auf die Knie und pressten die Stirn auf den kühlen Steinboden. Alle intonierten sie das Pflichtgelöbnis auf den Kaiser, immer und immer wieder. Aber der Mann sah beinahe gelangweilt an ihnen herunter und begann, erneut zu sprechen:

„Habt ihr es nicht gehört? Der Kaiser trägt seine Anliegen IMMER persönlich vor. Vor jeden Dorf, jeder Stadt, jeder Siedlung. Er tut das genau einmal. Das ist dann bindend. Meine Ankunft hat sich verzögert, ja. Aber das Gesetz das in meinem Reich immer noch und seit Anbeginn meiner Herrschaft vor fünfundzwanzig Jahren gilt, besagt, dass eine Siedlung nach Gründung, auch ohne vorherigen Besuch meinerseits, jährlich ein Zweihundertstel seiner Umsätze an die brennende Stadt zu entrichten hat, um die Versorgung der Einwohner des gesamten Südens, euch eingeschlossen, und den Schutz gegen die Eisfeldbewohner und barbarischen Räuber des Nordens zu gewährleisten!“

Mit diesen Worten schritt er auf den Anführer zu und zog die lange, sich zur Spitze verjüngende Klinge des Sax elegant aus seinen Gürtel.

„Die Strafe für Widerworte gegen den Kaiser war seit jeher der Tod. Die Tradition erfordert, dass ich selbst die Klinge führe, da ich das Urteil gesprochen habe.“

Mit diesen Worten stieß er dem zitternden Mann die Klinge in den Nacken. Blut floss und das armselige Leben des Gierschlundes erlosch.

„Es tut mir leid. Das hätte nicht passieren sollen. Ersetzt den Mann mit jemandem, der mehr Respekt vor der Feuerkrone zeigt. Sonst werde ich meine Truppen doch auf die Reinigung dieser Stadt ansetzten, anstatt auf die Grenzverteidigung. Habt ihr eine Ahnung, wie teuer der Transport für Treibstoff für die Panzereinheiten an den Grenzen sind? Ich will euch nicht mehr nehmen als ihr könnt. Deswegen sind die Abgaben auch so niedrig. Seit dem Weltenbrand, den unsere Großväter über uns gebracht haben, haben wir endlich einen funktionierenden Staat oder wollt ihr in die Barbarei zurück, wie die Wilden aus dem Norden? Nein? Dann überlasst die Schusswaffen eurer Wachen meinen Soldaten. Ihr habt ohnehin kaum Munition und die wird in der Eisenstadt aufgefüllt werden. Sie werden in einer Woche hierdurch kommen, um die Bataillone an der Küste zu stärken. Danke für Ihre Kooperation. Ich bin mit Ihnen.“

Mit diesen Worten nahm er sich eine Zeitung, die noch vor dem Weltbrand gedruckt worden sein musste. Ein altes und wertvolles Artefakt aus dunkler, Zeit, von einem Seitentisch, auf dem viele solcher Dinge präsentiert waren. Eine silberne Scheibe, dessen Zweck einmal die Speicherung von Musik war. Ein flaches Metallplastikkonstrukt, das für die Kommunikation gedacht war. Das erledigten heute die Zweiradmotorkuriere der kaiserlichen Garde. Langsam aber effektiv.

Mit dem Zeitungsstück wischte der Kaiser die Klinge sauber und warf es achtlos zu Boden.

Die Schlagzeile war ausgeblichen und fleckig, doch es war noch zu lesen:

„… want war? You get ´em  said, Pres… Trump”

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