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Die Sonne wärmte mein Gesicht. Meine Haare wehten mit dem Wind und schwangen im Takt. Schweißperlen rollten meine Stirn und meine Brust hinunter. Die Augen waren in die Ferne gerichtet, suchten kein Ziel. Mein Herz schlug schneller. Meine Beine schienen mich an das Ende der Welt tragen zu wollen, tragen zu können. In meinem Kopf war alles frei. Meine Gedanken waren frei. Mich konnte in diesem Moment keiner aufhalten. Ein Lächeln umspielte meine Lippen.

Ich lächelte eigentlich so gut wie nie. Zwar war ich nicht die trübsinnige Art Mensch, doch war ich sehr verträumt oder beschäftige mich lieber mit Comics und Büchern, als mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist nie so gewesen, dass ich andere Menschen nicht mochte oder sogar verachtete. Aber manchmal kam es mir so vor, als gehöre ich nicht in diese Gesellschaft.

Die Tage in der Universität bestätigten mir meine Gedanken jedes Mal aufs Neue. Zwar gehörte ich zu den beliebten Leuten, organisierte Veranstaltungen auf dem Campus und engagierte mich für die Erweiterung unserer Bibliothek und wurde auch oft um Dates gefragt, oder mir wurden Komplimente gemacht. Aber trotzdem wusste ich, dass mich die anderen „seltsam“ fanden.

Wenn ich nicht gerade laufen, oder schwimmen gegangen bin, saß ich unter Bäumen oder auf Wiesen und lese. Am liebsten tue ich diese Dinge allein. Der Kontakt zu anderen Menschen reizt mich nicht besonders. Die einzigen beiden die mir etwas bedeuten, sind meine Eltern. Niemand sonst.

Eines Tages sollte sich alles für mich ändern. Der Tag an der Universität war geschafft und ich wollte nur noch nach Hause und laufen gehen. Mich selbst herausfordern, mich an die Grenzen bringen und mich frei fühlen. Ich nahm mir an diesem Tag keine feste Strecke vor, sondern lief einfach los. Am liebsten bis an das Ende der Welt.

Nach einigen Kilometern wurde es plötzlich kühl und der Himmel fing an sich zu verdunkeln. Regen oder Unwetter störten mich nicht sonderlich, aber aufgrund meiner Mutter, die sich gern Sorgen um mich machte, beschloss ich den Rückweg anzutreten. Während ich schneller lief, stach mir ein kahler Fleck auf dem Feld ins Auge. Es sah aus, als hätte da jemand ein Lagerfeuer gezündet. Aber irgendetwas befand sich in der Mitte des Kreises. Und ich wollte herausfinden was.

Also Ich beschloss aus Neugier hinzulaufen und mir das Ganze genauer anzusehen. Je mehr ich mich dem Kreis näherte, desto heißer wurde es. Und desto schwerer fiel es mir umzukehren. Meine Haut fing immer mehr an zu kribbeln, ich konnte meine Augen kaum noch offen halten, geschweige denn normal atmen, so stark schlug mir die Hitze entgegen. Doch ein Feuer sah ich nirgends. Ich spürte, wie sich die Haut rötete, wie sie anfing Blasen zu bilden und an einigen Stellen aufplatzte. Mein Mund war trocken. Mein Hals fühlte sich an, als würde er aus Sandpapier bestehen. Meine Haare klebten mir auf der Stirn, im Nacken und auf den Schultern. Der herunterperlende Schweiß traf auf die Brandblasen und erzeugte so einen ungeheuren Schmerz. Meine Augen tränten und juckten. Mein Herz pochte wild in meiner Brust. Es fühlte sich an, als würde mein Blut anfangen in mir zu brodeln.

Sehen konnte ich nicht, schmecken konnte ich nicht, hören konnte ich nicht. Selbst einen klaren Gedanken fassen konnte ich nicht.

Ich war in der Mitte angekommen. Das merkten meine Beine, da sie gegen etwas Hartes stießen und die Berührung mit der verbrannten Haut einen unvorstellbaren Schmerz verursachte.

Ich kniete mich hin und versuchte den Gegenstand auf dem Boden mit meinen von Blasen übersäten Händen abzutasten. Das, was ich fühlen konnte, fühlte sich an wie ein großes schuppiges Ei. Ich hatte vor zurückzuspringen, doch mein Körper ließ mich nicht. Stattdessen begannen meine Hände sich wie von selbst in das Ei zu krallen und regelrecht zu glühen. Ich konnte verschmortes Fleisch riechen und ich spürte wie sich durch die Hitze nicht nur die Haut, sondern auch die Muskeln von den Fingerknochen lösten. Der Schmerz zog sich weiter nach oben, über meine Arme, meine Schultern. Dann weiter zum Brustkorb, zur Hüfte, bis hin zu den Beinen. Jede Muskelfaser wurde hart, ging in Flammen auf und begann sich vom Knochen zu schälen. Ich spürte diese Hitze in meinem Gesicht. Ich spürte, wie sie meine Augenbrauen und Haare versengte. Ich spürte wie die Haut anfing zu jucken, zu brennen und sich abertausende von Blasen auf meinem Körper bildeten. Ich spürte wie sich das Fleisch an den Wangen langsam begann abzulösen. Die Schmerzen waren unerträglich. Die Vorstellung, was mit mir passierte, war es auch. Der Drang zu schreien war gewaltig. Ich versuchte es immer wieder, doch mein Hals war völlig ausgetrocknet und rau. Keiner konnte mich hören, keiner wusste, was mit mir passierte.

Dann wurde alles weiß und jeder Schmerz wie ausgelöscht.

Das erste was ich wahrnahm, nachdem sich meine Augen öffneten, war sehr helles Licht und ein kalter, weißer, glatter Boden. Er fühlte sich an wie Marmor. Ich stand vorsichtig auf und sah an mir herunter. Die Haut und das darunter liegende Fleisch war völlig verbrannt. Alles war Rot und Schwarz. Meine Hände und Zehen bestanden nur noch aus verkohlten Knochen. Langsam fuhr ich mit meinen Fingerknochen über meinen Schädel. Die Haut, sowie die Muskeln waren kaum noch vorhanden. Ich hatte nur noch ein paar dünne Haare auf dem Kopf. Sie waren unglückliche Überbleibsel eines qualvollen Todes, so wie es schien.

Dann schaltete sich mein Verstand ein. Wenn ich tot war, warum spürte ich dann noch diesen Schmerz, warum habe ich immer noch das Gefühl, meine Mundhöhle und mein Hals wären aus Sand.

Mein Blick wanderte umher, nirgendswo konnte ich etwas erkennen. Es war alles weiß, bis auf mich. Ich ging ein paar Schritte vorwärts, bis etwas auf mich zurollte. Es sah aus wie eine glühende, pulsierende Kugel. Da ich daran zweifelte, dass der Schmerz noch schlimmer hätte kommen können, nahm ich die Kugel in die Überreste meiner Hände. Erstaunlicherweise war sie genauso kalt, wie der Fußboden und unglaublich leicht. Doch kaum konnte ich mir Gedanken darüber machen, ging sie in kalte Flammen auf und es schien als würde sie mich in sich hineinziehen.

Bilder tauchten vor mir auf. Eigentlich waren es eher dreidimensionale Szenen, in denen ich mich befand. Es waren die schlimmsten Ereignisse, die ich mir hätte vorstellen können.

Zum einen waren da Massen an kleinen Kindern, die gefoltert und gepeitscht wurden um ihre Arbeit ordentlich zu verrichten, dann sah ich hunderte Tierkadaver. Auf dem Eis, im Schnee, im Regenwald. Alle getötet und nur Einzelteile von ihnen mitgenommen. Ich sah Leichenberge von verhungerten Menschen, gefolterten Menschen, verstümmelten Menschen.

Die nächsten Visionen galten Tieren, als auch Menschen in Versuchslaboren. Sie waren bis zur Unkenntlichkeit mit Wunden und Narben übersät. Elektroschocks und Injektionen wurden an sie verteilt, als würde es ein Vergnügen darstellen. Sie wurden aneinander genäht und wieder auseinander gerissen. Es war grauenvoll.

Ich sah die Reichen, wie sie den Armen alles genommen haben. Ich sah kleine Kinder mit Granaten und Maschinengewehren spielen. Ich sah Mütter, die ihre Babys töteten. Ich sah Väter, die ihre Kinder und Frauen missbrauchten. Ich sah Menschen, wie sie sich selbst umbrachten oder umgebracht wurden. Doch das schlimmste was ich sah, das, was mich am meisten verletzt hatte, das waren meine eigenen Eltern.

Zuerst meine Mutter und ein fremder Mann. Sie stritten sich zunächst nur lautstark, dann schlug der Mann zu. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Meine Mutter lag am Boden und konnte sich kaum mehr bewegen. Dann öffnete der Mann seinen Gürtel und ließ die Hose fallen. Er kniete sich auf meine Mutter. Ich wollte wegsehen, weinen, schreien. Doch ich sah hin und blieb stumm. Eine brennende Träne rollte meine Wange hinunter, als ich sah, was dieser Mann tat. Dann schlitzte er meiner geliebten Mama die Kehle auf, ging weg und kam nicht wieder.

Die Szene wechselte zu meinem Vater, er war Soldat. Es sah aus, als würde er in einem alten Keller sitzen. Er blutete sehr stark an der Schulter und aus dem Mund. Zwei Personen mit Masken kamen zu ihm und zwangen ihn seinen Mund zu öffnen. Er hatte keine Zunge mehr. Das Gesicht war angeschwollen, durch etliche Schläge und seine Brust zierten schrecklich tiefe Schnitte einer Peitsche. Die beiden Menschen hoben meinen Vater auf und stellen ihn auf einen Stuhl. Sie legten ihm einen Strick um den Hals und ließen ihn fallen. Ich sah zu wie er zappelte, um Atem rang und schließlich doch erstickte.

Ich hatte genug gesehen. Nun war der Drang zu schreien nicht mehr da. Ich war bereit. Bereit das zu tun, was getan werden musste. Die Kugel glitt mir aus den Fingern. Und zerschellte auf dem glatten Boden.

Ein zweites Mal öffnete ich meine Augen. Ein zweites Mal sah ich an mir herunter. Mein Körper war vollständig, gesund und stark. Meine Sinne waren geschärft. Ich spürte einen heißen Atemhauch in meinem Nacken und drehte mich um. Hinter mir stand das schönste und stärkste und zugleich doch furchterregendste Geschöpft, das ich je gesehen hatte.

Es kniete sich hin und bot mir seinen Rücken an. Meine Hand glitt über den warmen schuppigen Hals und ich kletterte hinauf. Der Gedanke an meine Eltern betrübte mich, doch zugleich ermutigte er mich auch zu meinem Vorhaben.

Ein weiteres Mal entstand ein Lächeln auf meinem Gesicht. Doch dieses Mal bleibt es bestehen.

Die Ära der Menschen ist vorüber. Sie werden für ihre Taten brennen, so wie ich einst gebrannt habe.

Denn die Ära der Drachen hat begonnen.

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