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Ein neues Haus, ein neuer Anfang. So hatten wir es geplant.

Lange war es her, dass wir zu Hause frei durchatmen konnten. Dafür hatten die jüngsten Vorfälle zwischen mir und meiner Frau gesorgt, man könnte sagen, die Lage war aus verschiedenen, eher kleinlichen Gründen einfach angespannt. Trotzdem konnte ich die Beziehung zu meiner Frau nicht einfach aufgeben. Erst ein Jahr waren wir verheiratet, seit nun 5 Jahren zusammen. Renate... Sie war die schönste Frau auf der Welt, eine brünette Schönheit mit zarten Sommersprossen und den grünsten Augen, die ich je gesehen habe. Es gab wirklich keine andere für mich, auch wenn sie das noch vor kurzem zu glauben wagte.

Jetzt war jedoch alles wieder in Ordnung. Der Streit war beiseite gelegt und wir konnten eine richtige Familie werden, mit Kindern und einer Katze oder einem Hund und Partys im Sommer und einem richtigen Weihnachten. Zumindest hoffte ich es.

Zugegeben, die letzten Streite hatten an uns beiden Spuren hinterlassen und unsere Nerven zerfressen. Damals beschloss ich, handeln zu müssen. Ich konnte diese wunderbare Frau doch nicht einem solchen Leben überlassen, ich war fest überzeugt, wir bräuchten einen Neustart. Also zogen wir um.

Mittlerweile befand ich mich direkt vor unserem Haus; bereit, unser ganzes Leben hineinzupacken, setzte ich mich in Bewegung.

Momentan war meine Renate noch nicht hier, und ich musste wohl das Auspacken und Einräumen selbst übernehmen. Glücklicherweise hatte sich die Umzugsfirma bereits um die Möbel gekümmert und mir nur die Kartons mit den kleineren Dingen dagelassen...

Mit einem breiten Grinsen stand ich im Flur, der an der Eingangstür unseren neuen Heimes anschloss und in die einzelnen Räume des Gebäudes führte.

Drei Türen links, eine rechts und die Treppe am Ende...

Es war ein älteres Haus, vermutlich Mitte der Siebziger erbaut, und als solches Gebäude auch nur schwer verkennbar. Alleine der Anblick der Tapeten zeugte davon mit Mustern in verblassten Pastelltönen, wie es damals üblich war. Heute würde man sie allenfalls als geschmackslos bezeichnen.

Eine nackte Glühbirne hing von der Decke und versuchte mit aller Kraft den düsteren Gang zu erleuchten. Auch sie konnte genauso gut aus der Bauzeit des Gebäudes stammen und bot zusammen mit dem zerkratzten Parkettboden einen seltsam harmonischen Anblick.

Jeder andere hätte gesagt, es sei eine Bruchbude, unmöglich wieder herzurichten. Aber nicht meine Renate, sie ist eine ziemliche Träumerin... sie hatte das volle Potential dieses Ortes erkannt und einen Neuanfang gesehen, für uns und unsere Liebe... auch wenn ich mir die Sache mit dem Haustier nochmal überlegen musste...

Ich warf den Hausschlüssel triumphierend in die Luft. Renate war noch nicht angekommen, also konnte ich beweisen, wie ernst es mir war und bis zu ihrer Ankunft das Haus fertig einrichten. Es war eine ganze Menge Arbeit, alle Kartons hineinzuschaffen, beginnend mit dem Geschirr und der Wäsche bis hin zu Elektrogeräten und Büchern.

Renate hat so viele Bücher! Sie liebte Bücher, vor allem beim Anblick von klassischen Werken wie "Die Abenteuer des Tom Sawyer" oder "Alice im Wunderland" konnte sie sich kaum halten.

Ich verharrte, als ich die braunen Flecken auf ihrem Lieblingsbuch, dem Thomas Harris-Roman "Das Schweigen der Lämmer", sah.

Natürlich liebte ich meine Frau sehr, doch würde mich dieser Schandfleck ewig an unseren letzten Streit erinnern. An diesem Abend war so einiges zu Bruch gegangen und sogar beinahe unsere Beziehung. Es passte einfach nicht zu unserem neuen Leben. Achtlos ließ ich den Wälzer in die Papiertonne fallen und beschloss, Renate zu erzählen, dass das Buch beim Umzug verloren gegangen war. Jetzt, wo sie mir wieder glaubte, würde das schon gehen.

Schnaufend trug ich die beiden letzten Kartons die knarrende Holztreppe hoch und auf unser Schlafzimmer zu. Es war ein helles Zimmer mit zwei kleineren Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite der Tür. Trotzdem war noch viel zu tun, um diesem Raum mit seinen kahlen weißen Wänden eine angenehme Ausstrahlung zu verleihen.

Voller Vorfreude stellte ich die Kartons auf dem Bett ab und öffnete sorgsam das Klebeband mit dem Cutter aus meiner Hosentasche. Im selben Moment spürte ich eine Präsenz hinter mir und der alte Dielenboden knarrte unter dem Gewicht der Person, die soeben das Zimmer betreten hatte. Endlich... Ohne weiter darüber zu grübeln, wer es sein könnte, fragte ich: "Na Renate, wie gefällt's dir? War 'ne Menge Arbeit ohne deine Hilfe, aber für dich mach ich doch alles.... aber das weißt' ja."

Ein leises Lachen kam als Antwort: "Klar doch, Schatz..."

Sie trat von hinten an mich heran und warf ihre schlanken Arme um meine Schultern, während ihr vertrauter Geruch mich in Geborgenheit wog. Nachdenklich fuhr sie fort: "Das Haus ist alt und verstaubt, aber es wird perfekt hier, weißt du?"

Sie hatte mit dieser süßen, neckenden Stimme geantwortet, derselben Stimme, mit der sie mich vor all den Jahren um den Verstand gebracht hatte.

"Hauptsache, wir werden eine richtige Familie." Die Worte krochen mir nur leise und schuldbewusst von den Lippen, diese Situation hatte alleine ich zu verantworten, das wusste ich.

Renate entkam ein bitteres Lachen, welches ihren kalten Körper erzittern ließ,

"Träum weiter, aber verlass dich darauf, es wird perfekt..."

und ich holte die letzten Teile ihrer verstümmelten Leiche aus den Kartons.

"Die perfekte Hölle für uns beide..."

Autor: Noface A

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