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Ich öffnete die Augen unter strahlend blauem Himmel mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Die raue Rinde des stummen Riesen kratzte mir leicht über den Rücken, als ich mich rührte, allerdings auf die angenehme, zärtliche Weise, wie die Kratzer einer begeisterten Liebhaberin. Naja, vielleicht nicht ganz so, aber ähnlich. Ich gähnte und ließ meinen Blick umherschweifen. Wohin ich auch schaute, überall nur saftiges, grünes Gras, uneingeschränkter Blick. Keine Häuser, keine Straßen, keine Geräusche außer die sanfte Umarmung des Windes, der die Blätter des Baumes umspielte, an dem ich lehnte. Ich richtete mich auf, ging ein paar Schritte und blickte mich erneut um. Noch immer nichts. Das Gras kitzelte meine nackten Füße bei jedem Schritt.

Plötzlich zog etwas an meiner Hand. Mit pochendem Herzen wirbelte ich herum. Ein kleines Mädchen sah mich ängstlich an. Ich atmete erleichtert auf. Ich musste sie in dem hohen Gras übersehen haben. „Hallo. Wer bist du denn?“, fragte ich sie mit ruhiger Stimme. „Wer bin ich? Ich bin ich. Vielleicht bin ich auch nicht ich. Bist du denn du?“, floss es aus ihr heraus. „Äh.. was?“, fragte ich, jetzt doch etwas verunsichert. „Naja, ob du eben du bist“, wiederholte sie, als wäre ich schwer von Begriff. „Ja.. natürlich. Wer sollte ich denn sonst sein?“ Ich legte den Kopf schief. „Woher weißt du, dass du du bist? Vielleicht bist du ja ich, und ich bin du, oder vielleicht sind wir auch beide jemand komplett anderes.“ Mir schwirrte etwas der Kopf. „Aber wie können wir denn jemand anderes als wir selbst sein?“, wollte ich wissen. „Tja, wie genau das funktioniert, ist und bleibt ein Rätsel. Woher weißt du denn, wem der Körper gehört, in dem du dort steckst? Woher weißt du, dass du existierst? Kannst du denn beweisen, dass du existierst?“ „Ich denke, also bin ich“, sagte ich, einer Eingebung folgend. Sie reagierte darauf nicht. „All das hier, was hier passiert... das ist nicht real, oder?“ Jetzt lächelte sie das erste Mal. „Wer weiß? Wenn all das hier nicht real ist, dann bist du es doch auch nicht, schließlich bist du doch hier..“

Ihr Lächeln verzog sich zu einem nahezu boshaften Grinsen. Ich schauderte und wich einen Schritt von ihr zurück. Sie trat wieder an mich heran. Der Himmel hatte sich in der Zwischenzeit grün-schwarz verfärbt. Ich stieß sie von mir weg. Es platschte, als sie rückwärts auf den Boden fiel. Erst jetzt bemerkte ich den strengen Geruch, die Wärme. Das Gras um mich herum verwischte, verschwand schließlich ganz. Ich blickte an mir herab und realisierte, dass ich bis zu den Knöcheln in Blut stand. In einem Meer aus Blut und Eingeweiden, das in keiner Richtung ein Ende zu nehmen schien. Das Mädchen richtete sich wieder auf. Ihr Blick und ihr Grinsen jetzt definitiv bösartig, nahezu dämonisch. „Bleib doch noch ein bisschen..“, raunte sie jetzt, mit einer Tonlage, die eher an die groteske Verspottung einer menschlichen Stimme heranreichte, als zur Kommunikation gedacht zu sein. Endlose Ströme von schwarzem Blut flossen dort herab, wo ihre Kehle hätte sein müssen, vermischte sich mit dem Blut, in dem wir standen, fütterte den endlosen Ozean aus einer nimmer endenden Quelle. Ich schrie vor Angst und rannte auf den Baum zu, da er der einzige Punkt war, der eine Art Orientierung, eine trügerische Sicherheit an diesem Ort der endlosen Angst bot. Das Blut unter mir schien mit jedem Schritt zähflüssiger zu werden, so als wollte es mich persönlich an der Fortbewegung hindern. Ich blickte zurück. Das Mädchen schwebte ein paar Zentimeter über dem roten Ozean, in aller Ruhe, als wäre das hier das normalste auf der Welt. Bei dem Gedanken, dass es das für sie vielleicht auch war, begann ich zu zittern. Ich richtete meinen Blick wieder auf den Baum vor mir. Doch da war kein Baum mehr. Dort erstreckte sich ein riesiges Gebilde aus Knochen, das den Himmel zu ergreifen schien, ihn mit gewaltigen, scharfkantigen Klauen an sich zu reißen, in schier endloser Gier. Mein Blick wanderte an die Stelle, an der ich zuvor gelehnt habe, oder zumindest glaubte, es getan zu haben. Etwas, was ich auf den ersten Blick nicht erkennen konnte, hing dort, mit Splittern in das Gebilde getrieben, wie festgenagelt. Die brennende Qual setzte im Moment der Realisation ein. Ich brach schreiend in die Knie. Was dort hing war die Haut meines Rückens, die mir vom Leib gerissen wurde, als ich vor wenigen Minuten noch so sorglos aufgestanden war. Blut strömte an mir herab, begierig darauf, endlich die nimmersatte, rote Flüssigkeit, in der ich jetzt kniete, mit sich zu füllen. Das Mädchen packte meinen Kopf und riss ihn nach hinten, um mir direkt in die Augen zu gucken. Von ihrem Gesicht war kaum noch etwas zu erkennen. Wo vorher Mädchenaugen glänzten, steckten nun glühende Kohlen, ihr Grinsen war einer Reihe scharfer Fangzähne gewichen, die das grünliche Leuchten des Himmels reflektierten. „Komm“, sagte eine Stimme, deren Ursprung sich nicht bestimmen ließ. „Lass mich sehen, wer wirklich in diesem Körper steckt...“

Ich schreckte aus meinem Traum hoch, als jemand mit beiden Händen auf meinen Tisch schlug. Erschrocken blickte ich mich um. Ich saß in der vordersten Reihe eines Klassenraumes, vor mir eine wütend aussehende, ältere Lehrerin. „Wenn Sie schon der Meinung sind, in meinem Unterricht schlafen zu müssen, so wäre es schön, wenn Sie im Schlaf nicht kreischen, wie ein kleines Mädchen.“ Allgemeines Gelächter breitete sich aus. „Es.. tut mir leid... denke ich..“, nuschelte ich, noch immer versuchend, meine Situation zu erfassen. „So so, denken Sie also. Und wahrscheinlich denken Sie, damit ist alles gut, was?“ Sie tippte mit einem Zeigestock auf meinen zugeklappten Block. „Sie haben die letzten vierzig Minuten auf ihr Papier gesabbert, anstatt es zu beschreiben. Glauben Sie bloß nicht, ich helfe ihnen beim Aufholen.“ Ich seufzte. „Nein, natürlich nicht.“ Sie blickte mich scharf an. „Aber eines.. habe ich noch nicht verstanden.“ Ich erwiderte den Blick. „Und das wäre?“ „Du hast mir noch immer nicht verraten können, wer du bist“, sagte sie in einem nüchternen Tonfall. „Wer ich bin? Wie meinen Sie...“

Die Stimme versagte mir, als ich realisierte, was sie gerade gefragt hatte. Die glühenden Kohlen, die mir eben noch aus dem Gesicht des Mädchens entgegen gestarrt hatten, glommen mir jetzt aus den strengen Zügen dieser Frau entgegen. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er alle Verbindungen zu meinem Körper gekappt und befände sich im freien Fall. „Helft mir!“, schrie ich panisch, sprang von meinem Pult auf, wirbelte herum, um mir Hilfe von meinen Klassenkameraden zu holen. Doch da waren keine Kameraden. Dort, wo eben noch Gleichaltrige schadenfroh gelacht haben, saßen jetzt nur noch Menschen mit furchtbar entstellten Krähenköpfen. Einem fehlte ein Auge, einer war zerrupft, ein anderer hatte eine klaffende Wunde auf der Stirn, die bereits faulte. Maden quollen aus ihr hervor, wie Wasser aus einer Quelle, fielen auf den Tisch, wanden sich, krabbelten auf die Arme der Person zu, krochen unter ihre Haut... Das war zu viel. Ich stürzte auf die Knie und übergab mich, wozu auch der widerwärtige Fäulnisgestank, der von diesen Personen ausging, einen großen Teil beitrug. Als einige Maden in die Pfütze meines ehemaligen Mageninhalts stürzten, richtete ich den Blick auf. Die Pulte waren verschwunden, ich fand mich in einem leeren Raum wieder, umkreist von diesen Dingern. Trotz der glühenden Augen war die Frau, oder das Ding, das ich für eine Lehrerin gehalten habe wohl das, was noch am ehesten menschlich war. Ich wurde auf den Rücken geworfen, scharfe Schnäbel hackten auf mich ein, rissen mir das Fleisch von den Knochen, wollten mich verschlingen, doch spürte ich den Schmerz nicht. Überhaupt war dort nichts mehr. Alles was ich noch wahrnahm, war die Frau, die in geringem Abstand zu mir stand und auf mich herabsah. Dann entsprang ein hysterisches Lachen ihrer Kehle, als sie von innen aufriss. Eine schwarze, über und über mit Augen verschiedenster Farben und Zähnen verschiedenster Form bedeckte Masse fiel über mich her, zog an meiner Seele, riss meinen Geist aus meinem Körper, um ihn mit heißem Rachen zu verschlingen.

Wieder schreckte ich hoch. Ich saß in einem Raum, der teils von weißen, teils von verspiegelten Wänden umgeben war. In der Mitte einer der Spiegelwände befand sich eine metallene Tür ohne Griff. Ich starrte sie eine Weile an, ließ meinen Blick dann am endlosen Weiß der anderen Wände entlangwandern. Die Tür flog heftig auf. Vier schwarze Ritter, mit Helmen, die schrecklichen Ungeheuern nachempfunden waren, marschierten in den Raum und direkt auf mich zu. Ich keuchte erschrocken auf, rannte in die Ecke, die der Tür am weitesten entfernt lag, doch es half nichts, es gab kein Entkommen vor ihnen. Einer von ihnen gab ein Zeichen, woraufhin ein anderer einen Dolch aus seinem Gürtel zog. Ich keuchte, dann stürzte ich mich in wilder Panik auf ihn, wollte ihn entwaffnen, mit seinem Dolch irgendwie den Weg freikämpfen, doch ich hatte keine Chance. Zwei von ihnen packten mich, hielten mich fest. Ich zappelte, versuchte sie abzuschütteln, doch es half nichts. Der Größte von ihnen, dessen Helm den Kopf eines Löwen mit Hörnern darstellte, nickte dem mit dem Dolch zu. Ich schrie auf, als die Klinge auf meinen Hals zuflog, die Haut durchstieß, sich in mein Fleisch bohrte.. Als der Pfleger die Spritze aus meinem Hals zog und ich spürte, wie ich langsam schlapp wurde, sagte der Arzt besorgt zu mir. „Bleiben Sie ruhig. Niemand tut Ihnen etwas. Wir wollten nur das Essen bringen.“ In seinen Augen lag ehrliche, tiefe Sorge. „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen, verstehen Sie das?“, fragte er. Ich nickte. „Ja.. danke.. es war schrecklich, aber zum Glück sind Sie jetzt hier.“ Bevor ich bewusstlos wurde, sah ich noch, wie einer der Pfleger etwas auf einen Zettel schrieb.

Tag 228. Zustand unverändert.

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