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Schnee glitzert, Kälte klirrt, es ist ein wahrer Wintertraum heute. Nachts ist frischer Schnee gefallen, so einzigartig das Weiß, man könnte sich stundenlang im Anblick der Landschaft verlieren. Nur ein einziger Flecken am Waldrand ist völlig unberührt vom Schnee, sanftes Grün schimmert einem schon von Weitem entgegen, bietet dem Auge eine willkommene Abwechslung in dieser reinweißen Einöde. Es scheint fast, als hätte der Winter genau hier Halt gemacht, als gäbe es etwas Heiliges dort, was er nicht zu berühren wagte. Oder etwas Unheiliges.

Eine mächtige Eiche steht dort, breit, ihren Platz behauptend. Ein Patriarch unter den Bäumen, alt und dennoch voller Kraft. Kein Wunder, dass der Winter hier keine Macht hat. Aber liegt da nicht etwas zwischen den Wurzeln? Rot schimmert hier und dort durch das Grün und Braun. Zudem ist ein leises Summen zu vernehmen. Wie von Bienen, die sich über einen üppig blühenden Baum hermachen. Tritt man näher, wird das Summen lauter, fast bedrohlich.

Tritt man näher, kann man auch Details erkennen. Ja, komm noch ein Stück heran. Sieh, sieh, warum der Winter seine Finger nicht an diesen Ort gelegt hat. Warum er zurückschreckte. Sieh das Moos, welches sich um die Wurzeln legt, wie ein Liebhaber sich des Nachts an eine Frau schmiegt. Schau nur genauer hin, das Moos und die Wurzeln – bilden sie nicht eine äußerst seltsame Form? Kommt sie dir nicht bekannt vor. Man könnte meinen, die Natur habe in einem Anfall von Schabernack die Wurzeln und Moos so geformt, als würde dort eine Frau liegen. Und diese Flechten, sehen sie nicht aus wie Haare? Sind das nicht Haare?

Näher, näher, deine Neugier will befriedigt werden. Du willst es wissen, willst es genau sehen, auch wenn sich deine Nackenhaare jetzt bereits schon in dunkler Vorahnung aufrichten. Auch wenn dir die innere Stimme deiner Instinkte zuruft, du sollst besser verschwinden. Keine Angst, dir wird kein Leid an deinem Körper geschehen. Für mehr kann ich leider nicht garantieren, jemand muss mein Werk ja finden. Sieh genau hin, dann erkennst du auch die weit aufgerissenen blauen Augen...

Lauf, lauf. Hole die Behörden. Es muss an die Öffentlichkeit kommen. SIE muss an die Öffentlichkeit kommen. Es muss berichtet werden von der Frau, die mit Moos bewachsen und von Wurzeln durchdrungen hier liegt – zu Füßen einer mächtigen Eiche, mit der Erde vermählt. Sie war sogar noch am Leben, als die ersten Polizisten eintrafen. Sie sahen in ihre Augen, hörten das Summen, entdeckten die Naht, die den Mund verschloss. Ein sanfter Schnitt, dann eine brodelnde Masse von gelb-schwarzen zornigen Leibern. Hornissen. Welch Schmerzen das gewesen sein müssen. Dutzende Stiche, die Luftröhre zugeschwollen und doch - kein Laut war von der Frau zu hören. Stand sie unter Drogen? Die Untersuchungen sagen nein. Soviel Willenskraft...

Die Wurzeln sind tief in die Haut eingedrungen. Selbst das Moos hat sich hier auf der Haut niedergelassen, lebt darauf. Körper und Pflanzen bilden eine seltsame Einheit. Nur die Zeit selbst kann solch eine Verbindung schaffen. Was für ein Mensch tut so etwas? Später wird die Frage anders gestellt werden müssen: Was für ein Mensch lässt dies freiwillig mit sich machen? Denn die Zeichen sind eindeutig. Hier war keine Gewalt im Spiel- zumindest keine, die gegen den Willen dieser Frau geschah.

Nicht meine Hand hat sie getötet. Die unvorsichtigen Handgriffe der Polizei waren es. Zerrten sie ohne Nachzudenken aus dem Schoß der Erde. Die Wurzeln wurden ihr aus der Haut gerissen, rissen auch große Löcher in ihre Eingeweide, in ihre Lunge und in ihr Herz. Soviel Blut. Blut, das die Erde tränkt, ihr Nahrung gibt. Ein schönes Abschiedsgeschenk. Meine wunderbare Freundin. Dort wo ich stehe, schenke ich der Erde auch Nahrung. Meine Tränen versickern im Boden. Wieder durfte ich nur dienen. Durfte mich nicht selbst erheben. Wie schön wäre es gewesen, dort zu liegen. Eins zu werden mit der Erde. Doch wieder bleibt es mir versagt.

Meine Hände greifen zärtlich nach einem dünnen Ast, brechen ihn vorsichtig ab. Mein Messer findet das Holz, formt es, spitzt es, bis es perfekt ist. Ich streiche damit über die Haut, zeichne das Zeichen der Erde auf meinen Arm, trockne das Blut mit – Erde.

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