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Dunkel liegt die Stadt. Viel zu dunkel, selbst für diese Stunde. Die Schlafenden berührt es nicht, doch in diesem Moment beginnen überall in der Stadt Mobiltelefone zu klingeln, reißen einige Schläfer aus ihren Träumen. Der Morgen ist noch weit, dies wird eine lange Nacht. Eine, die für viele nie enden wird.

„... wir sind WAS?“ Die Stimme, eben noch verschlafen und unwillig, nimmt nun einen scharfen, herrischen Ton an, kann und will es dennoch immer noch nicht glauben.

„Wir sind...“, am anderen Ende klingt es nervös, da ist jemand nicht nur um seine Arbeitsstelle besorgt. „Wir sind einfach nicht mehr am Stromnetz. Genau genommen die ganze Stadt. Die Techniker sind schon informiert, aber wir brauchen Sie vor Ort als Entscheidungsträger. Auf meinem Plan haben Sie Rufbereitschaft, also....“

„In 20 Minuten bin ich da, dann will ich genau wissen, was los ist!“, knurrt es nun wieder zurück.

Solche und ähnliche Gespräche werden jetzt in diesem Moment zu Dutzenden geführt.

Ratlosigkeit, Unmut und mitunter auch schon leichte Panik bestimmen die Gedanken derer, die wach sind oder gerade geweckt werden. Niemand hat einen Überblick, aber die Aussicht ist jetzt schon ernst. Notgeneratoren springen an. Überall werden Notfallpläne aus ihren Ordnern genommen und studiert. Noch mehr Telefonate gemacht. Besorgte Blicke auf Batteriestände geworfen. Taschenlampen ausgeteilt.

Eine Stunde später sind auch die Behörden informiert. Es gibt keinen Strom. Nach Einschätzung der Lage erst gegen Mittag wieder, wenn einige Ersatzteile ausgetauscht wurden. Die Angaben sind vage, sogar für politische Maßstäbe. Es ist immer noch dunkel, aber die Stadt beginnt schon langsam aufzuwachen. Füße stoßen an Möbel, Flüche schwirren durch die Dunkelheit, als man feststellt, dass es kein Licht gibt. Und vielerorts damit weder eine warme Dusche noch Kaffee. Man behilft sich mit batteriebetriebenem Licht und Kerzen. Findet sich ab, dass es kein warmes Frühstück gibt.

Das Gesamtbild ist erschreckend. Und noch hat niemand den Überblick, erkennt nicht den Zusammenhang, der sich aber nun immer klarer abzeichnet. Etwas stimmt nicht mit der Technik. Sensoren, deren Funktionsfähigkeit einwandfrei und überprüft ist, haben nicht angeschlagen. Meldungen wurden falsch interpretiert – so es denn welche gab. Computerprogramme haben schlicht und einfach versagt. Und doch erklärt nichts davon, warum es in der gesamten Stadt keinen Strom gibt. Die Anlagen wollen einfach nicht funktionieren – so scherzen zumindest die Techniker in einem verzweifelten Anflug von Galgenhumor. Dabei kommen sie der Wahrheit sogar ziemlich nahe. Die Wahrheit ist nämlich folgende: der Strom darf nicht fließen. Wird gehemmt von etwas, für das die Wissenschaft keinen Namen kennt, weil sie bisher nicht einmal davon ahnte.

Kurz vor der Dämmerung, es ist immer noch dunkel, aber man kann langsam das aufkommende Licht erahnen, versammeln sich überall in der Stadt auf kleineren und größeren Plätzen Menschen. Sie sind merkwürdig aufgeschwemmt, übergewichtig und bewegen sich doch mit einer erstaunlichen Zielstrebigkeit. Diese Treffen finden in absoluter Stille statt, keine Begrüßungen, kein Geschnatter. Nur erkennendes Nicken und Warten. Ein Vorübergehender könnte den leichten Benzingeruch wahrnehmen, aber der Wind ist frisch und weht diese Vorahnung einfach davon. Überall in der Stadt stellen sich diese Grüppchen auf, es sind meist nicht mehr als ein Dutzend, stellen sich dicht zusammen, vereint durch einen unheimlichen Willen. Wartend.

Das Ende des Wartens kommt in Form einer Fackel, die von einer weiteren Person getragen wird, ebenfalls dicklich aufgeschwemmt. Flammen spiegeln sich in Augen, werden aufgesogen und zu einem gefährlichen Funkeln. Man macht den Fackelträgern Platz, lässt sie in die Mitte, schart sich um sie. Das Feuer bekommt ersten Kontakt mit Stoff, liebkost ihn zuerst, packt dann fester zu, springt von der Fackel auf Kleider. Frisst sich fest, beißt zu und kann doch in seiner Gier nicht innehalten. Innerhalb von Minuten brennen Menschen lichterloh in der ganzen Stadt. Das Unheimlichste daran ist, dass sie keinen Laut dabei von sich geben – ihr Wille ist sogar noch größer als der Schmerz. Sie brennen völlig lautlos, scheinen die Flammen nicht einmal zu spüren, die sich da über ihre Körper ausbreiten. Nur das Knistern des Feuers ist zu hören und der Wind, der durch die Flammen streift, Funken hinter sich herziehend.

Wie auf ein geheimes Zeichen teilt sich die Menge, läuft einfach los. Ein menschlicher Fackelzug, der nur hier und dort anhält, um das eigene Feuer weiterzugeben. An Häuser, Autos, Geschäfte, Bäume, andere Menschen. Wer wach ist und dieses Schauspiel erlebt, gehört zu denen, für die diese Nacht ewig andauern wird. Erschreckend, wie schnell die Stadt brennt. Es scheint fast, als hätte sie sich nach der Berührung des Feuers gesehnt wie nach der Hand des Liebhabers. Doch schnell ist nichts Zärtliches mehr in dieser Begegnung. Wild breiten sich die Flammen aus, der Wind ist ein fleißiger Helfer, hilft bei Sprüngen über Dächer, Häuserschluchten und treibt das Lodern nur noch mehr an. Die Kühle der Nacht ist schon längst einer unerträglichen Fieberhitze gewichen.

Hektisch nähert sich die Feuerwehr einem Brandherd. Und muss doch gleich darauf feststellen, dass sich das Wasser weigert zu fließen. Der Druck ist vorhanden, das Wasser auch. Doch auch hier: das Wasser darf nicht fließen, gehorcht lieber einem anderen Willen als den Naturgesetzen. Hilflosigkeit und Entsetzen sind das Resultat. Man schaut zu, wie Häuser abbrennen, rettet so gut es eben geht die Bewohner. Bringt sie in die Krankenhäuser, deren Notstromaggregate langsam immer bedenklich leerer werden. Aufgrund des Strommangels ist es schwer, die Bevölkerung ausreichend zu informieren. Was sollte man den Menschen auch sagen?

Der frühe Morgen hält weitere Schrecken bereit. Auch die Erde wird unwillig. Lässt nicht mehr auf sich herumtrampeln. Schüttelt sich, wie ein Hund sich nach dem Baden schüttelt in dem Versuch, die Wassertropfen aus dem Fell zu bekommen. Nur sind hier Menschen die unerwünschte Last. Es ist kein Erdbeben im eigentlichen Sinne. Der Boden bricht auf, versucht so viele Menschen wie möglich zu verschlingen und schließt sich dann wieder. Längst herrscht keine Ruhe mehr. Panik, das umfassende Gefühl von Hilflosigkeit und das absolute Nicht-Begreifenkönnen der Situation herrschen vor.

Es ist noch nicht einmal richtig Morgen geworden und die Stadt versinkt im Chaos. Schreie füllen die Straßen, Menschen rennen völlig kopflos vor einer Gefahr davon, die sie nicht verstehen können. Dabei waren die Zeichen doch so eindeutig. So klar. Dabei habe ich sie doch vorgewarnt. Immer und immer wieder habe ich betont, dass sich die Elemente nicht ewig werden ausbeuten lassen. Nur die wenigsten Menschen haben verstanden. Es sind jene, die sich von mir haben leiten lassen und freiwillig ihr Leben gaben, um ein Mahnmal abzugeben.

Ihr Tod war nicht umsonst. Ich streife durch die Gegend und lächle die Fackelmenschen an. Ihr Körper ist schon längst völlig verbrannt, aber das Feuer lodert weiter- genährt aus unerschöpflichem Willen. Meinem Willen. Ich trete über einen Erdspalt, setze behutsam meinen Fuß auf den geliebten Boden. Lasse mein Haar vom Wind zerzausen und atme tief ein.

Jetzt ist der Zeitpunkt. Nun darf auch ich meinen Teil dazu beitragen. Ein Schrei, nein ein Heulen, der Seelen gefrieren lässt, entfährt meiner Kehle, wird von den Häuserschluchten zurückgeworfen und verstärkt. Meine Hände, zu Krallen geformt, reißen an meiner Kleidung. Dann an meinem Fleisch. Ich pflücke mir beides vom Leib als würde ich die Packung einer Zigarettenschachtel aufreißen. Doch darunter kommt kein Blut zum Vorschein, auch keine Knochen und keine Sehnen. Finsternis quillt aus meinen Wunden. Wächst an, bereit meine wahre Gestalt zu formen.

Immer schneller schreitet das Wachstum nun voran. Mein Gebrüll endet nicht, obwohl die Luft schon längst aus meinen Lungen gewichen ist. Meine menschliche Hülle fällt von mir ab wie die alte Haut einer Schlange, bleibt am Boden liegen, bedeutungslos, von mir völlig unbeachtet. Ich brauche sie ja auch nicht mehr. Und ich wachse weiter. Wachse und wachse, löse mich nun auf in diesem dunklen Fleisch. Schwingen brechen aus meinem Rücken hervor, viel zu klein, als dass sie mich tragen könnten. Mein Gesicht zerfließ, meine Augen teilen sich in Dutzende, bedecken meinen Körper. Mein Mund sackt halb auf Bauchhöhe, hinterlässt an seinem angestammten Platz nur einen klaffenden Schlund, der weiterhin kreischt.

Menschen sehen mich, sacken zusammen, begreifend. Lachend und weinend zugleich schlitzen sie sich die Kehlen auf - zumindest die, die schlau genug sind, ihrem Leben gleich ein Ende zu setzen. Als ich es sehe, beginne ich zu lachen. Es klingt schauerlicher als mein Geschrei zuvor. Blicke mich um, schnappe mir einen Vorbeihuschenden und verschlinge ihn. Meine Verwandlung hat mich hungrig gemacht und es gibt noch so viel zu tun. Heute habe ich eine ganze Stadt vernichtet. Was werde ich morgen tun? Vielleicht spiele ich ein wenig - mit Feuer...

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