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Liam schlug seine Augen auf. 7.30 Uhr. Grade noch rechtzeitig für den täglichen Höllenritt. Oder wie normale Menschen es nannten: die Schule. Lustlos schwang er sich aus seinem Bett und verkroch sich dann schnell im Badezimmer.

Er brauchte morgens einfach diese paar Minuten, bevor er einen Tag voller Schlägertypen und Idioten aushalten konnte. Natürlich verstanden seine Eltern das nicht, aber sie ließen ihn notgedrungen gewähren. Meistens waren sie eh nicht da um das mitzukriegen. Eine gute halbe Stunde und eine heiße Dusche später fühlte er sich zumindest nicht allzu schlecht. Manchmal hatte er laut lachen müssen, wenn einer dieser Kleingeister ihn einen "Warmduscher" nannte. Dieser hatte den Witz dahinter dann allerdings eher selten verstanden.

Als er gerade sein spärliches Frühstück runterwürgte, ging die Schule los. Doch es war sowieso nie jemand pünktlich, warum sollte er denn damit anfangen? Er verstand nicht, wie die Lehrer das überhaupt aushielten, diese Respektlosigkeit und diese Frechheit seiner Mitschüler, doch er war zu dem Schluss gekommen, dass sie entweder genauso verkommen waren oder einfach aufgegeben hatten. Wenn sie es konnten, dann konnte er es doch schon lange. Sogar besser. Das war auch der Grund, weshalb er meist erst zur zweiten, dritten oder gar keiner Stunde zur Schule kam. Nicht aus Faulheit, nicht aus Vergesslichkeit, nein, nur um den anderen zu beweisen, dass er sie in allem schlagen konnte. Paradoxerweise hatte grade dieses Verhalten sie nicht gegen ihn aufgebracht, es hatte ihm ihren Respekt und ihre Anerkennung verschafft. Warum war er nicht auf diese Idee gekommen? So überlegen wie er ihnen doch war?

Er hatte sie wohl einfach unterschätzt. Er schmunzelte nicht. Er schätzte sie nicht, aber unterschätzen schaffte er. Wie überaus unterhaltsam. Er packte seine Sachen zusammen und zog sich an. Hosen in Neonfarben, unfassbar hässliche T-Shirts und die dämlichste Frisur der Welt hatten es nicht geschafft, seinen Ruf zu ruinieren. Warum konnten sie ihn nicht ausgrenzen? Ihn aus ihrer ekelhaften Gemeinschaft ausschließen? Er hatte das nicht verdient! Aber ändern konnte er es nicht. Also machte er sich auf den Weg.

Er platzte mitten in eine langweilige Deutschstunde. Herr Reibmann, ein alkoholabhängiger Endvierziger mit einem Faible für ausgeprägt widerliche Hawaiihemden, schrieb gerade irgendein Zitat von Schiller an die Tafel. Vermutlich hatte er Schiller nicht mal gelesen. Liam schon. Er verschlang sie nahezu, die Werke der großen Dichter und Denker: Goethe, Hegel, Voltaire.

Er las ihre Schriften und sog das Wissen auf wie ein Schwamm. Gerne hätte er sich mit jemandem darüber unterhalten, doch hier würde er garantiert wenig Erfolg haben. Langsam schlich er sich an seinen Platz. Früher hatte er noch rumgeschrien, hatte sich und den Lehrer blamiert, doch es hatte nicht geholfen. Wie anscheinend all seine Taten hier wurde seine Beliebtheit nicht weniger je öfter er so etwas tat, sie stieg. Immer wieder hörte er von Kindern, die rumheulten sie seien nicht beliebt und würden gehänselt werden. Wie gern er doch mit ihnen getauscht hätte. Nun saß er hier, zwischen desinteressierten, faulen und ekligen Leuten seines Alters, die er aber nicht als solche anerkennen wollte.

Er wusste, dass elitäres Denken falsch sein sollte, doch er dachte ja nicht elitär. Jedenfalls nicht willentlich. Gruppenbildung war ein Urinstinkt, doch warum diese Gruppe? Warum hatte er nicht eine andere finden können? Solche Gedanken vergifteten seinen Geist und verdarben seinen Charakter. Doch das merkte er nicht. In seinem Kopf war er der Knecht, nicht der Tyrann. Er war der einfache Mann, kein abgehobener Adeliger. Und nun war er hier, sah sich selbst als armer Unterdrückter und unterdrückte in Wahrheit doch die anderen. In der Pause gab es das übliche Zeug. Klatsch, Tratsch und Prügeleien.

Auf dem Schulhof wurde, wie sonst auch, einer der jüngeren Schüler vermöbelt. Natürlich musste er dabei sein. Doch statt sich zu wehren, statt ihn zu schützen und an seine Stelle zu treten, wollte er seine Mitschüler durch die größte Brutalität verschrecken. Ein Tritt. Ein Schlag. Er kam in Rage. Mehrere Schläge. Noch mehr Tritte. Sogar ein Biss. Dann ein Schrei. Hatte er es geschafft? Waren sie in Entsetzen zurückgewichen? Hassten sie ihn endlich? Ein kleines Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Doch dann hörte er es. Noch ein Schrei. Und ein dritter. Es wurden immer mehr. Es wurde... Jubel. Das konnte nicht sein. Kein menschliches Wesen könnte dazu im Stande sein. Tatsächlich. Frenetischer Beifall. Sein letzter Plan war gescheitert. Nun blieb nur noch ein Ausweg.

Am nächsten Morgen stand er pünktlich vor dem Schultor. War das wirklich richtig? Könnte er sich auf dieses Level begeben? War es nicht falsch? Nein. Es war die Aufgabe der Starken, die Pflicht der Mutigen, Dinge zu tun, die sich andere nicht mal wagen würden. Langsam legte er die Hand auf den kalten Griff der Pistole. Sein letztes Werkzeug. Er würde sich ihres Ansehens entledigen, für immer und ewig. Endlich würden sie ihn hassen. Sein Griff festigte sich und sein Finger legte sich um das kalte Metall des Abzugs. Bedächtig holte er sie aus seiner Tasche und beäugte sie misstrauisch.

Ein Schuss.

Ein Knall.

Ein Fall.

Der Schuss hatte perfekt gesessen. Etwas anderes hatte er von sich selbst auch nicht erwartet. Endlich war die Qual vorbei. Nie wieder würden sie ihn in ihren Kreis aufnehmen. Nie wieder.

Grade hatte es zum Schichtbeginn geklingelt. Doktor Reibmann betrat den kalten Gang zu den Einzelzellen. Es war ein Tag wie jeder andere. Er schritt an den trostlosen kleinen Kammern entlang, in denen so viele Menschen für immer in ihren Träumen gefangen waren. Grade als er die letzte Zelle passierte, fiel ihm etwas auf. Irgendetwas war anders. Irgendetwas.

Irritiert blieb er vor dem kleinen Kämmerchen stehen. Behandlungszimmer 12, Gummizelle. Insasse Liam Foxworthy, posttraumatische Belastungsstörung nach einem Amoklauf an seiner Schule, verbunden mit starken Halluzinationen. Faszinierend stark. Er warf einen schnellen Blick durch das kleine Fenster, das in den trostlosen weißen Raum zeigte. Dort saß er wie immer, zusammengekauert und ohne Gefühlsregung. Doch etwas war anders. Dort, mitten auf seiner Brust, entstand ein Kontrast zu der reinen und sterilen Umgebung der Klinik. Der kleine Unterschied, der ihn zu dem besonderen Jungen machte, der er immer sein wollte. Ironischerweise konnte er seinen Triumph nicht miterleben. Denn es war etwas, dessen Hervorbringen einem Menschen nur ein Mal gewährt wird. Eine kleine rote Blutlache. Mitten über dem Herzen. Und nun war er es. Elitär.

von Duschvorhang

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