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Lisa war ein süßes Mädchen, von gerade einmal 5 Jahren, das, wie jeden Wochentag, wenn ihre Eltern arbeiteten, zum Kindergarten ging. Sie wickelte ihre blonden Locken um die Finger und hüpfte heiter vor ihrem Vater her, der ihre pinke Tasche trug. Am Rand des Weges standen hohe Bäume, durch deren Kronen die Strahlen der Sonne sickerten und ein Muster aus Schatten und Licht auf die Pflastersteine warfen, über das ihre kurzen Beine tapsten. Die unzähligen Blätter der alten Eichen wiegten sich sanft in der warmen Sommerbrise. In den Ästen zwitscherten die Vögel, ein Eichhörnchen kletterte geschickt am rauen Stamm hinab und rannte geschwind durch das Gras. Die Halme, noch nass vom Tau, tanzen langsam im Wind. Es war ein schöner Tag.

Ihre neugierigen Augen verfolgten den possierlichen Nager, bis er im Gebüsch verschwand. In seinem Maul hatte er etwas getragen, dass sie nicht erkennen konnte. „Papa, was hatte das Hörnchen da im Mund?“, fragte sie, und drehte sich zu ihm um. Seine braunen Augen rissen sich vom friedlichen Anblick der gepflegten Wiese los, als er ihr in ruhigem Tonfall antwortete: „Eine Nuss natürlich, Lisa. Eichhörnchen fressen Nüsse.“ In Wahrheit hatte er den zuckenden Körper des nackten Vogelkükens deutlich gesehen, als das Tier kurz stillgestanden hatte, doch er wollte nicht, dass das unschuldige Weltbild seiner Tochter zerstört wurde.

Sie nickte eifrig und trat zum Eingang des großen, weiß verputzten Gebäudes. Ihre Finger legten sich um die kühlen Stahlgriffe der durchsichtigen Glastür und drückten erfolglos dagegen, wie jeden Morgen. Ihr Vater hatte sie bald eingeholt und öffnete den Durchgang mit einer Hand. Seine Tochter schlüpfte rasch hinein und er reichte ihr ihren Beutel. Sie nahm ihn entgegen und er küsste sie kurz auf die Wange, bevor er sich verabschiedete: „Machs gut, Liebling, Mama holt dich nachher ab.“ Ihr Händchen hing noch eine Weile winkend in der Luft, während sich die Tür wieder schloss und sie ihrem Vater zusah, wie er über die bunten Steine zum Auto joggte und zur Arbeit fuhr. Er war Zugführer, sie hatte ihn einmal begleiten dürfen und war ganz vorne in der großen Bahn gefahren.

„Ding Dong!“, ertönte nun die dumpfe Klingel zur vollen Stunde. Lisa war stolz darauf, zu wissen, das es jetzt 7 Uhr war. Das konnte sie nämlich auf dem Ziffernblatt der großen Uhr ablesen, die im Flur an der hellgelben, mit Blümchen bemalten Tapete hing. Fröhlich summend lief sie den Gang entlang und legte ihre Tasche in ihr Fach. „Lisa“ stand in krakeligen Großbuchstaben auf dem Schild, auch ihre Schuhe mit den praktischen Klettverschlüssen stellte sie dort ab. Im Winter wären auch die Jacken hier gelandet, doch es war ein herrlicher Frühsommer. Deshalb trug das Mädchen heute auch ihr rosanes Kleid mit den Rüschen, das ihre Großmutter ihr zum Geburtstag genäht hatte.

„Lisa?“ Eine Stimme ließ sie zusammenzucken, doch es war nur die Erzieherin, die im Türrahmen stand. „Du bist spät dran, alle anderen sind schon drinnen. Na komm, hopp!“, befahl sie lächelnd. Frau Bauer war eine zierliche Frau, die sich, trotz ihrer immerwährenden Heiterkeit, unter den Rabauken ihrer Gruppe behaupten konnte. Man merkte ihr an, wie sehr sie ihren Beruf liebte. Lisa folgte ihr und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Alles war wie immer, ein paar der Jungs spielten auf dem bunten Teppich mit noch farbenfroheren Bauklötzen, eine Gruppe Kinder saß am Tisch und drückte Puzzelteile aus Holz in ein Brett, Frau Bauer war in die angrenzende Küche gegangen und bereitete das Frühstück vor und in einer dunklen Ecke des Raumes hockte eine zusammengekauerte Gestalt.

Moment... Das war neu. Interessiert näherte sich Lisa dem Kind und tickte es an, als es nicht reagierte. Der Kopf hob sich zögerlich von den Beinen und die Fremde, denn es war ein Mädchen, das Lisa nicht kannte, blickte sie an. Ihre leuchtend grünen Augen schauten perplex unter den wirren, schwarzen Strähnen hervor. Ihr Gesicht war leicht rötlich und geschwollen, als hätte sie geweint. „Wer bist du?“, wollte Lisa neugierig wissen. Das unbekannte Mädchen sah sie ungläubig an: „Helena... Aber warum redest du mit mir? Du kennst mich doch nicht.“ Lisa legte den Kopf schief, sie war verwirrt, doch fasste sich schnell wieder. „Egal, komm, wir spielen was. Ich bin Lisa.“ Und so ergriff sie die bleiche Hand dieses Mädchens, dass zuvor so einsam dort gesessen hatte, und zog sie mit sich.


Die Woche verging wie im Flug und die Beiden wurden Freundinnen. Helena legte bald ihre Schüchternheit ab und sie spielten alle zusammen im Sandkasten, tollten über den Spielplatz oder teilten ihr Essen. Doch manchmal beobachtete Lisa, wie die Neue stumm dasaß und, scheinbar in Gedanken versunken, starr durch den Raum blickte. In diesen Momenten war sie ihr ein wenig unheimlich, ihre Augen wirkten dann immer so trüb und freudlos. Auf die Frage hin, über was sie da grübelte, reagierte sie immer abweisend, zitterte manchmal sogar, während ihre Stimme stockte. Doch Lisa ahnte nichts Böses und als Helena sie schließlich zu sich einlud, freute sie sich sehr darauf, zu ihr zu gehen.

Am folgenden Samstag setzte ihr Vater sie vor der angegebenen Adresse ab, aber nicht, ohne sie nochmal am Ärmel ihres Hemdes festzuhalten. „Denk dran, Lisa, falls ihr draußen spielt und jemanden trefft-“ „Geh nicht mit Fremden mit“, beendete sie seinen Satz, wobei sie versuchte, seinen Tonfall nachzuäffen. „Ich weiß, Papa. Wir wollen doch nur im Haus und im Garten spielen.“ Sie grinste ihn breit an und er seufzte erleichtert. „Na gut, dann viel Spaß. Ich hohl dich um 6 wieder ab.“ Nachdem der graue Wagen in der Ferne verschwunden war, ging sie auf die Wohnung zu. Die steinernen Wände wirkten dunkel, in den Blumenkästen lagen die vertrockneten Reste von Pflanzen. Undurchsichtige Gardinen hingen hinter den Fenstern, die schwarz gestrichene Tür gähnte im Gebäude wie ein zahnloser Schlund. Wie aufs Stichwort zog eine kalte Brise über ihre Haut, ließ sie frösteln. Als sie klopfen wollte, öffnete sich die Tür wie von selbst und Lisa schritt in den Flur. Sofort umfingen sie wohlige Wärme und der angenehme Duft von roten Rosen, die in einer Glasvase auf einem hübschen, kleinen Tisch standen. Vor ihr stand Helena und als sie in ihr Gesicht sah, zog sie erschrocken die Luft ein.

Ihre Augenränder waren gerötet, dicke Tränen liefen über ihre Wangen und zerschellten fast hörbar auf den Bodendielen. Sie mischten sich mit dem Blut, das von den wunden Striemen tropfte, welche ihre dünnen Arme zierten. Die verzweigten Rinnsale bildeten einen scharfen Kontrast zu ihrer weißen Haut. Ihre Freundin so zugerichtet zu sehen, erfüllte sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit tiefer Trauer. Lisa wollte zu ihr eilen, doch sie hielt die Hand hoch und schüttelte den Kopf, wobei ihre langen Haare wild umherschwangen. Helena wusste, was sie getan hatte, in welche Hölle sie dieses unschuldige Mädchen gezerrt hatte, und kämpfte mit eisigem Selbsthass. Sie verdiente kein Mitleid.

„Du hättest nicht herkommen dürfen“, murmelte sie traurig, gebrochen, als ein Knall zu hören war. Die Tür fiel krachend zu und ein Klicken erschallte, als sie abgeschlossen wurde. Schritte ertönten hinter Lisa und sie wich zurück, als ein Mann an ihr vorbeilief und sich hinter ihre Freundin stellte. Er war groß und dick, hatte fettige Haare. Seine Hand legte sich auf Helenas Kopf und wuschelte darüber. Sie zuckte zusammen, ein ängstlicher Ausdruck huschte über ihre Züge, bevor sie von ihm abrückte. „Das hast du gut gemacht, meine Süße“, kicherte er heiser. Verunsichert fragte Lisa: „Dein Papa?“ Ein schallendes Gelächter dröhnte durch den Raum, es ging von seiner bedrohlichen Gestalt aus. „Und deiner jetzt auch“, hechelte er und ein perverses Grinsen zog sich über sein Gesicht. Lisa torkelte zurück, dieser Mann machte ihr Angst. Er sah sie an, als wolle er sie fressen, seine Zunge strich über seine Lippen, Speichel tropfte herab. Er ging auf sie zu, Lisa sah sich gehetzt um, ihr Herz raste, als sie keinen Ausweg fand. Sie hörte noch, wie Helena flennte: „Es tut mir so leid, Lisa.“ Dann war er bei ihr.



„Komm her und gib Papa einen Kuss...“

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