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Mich hat es schon immer schockiert, wenn ich gehört habe, dass Eltern ihre Kinder misshandeln oder sie gar mit sich in den Tod reißen, um sie nicht in dieser für sie grausamen Welt zurücklassen zu müssen. Ein solches Verhalten war meiner Meinung nach vollkommen inakzeptabel und Erwachsene mit Kindern sollten sich so schnell wie möglich an einen Psychologen wenden, sollten sie eine solche Ansicht vertreten. Allein der Gedanke an leidende Menschen ließ mein Herz schmerzhaft verkrampfen.

Ich hatte es derweil gut was meine Eltern betraf. Sie liebten mich trotz ihres dann und wann durchsickernden autoritären Erziehungsstils. Beide haben studiert. Doch während meine Mutter sich dem Lehramt zuwandte, betätigte sich mein Vater in der Chirurgie, wobei er sich auf das Herz und das Hirn spezialisiert hatte. Demzufolge unterlag ich ihrer Beobachtung, was die Schule anbelangte. Bisher habe ich sie noch nicht enttäuscht.

Ich bin schlank und durchtrainiert, durch gesunde Ernährung und täglichen Sport. Zudem bin Klassenbeste mit einem Notendurchschnitt von 1.3. Mein höfliches und hilfsbereites Verhalten wird von meinen Klassenkameraden gut aufgenommen und meine Lehrer sind froh über meine ruhige Art. Meine Mutter möchte mich dazu ermutigen, mich noch ein wenig mehr anzustrengen. Wie könnte ich ihr den Gefallen verwehren, meine schulischen Leistungen so zu steigern, dass mir später alle Türen offenstehen?

Nein, das wäre undankbar und unhöflich. Nach allem, was sie für mich getan haben, möchte ich ihnen etwas zurückgeben. Ich möchte sie stolz machen. Mein Vater hat eine grandiose Idee, wie ich noch besser werden kann. Momentan war er nicht mit mir im Raum, doch meine Vorfreude konnte ich kaum verbergen. Meine Augen habe ich mit einer Schlafmaske verdeckt, sodass ich nicht durch das helle Licht der Lampe über mit gestört werden konnte. Obgleich mir die konstante Dunkelheit Angst einjagte, hüllte sie mich in ein ungewöhnliches Gefühl: Geborgenheit. So musste sich wohl ein Fötus im Bauch seiner Mutter fühlen. Obwohl er nichts sehen konnte, vertraute er ihr doch voll und ganz und liebte sie grenzenlos.

Ich hörte meinen Vater schon kommen, als ich das Geräusch quietschender Dielen hörte, die es in unserem Haus reichlich gab. Er klopfte, höflich und penibel wie er war, viermal hintereinander an die Zimmertür. Eine seltsame Angewohnheit, die meiner Meinung nach beinahe schon als perfektionistischer Tick gelten konnte. Solche Gedankengänge würde ich in seiner Gegenwart jedoch nie äußern, da er äußerst sensibel bezüglich seiner Macken war. Diskretion betrachtete er als eine Tugend.

Meine Ohren schmerzten bei dem Quietschen der sich öffnenden Tür. "Hey, Kleine", ertönte seine tiefe, leicht kratzige Stimme. Am Ton konnte ich sein Lächeln förmlich sehen, weshalb ich es ebenfalls tat. Ich hörte, wie mein Vater näher trat und etwas auf den Boden neben mich stellte, was beim Abstellen ein leises Klirren von sich gab. "Was hast du vor, Dad?", erkundigte ich mich trotz innerer Widerstände. Neugier sollte doch ebenso eine Tugend sein wie Diskretion, nicht wahr?

Auf meine Frage folgte das Öffnen eines Reißverschlusses. Ich musste meinem Dad einfach vertrauen. Er war doch mein geliebter Vater! Er hat mir im Bezug auf meine Entwicklung vollstes Vertrauen geschenkt, also sollte ich mich nicht so anstellen! Doch immer noch spukten einige verunsichernde Fragen in meinem Kopf herum.

 Zum Beispiel, warum ich trotz des öligen Schweißes an dieses Bett gefesselt war. 

Und warum ich, bevor ich mir diese Augenmaske aufsetzen sollte, andere Menschen in den Betten nebenan gesehen hatte.


Mein Vater hatte derweil etwas anderes getan. Ich spürte seine warmen, beruhigenden Hände über meinen kahl rasierten Kopf gleiten. Ich grinste verlegen, wollte er mir doch nur eine Freude bereiten. Etwas Kaltes streifte einen zuvor mit einem seiner Finger fixierten Punkt und ich realisierte, dass eines seiner Skalpelle gerade meine Kopfhaut durchschnitt.

"Wirst du dann stolz auf mich sein, Daddy? Ich meine, wenn du damit fertig bist?"

Dad verharrte für einen Moment in seiner Position. Das Skalpell glitt aus meinem Kopf und er schien sich zu seiner Tasche hinunterzubeugen. Weshalb zögerte er? Hasste er mich etwa? Ich spürte, wie sich in meinen Augen Tränen ansammelten. Ich würde ihn wohl nie zufriedenstellen können.

"Dein Erfolg hängt ganz von deinen schulischen Leistungen ab, Liebling. Und von diesem Eingriff. Aber was auch immer kommen mag... Ich werde stolz auf dich sein", brachte er liebevoll hervor. Er strich zärtlich über meine rechte Wange, bevor ich das zischende Geräusch eines durch die Luft fliegenden Gegenstandes hörte. Ich lächelte. Daddy war stolz auf mich.

Mein Kopf war ein wenig schwer und mir war schwindelig. Verständlich bei einer solchen Operation. Aber ich habe es überstanden. Ich war endlich vollkommen.


Endlich war ich perfekt.

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