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Völlig nackt sitze ich vor der Kommode in meinem Zimmer, das mir die Agentur gestellt hat, der Spiegel darüber wird umrahmt von altem Holz, auch die Fläche darin wirkt nicht mehr von gestern und lässt mein Spiegelbild merkwürdig erscheinen. Ich messe dieser Verzerrung keine Aufmerksamkeit bei, jedoch sehe ich meine roten Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen. Ich greife zur Bürste, die auf der holzgetäfelten Oberfläche liegt, und bändige sie; wenige kurze Handgriffe reichen, die weichen Borsten gleiten durch mein Haar, und die Frisur sitzt. Wenn ich sie mir so ansehe, wirken sie nun wie Feuer, das flüssig durch die Schwerelosigkeit fließt und in anmutiger Poesie den Raum zerfrisst. Eine strähnige Feuersglut, die meinen Kopf bedeckt.

Meine Augen blicken mich wach, aber finster an, sodass sich die Haare in meinem Nacken aufstellen und ich in wohligem Starren gefangen bin. Wieder vergehen gefühlte Myriaden, die an mir vorüberziehen und unmöglich zu messen sind. Ungeahnte Weiblichkeit sehe ich, die mir entgegenblickt, der ich selbst nicht widerstehen kann, doch greife ich zu Puder und Pinsel, die gleich neben der Bürste liegen, und decke die Sommersprossen damit ab, nur ein wenig, sie sollen nicht ganz verschwimmen. Der Lippenstift lässt nur einen Hauch von Rot an meinen Lippen verweilen.

Abermals sehe ich dem Spiegelbild zu, lege den Lippenstift zurück auf die Kommode und sehe mich nun genauer an, lasse meinen Blick über meinen Körper schweifen. Meine Brüste haben die perfekte Form und Größe, den Bleistifttest bestehen sie ohne Probleme, ich lasse meine Hände auf ihnen ruhen, aber taste mich dann hinunter zu meinem flachen Bauch bis hin zum Bauchnabel. Sie möchten weiter, zarte Berührungen hauchen mir geschmeidige Sehnsucht in meine Knospe, die umschlossen in mir liegt. Wohliges Schaudern erfasst mich, durchzieht meinen Körper, einer abendlichen Brise gleichend, die den Sonnenuntergang begleitet, doch von langer Dauer ist dieses Gefühl nicht, denn mir ist es nicht vergönnt, solche Empfindungen spüren zu dürfen oder gar selbst in mir auszulösen. Ich schüttele sie ab, als wären sie nie da gewesen, weggewischt, aus meinen Gedanken ausradiert, ich erhebe mich von dem Stuhl und wende mich dem Schrank zu, der hinter mir an der Wand steht. Der Kleiderbügel, der am verschnörkelten Holz hängt, verrät mir, dass ich heute nicht frei wählen kann. Ich schließe daraus, dass der Briefumschlag demnach auch rot sein wird.

„Auffallend elegant“, sage ich, während ich die Spitzenunterwäsche begutachte, die mit einigen Spritzern Rot verziert ist, und dabei eine Augenbraue hebe.
„Dies kann nur eines bedeuten: der Kunde muss ein hochtrabendes Tier sein, das sehr viel Geld verdient und womöglich noch eine teure Nobelkarosse fährt, außer, er hat sich für das Premiumsegment mit Limousine entschieden, wovon ich eher ausgehe.“

Ich erwache aus diesem Gedanken und lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf die Kleidung, die am Schrank hängt, sehe unter der Spitzenunterwäsche ein knielanges schwarzes Abendkleid hervorlugen, dessen Wert ich auf mehrere Tausend schätze. Jedoch werde ich durch eine Bewegung an der Tür abgelenkt, der Briefumschlag, der unter dem Türspalt liegt, ist rot, und in diesem befinden sich obligatorische Informationen über die Wünsche des heutigen Kunden. Die Unterwäsche und das Kleid werden von mir angelegt, und es sitzt perfekt, betont meine Figur vorteilhaft, ganz zu schweigen vom Dekolleté, das viel preisgibt, aber noch Platz für Fantasie lässt. Der Ganzkörperspiegel, der in eine der Türen des wuchtigen Möbelstückes eingelassen ist, erlaubt mir, einige Falten aus dem feinen Stoff des Kleides zu streichen, die sich während des Überstreifens gebildet haben. Nachdem ich mit dem Endergebnis zufrieden bin, widme ich mich der roten Briefhülle, nehme diese an mich und befreie den Inhalt daraus. Das Briefpapier liegt dünn, aber hochwertig in meinen Händen, die fein geschnörkelte Kursivschrift am Briefkopf schreibt die Begrüßung in schwarzen Lettern.

Dann lese ich.

Sehr verehrte Emma Sommer,

ich lade Sie hiermit ein, den Abend mit mir zu verbringen. Er wird Ihnen sicherlich im Gedächtnis verbleiben, das verspreche ich!

Ich treffe Sie 21Uhr mit der Luxuslimousine, die Garderobe, die ich gewählt habe, trifft - hoffe ich - auch Ihren Geschmack.

„Witzbold“, rolle ich mit den Augen, „du suchst aus, und ich ziehe es an.“

„Der Typ geht mir jetzt schon auf die Nerven mit der hochgestochenen Formulierung, die extrem förmliche Anrede.“

Es ist nichts Neues, dass jeder Kunde einen individuellen Brief an mich richten kann, ein Service der Agentur, doch der Typ schießt ja wirklich den Vogel ab. Mein Blick fällt auf das Logo der Zentrale, zwei Damen, die Rücken an Rücken sitzen. Es ist gülden abgedruckt; sagt mir, der Kunde besitzt Goldstatus, was alle Vergünstigungen und Vorteile einschließt. Der Kerl muss in Geld schwimmen. Die Buchungsnummer darunter erklärt mir: mein Kunde hat das volle Paket gebucht.

„Das kann ja heiter werden“, kommentiere ich entnervt diese Erkenntnis. „Wenn der Brief schon so hochtrabend ist, was kommt da auf mich zu?“

Der Kunde letzte Woche hatte Bronzestatus und konnte sich nicht annähernd so viel von mir gönnen wie er vielleicht gewollt hätte, dennoch hatte ich eine schöne Nacht mit ihm verbracht, manchmal freundlicher wie manch andere, die mit ihrem Geld protzen.

Ich lese weiter.

Ferner möchte ich Sie höflichst darauf hinweisen, dass die Klausel 1138b bei Ihnen außer Kraft gesetzt wurde. Ich habe dies mit der Zentrale abgeklärt und möchte diesbezüglich keine bösen Überraschungen Ihrerseits erleben!

„Möchte ich diesbezüglich keine bösen Überraschungen Ihrerseits erleben“, wiederhole ich diesen Satz und kann die Wut kaum noch zurückhalten. „Was bildest du dir eigentlich ein, du arrogantes Arschloch, bei mir hat sich noch nie jemand beschwert.“

Ich schnaube verächtlich und möchte dem Unbekannten die Klausel sonst wohin schieben. Dass ich es auch noch ohne Gummi machen soll, treibt alles auf die Spitze der Unverfrorenheit, ich kann mich kaum noch zurückhalten, die Zentrale anzurufen, um den Termin abzusagen. Natürlich bin ich bereit, auch ungeschützten Verkehr zu vollziehen, wenn der Kunde die Tests vollzogen hat, damit ich mir keine Geschlechtskrankheiten anhänge, natürlich muss auch darauf geachtet werden, dass ich nicht schwanger werde, doch mich indirekt als unzuverlässig zu betiteln schlägt dem Fass ja den Boden aus.

Wütend lese ich weiter.

Ich freue mich sehr auf die heutige Nacht!

Mit freundlichen Grüßen

Sebastian Peters

In Bruchteilen einer Sekunde rumort ein furchteinflößendes Gewitter in meinen Eingeweiden, entlädt sich dort zuckend, bis die Blitze unerträglich werden.

„Ich will das nicht mehr“, hauche ich völlig verängstigt und traue mich gar nicht, laut zu sprechen. „Wie kann das nur sein, wie kann das nur sein?“

Meine Beine werden weich (Wut ist absoluter Panik gewichen), wollen mich nicht mehr tragen. Das Blatt Papier flattert lautlos aus meinen Händen gen Boden, dabei wird es braun und vergilbt innerhalb von Sekunden. Ich glaube in völliger Dunkelheit zu stehen, alleingelassen und verängstigt, eine Mauer versperrt mir die Fluchtmöglichkeit in jede Richtung; je stärker ich es versuche zu verleugnen, desto härter dringt es in mich ein. Mein längst zerfetzter Verstand schwindelt in ausweglose Sackgassen, die mich hämisch angrinsen. Tausende von Jahren verbringe ich damit, der Zentrale zu erklären, warum ich diesen Kunden nicht empfangen kann, doch meine Smartphone bleibt unerreicht liegen.

„Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis, und ich habe mich einfach nur verlesen“, versuche ich mich, starr vor Angst, wimmernd zu beruhigen, doch ist dies nur Augenwischerei. Der Name Sebastian Peters stand in dem Brief, klar und deutlich.

„Und wie stelle ich mir das überhaupt vor?“ „Einfach anrufen und alles erklären?“

Emma Anfang

Gequältes Lächeln durchbricht mein Gesicht in unregelmäßigen Abständen, bis meine Empfindungen aussetzen, zerstört in mir liegen und allmählich beginnen zu verkohlen. Ich spüre es in mir aufsteigen, fühle die Hitze brodeln und sieden, sodass die imaginäre Drucknadel die kritische Markierung erreicht. Erst unmerklich, dann immer mehr steigt mir brennender Gestank in meine Nase, bis ich es nicht mehr ignorieren kann. Auf meine Brust legt sich tonnenschwere Last, die das Atmen zur Tortur werden lässt;, ich röchele kochend heiße Schwaden aus meinem Mund und weiß genau, dass es nun kein Entkommen mehr gibt. Die Kleidung an meinem Körper beginnt allmählich zu schmelzen und zieht sich runzelig zusammen, dabei verbreitet sie einen bestialischen Geruch von verbranntem Plastik. Der Teppich unter mir beginnt knisternd zu verschwinden und wird schwarz, die Luft flimmert abstrakt, lässt die Farbe an der Decke dicke Blasen werfen. Der Schmerz, der aus meiner Seele geworfen wird, frisst sich in meinen Unterleib, und ich pisse kochende Flüssigkeit, sie fließt an meinen zitternden Schenkeln hinunter. Stöhnend und weinend breche ich nun endgültig zusammen, lande hart auf dem Boden, der unter der Feuersbrunst zergeht. Der Beton unter mir erreicht Temperaturen, die ihn brechen lassen, und ich drohe in das untere Stockwerk zu sinken, die Tränen aus meinen Augen verdampfen zischend, sobald diese meine Wangen erreichen, ich verglühe in endloser Qual, dabei brennt sich der Name Sebastian Peters in mir ein. Er hat mich gefunden.

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