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Ich mochte es immer, in der Dunkelheit nach Hause zu gehen. Tagsüber sieht man draußen nichts, als das Alltägliche. Das, was scheinbar uninteressant und trivial an einem vorbeizieht, ohne dass man auch nur eine Minute später darüber nachdenkt. Nachts hingegen, wenn die grell strahlende Sonne vom Mond abgelöst wird, der vom klaren Sternenhimmel aus die Welt in sein kaltes Licht taucht, ist alles anders.

Die vertrautesten Eindrücke wirken durch das Spiel der Schatten plötzlich abstrakt und verzerrt. Es ist, als gäbe es zwei verschiedene Versionen der Welt: Die eine zeigt sich am Tag, die andere in der Nacht. Und wenn ich eines mit Sicherheit behaupten kann ist es, dass ich definitiv ein Nacht-Typ bin.

Doch neben dem ungewohnten Anblick der in Dunkelheit getauchten Welt, gibt es noch eine Sache, die ich an der Nacht liebe:

Die Stille.

Es ist zwar seltsam, aber wenn es ganz leise ist, kann man in seiner Umwelt viel mehr wahrnehmen. Fast so, als hörte man die Welt sprechen.

So genoss ich auch in jener Nacht den Heimweg. Ich hatte zusammen mit ein paar Freunden etwas länger gefeiert und war nun einfach müde und wollte eigentlich nur so schnell, wie möglich, ins Bett. Trotzdem nahm ich natürlich die angenehm kühle Luft wahr und konnte es mir einfach nicht verkneifen, kurz stehen zu bleiben und mich am Anblick der leeren, nur schwach beleuchteten Straßen zu erfreuen.

Da sah ich sie zum ersten Mal. Dort im Schein einer Straßenlaterne stand sie, den Blick ins Leere gerichtet, eine Frau. Sie war relativ groß gewachsen, trug altmodische Klamotten und hatte mittellanges, dunkelbraunes Haar. Das alles war natürlich erst mal nichts besonderess. Ich bin schließlich nicht der einzige, der gelegentlich noch spät unterwegs ist.

Nein, was mich wirklich irritierte war ihr Gesicht: Es war blass und schien emotionslos, wie das einer Wachsfigur, und ihre glasigen Augen, die tief im Schädel saßen, schienen ins Leere zu starren. Ungefähr eine Minute lang standen wir da, zehn Meter voneinander entfernt, ohne uns zu regen. Dann trafen sich unsere Blicke und ihre Augen machten mich etwas nervös. ich wollte etwas sagen, doch brachte seltsamerweise keinen Ton heraus. Mein Unbehagen steigerte sich.

Ich wollte mich gerade abwenden, da verzogen sich ihre Mundwinkel ein bisschen und die schmalen Lippen deuteten nun ein Lächeln an, bevor sich ihr Mund ein Stück öffnete und sie ein Wort sprach:

„Paul."

Jetzt bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Woher wusste diese Frau meinen Namen?

Ich drehte mich um und ging. Nach etwa fünf Schritten hörte ich sie wieder meinen Namen sagen, wobei ihr Tonfall vollkommen monoton und gefühllos blieb.

Nun panisch, ging ich noch schneller, fing an zu rennen und wurde erst wieder langsamer, als ich die Frau mehrere Ecken hinter mir gelassen hatte.

Der Rest meines Heimweges war der Horror. Ich wagte nicht mich umzudrehen, aus Angst, diese unheimliche Frau hinter mir zu entdecken. Ich hatte durchgehend das Gefühl verfolgt zu werden und jeder Schatten sah für mich aus, wie sie.

Zuhause angekommen zog ich mich sofort um und ging ins Bett. Ich wollte schlafen, diese sonderbare Begegnung vergessen, doch sollte ich keine Ruhe finden. Studenlang wälzte ich mich auf der Matratze hin und her, gequält von dem bedrückenden Gefühl, beobachtet zu werden.

Nachdem ich endlich eingeschlafen war, suchten mich für den Rest der Nacht Albträume heim, in denen mich diese schrecklichen Augen aus dem Wachsgesicht anstarrten.

Emyra starrte mich an.

Warum ich sie Emyra nenne?

Keine Ahnung, ich weiß einfach, dass sie so heißt. Genauso wie ich weiß, dass sie mir früher oder später wieder begegnen wird.

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