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Seine Augen weiteten sich und Erstaunen legte sich auf sein Gesicht, als ich ihm alles zeigte. Bolko Krouth lehnte sich über die blassen roten Linien, die ich in die Luft gezeichnet hatte. Sein Gesichtsausdruck lag zwischen Überwältigung, Verständnis und Verwirrung.

»Und jeden einzelnen großen Denker habt ihr beeinflusst?« »Ich, nur ich«, sagte ich langsam. »Ich wurde vor mehreren tausend Jahren hierher gesandt, um die Samen zu pflanzen, aus denen die Wissenschaft erwachsen würde. Behutsam und abwartend. Aber jetzt bin ich fertig.«  »Und jetzt? Was jetzt? Was wird jetzt passieren?« »Der Mensch hat sich würdig erwiesen, um mit uns in Kontakt zu treten. Das Planetensystem, von dem aus wir operieren, ist weit außerhalb des momentan einsehbaren Radius’ des Universums.« »Faszinierend«, murmelte er.

Ich hatte mich als Assistent bei Bolko beworben. Er war einer der wichtigsten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Astrophysik und galt schon früh als Wunderkind. Ich merkte, dass er etwas zögerte. »Was ist mit mir? Welche Gedanken kamen von mir selbst? Überhaupt einer?« »Fast alle. Ich lege nur den Samen. Die Pflanze wächst von ganz allein.« Ich lehnte mich etwas vor. »Und sie ist prächtig gewachsen.« Ich wusste, dass es ihm schmeichelte und das war bei einem Menschen dieser Art nicht oft der Fall. »Warum gerade ich?« Ich erklärte ihm, warum ich ihn ausgewählt hatte und wählte meine Worte mit Bedacht. Es hing viel davon ab, wie stark er an mir zweifeln würde. Aber er glaubte mir. Er war überzeugt.

»Ich habe mich immer gefragt, was da draußen ist; was dort auf uns wartet. Und es war die ganze Zeit hier auf der Erde.« Er lächelte. Wir gingen raus auf den Balkon des Gebäudes und sahen in den Nachthimmel.

»Bist du ganz allein gekommen?« »Ja. Auf jeden belebten Planeten einen von uns. Bei höherentwickelten Rassen auch mal zwei, aber das...« Er grinste und nickte. »Krone der Schöpfung.« Er spuckte die Worte aus. »Warum jetzt?« »Es ist eben Zeit. Der Entwicklungsstand ist hoch genug.« »Kannst du ihnen, deinen Leuten, keine Botschaft senden?« »Ich kann, aber dann wären sie nicht so willig. Es ist wichtig, dass sie das Gefühl haben, dass die Menschen würdig sind. Würdig für den Besuch.« »Wie?« »In dem ihr uns entdeckt.« »Wenn wir schon so weit sind, warum haben wir es nicht längst?« »Ihr seid kurz davor. Es ist eigentlich ganz einfach; man muss nur ein wenig an der Apparatur arbeiten und ich muss dir zeigen, wo wir genau sind. Da draußen.« Ich zeigte mit dem Finger in die Luft. »Habt ihr alle eine menschliche Gestalt?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich modelliere mich.« »Wie siehst du wirklich aus?« »Es gibt keine Urgestalt. Man modelliert sich von Anfang an.«

Wir schwiegen einige Zeit. »Die Götter der Maya?« Sein Ton hatte etwas andächtiges. Ich nickte. »Alles echt?« »Mehr oder weniger. Ja. Aber vieles ist vergessen.« »Warum hast du den Kontakt nicht dann schon hergestellt?« »Den Maya nützte ihr Wissen um unsere Existenz nicht viel. Sie hatten nicht die nötige Technik, um uns zu entdecken. Ich kann einen Samen legen, aber manch ein Boden ist einfach noch nicht dafür gemacht.« Er verstand. Zweifel legte sich kurz darauf auf sein Gesicht. »Was wird passieren, wenn ihr hier seid?« »Grenzenloses Wissen. Alles wird sich verändern.« Er legte seine Stirn in Falten. »Sollten wir?« »Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Niemals. Das weißt du.« Er nickte. »Es ist besser, wenn die richtigen Leute uns finden. Wenn du uns findest.« »Was müssen wir tun?« »Wir müssen zuerst das Teleskop verändern. Komm mit.«

Wir gingen hinein und ich legte ihm die Pläne vor, die er brauchen würde, um das Projekt voranzubringen. Nachdem ich ihn deutlich angeleitet hatte, dass er niemandem erzählen durfte, dass ich der Initiator war, setzte er die Pläne um. Schon am nächsten Tag kamen die ersten Arbeiter. Zehn Techniker bauten das Teleskop um und nach nur wenigen Tagen war es fertig.

Die Apparatur hatte nun mehrere Zwischenmodule, die die Leistung um das Hundertfache steigerten. Es war viel präziser. Mehr als einmal hatten die Techniker den Umbau kontrollieren müssen, bis es wirklich haargenau passte. »Ein Fehler und die ganze Unternehmung scheitert«, hatte ich zu Krouth gesagt und er hielt die Arbeiter ein weiteres Mal an, das Modul zu kontrollieren.

Am Abend der Fertigstellung war der Himmel wolkenlos und perfekt für die Beobachtung. »Es ist Zeit«, sagte ich und gab ihm die Koordinaten, die er in das Gerät tippen sollte. Seine Hand zitterte kaum merklich, als er auf dem Display die Koordinaten eintippte. Die Module verschoben sich und es dauerte einige Zeit, bis der Vorgang abgeschlossen war. Dann sah er durch das Teleskop in die unendlichen Weiten des Kosmos. Mit ein paar Knöpfen justierte er noch minimal nach. Er keuchte.

Er wandte sich von dem Teleskop ab. »Ich kann so viele Einzelheiten entdecken. So unendlich viel. Es ist unglaublich.« Ich nickte. »Einer der Planeten wirkt wie ein unendlich großer Haufen Metall. Welche Technik dort verborgen ist?« »Das ist meine Heimat. Wir haben den Planeten selbst geschaffen.« Er sah mich ungläubig an. »Wie?« Ich schüttelte den Kopf. »Alles zu seiner Zeit. Alles zu seiner Zeit.«  »Es tut mir leid. Ich habe noch gezweifelt, aber das ist alles viel größer, als ich jemals ...« Er beendete seinen Satz nicht. »Wir werden nun die Öffentlichkeit damit bekannt machen. Dein Ruhm wird grenzenlos sein. In Tausenden von Jahren wird man sich noch an deinen Namen erinnern können.«

Es begann mit einem Artikel und es schlug eine ungeahnte Welle von sich. Wenn es am ersten Tag nur ein paar Meldungen waren, war es am Tag darauf viral. In jeder Zeitung, auf jedem Sender, in jedem Blog wurde darüber berichtet. »Wir sind nicht allein« titelte die New York Times. Krouth erzählte davon, wie die Menschen beeinflusst worden waren und schließlich wurde ein Vortrag organisiert. Ich hatte mich mittlerweile komplett zurückgezogen, um nicht entdeckt zu werden und verfolgte begierig das Geschehen. An dem Abend des Vortrags waren hunderte Sender auf der Welt nur darauf gerichtet.

Krouth. Der Mann, der erklärte, welche Bedeutung die Alienrasse in dem Leben der Menschen hatte. Der Mann, der erklärte, dass wir kommen würden. Der Mann, der alles verändern würde. Als er zu dem Rednerpult trat, merkte man ihm seine Aufregung an. Er zitterte. Ganz leicht. Für die Menschen war es höchstens unterbewusst wahrnehmbar, aber ich fühlte jede Kleinigkeit. Wissenschaftler, Staatsmänner und andere wichtige Persönlichkeiten hatten sich in einem Raum versammelt, um ihm zuzuhören. Über eine Stunde lang sprach er darüber und die Welt schien aus den Fugen geraten. Es war als gäbe es für eine Stunde kein anderes Thema und ich wusste, dass es bald soweit wäre. Endlich.

Mein Volk würde kommen und diesen Planeten vernichten. Ich war nicht hierher geschickt worden, um die Menschen zu unterstützen, sondern um den Samen zu pflanzen, um zu sehen, ob sie es zu weit schaffen würden. Dieser Planet war nicht meine Heimat und es war schon so lange her, dass ich auf dem Boden meiner Heimat gestanden hatte. Jahrhunderte waren vergangen und wegen der Zeitkrümmung war das hundert- und tausendfache der Zeit in meiner Heimat verstrichen. Was war in all der Zeit geschehen? Ich sah demütig nach draußen und hoffte auf ein Zeichen, auf die bald eintreffende Landung. Jede Minute kam mir wie ein weiteres Jahrzehnt vor, dass ich hier auf diesem dreckigen Planeten verbringen musste.

Ich glaubte nicht, dass der Mensch jemals in der Lage gewesen wäre, ohne meine Hilfe, ohne mein Zutun. Und das war der Punkt. Man hätte mich bis zum Ende der Menschheit hiergelassen, hier verrotten lassen, zur Beobachtung, wenn nichts passiert wäre. Ich sah zurück auf die Mattscheibe. Der Vortrag war gerade beendet worden und lautes Klatschen dröhnte aus den Lautsprechern. Die Kamera schwenkte über die Menschen, die aufgestanden waren und Beifall spendeten. Unkraut.

Ein Signal wurde wenige Tage später aufgenommen und in den Weltraum geschickt. Eine Botschaft. Spätestens jetzt würden sie kommen. Wenn eine zielgerichtete Nachricht sie erreichte, würden sie kommen und diesen Planeten endlich vernichten.

Der Morgen graute schon, als das feine Surren an mein Ohr drang. Nur wenig später wurde auch im Radio von der Ankunft berichtet. Gigantische Raumschiffe wären zu sehen, so sagte man, überall auf der Welt. Ich sah nach draußen. Der Himmel war bedeckt von dunklen Punkten, aber die Wolken verdeckten noch das meiste. Sie würden kommen. Und ich wäre endlich wieder auf dem Weg in meine Heimat! Es dauerte, bis ich die Raumschiffe wirklich sehen konnte. Im Radio sprachen alle von der Ankunft. Die alten Astronautengötter waren zurückgekommen und würden das menschliche Wissen revolutionieren.

Unzählige Stimmen quäkten aus den Lautsprechern. Heute Abend würde kein Mensch mehr existieren. Diese Welt würde morgen aufwachen, mit einer Rasse weniger auf dem Planeten. Ich lächelte. Krouth war dumm gewesen. Selbst der klügste Mensch der Welt fing gerade erst an zu keimen. Es war Zeit. So viel Zeit war verloren gegangen, so unendlich viel Zeit, die einfach verschwunden war. Endlich würde sich alles ändern.

Ich sah noch einmal in den Himmel. Eines der Schiffe durchbrach die Wolkendecke und ein bläulicher Rumpf schälte sich aus dem Weiß. Ich erstarrte, als ich das Schiff erkannte. Das waren nicht die Schiffe meiner Heimat. Das war kein Baustil, den wir pflegten. Hatte sich in der Zeit alles verändert? Ich schaltete den Fernseher an. Auf anderen Teilen der Welt waren längst Schiffe gelandet und Krieg wütete. Man sah nur Fetzen von den Kreaturen, die aus den Schiffen kamen. Das waren nicht meine Landsleute. Das war eine fremdartige Rasse!

Mir wurde klar, was das bedeutete. Die Nachricht hatte jemand anderen erreicht. Wie war das möglich? Ein Fehler? Aber sie war punktgenau auf diesen Planeten gerichtet worden; der ganze Vorgang war gezeigt worden. Es war absolut unmöglich, dass jemand anderes sie hätte bekommen können. Was nur bedeuten konnte, dass diese Rasse meinen Heimatplaneten zu ihrem gemacht hatte. Ich war paralysiert, als mir klar wurde: Ich war wahrscheinlich der letzte meiner Art.


~~~~Asthenar Weltenbruch

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