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Das Licht des Vollmondes scheint auf mich herab und lässt meine blasse Haut in der Dunkelheit erstrahlen. Die feuchte Erde unter meinen nackten Füßen, fühlt sich wie ein weicher Teppich an und mit jedem einzelnen Schritt, scheine ich tiefer in den Boden einzusinken. Als Kind habe ich mich immer sehr gefürchtet, wenn ich den Friedhof betrat, um das Grab eines Verwandten zu besuchen. Es wäre mir damals niemals in den Sinn gekommen ihn in der Dämmerung oder gar nachts zu betreten. Mittlerweile ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich des Nachts zwischen den Gräbern umherwandle und dabei über die kalten Grabsteine streiche.

Ich fühle mich hier sicher. Die Friedhofsmauern bieten mir Schutz, geben mir ein Gefühl der Sicherheit. Die Menschen bringen diese Plätze nur allzu oft mit Finsternis in Verbindung, doch dabei lauert die wahre Finsternis jenseits dieser Mauern. Leid und Elend, Krankheit und Gewalt, all diese Dinge gibt es hier nicht. Viele der 'Bewohner' wurde zwar auf die ein oder andere unmenschliche Weise an diesen Ort befördert, doch nun ist alles gut. Sie heißen schließlich nicht umsonst Friedhöfe. 'Ruhe in Frieden', sagen sie immer auf den Beerdigungen und genau das herrscht hier auch: Frieden.

Die Welt jenseits dieses Ortes, die man Leben nennt ist nur eine Phase die schnell zuende geht. Das Leben ist begrenzt; der Tod jedoch währt ewig. Meine erste Erfahrung mit ihm, machte ich im Alter von 4, als meine Großmutter starb. Auch meine Mutter fand schon bald ein grausames Ende - Mord! Es war Mord, der mir meine Oma und meine Mutter nahm. Mein Vater? Er war ein Monster, ein wahrer Schandfleck. Abschaum der Gesellschaft und ich? - Ich stand schon bald ganz alleine da, lebte in der Gosse, musste fast jeden Tag hungern. Bis ich Frieden an diesem Ort fand.

Ein Geräusch! Jemand ist hier. Und das um 2 Uhr nachts? Ich verstecke mich hinter einem der Familiengrab-Steine. Durch das Tor kommt ein alter Mann. Das Mondlicht erhellt seine faltige Haut sowie seinen zerfledderten, grauen Anzug. Er hustet und würgt. Scheint nicht bei bester Gesundheit zu sein, denke ich mir. Er sieht sich um, wirkt dabei überaus verängstigt. Da quietschen plötzlich die metallenen Schaniere des Tores und eine jung wirkende Frau betritt den Friedhof.

Abgesehen von ihrem Dutt, ihrer blassen Haut, den dunkelroten Lippen und ihrer atemberaubenden Figur, lässt sich von ihrer übrigen Erscheinung nicht viel erkennen. Ihre Füße stecken in schwarzen Hackenschuhen, die ihre überaus langen und wunderschönen Beine betonen. Ihr Körper ist in ein schwarzes, schulterfreies Kleid gehüllt, das einige Zentimeter über ihren Knien endet und an dem oberhalb der linken Brust eine schwarze Rose befestigt ist. Ihr Gesicht wird von einem dunklen Schleier verdeckt und in ihrem schwarzen Haar steckt nochmal eine ebenfalls schwarze Rose.

Ich beobachte gespannt und wie in Trance das ungewöhnliche Schauspiel, das sich vor meinen Augen bietet. Der Mann erschrickt kurz, als er die Frau bemerkt. Sie ist fast einen guten Kopf größer als er und als sie auf ihn zukommt und sich die dunkelfarbenen Handschuhe abstreift, kommen ihre blassen Finger mit den schwarz lackierten Nägeln zum Vorschein. Der Mann beginnt sich erstaunlich schell zu beruhigen und kommt ihr sogar ein wenig entgegen.

Die Frau hebt ihre rechte Hand und hält sich den Zeigefinger vor die verführerischen Lippen. Sie flüstert ihm etwas zu, doch ich kann nicht verstehen was sie sagt. Der Mann wehrt sich kein bisschen, als sie mit ihren Händen über seine Wangen streicht und ihm zärtlich einen Kuss auf den Mund gibt. Der Mann sackt plötzlich in ihren Armen zusammen und als sie ihn loslässt, fällt er leblos zu Boden. Die Frau lächelt verschmitzt und wendet sich ab. Verborgen in der Dunkelheit habe ich alles mit angesehen.

Jetzt komme ich aus meinem Versteck hervor und schleiche mich an den toten Körper des Mannes heran. Ich betrachte ihn kurz und fühle dann seinen Puls... tot. In dem Moment vernehme ich einen Schrei hinter mir. Ich drehe mich um und blicke in das, vom Schleier verdeckte, Angesicht der Frau, die nun mit einem Spaten hinter mir aufgetaucht ist. Sie wollte wohl noch ein neues Grab ausheben, um den Leichnam schnell unter die Erde zu bringen, doch nun versucht sie den Spaten als Waffe zu gebrauchen und geht auf mich los.

Verzweifelt versucht sie die einzige Zeugin ihrer Untat auszuschalten, doch ich schlage ihr den Spaten mit einem kräftigen Schlag aus der Hand. Sie schreit kurz auf und blickt verschreckt auf ihr Handgelenk, das zu bluten beginnt. Offenbar habe ich es beim Zuschlagen gebrochen. Blut läuft an ihrem Handgelenk hinunter und tropft auf den Boden, wo es von der feuchten Erde, auf der wir beide stehen, aufgesogen wird. Meine Instinkte spielen plötzlich verrückt.

Ich stürme nach vorne und reiße die Frau zu Boden. Ihre Schreie werden jäh erstickt, als ich ihr mit meiner Hand den Mund zu halte. Ich reiße ihr den Schleier vom Gesicht und blicke hinein in das blanke Entsetzen, das sich in ihren Augen festgesetzt hat. Es hat etwas von schlechtem Benehmen, einen Hauch von Unhöflichkeit, wenn man der Person nicht in die Augen sieht, während man sie tötet. Die Frau greift nach der Rose, die an ihrem Kleid befestigt ist und eine süßlich riechende Wolke wird mir ins Gesicht gesprüht. Gift! schießt es mir durch den Kopf, doch es beeinträchtigt mein Handeln in keinster Weise.

Ich fixiere mein Ziel und mit einem kräftigen Biss, zerreiße ich die Kehle der sich windenden und zappelnden Frau. Blut schießt aus ihrem Hals hervor und bildet eine rote Lache im Schein des Mondes. Nach wenigen Sekunden bewegt sie sich nicht mehr und ich beginne hastig, beinahe gierig, die rote Flüssigkeit hinunterzuschlucken. Nach wenigen Minuten ist mein Hunger gestillt; nach all den qualvollen Nächten ist mein Magen wieder gefüllt. Es ist eine Qual, wenn im Schutze der Sonne ein Mensch nach dem anderen an mir vorbei geht, während ich nur da liegen und warten kann, dass die Sonnenstrahlen verschwinden und Platz machen für die schützenden Schatten der Dunkelheit.

Menschen. Verabscheuungswürdige Kreaturen. Sollte ich an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass es mein Vater war, der vor knapp 300 Jahren meine Großmutter und meine Mutter tötete? Einen spitzen Pflock hat er ihnen ins Herz gerammt und sie zu Asche zerfallen lassen. Aber mir konnte er sowas nicht antun. Ich war doch schließlich sein kleines Mädchen und in dem Moment, als ich die Zweifel in seinen Augen aufblitzen sah, schlug ich meine spitzen Zähne in seine Halsschlagader und beendete sein Leben. Den Rest kennt ihr ja bereits. Hungernd schleppte ich mich durch die Gegend, suchte Schutz an dunklen Orten, an die sich allerdings kein Mensch, keine Nahrung begab.

Nach einer guten Stunde habe ich eine tiefe Grube geschaufelt und werfe die menschlichen Kadaver hinein. Als ich sie wieder zugeschüttet habe, beginnen am Horizont die ersten Sonnenstrahlen aufzuleuchten. Die Morgensonne ist mein Feind und nun drängt sie mich zurück in den Schatten. Ich begebe mich zurück zu meiner Grabstätte. 'Lorna Ravens' steht auf dem Grabstein. Ich habe keine Ahnung, was mit dem Leichnam geschehen war. Als ich das Grab bezog, war es bereits leer gewesen. Vermutlich hatten sich Ghule an der Leiche zu schaffen gemacht oder sie war verlegt worden.

Ich lege mich hin und nachdem ich einen letzten Blick auf den wunderschönen Vollmond geworfen habe, schließe ich den Deckel. Für heute ist mein Durst gestillt, doch es werden weitere Nächte des Hungerns kommen. Doch diese Frau wird nicht die letzte nächtliche Besucherin bleiben. Es werden weitere kommen und wenn sie erscheinen, werde ich auf sie warten. Denn ich werde ewig an diesem Ort verweilen. Wie ein stiller Wächter, werde ich auf dieses Paradies des Friedens achten. Ich Ruhe zwar nicht in Frieden, doch ich führe ein friedliches Dasein in den Schatten der Friedhofsmauern. Denn ich bin unsterblich, ein Geschöpf der Dunkelheit... ein Engel des Todes.

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