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Helena lag verschwitzt und müde im Bett, wälzte sich schlaflos von einer Seite auf die andere und blieb schließlich auf dem Rücken liegen. Sie lauschte dem ruhigen Atem ihres Mannes, der neben ihr schlief und beobachtete die Fliegen, die summend im Halbdunkel über dem Bett einen bizarren Reigen tanzten.
Seit die Jalousie im Schlafzimmer auf halber Höhe festklemmte, konnte sie nicht mehr richtig schlafen. Die Sommerhitze drang tagsüber mit der Sonne in den Raum und verwandelte das Schlafzimmer in einen Backofen. Nachts störte das Licht der Straßenlaterne, die wie ein gelber Scheinwerfer durch das Fenster leuchtete und das Zimmer in diffuses Zwielicht tauchte.
Markus hatte keine Probleme damit. Weder mit der Hitze, noch mit der fehlenden Dunkelheit, er schlief selenruhig wie ein Baby. Helena beneidete ihn einen Augenblick lang, dann stand sie seufzend auf, schleppte sich träge ins Bad und duschte kalt.
Das half gegen die Hitze. Ihr Kreislauf kam wieder auf Touren und die dumpfe Trägheit des Schlafmangels wich einer leichten Mattigkeit. Als sie die Dusche, mit einem Handtuch bekleidet, verlies, klingelte nebenan der Wecker. Ein schlaftrunkenes Stöhnen, gefolgt von schlurfenden Schritten und Markus stand in der Tür.
„Morgen Schatz“, sagte er gähnend, trat vor die Toilette und klappte Deckel samt Brille hoch, „Hast du wieder nicht geschlafen?“
„Nein“, erwiderte Helena gereizt, „Du wolltest die Jalousie reparieren. Mach das endlich, anstatt den ganzen Tag im Keller zu werkeln.“
„Mann, hast du schlechte Laune“, er sah nur kurz auf, um das wütende Funkeln in den Augen seiner Frau zu registrieren, dann galt seine Aufmerksamkeit dem Strahl Morgenurin, den er möglichst grade in die Keramik zielte.
Sie schnaubte genervt: „Hab ich auch, kann ja nicht schlafen mit dem Flutlicht vor dem Fenster. Und du kümmerst dich nicht drum!“ Die Anklage schwebte einen Augenblick lang zwischen ihnen.
„Beruhig dich wieder. Gleich nach Feierabend werde ich die Jalousie reparieren. Versprochen.“ Markus betätigte die Spülung und wollte seine Frau versöhnlich in den Arm nehmen, doch Helena war nicht nach Schmusen zu mute. Sie wich ihm aus und verließ das Bad, um sich für die Arbeit fertig zu machen.
Aus dem Flur rief sie in versöhnlicherem Ton: „Vergiss nicht, den Deckel wieder runter zu klappen, sonst bekomme ich noch mehr schlechte Laune.“


Im Büro staute sich die Hitze genauso wie Zuhause.
Helena hatte das Gefühl, die Welt schrumpfe unter einer erstickenden Käse- Glocke zusammen, bis es nur noch das Surren der Drucker und PCs, summende Fliegen und das Flap-Flap-Flap der alten Deckenventilatoren gab. Es roch nach heißer Elektronik und saurem Schweiß.
Die Büros der einfachen Mitarbeiter waren nicht wichtig genug, um auf elektrische Klimaanlagen umgerüstet zu werden. Die Chefs eine Etage höher, saßen jetzt entspannt in wohl temperierten Räumlichkeiten und genossen die Vorzüge der Technik.
Helena war frustriert, der Schlafmangel störte ihre Konzentration. Die Warenbestellung, die sie seit zehn Minuten bearbeitete verschwamm immer wieder vor ihren Augen. Das Atmen fiel ihr schwer, als weigerte sich die stickige Luft in die Lunge eingesaugt zu werden.
Zur Mittagspause hatte ihre Laune den Tiefpunkt erreicht. Sie schaltete die Geräte aus und nahm sich frei. Ihrem Chef legte sie einen Urlaubsantrag bis Ende der Woche mit offenen Überstunden auf den Tisch und ging, bevor sie den bewilligten Antrag zurückbekam. Sie nahm sich vor, morgen in der Firma anzurufen, um die Sache zu klären. Aber so wie sie ihren Chef kannte, dürfte das kein Problem darstellen.


Die Sonne brannte auf die Erde, als wolle sie jedes Lebewesen verbrennen. Die Hitze flimmerte über den Straßen und erzeugte Luftspiegelungen. Kein Windhauch regte sich in der flirrenden Atmosphäre. Alles, was Beine hatte, floh in den Schatten.
Nur das Zirpen der Insekten zeugte noch von Leben.
Helena war in den Keller geflüchtet, hatte die alte Militärliege aufgebaut, die sie sonst für Übernachtungsgäste bereitstellte und starrte träge an die Decke. Die Augen wollten nicht geschlossen bleiben, der Schlaf ließ auf sich warten. Sie zählte die Reihen der Konserven im Vorratsregal, die Holzbalken der Kartoffelkiste, lauschte dem leisen Brummen der Gefriertruhe.
Waren es jetzt drei, oder schon vier Tage, in denen sie nicht mehr geschlafen hatte? Sie wusste es nicht. Die vergangene Woche verschwamm in ihrer Erinnerung zu einer Abfolge aus hellen und dunklen Episoden, gefüllt mit Eindrücken aus träger, stickiger Luft, klebriger, verschwitzter Haut und dem ewigen Summen der Fliegen.
Aus dem Werkraum nebenan drang ein leises Scharren.
Helena horchte auf. Hatten sich etwa Mäuse im Keller eingenistet?
Zwei Herzschläge verstrichen, in denen sie angespannt lauschte. Dann raffte sie sich ächzend auf und schlurfte aus dem Vorratsraum in den kleinen Flur, der zur Kellertreppe und zum Heizungsraum führte. Unter der Treppe befand sich die Tür zum Werkraum. Eine, aus rohen Holzlatten grob gefertigte Kellertür, die nicht richtig in die Angeln passte und mehr als Sichtschutz diente, statt als Tür zu fungieren.
Die Tür knarrte trocken als Helena sie öffnete.
Dahinter erstreckte sich Markus‘ Reich, ein chaotischer Werkraum zum Basteln und Heimwerken. Die gegenüberliegende Wand wurde von einer langen Werkbank beherrscht. Hier stapelten sich Schraubzwingen, Rohrzangen, Maulschlüssel, Seitenschneider und die angefangenen Projekte, unordentlich zu verschieden großen Haufen getürmt.
Missbilligend musterte Helena das Chaos.
Im Regal neben der Tür lagen diverse Koffer für Bohrmaschine, Stichsäge, Winkelschneider und ein Knäul Verlängerungskabel. Mehrere Kartons quollen über, gefüllt mit dem gleichen Sammelsurium aus Schrauben, Nägeln und Dübeln.
Sonst gab es nichts zu entdecken. Nichts, dass hier hätte Scharren können. Helena blickte sich angestrengt in dem Raum um, aber da war nichts.
Das Geräusch der Klingel schreckte sie auf und sie machte sich schlecht gelaunt auf den Weg zur Tür. Die Hitze im Haus war unerträglich.
Ein Paketbote brachte eine Lieferung für Markus.
Helena quittierte den Empfang. Das Paket war schwer und der Inhalt klirrte metallisch.
Neue Teile für die Unordnung auf der Werkbank.
Helena platzierte das Paket neben der Tür, unwillig den schweren Karton woanders hin zu tragen. Ziellos tappte sie durch das Haus, schlurfte die Treppe rauf zum Schlafzimmer, das sich schon wieder in einen Brutofen verwandelt hatte, stand einen Moment unschlüssig im Bad nebenan, bis sie die Treppe wieder runterschlurfte, den Flur entlang, vorbei an Küche und Kellertür und betrat das Wohnzimmer.
Das Sofa wirkte auf einmal sehr einladend. Sie sackte aufs Polster, schaltete den Fernseher ein und seufzte frustriert.
„Die aktuelle Hitzewelle dauert bis auf Weiteres an. In den kommenden Nächten ist nicht mit einer Abkühlung zu rechnen. Die Waldbrandgefahr ist enorm angestiegen, die Bevölkerung wird gebeten, bewaldete Gebiete aus Sicherheitsgründen zu meiden. Der bundesweite Aufruf, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen, wird noch einmal verschärft. Die Bürger sind dazu angehalten, vorhandene Swimming- Pools nicht mit Leitungswasser zu füllen und Gartenbesitzer ihre Pflanzen nicht mit Leitungswasser zu bewässern. Das Waschen von Kraftfahrzeugen ist nach Möglichkeit ebenfalls zu vermeiden. Wir melden uns wieder zur Tages-"
Zapp. „Ey, Schwuchtel, was willssu? Isch hab-“
Zapp. „Kennen Sie das, wenn ihre Waschmaschine wieder-“
Zapp. „-und im Schatten dieses gewaltigen Gipfels beginnt die Wüste. Hier ist das Todestal, die furchtbarste aller Wüsten. Der tiefste Punkt des amerikanischen Kontinents.“
Zapp. Zapp. „Der Weltraum. Unendliche-“
Zapp.
Helena schaltete desinteressiert durch alle Kanäle, bis sie auf einem Musiksender hängen blieb. Mit halbgeschlossenen Augen döste sie vor sich hin. Grade, als sie das Gefühl hatte, endlich einzuschlafen, wurde die Haustür rabiat aufgeschlossen.
„Oh, mein Paket ist da!“
Gepolter und schlurfende Schritte ertönten.
„Helena Schatz, ich bin zu Hause! Hey, schläfst du etwa?“
Helena brummte schlecht gelaunt und öffnete mühsam die Augen. Markus stand vor dem Sofa, mit dem Paket unterm Arm. Er strahlte wie ein kleines Kind an Heilig Abend.
„Wie denn, wenn du hier rumbrüllst?“, beschwerte sie sich.
„Oh, tut mir leid. Dann leg dich wieder hin. Ich bin im Keller.“ Flötete er und verschwand.
Helena fühlte Zorn in sich aufsteigen.
„Was ist mit der beschissenen Jalousie?“, rief sie ihm hinterher.
„Mach ich später mein Schatz! Versprochen!“ Tönte es aus dem Kellerabgang.
Sie seufzte resigniert. Es war zu heiß, um hinterher zu laufen, nur, um sich zu streiten. Also schluckte sie den Ärger herunter.
In den kommenden Nächten ist nicht mit einer Abkühlung zu rechnen, fuhr es ihr durch den Kopf. Die Jalousie änderte nichts daran. Sie schaltete den Fernseher aus. In der drückenden Stille hörte sie ihr Herz schlagen, die Uhr an der Wand schlug im Takt dazu. Dann brummte eine Fliege durch den Raum und prallte surrend gegen das Fenster.
Der Zorn wallte erneut in ihr auf.
Nicht wegen Markus, nein, der Schlafmangel war schuld. Sie war mit den Nerven am Ende. Eine Abkühlung und dann Schlafen. Ja, das würde sicher funktionieren. Sie raffte sich auf, taumelte ins Bad und stieg zum zweiten Mal an diesem Tag unter die Dusche.
Danach öffnete sie im Schlafzimmer Fenster und Tür und erzeugte auf diese Weise einen minimalen Durchzug, der die abgestandene, stickige Luft erneuerte. Die Temperatur sank dadurch zwar nicht, aber wenigstens roch die Luft nicht mehr so verbraucht. Helena warf sich aufs Bett und blieb liegen, wie sie gefallen war.
Die Fliegen tanzten immer noch ihren Reigen um die Lampe. Um das Summen nicht mehr hören zu müssen, griff sie nach dem Telefon und machte leise Musik an. Träge döste sie vor sich hin, bis sie in einen leichten Schlaf hinüberglitt.

Mitten in der Nacht fuhr Helena erschrocken aus dem Schlaf. Sie glaubte, von einem Geräusch geweckt worden zu sein, aber die Wohnung lag still in der stickigen Hitze.
Das Licht der verhassten Laterne malte einen langen, hellen Streifen über die Decke, die Wand entlang, bis zum Kleiderschrank. Die Ecken und Winkel des Schlafzimmers waren von wabernden Schatten erfüllt.
Aus Gewohnheit glitt ihre Hand auf die andere Seite des Bettes, doch diese war leer.
„Markus?“
Die Wohnung antwortete mit Schweigen.
Einen Moment lang überlegte sie, ob sie aufstehen und nach ihm sehen sollte, aber dann verwarf sie den Gedanken. Markus war erwachsen und wenn er die Nacht zum Tage machen wollte, dann war das seine Entscheidung.
Sie drehte sich in eine bequeme Position, in der das Licht der Straße sie nicht so sehr blendete und versuchte wieder einzuschlafen. Doch diesmal wurde sie von wirren Träumen heimgesucht, voller seltsamer, gestaltloser Gefahren, vor denen sie davonrannte, ohne vorwärts zu kommen.
Als der Wecker ging, schaltete sie ihn mit einem Knurren aus und starrte erschöpft und verschwitzt zur Decke. Markus lag nicht neben ihr.
War er denn gar nicht ins Bett gekommen?
Helena schälte sich aus den klammen Laken und schlurfte ins Bad. Der Toilettendeckel war geschlossen, ein sicherer Beweis, dass er noch nicht hier gewesen war. Kopfschüttelnd erledigte Helena ihre Morgenroutine und bereitete das Frühstück vor.
Die Marmelade war leer. Sie wollte in den Keller gehen und ein neues Glas aus dem Vorratsraum holen, doch als sie die Tür öffnete, verharrte sie auf dem Treppenabsatz und lauschte angestrengt. Ein Scharren und Schaben drang gedämpft aus dem Werkraum.
Es hatte Ähnlichkeit mit dem Geräusch, das sie gestern schon gehört hatte, aber jetzt war es gleichmäßiger, als ob es zielgerichtet wäre.
Stirnrunzelnd schlich sie die Kellertreppe hinunter, verzichtete darauf das Licht einzuschalten und vermied jedes Geräusch, holte das neue Marmeladenglas und stand schließlich vor der Tür zum Werkraum. Sie versuchte, durch die Spalten der Holzlatten zu spähen, aber da war nur Dunkelheit.
Das gleichmäßige, fast rhythmische Scharren und Schaben klang deutlich aus der Finsternis.
Ein kalter Schauer lief Helena über den Rücken, als sie eine Bewegung in der Dunkelheit ausmachte und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Sie zog sich zurück und schlich noch leiser wieder nach oben. An der Tür blieb sie stehen und lauschte erneut.
Der Rhythmus des Schleifens blieb unverändert.
„Markus? Das Frühstück ist fertig, hast du Hunger?“, rief sie unsicher in die Dämmerung des Kellers.
„Ich bin beschäftigt, ich kann jetzt nicht. Fang schon mal ohne mich an,“ kam es dumpf aus dem Werkraum.
„Musst du nicht arbeiten?“, wollte sie wissen.
„Nein, ich hab mir Urlaub genommen.“
„Ich hab auch Urlaub bis Ende der Woche. Was hältst du davon, wenn wir zusammen-“
„Ich hab keine Zeit, ich muss das hier fertig machen“, kam es gereizt zurück.
Helena stieg die Treppe wieder runter, diesmal mit Absicht so laut, dass Markus es hören musste. „Was wird das denn, wenn es fertig ist?“, bohrte sie weiter.
„Sag ich nicht. Es wird eine Überraschung.“ Markus klang jetzt eindeutig genervt.
„Gibst du mir einen Tipp?“
„Nein, wage es ja nicht, rein zu kommen.“
„Ist ja gut, ich war nur neugierig.“
„Ich will, dass du nicht mehr in den Werkraum gehst, bis ich es dir ausdrücklich erlaube.“
„Ja, ja, stell dich nicht so an.“
„Das ist mein voller Ernst.“
„Mein Gott, Männer und ihre Spielzeuge. Mach doch, was du willst.“
Enttäuscht wandte Helena sich ab, dann fiel ihr noch etwas ein. „Du hast vergessen die Jalousie zu reparieren, obwohl du es versprochen hattest.“

Das Telefonat zwischen Helena und ihrem Chef verlief zu ihrer Zufriedenheit. Nach der Hausarbeit ging Helena in den Garten, goss das Kohlgemüse und die Pflanzen im Gewächshaus, dann legte sie sich mit einem Buch in die Hollywood-Schaukel.
Der Morgen war erträglich, die Sonne sammelte noch ihre Kräfte für den Tag. Vögel zwitscherten in den Hecken und hüpften in den Obstbäumen herum. Die Hitzewelle hatte dennoch schon deutliche Spuren hinterlassen. Der Rasen wurde langsam braun, die Blumenbeete sahen welk aus und in dem kleinen Springbrunnen schwamm nur noch eine ölige Pfütze.
„Hallo Frau Nachbarin. Sie haben wohl Urlaub genommen, wie? Das ist vernünftig, bei diesen Temperaturen.“
Sie sah von ihrem Buch auf. Am Zaun, wenige Meter entfernt, lehnte ein älterer Herr, den kahlen Kopf mittels Strohhut vor der Sonne geschützt, in der Hand eine Rosenschere.
Er lächelte freundlich und Helena lächelte zurück: „Guten Morgen Herr Kosewitz, Sie sind wohl wieder fleißig am Werk, wie man sieht.“
„Ja, ja, die Arbeit im Garten wird nicht weniger. Bei diesem Wetter muss man sich beeilen und den Morgen ausnutzen solange es noch kühl ist.“
„Da haben Sie Recht. Leider habe ich in den letzten Tagen so schlecht geschlafen, dass ich mich nur zum Nötigsten aufraffen kann.“
„Ich schlafe seit zwei Wochen im Keller, da ist es schön kühl“, Herr Kosewitz legte verschwörerisch den Zeigefinger an die Nase, „Man muss nur ein wenig ausgefuchst sein, Frau Nachbarin.“
„Ach, das habe ich auch versucht, aber so richtig funktioniert hat es nicht.“
Der ältere Herr machte ein verblüfftes Gesicht, dann forderte er Helena mit einer Geste auf, näher zu kommen. Er wartete, bis sie am Zaun stand und fuhr mit gesenkter Stimme fort: „Haben Sie es gehört?“
„Was soll ich gehört haben?“
„In Ihrem Keller ist etwas, das merkwürdige Geräusche macht.“ Er blickte sich kurz um, so als fürchtete er heimliche Zuhörer, dann sah er sie ernst an. „Sie haben es also nicht gehört?“, hakte er noch einmal nach.
Helena lächelte. „Das ist Markus, der hat wieder so ein verrücktes Projekt angefangen und will mir nicht verraten, um was es geht. Ich werde ihm ausrichten leiser zu sein, wenn er wieder die Nacht zum Tage macht.“
„Nein, nein, das ist es nicht. Ich weiß doch, wie die Geräusche beim Werkeln klingen. Nein, dieses Geräusch klingt so, so eigenartig, wie ein Scharren. Es ist rhythmisch und monoton gleichmäßig, aber trotzdem hat es irgendwas Lebendiges an sich.“
„Herr Kosewitz, ich hab das Geräusch schon gehört, aber ich bin sicher, dass Markus dahinter steckt, immerhin war er im Werkraum, als ich es gehört habe.“
„Na, wenn Sie es sagen“, er wirkte ein wenig enttäuscht, dann sagte er unvermittelt: „Die Stockrosen werden wohl dieses Jahr nichts werden. Ohne Wasser geht ja alles ein hier.“
Helena blinzelte verwirrt über den schnellen Themenwechsel, antwortete aber: „Wem sagen Sie das? Meine Hortensien sind auch schon halb vertrocknet. Aber in solchen Zeiten müssen wir wohl Opfer bringen.“
Herr Kosewitz nickte ihr zu und wandte sich zum Gehen.
Helena kehrte zu ihrem Buch in der Hollywood-Schaukel zurück, aber jetzt konnte sie sich nicht mehr auf die Lektüre konzentrieren.
Was hatte Herr Kosewitz ihr sagen wollen?
Die Hollywood-Schaukel wiegte sie sanft hin und her.
Hatte sich vielleicht doch Ungeziefer im Keller eingenistet?
Was trieb Markus da nur in seinem Werkraum?
Sie hätte aufstehen und nachsehen können, aber das träge Schaukeln erfüllte sie mit einer angenehmen Schläfrigkeit, die sie seit Tagen schon vermisste.
Langsam fielen ihr die Augen zu.

Helena erwachte mit brennendem Durst.
Als sie sich desorientiert aufsetzte, verlor sie fast das Gleichgewicht und fiel aus der Hollywood-Schaukel. Alarmiert blickte sie sich um. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, aber längst nicht mehr im Zenit.
Wie spät mochte es sein?
Hatte sie wirklich geschlafen? Träge rappelte sie sich auf. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, als ihr Kreislauf gegen die plötzliche Anstrengung protestierte.
Gut, dass die Hollywood-Schaukel überdacht war, sodass sie sich keinen Sonnenbrand geholt hatte. Trotz des Nickerchens fühlte sie sich nicht erholt, im Gegenteil, sie hatte eher das Gefühl noch müder und kaputter als vorher zu sein.
Helena wankte ins Haus. In der Küche fand sie nur leere Sprudelflaschen, also musste sie in den Keller gehen und Nachschub holen.
An der Tür blieb sie wieder stehen, lauschte und starrte Treppe hinab in das Zwielicht.
In der diffusen Dämmerung des Kellers hörte sie deutlich das gleichmäßige Scharren.
Die Schatten in den Winkeln und Ecken schienen tiefer als gewöhnlich und irgendwie substanzieller zu sein als man erwarten würde.
Unsicher tappte sie die Treppe runter, schob die Tür zum Vorratsraum auf und angelte eine frische, kellerkalte Sprudelflasche aus dem Kasten. Helena öffnete sie gleich an Ort und Stelle und trank in langen Zügen. Mit einer weiteren Flasche bewaffnet trat sie den Rückweg an.
Vor dem Werkraum war das Scharren lauter zu hören.
Sie wurde langsamer.
Aus den Lücken zwischen den Holzlatten der Brettertür quoll tiefe Dunkelheit, die ihr Unbehagen bereitete.
Auf der anderen Seite des Raumes schien es stockdunkel zu sein.
Was zur Hölle machte Markus da drin in der Finsternis?
Er konnte doch gar nichts sehen oder irrte sie sich?
Zögernd trat sie näher an die Tür heran. Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn als sie die Hand ausstreckte, um die Tür zu öffnen.
„Helena“, kam es tadelnd von der anderen Seite der Tür, „Ich hab doch gesagt, du sollst nicht reinkommen, weil es eine Überraschung wird.“ Sein Ton klang irgendwie aggressiv.
Helena fühlte wie ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Sie ließ die Hand wieder sinken, aber sie war nicht bereit so leicht den Rückzug anzutreten.
„Markus“, begann sie so sanft und freundlich wie möglich, „Mach mal eine Pause und komm aus dem Keller raus.“
„Ich kann nicht, ich muss das hier erst fertig machen“, klang die gereizte Antwort aus der Dunkelheit.
Helena schwieg einen Moment, dann versuchte sie es noch einmal auf dem diplomatischen Weg: „Du hast doch die ganze Nacht an deinem Projekt gearbeitet und seitdem nichts gegessen oder getrunken. Du musst es nicht übertreiben.“
„Ich brauche nichts. Verschwinde“, jetzt klang er eindeutig sauer.
Helena seufzte gekränkt und schlurfte die Treppe wieder hoch.

Der angebrochene Tag schleppte sich träge dahin, Helena litt unter der Hitze und versuchte sich mit einer Netflix- Serie abzulenken.
Manchmal döste sie etwas ein, driftete am Rande des Schlafes entlang, bekam aber noch alles mit, was der Fernseher ihr erzählte.
Sie stand nur auf, um sich eine neue Sprudelflasche zu holen, ansonsten vegetierte sie auf dem Sofa vor sich hin.
Ab und an las sie die Nachrichten auf ihrem Smart-Phone.
In der Whats-App Freunde-Gruppe wurde ein Grill-Treffen für das Wochenende geplant.
Sie sagte ab, weil sie schlecht gelaunt war und nicht davon ausging, dass Markus bis zum Treffen wieder vernünftig wurde.
Plötzlich klingelte das Telefon.
Es war Larissa: „Hey, was ist denn los? Warum kommst du nicht zum Grillen?“
„Tut mir leid, ich bin furchtbar mies drauf, weil ich die letzten Tage kaum geschlafen habe.“
„Ach, das geht uns doch allen so. Ärger dich nicht so sehr. Ich bin sicher Markus bringt dich schon auf andere Gedanken.“
„Von wegen. Der hat sich im Keller eingeschlossen, mit irgendeinem hoch geheimen Projekt.“
Larissa lachte: „Ah, daher weht der Wind. Ach, Männer und ihre Spielzeuge, da können wir Weiber nicht mithalten. Ich weiß gar nicht, wie du das immer schaffst zu warten. Meine Neugier würde mich umbringen, nicht zu wissen, was meine bessere Hälfte da schon wieder ausheckt. Ich bewundere das total, dass du tatsächlich immer wartest, bis er fertig ist und dir sein Werk präsentiert.“
Jetzt musste Helena lachen: „Das ist gar nicht so schwer. Wenn ich zu neugierig werde, schau ich einfach in die Lieferscheine seiner Bestellungen. Das kriegt Markus nie mit, weil er die eh nie öffnet.“
„Oh, das ist genial, das merk ich mir! Verdammt, warum bin ich da nicht drauf gekommen? Aber zurück zum Grillen. Du kannst ja auch spontan noch zusagen. Du weißt ja, es ist immer genug zum Futtern da.“
Helena lächelte flüchtig. Larissa hatte sie wie immer aufgemuntert.
„Ja, das mach ich. Falls nicht, überleg ich mir dann, ob ich auch alleine komme.“
„Großartig! Ich würde mich freuen.“
„Bis dann!“
Die Serie plätscherte weiter vor sich hin, ohne dass Helena ihr tatsächlich Aufmerksamkeit schenkte. Gegen Abend raffte sie sich auf und schlurfte in die Küche, weil sie Hunger hatte.
Es war kein richtiger Hunger, mehr Appetit. Die Hitze wirkte sich auf alles negativ aus.
Zum Kochen war ihr zu warm, so entschied sie sich für einen Salat aus Tomaten, Thunfisch und Fetakäse.
Während sie das Dressing anrührte wurde ihr bewusst, wie still es auf einmal im Haus war. Das Klappern des Geschirrs klang ungewohnt scharf und misstönend in ihren Ohren und sie ertappte sich dabei, so behutsam wie möglich mit dem Besteck zu hantieren, damit sie keine lauten Geräusche verursachte.
Dafür glaubte sie gedämpft das rhythmische Scharren zu hören.
War es lauter geworden?
Mit dem fertigen Salat auf dem Rückweg zum Fernseher, blieb sie vor der Kellertür stehen und lauschte.
Das Scharren musste lauter geworden sein, wenn man es schon durch die geschlossene Tür hören konnte. Was hatte das zu bedeuten?
Es war nicht das typische Geräusch von Schmirgelpapier und klang außerdem zu regelmäßig, als dass Markus irgendetwas von Hand schleifen konnte. Es hatte auch nichts mit dem charakteristischen Schleifen einer Mechanik gemein, bei der die beweglichen Teile Geräusche verursachten.
Was trieb Markus nur in seinem dunklen Kellerraum, in dem er absolut nichts sehen konnte?
Einen Moment überlegte Helena, ob sie noch einmal zu ihm gehen und ihn ans Essen oder die Jalousie erinnern sollte, aber dann schüttelte sie den Kopf.
Es würde nur in Streit enden und das war die Mühe nicht wert.
Sie konnte auch auf dem Sofa schlafen, wenn es im Schlafzimmer zu hell war.
Sie setzte ihre Serie fort, stocherte dabei in dem Salat und lümmelte dann wieder auf dem Sofa herum, bis sie irgendwann in einen leichten Schlaf driftete.
Die Geräusche der Serie sickerten in Helenas diffuse Träume und vermischten sich dort mit dem stetigen, monotonen Scharren, dass immer lauter anzuschwellen schien, bis sie schweißgebadet aus dem Schlummer fuhr und sich erst nicht recht orientieren konnte.
Im ersten Moment hatte sie geglaubt, eine Tür gehört zu haben, die jemand mit Schwung ins Schloss geworfen hatte.
Es war dunkel geworden. Der Fernseher spendete ein diffuses, flackerndes Licht, dass die Schatten im Wohnzimmer zu bizarrem Leben erweckte. Helena pausierte die Serie und warf einen Blick auf die Uhr. 4:17 Uhr, die Nacht war bald schon wieder vorbei, wie sie feststellen musste. Seufzend stand sie auf und taumelte zum Bad im Obergeschoß.
Als sie die Kellertür passierte, vernahm sie das Scharren so laut, als würde sich irgendetwas direkt auf der Treppe befinden und sie lief etwas schneller. Eine Gänsehaut jagte ihr den Rücken hinunter, obwohl sich die Hitze des Tages noch im Haus staute.
Das Licht im Bad flammte grell und blendend auf als sie den Lichtschalter betätigte.
Einen Moment lang blinzelte sie mit zusammen gekniffenen Augen in die plötzliche Helligkeit, bevor sie sich zurechtfand.
Nach dem Toilettenbesuch wollte sie zurück ins Wohnzimmer schlurfen, doch sie fühlte sich mit einem Mal unwohl im dunklen Flur. Unschlüssig stand sie auf dem Treppenabsatz und starrte in die wabernde Dunkelheit, in der die Schatten einen eigenartigen Reigen aufzuführen schienen. Es kam ihr so vor als könnte sie eine Art zielgerichtete Bewegung erkennen. Dunklere Flecken wirkten irgendwie substanzieller als andere Teile des düsteren Flurs. Sie schienen sich in den Ecken und Winkeln zu sammeln, über den Boden zu kriechen, die Wände hinauf zu klettern, um-
Helena schlug auf den Lichtschalter.
Die Flurbeleuchtung zerfetzte die eingebildeten Schatten und löste die Illusion auf.
Zurück blieb ein mulmiges Gefühl in ihr und der Wunsch nach einer Umarmung von Markus.
Vielleicht war er ja diese Nacht ins Bett gegangen?
Sie wandte sich noch einmal um und spähte durch die angelehnte Tür ins Schlafzimmer, nur um das Bett wieder leer vorzufinden.
Was zur Hölle trieb er dort unten?
Was konnte so spannend oder wichtig sein, dass er zwei Nächte lang durch machte und nicht mal aus dem Keller kam, um etwas zu essen?
Das war doch absurd. So benahm sich Markus sonst nie.
Da musste doch etwas faul sein. Er mochte vielleicht behaupten, eine Überraschung vorzubereiten, aber keine Überraschung der Welt rechtfertigte solche Albernheiten.
Die unterdrückte Wut kochte wieder in Helena hoch.
Es war Zeit dem kindischen Verhalten ein Ende zu setzen und ernstes Wort mit Markus zu reden. Larissa mochte ihr eine Engelsgeduld bescheinigen, aber die besaß Helena im Grunde nur dann, wenn der Alltag seinen gewohnten Bahnen folgte.
Markus‘ Benehmen entwickelte sich zu einem Störfaktor, der Helena verunsicherte.
Sie öffnete die Kommode und griff nach der Taschenlampe, kontrollierte, ob die Batterien geladen waren und stapfte die hell erleuchtete Treppe runter.
Das Scharren schien wieder leiser geworden zu sein.
An der Kellertür verharrte sie einen Moment. Wieder klopfte ihr das Herz bis zum Hals und kalter Schweiß brach ihr am ganzen Körper aus.
Zögernd öffnete sie die Tür.
Das Flurlicht fiel in einem langen, dünnen Streifen die Kellertreppe hinab und zerfaserte in den Schatten, die sich wie etwas Lebendiges in die trüben Ecken und Winkel zurückzogen.
Helenas eigener Schatten schien wie dunkler Sirup über die Stufen zu sickern.
Die kleinen Härchen auf ihrem Arm stellten sich auf.
Das Scharren klang hier definitiv lauter als am Tag zuvor.
Es schien die Luft zum Vibrieren zu bringen, wie gleichmäßige Atemzüge oder ein abnormer Puls, dessen rhythmische Schläge unablässig durch die wabernde Dunkelheit hallten.
Wie etwas Lebendiges, schoss es ihr mit der Stimme von Herrn Kosewitz durch den Kopf.
Mit angehaltenem Atem schlich sie die Stufen hinab, die Taschenlampe wie eine Waffe vor sich haltend.
Vor der Brettertür zum Werkraum verharrte sie erneut.
Mit klammen Fingern packte sie die Taschenlampe fester, den Daumen im Anschlag auf dem Knopf, um jederzeit einen Leuchtstrahl in die Finsternis feuern zu können.
„Markus?“, begann Helena stockend. Es kam keine Antwort von der anderen Seite der Tür, aber das Scharren schien eine Winzigkeit den Rhythmus zu verändern.
„Ob’s dir passt oder nicht, aber ich komme jetzt rein.“