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Die leere Dose kullerte, von seinem Tritt getroffen, laut scheppernd über den dreckigen Erdboden. Jacob hatte sein Bier noch nicht ausgetrunken. Benjamin schüttete sich das Zeug immer so verdammt schnell in sein Plappermaul, dass es Jacob manchmal direkt unheimlich war. Er nahm einen Schluck, schluckte das billige Bier runter, spuckte aus und fragte: „Wohin gehen wir eigentlich?“ Benjamin schüttelte seine langen, dunklen, fettigen Haare. „Keine Ahnung, Mann. Wir könnten vielleicht, nee, geht nicht. Aber... Hey! Ey, Jacob, lass da rein!“ Mit seiner ein wenig zitternden Hand zeigte er in die schmierige Gasse hinein. Jacob kniff seine müden Augen zusammen. Eigentlich brauchte er eine Brille, aber die trug er nie, er wollte ja nicht wie ein verdammter Homo aussehen. Das Ende der Gasse präsentierte sich ihm als ein dunkler Nebel. „Was is'n da?“ „Kino, Alter. Ich war übel lange nicht mehr im Kino. Ich glaub ich hab da mal so einen Film gesehen mit so einem Fisch... Zeichentrick, glaube ich. Da war ich noch voll klein.“ Jacob blickte, ohne Erfolg, immer noch nach vorne, während er geistesabwesend „Findet Nemo“, murmelte und in seiner Hosentasche nach Geld wühlte. Die Hose, die er trug, schrie nach einer Wäsche, aber das hatte Zeit. Wen interessierten schon Klamotten, wenn man im Besitz der fürstlichen Summe von elf Euro und dreiundzwanzig Cents war? „Ich hab Geld. Komm, lass gehen!“ - „Alles klar, Mann, das wird cool. Hoffentlich läuft da überhaupt noch was.“


Die Wände des Eingangsbereiches, die einen dumpfen, muffigen Geruch verströmten, der sich auf eine eklige Weise mit dem des Popcorns mischte, waren mit einem dreckigen Rot eingekleidet. Der Eintrittspreis für irgendeinen Film über einen Soldaten belief sich auf zehn Euro. Eine ganz schöne Summe, für so eine verdammte Ranzbude, wie Jacob dachte, aber er hielt den Mund. Benjamin berappte auch artig den Preis, maulte dann aber: „Und wie soll ich mir jetzt was zu essen holen? Jetzt hab ich ja nichts mehr!“ Der Kassierer blickte ihn mit glasigen Augen an und sagte: „Ja.“ Benjamin blickte verwirrt: „Was, ja? Davon kann ich mir auch nichts kaufen.“ - „Ja.“ - „Junge, du nervst. Sag doch mal was anderes!“ - „Ja.“ - „Alter, verarsch mich nicht!“ Jacob packte ihn am Ärmel und zog ihn in den Zuschauerraum, bevor er auf den Vorführer losgehen konnte. „Chill doch mal, Mann.“ Er griff in seine Hosentasche, und beförderte eine leere Taschentuchpackung hervor. „Whoa, gaaaanz toll, Jacob. Ganz große Klasse. Hey, du hast kein Popcorn, warum frisst du nicht Plastik, hä?“ spottete er und grinste. Jacob lächelte ihn an und schüttelte sich den Inhalt der keineswegs leeren Packung in die Hand. Benjamins Gesichtsausdruck wechselte von spöttisch zu einem Ausdruck erwartungsvoller Gier. Angesichts der zwei Pillen, die da auf Jacobs rotziger Handfläche lagen, riss er seine Augen auf, die über violetten Augenringen prangten. „Ohhh, Schatzi, bekomm ich ein Bonbon?“, fragte er mit kreischend hoher Stimme. „Klar, Mann, ich hab gehört, die...“ Jacob verstummte, als er der Silhouette des Kassierers gewahr wurde, die sich näherte. Hastig verbarg er die Drogen in der Faust.


„Wollt ihr nicht mal reingehen?“ fragte er mit einer Stimme, der jegliche Betonung fehlte. Jacob und Benjamin gingen wortlos in den Saal. Der Kerl war ihnen unheimlich. Sie waren die einzigen Besucher. „Alter, geil! Wir sind voll allein.“ Sie hatten keine Logenplätze gebucht, aber sie nahmen trotzdem Platz und fläzten sich auf den fleckigen Sofas. Dann warfen sie die Pillen ein. Die hatte Jacob irgendwo mal aufgegabelt, und sie waren ihm als „echt total abgefuckt“ beschrieben worden. Mal sehen, was daraus werden sollte, dachte er sich. Es dauerte zwanzig Minuten, bis der Roboter im Foyer den Film endlich startete, und schweigend sahen sie sich Werbung an. Dann räusperte Benjamin sich und sagte: „Ich glaube, jetzt geht’s los.“ Und dann ging's los.


Der Film war mies. Aber das machte nichts. Trotz der schäbigen Umgebung hatten sie beide das Ritual des Lichtausgehens, des Werbung-Schauens und des Wartens auf den eigentlichen Film genießen können. Als der Film, der in einer endlosen Aneinanderreihung von Schlachtszenen in irgendeiner anonymen amerikanischem Großstadt bestand, begann, begannen auch die Pillen zu wirken. Jacob bemerkte es als erstes. Das grüne, flackernde Licht über dem Notausgang begann fahler zu werden, gleichzeitig aber auch heller. Er nahm die Geräusche intensiver wahr, und jeder Schuss hallte ihm als dumpfes Dröhnen durch den Kopf. Bei Benjamin war es etwas anders. Er blieb zuerst von optischen Halluzinationen verschont, doch auf seinem gesamten Körper breitete sich eine Gänsehaut aus, und sein Kopf pochte leicht. In seinen Kniekehlen und hinter seinen Ohren kribbelte es leicht.


Einem Mann im Film wurde ein Kopfschuss verpasst. Jacob spürte, wie sich ein warmer Schauer über sein Gesicht ergoss. Er schüttelte sich und wischte sich mit den Fingern durch sein Gesicht, wobei er jedoch fortfuhr, die Leinwand mit glasigem Blick zu fixieren. Erst als er etwas Warmes und Feuchtes an seinen Fingern spürte, blickte er hinab. Ganz ruhig nahm er zur Kenntnis, dass seine Fingerspitzen voll mit Blut waren. Unter dem Nagel bildete das Blut einen Halbmond. Er beobachtete fasziniert, wie das Blut langsam in seinen Fingern versickerte. „Krass“, murmelte er ehrfürchtig. Dann schaute er den Film weiter. Ihm war alles egal, und durch seine Drogenbrille konnte er sich sogar über die tollen Spezialeffekte freuen. Unter seiner Nase, auf seiner Oberlippe, klebte ein Knochensplitter.


Querschläger prallten in einem engen Raum ab, pfiffen dem Helden des Films haarscharf an seinem rasierten Schädel vorbei. Benjamin rutschte immer tiefer in das Sofa hinein. Dann plötzlich spürte er einen heißen Luftstoß an seiner Wange. Verwirrt drehte er sich um und blickte auf die Polsterung. Da war ein Loch! An den Rändern ein wenig versengt, war der Stoff von der Wucht des Schusses an einer Stelle weggerissen. Mit weit offenem Mund steckte er den Zeigefinger in das Einschussloch, nur um ihn sofort mit einer kleinen Brandwunde zurückziehen zu müssen. Fluchend saugte er an seinem Finger, während er Jacob an der Schulter rüttelte. „Alter, guck mal“, nuschelte er, während er mit müdem Arm in die Nähe des Loches tippte. Besser, da, wo das Loch gewesen war. Das Polster war, bis auf diverse klebrige Flecken, unversehrt. „Scheiße“, flüsterte Benjamin.


Der Countdown der Bombe tickte gnadenlos herunter, während der beste Freund des Filmhelden vergeblich daran herumwerkelte:

...5...

„Jacob, das ist doch nicht normal, Mann!“

...4...

„Was ist, Ben?“

...3...

„Junge, ich sehe überall so abgefucktes Zeug!“

...2...

„Woher könnte das wohl kommen, vielleicht von dem Shit, du Idiot? Nerv nicht!“

...1...

„Das ist nicht mehr normal, Alter! Lass abhauen, komm!“


Explosion! Die Detonation sprengte den Saal wie ein Böller eine Konservendose. Es regnete brennende Sitze, und die Popcorn-Maschine wurde durch die Eingangstür geschmettert.


Großes Finale!

Autor: Fleischfrost

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