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Markus' Herzschlag beschleunigte sich, als er sich in sein Bett legte und die Kopfhörer auf die Ohren setzte. Ein letzter Blick glitt durch sein Zimmer, getaucht in Dunkelheit. Das einzige Licht kam von seinem Handy, das seinen nackten Körper beleuchtete. Er lächelte, wählte im Menü eine Audiodatei aus und schaltete dann die Beleuchtung aus.

Begleitet von binauralen Tönen, die einen ASMR-Effekt von besonders hohen Ausmaßen auslösten, drängte sich vollkommene Finsternis durch seine nunmehr geschlossenen Augenlider. Es tat weh, aber nach nur wenigen Sekunden schaltete sein Hirn die Möglichkeit einer visuellen Reizung vollkommen aus und hob die Intensität der Töne auf eine neue Stufe. Es dauerte drei Minuten, bis endlich eine Stimme erklang.

„Hallo, mein Süßer.“

Es war die Stimme eine Frau, klarer als ein Bergkristall und von einer angenehmen Kühle, die Markus einen leichten Schauer den Rücken hinunterjagte. Mit seiner ohnehin bereits steigenden Erregung war das mehr als angenehm.

„Du weißt sicher bereits, was dich hier mehr oder weniger erwartet, sonst hättest du dich gewiss nicht dazu entschieden, meiner Stimme zu lauschen.“

Sie sprach langsam, gut artikuliert und sanft. Reinste Seide hätte sich nicht so gut anfühlen können.

„Als erstes werde ich dich in Trance versetzen. Und dann wirst du mir vollkommen ausgeliefert sein. Und es wird das schönste Gefühl sein, das du je erfahren hast. Kontrollverlust wird dir ein Gefühl von grenzenloser Freiheit geben.“

Ihre Worte und die binauralen Töne spannen ein leichtes, dichtes Netz aus metaphysischen Spinnenfäden und letztlich einen Kokon, in den sich Markus nur allzu bereitwillig bettete. Seine Erregung wurde auf physischer Ebene deutlich sichtbar, als die Tranceinduktion begann.


Es war nicht die erste erotische Hypnose, die Markus sich anhörte. Es waren inzwischen gut zwei Jahre vergangen, seit er eine Internetseite entdeckt hatte, auf der – legal und ohne irgend etwas heimlich tun zu müssen – Audiofiles erworben werden konnten, die professionelle Hypnosen anboten. Dabei sollten einem verschiedene Suggestionen induziert werden, von dem Gefühl eines Koitus in Trance bis hin zu den eher auf BDSM und weibliche Dominanz fokussierten Dingen. Letztere hatten es Markus besonders angetan, und auch wenn er sich selbst gerne als schwer zu hypnotisieren betrachtete, genoss er doch die sanften Stimmen, die klebrigen, summenden Töne und letzten Endes auch die bewusste Wahrnehmung der Worte, die eigentlich nur vom Unterbewusstsein wahrgenommen werden sollten.

Die Hypnose, die er sich nun anhörte, trug den simplen Titel „Die Schlinge“ und behandelte die Thematik der Atemreduktion. In der BDSM-Szene ist dies eine der gefährlichsten Methoden, erregend zwar, so sich der submissive Part des Spiels doch wahrlich mit seinem Leben seiner Domina ausliefert, jedoch eben darum so kritisch beäugt. Ein Fehler, eine verspätete Reaktion, eine Unaufmerksamkeit, und schon kann der Sub mehr als nur erregende Atemnot erleiden. Möglichkeiten gehen bis hin zu permanenten Hirnschäden und sogar dem Tod ob des Sauerstoffmangels. Außerdem kommt noch erschwerend hinzu, dass bei einer Atemreduktion, die diesen Namen verdient, Nase und Mund fest verschlossen sein müssen, was die Nutzung eines Safewords zum Abbrechen der Session unmöglich macht. Aus logischer Konsequenz müssen dabei natürlich auch Arme und Beine fixiert werden, denn auch bei bereits geringer Atemnot können Extremitäten sich schnell eigenständig machen. Das führt zu einer Gefahr für die Domina und somit auch für den Sub.

Bei einer Hypnose fallen diese Probleme alles in allem weg. Während der Induktion wird der Geist in Trance geführt, was sich von außen als tiefer Schlaf wahrnehmen ließe. Sobald der Trancezustand erreicht ist, können die Suggestionen beginnen. So beginnen zwar bei einer Atemreduktions-Hypnose die Atemzüge langsamer zu werden, aber ein tatsächlicher Atemstillstand erfolgt nicht. Dem Gehirn wird lediglich suggeriert, dass es eine Atemnot erleiden würde. Und auch da ist eine Hypnose sicherer. Die Zeiträume zwischen der Suggestion einer Atemreduktion und der erneuten „Erlaubnis“ Luft zu holen sind abgemessen und müssen vor der Verbreitung im Netz geprüft werden, damit keine Gefahr besteht.

Das alles wusste Markus nicht, und es war ihm insofern egal, dass er ohnehin nicht damit rechnete, wirklich hypnotisiert zu werden. Er lag falsch, was er aber nie erfahren würde.



„Und nun: Öffne die Augen, mein Süßer.“

Er tat es. Er war sich dessen nicht bewusst, denn die Induktion war von einem enormen Erfolg gekrönt. Markus war in einer sehr, sehr tiefen Trance.

„Und nun, mein Spielzeug, gehörst du mir.“

In ihrer Stimme klang keine Drohung, keine verspätete Warnung. Es war eine einzige kühle Tatsache, die sie als solche aussprach. Wie ein Lehrer, der seiner Klasse sagt, dass die Erde rund ist.

„Ich denke, du wirst es so sehr lieben, dass du dir selbst in Trance wünschen würdest, dich selbst berühren zu dürfen. Aber das wirst du nicht. Dafür werde ich dir jetzt eine kleine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über jemanden wie dich, der sich der honigsüßen Stimme einer wunderschönen Frau hingegeben hat in der Hoffnung, seine Lust befriedigen zu können.

Das sind schlechte Neuigkeiten für dich, mein Süßer. Denn auch wenn ich dich erregen werde, werde ich dir keine Erlösung verschaffen. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn.

Zuerst werde ich dir die Luft nehmen. Du wirst deiner Atmung entsagen für genau eine Minute. Die Zeit... läuft.“

Zwischen den Tönen erklang das Ticken einer Wanduhr. Ticktack, ticktack, ticktack, jede Sekunde. Nach dreißig Sekunden mischte sich die verbale Sanftheit wieder dazu.

„Ich werde dir sagen, wann du wieder atmen darfst. Und von jetzt an wird mit jeder Sekunde deine Erregung steigen.“

Es vergingen weitere dreißig Sekunden.

„Und jetzt, mein Spielzeug, darfst du atmen. Lasse die Luft durch dich hindurchfließen, gib dich dem wundervollen Gefühl hin, wie sie deine Lungen füllt, wie der Sauerstoff sich in deinem Blut ausbreitet und dich erfrischt. Und dann verweigere dich dem Genuss, indem du wieder die Luft anhältst. Dieses Mal für länger. Ich werde dir erneut sagen, wann du wieder atmen darfst.“

Erneut ertönte das Ticken. Es tickte zehn Mal. Dreißig Mal. Sechzig Mal.

Neunzig Mal...

Einhundertundzwanzig Mal.

Ein Lachen erklang, bösartig, herzlos. Nur noch Fragmente der vormals aus Gold und Silber bestehenden Stimme sind herauszuhören.

Markus hörte das Lachen nicht, nicht einmal unterbewusst. Jegliche Form des Bewusstseins war aus seinem Körper verschwunden, als er erstickt war.




Lissa seufzte vergnügt und lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück. Eine Energie von solcher Reinheit, dass es keine Worte dafür gibt, hatte sie erfasst, kurz geschüttelt und dann von Kopf bis Fuß erfüllt. Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen, und sie lächelte. Dieses Gefühl war ihr nicht unbekannt, in den letzten zwei Wochen hatte sie es immer wieder gespürt. Letzten Endes hatte sie begonnen, es schlicht als Orgasmus zu bezeichnen. Die Empfindungen waren vergleichbar, auch wenn dieses spezielle Erlebnis ungleich intensiver war.

Naheliegend, wenn einen die pure Lebensenergie einer anderen Person durchläuft.

Mit einem wachen Blick sah Lissa wieder auf ihren Computerbildschirm und betrachtete das Bild, das sie zum Bewerben ihrer neuen erotischen Audiohypnose erdacht hatte. Ein Galgen, eine Frau mit Maske, die ihn küsst. Ihre Lippen sind blau, wie es bei Leuten mit Sauerstoffmangel der Fall ist.

Lissa erwartete noch eine ganze Menge Lebensenergie, die sie stärken würde.

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