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"Wovor haben Sie Angst?", "Vor Menschen, die mir zu nahe kommen. Ich muss jede Nacht nach meinem Job 40 Kilometer weit mit dem Zug fahren und 2 Kilometer lang gehen. Ich sehe an jeder Ecke einen Vergewaltiger und alle wollen mich irgendwohin zerren. Daher, so meinen viele aus meinem Bekanntenkreis, brauche ich Hilfe". So begann die Sitzung für psychisch verstörte Menschen.

Ich war ein erfolgreicher Psychiater, schrieb einige Bücher und man empfahl mich sofort, wenn die Lösung psychischer Probleme nicht zu finden war. "Was ist mit Ihnen?", "Ich habe Angst davor, wenn ich etwas nicht sehe, das aber mich sieht." Es war immer das Gleiche mit den Menschen. Sobald man drei Jahre in dieser Branche arbeitet, kennt man schon jeden Fall und ich bin war zu diesem Zeitpunkt hierbei schon neun Jahre tätig. Doch an diesem Tag sollte sich mein Leben verändern.

Einer der Patienten ist mir außergewöhnlich markant aufgefallen. Ich wusste nicht, wieso. Ich glaube nicht an Aura, doch er hatte so eine Ausstrahlung, die mich fast daran glauben ließ. Es war furchterregend. "Aber zurück zu meinem Job", sagte ich mir leise. Als ich ihn fragte: "Was macht Ihnen denn so richtig Angst?", erwartete ich dieselben Antworten wie immer: Stalking, Dunkelheit, Einsamkeit etc. Doch was dieser Mann von sich gab, erstaunte mich zutiefst und ließ mich über sämtliche meiner Bilder meiner Patienten nachdenken.

Er sagte, während er auf den Boden starrte, als würde ein riesiger Käfer sein Bein hochkrabbeln: "Ich habe Angst, Dinge zu sehen, die ich nicht sehen will.". Alle im Raum starrten ihn mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an. Niemand wusste, was er mit diesen Worten anfangen sollte. Er verzog keine Miene, als ob nichts gesagt worden wäre. Ich war selbst magisch von diesen Worten berührt und konnte keinen Ton herausbringen. Es war wie eine Art Zauberspruch, denn meine Gedanken schossen mir quer durch den Kopf und ich konnte nicht mehr rational denken. Die anderen Patienten bewegten sich keinen Millimeter.

Ich stotterte nur: "W-W-Wie bitte?", und er sagte es nochmal, doch dieses Mal sah er mich dabei mit schwarzen, lila umrandeten Augen an: "Ich habe Angst, Dinge zu sehen, die ich nicht sehen will". Ich spürte seinen Blick, wie einen Strahl der mich durchbohrte. Irgendetwas war gerade passiert. Ich spürte mein Herz. Ich spürte, wie es nicht mehr schlug, doch ich stand noch. Völlig perplex beendete ich die Stunde vorzeitig.

Als ich nach Hause kam, war alles anders. Meine Möbel sahen verformt aus und die Gläser der Fenster waren grau und undurchsichtig, als wären sie aus Beton. Ich konnte nicht mehr hindurch sehen. Ich bekam irgendwie Angst. Ich erinnerte mich an den Patienten und an seine Augen, als er mich ansah. Es ist als hätte er meine Augen manipuliert. Oder meine Seele. Ich war so fertig, dass ich mich sofort hinlegen musste, um schlafen zu gehen. Ich hatte noch nie ein solches Gefühl.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war es dasselbe. Gegenüber jeder Erwartung schlief ich so gut wie noch niemals zuvor. Noch wusste ich nicht wieso...Es war Sonntag. Ich musste an alles denken, was am Tag davor passierte. Ich brauchte frische Luft, also beschloss ich, spazieren zu gehen. Ich bin in meinem Leben noch nie freiwillig spazieren gegangen. Manchmal wurde ich von meinen Eltern dazu gezwungen. Sie meinten immer, ich wäre zu oft im Haus, um zu lesen. Ich las in meiner Kindheit zig Bücher. Jedes über irgendeine Art der menschlichen Psyche. Darum bin ich heute auch Psychiater... Jedenfalls war ich es zu diesem Zeitpunkt noch.

Ich ging also aus dem Haus, nur um etwas durch die Stadt zu schlendern. Ich sah mich um, alles war dunkel. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr... Es war 23:00 Uhr. Ich habe eine ganze Nacht und einen ganzen Tag geschlafen. Schlief ich deswegen so gut? "Ja!", dachte ich zumindest...Es war mir egal. Obwohl ich immer sehr großen Respekt vor der Dunkelheit hatte, um nicht zu sagen Angst, wollte ich unbedingt spazieren gehen. Irgendetwas lockte mich heraus. Ich fühlte mich so frei, ich schmeckte förmlich die kalte Luft. Sie schmeckte nach... Schwärze. Es war ein genauso unglaublicher wie unbeschreiblicher Geschmack. Ich sah kaum etwas. Die Straßenlaternen funktionierten fast gar nicht. Einige waren aus, andere flimmerten und wieder andere hatten nur ein ganz schwaches Licht.

Als ich so durch die einzelnen Straßen ging sah ich zwar nur sehr schlecht wegen der Dunkelheit, doch ich konnte alles irgendwie erkennen. Hin und wieder sah ich jedoch schwarze kleine Punkte in der Luft. Es war fast so, als wäre hier gar nichts; überhaupt gar nichts. Kein Schatten, keine Materie, Nichts. Ich bekam Angst.

Ich ging wieder zurück nach Hause und versuchte, die Schwarzen Punkte nicht anzusehen. Plötzlich passierte etwas, und zwar bekamen die Punkte eine Umrandung; jeder einzelne von ihnen leuchtete plötzlich vom Rand aus lila. In dem Moment spürte ich mein Herz schlagen, als würde man jede Sekunde immer wieder mit einem Vorschlaghammer auf meine Brust einschlagen. Mein Herzklopfen tat richtig weh. Nun bekam ich schon Todesangst. Ich fühlte mich nicht wie ich selbst.

Nach diesem Gefühl veränderte sich mein ganzes Leben... Plötzlich bemerkte ich, dass alle diese schwarzen Punkte Augen war. Die Tatsache, dass sie lila umrandet waren, machte es noch schlimmer, denn nun erinnerte ich mich an den Patienten vom Tag davor. Er hatte genau diese Augen. Als ich dann noch ein Knurren hörte, rannte ich so schnell ich kann in Richtung meines Hauses.

Je schneller und weiter ich rannte, desto mehr Augen starrten mich in der Dunkelheit an. Ich bin anscheinend sehr weit spaziert, weiter als ich dachte. Ich kenne meine Gegend sehr gut, doch hier bin ich noch nie gewesen. Ich dachte die ganze Zeit an die Worte des Patienten: "Ich habe Angst, Dinge zu sehen, die ich nicht sehen will.". Sie wurden immer lauter. Es war, als würde man mir ins Ohr brüllen. Sie waren so laut, dass ich selbst vor Schmerz schreien musste. Nach etwa 2 Minuten begann ich aus den Ohren zu bluten, weil mein Trommelfell geplatzt ist und meine Ohren total beschädigt waren. Ich war trotzdem schon fast erleichtert; ich musste diese Stimme nicht mehr hören, diese Worte, dieses Knurren. Ich hörte gar nichts mehr.

Als ich nach langem Rennen endlich zu Hause ankam, sperrte ich alles zu. Alles Fenster, durch die ich noch immer nicht durchblicken konnte, alle Türen, durch die ich leicht durchblicken konnte, da sie für mich irgendwie fast durchsichtig waren und auch den Keller, der mir aus den vielen Horrorfilmen so Angst machte.

Ich rannte in mein Schlafzimmer und verkroch mich mit einem Messer in der Ecke. Plötzlich hörte ich schon wieder diese Stimme: "Ich habe Angst, Dinge zu sehen, die ich nicht sehen will." Obwohl ich taub war, hörte ich es, als ob der Mann neben mir saß. Ich sah zur Seite, doch da war nur mein Blut, das aus Strömen aus meinem Ohr floss.

Die Tür ging plötzlich langsam auf, ganz langsam. Ich sah ein Wesen, das es noch in keinem Horrorfilm der Welt gab. Meine Angst zu diesem Zeitpunkt war nicht zu beschreiben. Mein Gehirn gehorchte mir nicht mehr. Die Angst übernahm meinen Körper. Die Angst, es noch länger ansehen zu müssen. Dieses Ding war pechschwarz, doch gleichzeitig glänzte es purpur. Seine Augen waren nicht anders. Sie erinnerten mich an den Mann aus meiner Stunde. Ich musste vor Angst sogar weinen.

Meine Hand hob sich langsam. Ich steuerte gar nichts mehr, ich wollte nur noch aufwachen und das alles geträumt haben. Als es langsam auf mich zuging, machte meine Hand etwas, was ich weder wollte noch steuerte, doch mich gleichzeitig glücklich machte.

Ich bzw. meine Hand kam mit dem Messer immer näher zu meinen Augen. Das Wesen kam immer näher und ich hatte mich wieder unter Kontrolle. Je näher es kam, desto mehr Angst bekam ich und ich führte das aus, was meine Hand angefangen hatte. Ich schnitt meine beiden Augen mit mehreren Stichen aus meinen Höhlen raus und trotz Schmerzen an den Ohren und dort, wo mal meine Augen waren, trotz des ganzen Bluts, das überall rausfloss, trotz des ganzen Erlebnisses, lächelte ich.

Ich sah nichts mehr und ich hörte es nicht mehr knurren. Ich fühlte mich, als wäre ich auf Drogen. Kein Gefühl der Welt war so befreiend wie meine Blind- und Taubheit. Nach zehn Minuten war ich immer noch nicht tot: "Lässt es mich jetzt leben?", dachte ich mir. Normalerweise sage ich mir alles vor, doch nun hörte ich mich selbst nicht mehr.

Dies ist jetzt alles vier Jahre her. Ich lebe jetzt in einer Anstalt für Schwerbehinderte und werde gepflegt und versorgt. Seit diesem Erlebnis wollte ich auch nie wieder sehen oder hören. Es ist einfach so befreiend...

wenn man Dinge nicht sieht, die man nicht sehen will...

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