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Was bedeutet es für seine Leidenschaft zu leben?

Schon sein ganzes Leben lang stellte er sich diese Frage. Natürlich, er liebte seine Arbeit, aber lebte er dafür? War er bereit, sein ganzes Leben dieser einen Sache zu widmen? Konnte er das? Natürlich konnte er. Schon so lang zerfraß ihn der Frust, nie hatte auch nur eine seiner Schöpfungen Anerkennung bekommen. Ihm ging es immer nur um das Eine. Kunst. Kunst trieb ihn an, Kunst nahm ihn ein, Kunst erfüllte sein Leben. Und doch lebte er nicht für sie, er lebte durch sie. Das Verlangen, endlich die große Aufmerksamkeit zu bekommen, es verfolgte ihn bei jedem Schritt, es war wie sein dunkelster Schatten und erschuf in seiner Seele eine Einöde, welche jeden ach so kleinen Funken Freude im Keim zu ersticken suchte. Selten war diese Sucht befriedigt, obgleich sein Schaffen durchaus Anhänger unter den Mächtigsten seiner Zeit hatte, nie konnte er die Leere in seinem Geist vollends ersticken. Doch vielleicht könnte er sie verbrennen. Möglicherweise könnte er dieses drückende Gefühl, all diesen Schmerz in den lodernden Flammen des Feuers vernichten, um sich, gleich einem Phoenix, aus der Asche zu erheben und ein neues Leben zu beginnen. So würde er es tun.

Hinter ihm fiel seine Haustür mit einem Knall zu. Er stand auf der Straße und blickte der rot schimmernden Abendsonne entgegen. Was für ein wunderschöner Tag. Er sah die Gasse entlang, ein einfacher Pflasterweg, schmal und im Schatten der umliegenden Häuser. Schon seit Jahrhunderten florierte hier das Leben, strahlte die Kultur und residierte die Macht. Von Zeit zu Zeit, wenn es ihm gelang, die Finsternis in seinem Herzen zu unterdrücken, dann hielt er diese Stadt für das Paradies auf Erden, in all ihrem Glanz und ihrer Schönheit. Niemand hatte ihr je etwas anhaben können. Noch niemand. Der Staub wirbelte bei jedem seiner Schritte auf. Schon seit Tagen hatte es nicht geregnet, egal wohin man sah, in den Gesichtern der Menschen sah man Durst und Ermüdung, das Antlitz der Stadt zeigte aufbrechende Böden und verstaubte Gossen. An den Straßenseiten lagerten teilweise staubtrockene Strohbüschel, das Holz der Häuser schien unter den sengenden Strahlen der Sonne bald von allein in Flammen aufzugehen. Die einbrechende Nacht milderte zwar die Temperaturen, doch morgen würde die Hitze sich ihr Gebiet zurückerobern. Immer weiter zog er durch die Straßen, weg von zu Hause, hinein in die Dunkelheit, in die verwinkelten Straßen und über die verdreckten Plätze. Wie ein Taschendieb schlich sich die Düsternis in den sommerlichen Himmel, stahl das Licht und war zugleich überall und doch auch nirgendwo präsent. Einige der Bürger zündeten kleine Laternen an, um wenigstens ein bisschen der Trost spendenden Helligkeit zu erhalten. Wie töricht von ihnen. Ein Funke könnte überspringen, er wäre in der Lage das trockene Holz zufällig zu berühren und in ein loderndes Feuer zu verwandeln. Rein zufällig selbstverständlich. Um ihn herum wurde es still, Zeit nahm er nicht mehr als die solche war, die Stunden die er lief fühlten sich an wie wenige Minuten. Plötzlich war er allein auf der Straße.

Um ihn herum rührte sich nichts mehr, alles lag in einer trügerischen Stille. Direkt vor ihm war einer der wenigen kleinen Lichtspender. Doch er flackerte. Schatten huschten über die Wände, bildeten die grässlichsten Fratzen, nur um dann wieder mit der ewigen Nacht zu verschmelzen. Fasziniert starrte er die schwache Flamme an. Das Flackern wurde immer schlimmer, wie der unterlegene Gegner eines Kampfes führte sie einen verzweifelten Todeskampf, bäumte sich noch ein letztes Mal auf und...erlosch. Nun strahlte nur noch die Glut einen warm schimmernden roten Schein aus. Vorsichtig, um auch ja keinen Laut von sich zu geben, hob er die Laterne hoch. Er beäugte sie kurz, ein Hauch von Skepsis machte sich auf seinem Gesicht breit, dann schleuderte er sie an die kümmerliche Holzbaracke, deren Tür sie grade noch verzweifelt zu erhellen versucht hatte. Kurze Stille. Dann hörte er es. Den Ton, der ihm fast einen freudigen Schrei entlockt hätte. Ein leises Knistern. Dann immer lauter. Erste Flämmchen bildeten sich, fraßen sich durch das vertrocknete Holz und wurden immer stärker. Schon bald brannte das ganze Haus.

Noch immer stand er auf der Straße. Um ihn herum eilten die Leute, sie flohen vor der zerstörerischen Kraft, die ihre gesamte Existenz in wenigen Minuten dahin fraß, Hals über Kopf rannten sie, immer weiter und weiter, doch er blieb stehen. Kaum einer schien ihn zu bemerken, geschweige denn, sich um ihn zu scheren. Doch er lächelte. Noch immer hallten die Schreie derer in seinen Ohren, deren Haus er vor kaum einem Dutzend Minuten angezündet hatte. Es war eine junge Familie gewesen, bestimmt getrieben von Hoffnung und Liebe. Nun waren sie tot. Und das erfreute ihn. Rings um ihn herum loderte die Stadt, züngelten die Flammen und labten sich am Verderben der Menschen. Sein großer Auftritt war gekommen. Nun endlich würden all diese Leute seine Werke zu hören bekommen. Über die gequälten Schreie und das gierige Knistern des Feuers hinweg trug der Wind die sanften Klänge einer Lyra an sein Ohr. Als würden die Engel ihren armen Untertanen eine letzte Freude bringen wollen, so sanft schwangen die Töne über das Elend der Einwohner. Der Wind stand günstig, und so gesellte sich schon bald ein tiefer Männerbass zu den himmlischen Klängen, wie Lucifer, der in den Trümmern des zerstörten Himmelreichs ein letztes Lied anstimmen würde.

Feuer habe ich gelegt,

euer täglich Leid hinweggefegt,

wie ihr es von mir verlangt,

doch trotzdem ihr ums Überleben bangt.

 

Dabei hab ich mit meiner Macht,

doch euren großen Wunsch vollbracht.

doch ist ein Leid erst weg einmal,

kommt sogleich eine schlimmre Qual.

 

Das Feuer hat euch jetzt verwehrt,

was vorher hab ich euch beschert.

Nun seht ihr mein Können, erst in Not,

zum Dank schenk ich den Flammentod.

 

Er hatte es gewusst. Sein größter Verehrer, der Kaiser persönlich, hatte eines seiner Gedichte vorgetragen. Auf dass es die ganze Stadt gehört hatte. Vielleicht hatten sie jetzt sein Genie erkannt, doch es war zu spät. Rom stand in Flammen und endlich, endlich kannten alle Einwohner seine Verse.

Was bedeutet es für seine Leidenschaft zu leben? Es heißt alles zu tun, egal wie schrecklich es auch sein mag, um sein Ziel zu erreichen. Es bedeutet, einen Kaiser zu umgarnen, das Haupt eines Imperiums anzugreifen und am Ende eben jenem Herrscher alles in die Schuhe zu schieben, nur um eine Minute des Ruhms zu erlangen.

"Für seine Leidenschaft zu leben heißt alles zu geben, sein Haus, seine Familie und sein Leben, nur um das Bedürfnis nach Anerkennung jener Leidenschaft zu erreichen. Und möge es ach so flüchtig sein, solange sich alle Welt an sein eigenes Werk erinnert war nichts umsonst. Das Leben akzeptiert keine Verlierer."

- Euphidires, wahnsinniger antiker Dichter, starb im Jahre 64 v. Chr. beim großen Brand Roms, angeblich lachend, in den Flammen.

 

von Duschvorhang

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