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Eiseskälte. Das ewige Erfrieren. Sie schleicht durch deinen Körper. Sucht sich ungnädig ihren Weg über deine Nervenbahnen, direkt in dein Gehirn. Es existieren viele Arten, die Kälte wahrzunehmen. Du kennst unzählige. In dem frostigen Dasein deiner Existenz ist dies aber nicht sonderlich relevant. Nicht, weil es dich nicht interessieren würde. Sondern weil du nichts anderes mehr gewohnt bist. Du siehst andere Menschen. Früher hast du sogar die Wärme in ihrer Nähe verspüren können. Doch heute: Nichts. Nur diese eine kleine Kerze, dessen schwache Flamme einsam ihren zuckenden Tanz vollführt, gibt dir wenigstens den Anschein von Wärme. Sie trägt deine Hoffnung inne. Du blickst aus dem Fenster deines kalten Gefängnisses, dass ein eisblaues Gesamtbild ergibt. Das, was du draußen erblickst, ist nicht etwa das gleichbleibende Bild einer Landschaft. Es ist das genaue Gegenteil von Stillosigkeit. Die Außenwelt scheint sich zu bewegen. Gleichmäßig voranschreitend. Rechts und links der Fenstersichtweite ziehen Bäume vorbei, als würdest du in einem Auto sitzend durch einen Wald fahren. Das Sichtfenster schwenkt immer mal nach links und nach rechts. Für dich ist das mittlerweile normal geworden. Die Kälte innerhalb dieser unnachgiebigen vier Wände lässt dich nur bedingt dieses durchaus merkwürdige Geschehen hinterfragen.

Dich erreichen Gedankenfragmente. Es sind nicht deine eigenen. Vielmehr gehören sie einer scheinbar höheren Instanz an. Sie sind so eindringlich, dass du gezwungen bist, sie auszusprechen.

"Bald schon.", " wenige Meter." "Wird es klappen?" "Zurücklassen." "Familie" "Nie wieder"

Es läuft dir mit jedem dieser Worte ein noch kälterer Schauer über den Rücken. Deine leichte Kleidung wird durch eben diesen benetzt. Durchnässt. Du fürchtest dich vor den Konsequenzen, die das Vorhaben eben jener höheren Instanz für dich mitbringen wird. Die Kerze vor dir teilt deine Bedenken. Ihr hoffnungsloser erschöpfter Wärmetanz zeugt von eurer Unsicherheit im Angesicht dessen, was noch kommen mag. Die Kälte innerhalb dieser vier Wände scheint exponentiell zuzunehmen.

"Dort" "Insekten" "Menschen" "Hütte" "Bin aufgeregt"

Vor dem Sichtfenster deines Gefängnisses erscheint eine Hütte, die von Bäumen, Sträuchern und dergleichen in eine grüne Umarmung genommen wird. Sie scheint sich nahtlos in die Natur eingefügt zu haben. Du siehst, wie sich die Hütte immer weiter auf dich zubewegt.  Alles in dir sträubt sich vor dem, was du möglicherweise gleich sehen wirst. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass du etwas mit ansehen musst, was entgegen jeglicher Menschlichkeit ist. Und jedes einzelne Mal ist die Welt um dich herum kälter geworden. Einst ist dieser Raum um dich herum ein Ort der Wärme gewesen. Überall waren stark leuchtende Kerzen. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Du weißt nicht genau, wann es angefangen hat. Nur, dass du nicht in der Lage gewesen bist, etwas gegen den Einfall der tödlichen Kälte zu unternehmen.

"Nur noch ein letztes Mal" "Es wird gut gehen" "Immer"

Kalte Tränen suchen sich ihren Weg über dein Gesicht. Du siehst, wie sich die Holztür der Hütte öffnet und gleichwohl, was sich darin befindet. Es lässt dir das Herz bluten. Eine weitere Flüssigkeit, die deine Kleidung benetzt und dafür sorgt, dass die Kälte sich in dich hineinfrisst. Du siehst, wie außerhalb des Sichtfensters ein junger Mann an einem Stuhl gefesselt dasitzt. Er blickt dich an. Genau dich. Direkt durch das Sichtfenster in dein Gefängnis. Der Blick des Jungen war durchtränkt von Angst. Du vermagst diesen klar und deutlich zu fühlen.

"Widerwärtig" "Dieser Kerl" "So viel Leid" "Endlich"

Diese Gedanken erschrecken dich jedes Mal aufs Neue. Innerlich flehst du, dass du nicht wieder sehen muss, was du mit grausiger Vorahnung gleich zu sehen vermutest. Doch du weißt, dass es geschehen wird. Und du weißt auch, was mit dir passieren wird. Vor deinen Augen spielen sich in diesem Augenblick einige der grausamsten Taten ab, die Menschen zu tun in der Lage sind. Dieser junge Mann dort auf dem Stuhl. Mit Ekel und Fassungslosigkeit siehst du dabei zu, wie dieser mit verschiedensten Werkzeugen gefoltert wird. Die Zange entfernt Finger-und Fußnägel. Der Hammer zertrümmert die Knochen einzelner Körperregionen. Die Schere schneidet durch die Nasenlöcher. Du kannst zwar sehen, wie der junge Mann seinen Mund zu einem wahrscheinlich ohrenbetäubenden Schmerzensschrei geöffnet hat, aber nichts davon dringt in das Gefängnis ein, dass dich beherbergt.

"Gleich" "Nur noch ein bisschen" "Es ist gleich vorbei."

Dich widern diese Gedankenfragmente an, die du gezwungen bist auszusprechen. Die Kälte erreicht ein nicht mehr aushaltbares Maß. Tränen, die eben noch über deine Wange geronnen sind, gefrieren binnen Augenblicken. Die Kerze, die als letzte Instanz der Wärme gedient hat, gibt im Angesicht der Unmenschlichkeit traurig den Dienst auf. Sie erlischt. Kleine Rauschschwaden steigen in die Kälte deines Gefängnisses, und jähe Starre scheint sich über deinen Körper auszubreiten. Du blickst an dir herunter. Dein Füße. Beine. Hände. Arme. Sie sind von einer dünnen eisigen Schicht umschlossen. Langsam aber sicher schließt dich die Kälte in ihre liebevolle Umarmung. Die Angst in deinem Innersten verformt sich in eine tiefe Traurigkeit.  Du blickst aus dem Sichtfenster. Der junge Mann bewegt sich nicht mehr. Er ist tot.

"Endlich" "Es ist vorbei" "Rache" "Das Leben ist schön"

Dein Gefängnis verändert sich. Etwas Neues befindet sich in dem Raum. Eine Gestalt. Dir sehr ähnlich. Es blickt von oben auf dich herab, während die eisige Schicht deinen Körper immer weiter für sich einnimmt. "Du hattest nie eine Chance.", flüstert es mit einem seltsamen Lächeln, dreht sich von dir weg und starrt aus dem Sichtfenster. Er hat Recht. Manche höheren Instanzen sind unempfänglich für dich. Darum erfrierst du. Und dir wird klar, dass die menschliche Kälte zu den grausamsten aller Empfindungswelten gehört. Lass dich auf sie ein. Die Kälte wird dein neuer Wärmepol...

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Autor: Lord Maverik

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