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Ich gähne.

Es ist gerade einmal halb vier Uhr morgens. Der Wecker hat mich vor kaum einer viertel Stunde aus dem Bett gerissen, jetzt taumle ich mehr, denn ich gehe, zu meinem Auto, lasse die Zentralverriegelung klicken und setze mich hinter das Steuer.

Mir brennt die kühle Nachtluft in den verquollenen Augen und ich habe noch den Geschmack der Zahnpasta auf der Zunge. Leicht würgend öffne ich das Handschuhfach und reiße die Packung Zigaretten auf. Damit mir auch wirklich schlecht wird.

Das Fenster steht einen Spalt offen, gleichzeitig läuft die Klimaanlage, es ist schließlich nicht mehr so warm am frühen Morgen.

Die Kippe im Mundwinkel rolle ich gähnend vom Parkplatz und schalte in den zweiten Gang. Fahles Licht fällt von den Straßenlaternen auf die feuchte Straße und aus meinem Radio dröhnt in überragender Lautstärke ein derber Metal-Song. Irgendwie muss ich mich schließlich wach halten.

Vielleicht sollte ich endlich mal aufhören immer Montagmorgen zu fahren und mich stattdessen schon Sonntag auf den Weg machen... Frustriert runzle ich die Stirn. Irgendwie muss ich ja Zeit mit meiner Liebsten verbringen, sie ist ohnehin schon knapp bemessen.

Meinen rumorenden Magen ignorierend drücke ich die Kippe im Aschenbecher aus, setze den Blinker und biege auf die Bundesstraße ab. Das Fenster lasse ich offen, die kühle Luft tut gut und hindert mich endgültig daran wieder einzunicken.

Noch 205 Kilometer. Dann sollte ich wohlbehalten in meinem Büro sitzen, endlich einen Kaffee trinken und den tristen Alltag über mich ergehen lassen. Da kommt doch Freude auf.

Immer wieder fahre ich mir mit der Hand durch die kurzen, stoppeligen Haare, als könnte mich diese Bewegung daran hindern die Aufmerksamkeit schleifen zu lassen, die man zwingend benötigt, wenn man um inzwischen kurz nach Vier mit hundertsechzig Sachen auf der Autobahn unterwegs ist. Natürlich ist noch nicht viel los, aber schon die wenigen LKWs die ich überholen muss regen mich über Gebühr auf. Am meisten dann, wenn einer von ihnen glaubt die Muskeln spielen lassen zu können und seinen Kollegen auf der rechten Spur mit zwei Kilometer pro Stunde mehr auf dem Tacho eine halbe Stunde lang zu überholen.

Ich knirsche mit den Zähnen, als plötzlich rechts von mir irgend so ein Schwachkopf eine Ausfahrt hinunter kommt, aufblendet und beschleunigt wie ein Geisteskranker. Reiße das Steuer nach links, drücke das Gas durch und schieße davon.

Ausbremsen, rausziehen und dermaßen die Fresse einschlagen! Jeden Montag die gleiche Scheiße!, danke ich noch wütend, ehe mich das stetige Einerlei einer Autobahn wieder in seinen Bann zieht und beginnt mich einzulullen.

Ich schaue schon gar nicht mehr auf den Tacho. Ich weiß das ich eigentlich viel zu schnell unterwegs bin, andererseits lockt mich der Gedanke an eine dampfende Tasse Kaffee immer mehr und schließlich sind es ja auch nur noch fünfundachzig Kilometer, dreißig davon Schnellstraße.

Warnblinker und ein kleines rotes Dreieck auf der rechten Seite, Standstreifen.

Ich zucke gedanklich mit den Achseln, ist schon Hilfe unterwegs, da bin ich mir sicher. Meine zu erkennen, dass da jemand neben dem Auto liegt und sich einer darüber beugt.

Aber das Bild verwischt, bin zu schnell und der leichte Nieselregen, sowie die aufziehende Dämmerung machen es unmöglich Details zu erkennen. Ich bin keiner von jenen, die da stehen bleiben und gaffen, geschweigedenn Hilfe anbieten. Als ich einmal einen Unfall hatte wollte auch niemand anhalten. Meistens bekommt man sowieso nur zu hören, dass Hilfe bereits unterwegs ist.

Mein Auto peitscht um die nächste Kurve und ich meine noch kurz blaues Licht auszumachen. Ganz wie ich gedacht hatte.

Ich gähne erneut und zünde mir eine Zigarette an. Blauer Dunst erfüllt die Fahrerkabine, als ich den Qualm durch die Nase entweichen lasse.

Es wird immer anstrengender die Augen ruhig zu halten, beinahe nervös wippe ich mit dem freien linken Bein auf und ab, nur um mich etwas von der Monotonie abzulenken, die mich gefangen hält.

Hin und wieder denke ich träge an den Unfall, an dem ich vorbeigeschossen war.

Was wenn sie doch meine Hilfe gebraucht hätten?

Hmm... süßer, schwarzer Kaffee...

Egal, der Krankenwagen war ja unterwegs.

Wie viele Leute wohl vorher an ihnen vorbei gefahren waren, ohne anzuhalten?

Kann mir doch egal sein. Ich muss zur Arbeit...

Im Osten werden die Wolken langsam aber sicher heller. Reichlich spät, wie ich finde. Aber es ist auch schon Mitte August, die Tage werden wieder kürzer.

Geisterhaft treiben einige Nebelfetzen über die kaum belebte Straße. Hin und wieder treffen einzelne Regentropfen auf meine Windschutzscheibe. Ich sollte sie dringend mal wieder von innen sauber machen. Ein Fleck auf der linken Seite sieht beinahe aus wie eine grinsende Fratze.

Sieh mich nicht so an! Ich hätte nicht helfen können!

Ich schnalze mit der Zunge und überhole einen weiteren LKW.

Noch etwa zehn Kilometer bis zu meiner Ausfahrt. Der Tacho zeigt beinahe hundertachzig Kilometer pro Stunde. Die Landschaft fliegt nur so vorbei.

Die Frontscheibe beschlägt mit einem Mal.

Komisch. Ich schalte die Lüftung einen Tick nach oben. Heiße Luft drückt gegen die Frontscheibe und versucht den blassen Dunst zu vertreiben. Die Grimasse als Fleck wird intensiver. Man kann mit viel Fantasie sogar Einzelheiten ausmachen. Eine grässliche Warze, aus der Haare sprießen, ein weit geöffneter Mund mit Fangzähnen. Ich gluckse. Vollkommen übermüdet.

Die Lüftung schafft es kaum die Sicht zu erhalten, ich trommle ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad, sollte vielleicht etwas langsamer fahren, bevor...

DU HÄTTEST UNS HELFEN KÖNNEN!

Die Grimasse hat sich von der Windschutzscheibe gelöst und fliegt auf mich zu, habe ein irres Lachen in den Ohren, während ich wild am Lenkrad reiße, und den Betonpfeiler der Brücke übersehe, die hinter der beschlagenen Scheibe plötzlich aufragt.

Ravnene

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