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Ein etwa jugendlicher Bursche steht an einer Ampel, deren Licht rot leuchtet.
Ein Zeichen der Warnung, das den Regen durchdringt.

"Bleib stehen, wenn sie rot ist!", das sagte seine Mutter immer.

Er will ihr heute nicht die Schuld geben, aber es erscheint ihm doch logisch. Sie verhätschelte ihn, achtete zu gut auf ihn. Sie glaubte, andere Kinder könnten schlechten Einfluss auf ihn nehmen. Damit lag sie nicht völlig verkehrt, denn manchmal bringen dich falsche Freunde in schwierige Situationen. Heute gab er ihr die Schuld, dass er ein Außenseiter war und doch liebte er sie.

Er konnte nie wirklich "böse" sein. Auch nicht zu den anderen Kindern, die nicht mit ihm spielen wollten oder sich über ihn lustig machten.
Es war irgendwie traurig, dass er sie verstehen konnte.

Es fing ganz harmlos und unschuldig an.

Zuerst nannten sie ihn nur 'Muttersöhnchen'. Damals konnte er noch darüber lachen. Es stimmte ja.
Ein anderes mal legte ihm ein Klassenkamerad ein zerkautes Kaugummi auf den Stuhl, bevor er sich setzen konnte.
Damals konnte er noch darüber lachen.

Aber diese Gedanken, die er manchmal hatte...er konnte sie nicht abstellen. Gedanken daran sich zu rächen.
Andere so leiden zu sehen, wie sie ihn haben leiden lassen.

Das Licht der Ampel steht noch immer auf rot.

Er stellte sich manchmal vor, seinen Peinigern auch Streiche zu spielen. Doch letztendlich traute er sich nicht.
"Was würde Mama von mir denken..?", fragte seine innere Stimme.

Aber je älter Kinder werden, desto grausamer werden die Hänseleien, die verletzenden Spitznamen, die Schmerzen in der Seele.

Einmal überraschten sie ihn während des Schwimmunterrichts. Sie rissen ihm die Badehose herunter und rannten damit fort. Natürlich weinte er bitterlich. Und natürlich lachten sie über ihn. Niemand wollte oder konnte so richtig sehen, wie sehr er litt. Die Lehrer griffen ein und bestraften seine Peiniger.

Aber das machte es nur schlimmer. Er hätte nie gedacht, dass es noch schlimmer werden könnte.

Das Licht der Ampel steht noch immer auf rot.

Doch dann passierte es: Sie freundeten sich mit ihm an. Seine schrecklichsten Peiniger freundeten sich mit IHM an. Zum ersten mal in seinem Leben fühlte er so etwas wie Akzeptanz von anderen Menschen. Er lächelte dieser Tage öfter. Einer lieh ihm sogar das Fahrrad seiner großen Schwester, damit er mit ihnen fahren konnte.

An jenem Tag fuhren sie wieder durch die Gegend und kamen an einem etwas abgelegeneren Stück Wald vorbei. Sie blieben stehen.

"Wer hätte gedacht, dass Freundschaft gespielt werden kann..?", fragte seine innere Stimme, während er gequält lächelte.

Sie kamen auf ihn zu, rissen ihn vom Fahrrad und verprügelten ihn schlimmer, als er es sich je hätte vorstellen können. Seine Nase blutete, doch sie ließen nicht locker. Sie spuckten ihm in die Haare, zerrissen seine Kleidung und ließen ihn liegen.

Doch sie wussten nicht, dass sie jemand beobachtete. Ein hagerer Mann mit Brille. Auch er wusste nicht, dass ihnen dieser Mann folgte.

Das Licht der Ampel steht noch immer auf rot.

Er weinte nicht. Er konnte nicht. Aber eine seltsame Leere machte sich in seinen Augen bemerkbar. Es ist der Ausdruck eines Sterbenden. Der Ausdruck der Menschen, die aufgegeben haben.

Er schlurfte langsam nach Hause und es begann zu regnen. An den Weg erinnerte er sich nicht. Aber er erinnerte sich wie er an der Ampel stand.
An der Ampel, die auf rot stand. Etliche Minuten und vielleicht sogar stundenlang.


Ein junger Mann mit Stoppeln liegt auf einem Bett. Er schaut an die Decke. Stunden über Stunden über Stunden über Stunden.
Ein Mann mit weißer Kleidung kommt herein.

Ein Pieksen im rechten Arm, das er nicht spüren kann. Und das Licht der Ampel steht noch immer auf rot.

"Bleib stehen, wenn sie rot ist!", das sagte seine Mutter immer.


Schwarzwind (Diskussion) 14:53, 21. Okt. 2013 (UTC)

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