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Prolog Bearbeiten

Hey David,

na wie geht’s meinem Lieblingsbruder? Lass mal, ich habe schon gemerkt, dass du sehr beschäftigt bist. Aber konntest du mir nicht auf einen einzigen Brief antworten, den ich dir dieses Jahr geschrieben hab? Du weißt, ich kann dir nicht böse sein. Vielleicht kommen meine Briefe auch einfach nicht an. Immerhin bist du ja jetzt ziemlich weit weg. Natürlich hab ich auch deinen Geburtstag nächste Woche nicht vergessen. Ich habe das beste Geschenk für dich geplant. Du wirst begeistert sein! Vielleicht so begeistert, dass du mir endlich antworten wirst? Aber mach dir ja keinen Stress. Ich will nur, dass es meinem kleinen Bruder gut geht.

Ich vermisse dich sehr,

dein Bruder.

21. Januar 2015, 19:21 Bearbeiten

„Der Aufguss dauert zehn Minuten. Wer die Sauna früher verlassen möchte, soll das auch gerne tun. Im Angebot habe ich heute Grapefruit- und Maracujaaroma. Ich bitte Sie nun Ihre Augen zu schließen und zu entspannen.“

Diese gleichen Sätze muss ich tagtäglich etwa zehn Mal runterrattern und es fällt mir folglicherweise extrem schwer dabei noch freundlich und motiviert zu klingen. Aber es ist mein Job und deswegen mach ich es eben so gut es geht. Auch wenn ich es nicht gern mache. All diese verschwitzten, verrunzelten Schweine. Wieso kommt nicht mal ein heißes, junges Mädchen zu uns in die Sauna? Ich schwitze mehr als die Kunden, während ich ihnen mit dem großen Fächer den Dampf vom Aufguss zuwedle. Und das ist mit 70°C noch die mildeste Sauna unserer Anlage. Es ist ein Knochenjob, aber ich verdiene damit gutes Geld. Sobald ich einen besseren finde bin ich hier weg. Das sage ich mir nun aber leider schon seit über einem Jahr. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass dies für heute der letzte Aufguss ist. Danach verziehe ich mich in die Dusche. Meine Schicht geht zwar eigentlich bis 20 Uhr, also bis Ladenschluss, aber die meisten Leute gehen eh ab 19:30 duschen. Wenn sie dann noch was wollen, sollen sie Jascha fragen oder hoch zur Rezeption gehen.

„Sag mal, verpisst du dich schon wieder oder was? Dir ist klar, dass deine Schicht noch bis um acht geht, oder?“ Durch die Tür, die zur Dusche führt, höre ich Jaschas Stimme nur sehr gedämpft. „Geh schnell zurück zur Info, Jascha. Da warten bestimmt noch haufenweise Kunden, die sich irgendwo anmelden wollen, so kurz vor Ladenschluss“, gebe ich sarkastisch zurück. „Du bist das größte Arschloch, Lukas.“ Dann höre ich ihn beleidigt wegstapfen. Eigentlich mag ich Jascha. Er hat zwar einige Minuspunkte bei mir kassiert, als er mich bei unserer Chefin verpetzt hat, dass ich immer früher Schluss mache. Das hat mich schon einmal fast in den Knast gebracht, als einmal diese Sache passiert ist. Aber ansonsten ist er in Ordnung. Um genau zu sein ist einer der Gründe, warum ich mich überhaupt noch hierher schleppe. Er und das süße Mädchen an der Rezeption, Melissa. Schwarze Haare, strahlend blaue Augen und wunderschöne Lippen. Sie ist die einzige, die so spät noch an der Rezeption steht und manchmal gehen wir, nachdem der letzte Kunde gegangen ist, noch zusammen in die Sauna. Ihr Körper raubt mir jeden Verstand. Wenn ich versuche mit ihr zu flirten lacht sie zwar, doch ich weiß, da geht noch was. Auch heute werde ich sie fragen, ob wir zusammen noch in die Blockhaussauna gehen, die romantischste von allen.

Ich trockne noch meinen Kopf ab, binde mir ein Handtuch um und geh dann zur Tür. Doch sie lässt sich nicht öffnen. „Was ist denn jetzt wieder los?“, sage ich leise zu mir selbst. Ich drehe den Schlüssel noch einmal ganz um und dann wieder zurück. Dann rüttle ich nochmal. Nichts passiert. „Jascha!“, rufe ich. „Jascha, die Tür klemmt!“Keine Reaktion. Genervt schaue ich mich in der Personaldusche um. Es gibt hier nichts, was mich rausholen kann. Mein Handy ist in meiner Hosentasche außerhalb der Dusche. Wie kann das Drecksteil überhaupt klemmen? Plötzlich habe ich einen Einfall und ich fange schallend an zu lachen. „Okay, Jascha, starke Aktion. Ich hab meine Lektion gelernt. Jetzt nimm den Stuhl vor der Tür weg!“ Keine Antwort. „Achso, ich verstehe. Du lässt mich erst gehen, wenn meine Schicht zu Ende ist. Clever. Aber ist mir recht, ich hab hier drin ja auch nichts zu arbeiten.“Ich beginne zu frieren und stelle mich wieder unter die warme Dusche. Wie spät es jetzt wohl ist? 20 vor acht? Der Gedanke, dass ich hier noch 20 Minuten verbringen muss, nervt mich zwar, aber davon zeige ich Jascha besser nichts. Die Genugtuung gönne ich ihm nicht.

Es fühlt sich nun schon weitaus länger an als 20 Minuten. Meine Fingerkuppen sind schrumpelig und meine Haut gerötet von dem warmen Wasser. Muss Jascha nicht auch langsam nach Hause? Hat er mich hier etwa vergessen? Ich gehe wieder zur Tür und hämmere dagegen. „Jascha? Es ist langsam nicht mehr lustig!“ Wieder passiert nichts. Reflexartig versuche ich wieder an der Tür zu rütteln. Und tatsächlich lässt sie sich öffnen! Wie lange ist die denn schon offen? Ich trete heraus in die Umkleide. Die Wanduhr sagt mir, dass es schon viertel nach acht ist. Nur mit dem Handtuch bekleidet trete ich aus der Umkleide in die Eingangshalle der Saunalandschaft. Sie ist leer und alle Lichter sind abgeschalten. Ich renne die Treppe nach oben, um vielleicht noch Melissa zu erwischen. Doch auch die Rezeption ist leer. Die Lichter brennen allerdings noch. Vielleicht ist sie ja allein in die Sauna gegangen. Ich trete nach draußen und schaue mich um. Es ist bereits stockdunkel, nur der Mond scheint auf den Schnee und lässt ihn leuchten. Ich versuche zu erkennen, ob in einer Sauna noch Licht brennt. Da sehe ich es. In der Blockhaussauna, ganz hinten inmitten des künstlich angelegten Teichs, scheint das gedimmte Licht noch zu brennen.

Ich mache mich schnell auf den Weg, da ich immernoch nur im Handtuch bekleidet bin und mein Ding ja nicht zu klein aussehen soll, wenn ich bei Melissa bin. Ich laufe über den dünnen Holzsteg, der zur Glastür der Hütte führt.  Doch ich kann sie nicht durch die Tür sehen. Ich öffne sie und strecke meinen Kopf herein. Niemand. Nur um mich zu vergewissern gehe ich noch hinein. Aber es ist tatsächlich niemand da. Wer zur Hölle hat dann den Ofen und das Licht angelassen? Es ist extrem heiß, ich würde fast sagen heißer als sonst. Ich schaute auf das Thermometer. Es zeigt ganze 100°C an.  Vielleicht ist Melissa deswegen raus gegangen. Sie hat es aus Versehen zu heiß gemacht und wollte es in Ordnung bringen. Das erklärt alles. Da ich aber nur für die Elektrosaunas zuständig bin, hab ich keine Ahnung wie man das Ding hier aus kriegt, beziehungsweise kälter. Vielleicht ist es ein guter Anfang, erst Mal die Tür aufzumachen. Ich drücke gegen die Glastür. Doch nichts passiert. Was ist heute nur los mit diesen Türen? Ich werfe mich gegen die Tür. Doch sie bleibt verschlossen. Das kann doch nicht wahr sein. Ich werfe mich erneut dagegen. Panik steigt in mir auf. „Das ist unmöglich“, murmle ich leise. Die Türen zu den Saunas sind normalerweise nicht verriegelbar. Es ist eine Regel, dass die Türen leicht zu öffnen sein müssen. Also was verdammt ist passiert? Ich werfe mich noch einmal mit voller Wucht gegen die Tür, doch es ist zwecklos. Ich werde auf Melissa warten. Ich setzte mich auf die Holzbank. Melissa wird jeden Moment zurück sein. Ich sitze absolut still. Ich höre nur das Knacken des Ofens und meinen eigenen Herzschlag. Es schlägt sehr schnell. Das ist gar nicht gut. Ich muss meinen Puls beruhigen, oder es kann schlecht für mich ausgehen. Das haben wir in unserer Ausbildung gelernt. Kein Stress. Es wird alles gut. Die Minuten vergehen und ich bin schweißgebadet. Ich setzte mich vor die Glastür und lehne meinen Kopf dagegen. Gleich kommt sie. Aus dieser Tür da vorne. „Hilfe!“, schreie ich. Es ist alles gut. „Hört mich jemand!“ Ich hab keine Angst. „Jascha, gehört das noch zu deiner Lektion?“ Meine Stimme wird schwächer. Plötzlich höre ich etwas ans Fenster klatschen und zucke zusammen. Ich drehe mich um und was ich sehe, lässt mich beinahe ohnmächtig werden. Jaschas Kopf. An einer Art Stecken aufgespießt. Aus seinen Augen und seiner Nase läuft Blut. Sein Gesicht wird so fest an das Fenster gedrückt, dass es verzehrt aussieht und Blutspuren hinterlässt. Ich kann kaum noch atmen. So schnell wie Jaschas Gesicht auftauchte wird es nun wieder weg gezogen. Reflexartig krabble ich von der Tür weg um mich vor dem zu schützen, was den Stecken hält. Ich muss hier raus. Meine Panik ist nun nicht mehr unterdrückbar. Ich brauche eine Waffe. Ich robbe mich auf dem Boden entlang zurück zur Tür und nehme die Holzschale mit dem Kelch, die daneben steht. Kohle. Ich brauch heiße Kohle, die ich auf den Mörder werfen kann. Ich stehe auf und gehe zum Ofen. Ich nehme mir ein Kohlestück heraus und lege es in die Schale. Ein zweites und ein drittes folgt, als ich etwas darunter bemerke. Ich schiebe die anderen Kohlestücke zur Seite. Was ist das? Sieht aus wie ein rießiges verbranntes Stück Heu. Ich drehe das Ding vorsichtig mit dem Kelch. Was nun zum Vorschein kommt bringt mich dazu mich zu übergeben. Zweimal. Dann schaue ich wieder in den Ofen. Ich erkenne verbrannte Haut und ein blaue Augen. Melissas Auge. Verschmutzt mit Ruß. Ihre schönen Haare verbrannt und gekräuselt. Ich habe Tränen in den Augen und mein Herz scheint gleich aus meiner Brust zu fliegen. Ich muss raus. Ich laufe wieder zur Tür und schaue raus. Würde der Mörder jetzt kommen, wäre ich wehrlos. Ich bin körperlich am Ende. Mein Atem ist schwer und es scheint so, als wäre meine gesamte Körperflüssigkeit nun auf meiner Hautoberfläche. Meine Sicht verschwimmt langsam und meine Augen werden schwer. Unscharf erkenne ich eine Person am anderen Ende des Teichs. Sie hält etwas langes in der Hand, das den Boden berührt. Das untere Ende scheint metallisch zu sein und glänzt im Mondlicht. Mein Herzschlag wird langsamer, doch trotzdem hämmert es hart gegen meine Brust. So hart, dass ich es hören kann. So hart, dass es weh tut. Keine Panik, Lukas. Es ist alles gut. Ich gehe zurück zum Ofen und vergrabe Melissas Kopf wieder unter der Kohle, nur damit ich ihn nicht sehen muss. Siehst du, Lukas, hier war kein Kopf. Das hast du dir eingebildet. Ich lege mich langsam unter die Holzbank und schließe die Augen. Da war niemand. Du hast niemanden gesehen. Beruhige dich, Melissa kommt gleich und holt dich raus. Mein Herzschlag wird langsamer. Meine Haare kleben an meiner Stirn. Meine Haut brennt. Das letzte was ich höre ist, dass sich die Glastür öffnet. Jemand tritt ein. Etwas Metallisches schleift über den Holzboden.

Es ist alles gut.

Epilog Bearbeiten

Hey David,

Alles Gute zum Geburtstag! Ich hoffe, du genießt deinen Tag. Du hast bestimmt viele neue Freunde, mit denen du feiern kannst, da wo du jetzt bist. Ich habe dir doch das beste Geschenk versprochen. Ich würde sagen, ich habe mein Versprechen gehalten. Ich weiß doch, du legst auf materielle Sachen keinen Wert, deswegen habe ich etwas besseres für dich. Rache! Haha, ganz recht. Ich hab sie alle abgemurkst, die für deinen Tod verantwortlich waren. Noch besser. Denn der, der lieber früher Feierabend gemacht hat, als dir zu helfen, als du nach deinem Epilepsieanfall hilflos in der Sauna lagst, hat endlich seine gerechte Strafe gekriegt. Geldstrafe, was ist das schon. Ich habe die Todesstrafe wieder eingeführt. Ich hab ihn so leiden lassen, wie du leiden musstest, nur natürlich noch schlimmer. Aber das hast du bestimmt alles gesehen, von da wo du jetzt bist. Bist du stolz auf mich? Antwort mal wieder.

Ich vermisse dich so schrecklich,

dein Bruder.

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