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Mein Leben begann wie das meiner Geschwister. 

Ich kuschelte mich zwischen ihnen im Schlaf oder sog an der Brust meiner Mutter.

Liebe… Wärme… Schutz…

Das war mein Anfang.

Bis… ein Mann auftauchte.



Er nahm mich hoch und schaute mich an.

Groß und stark war er… hatte dunkle Augen…

Er ging mit mir fort… und meine Mutter und Geschwister sah ich nie wieder.







Es war mein Vater, der mich mitnahm. 

Keine Ahnung weshalb er mich überhaupt mitnahm, denn ich hatte ihn zuvor noch nie gesehen… 

In seinem weißen Haus im Kleinstadtviertel machte er nun mit mir dasselbe was auch meine Mutter machte:

Er fütterte mich…

Gab mir einen Platz zum Schlafen…

Und holte mir später jede Menge Spielsachen…

Auch er selbst spielte mit mir, was mir jede Menge Spaß machte. Ich hatte ihn gern und wollte eins nicht: ihn enttäuschen. Immer nett war er zu mir bis… zu dem einen Zwischenfall.



Es war Nacht und mein Vater war noch auf der Arbeit.

Ich saß damals im Wohnzimmer und begnügte mich noch mit den Resten seines Mittagessens, das er mir manchmal gab. Mein Vater brachte mir bei, während seiner Abwesenheit nichts kaputtzumachen und daran hielt ich mich auch. Als ich dann mit dem Essen fertig war, wollt ich was spielen bis… na ja… ich mal musste. Ich war noch ganz klein damals und wusste noch nicht was man dann macht. Unruhig lief ich durchs ganze Haus und schaute aus den Fenstern, in der Hoffnung meinen Vater zu entdecken. Doch er war noch nicht da… also musste ich warten. Ich… hab mir wirklich Mühe gegeben! Dann konnt ich nicht mehr…

Ich wurde nass… und eine gelblich, stinkende Pfütze bildete sich unter mir.

Ich schämte mich so sehr, besonders weil die Pfütze sich genau am Fuße seines Lieblingssessels befand. Dann öffnete mein Vater die Tür.


Als er dann mich sah…

Vor der gelben Pfütze stehend…

An seinem Lieblingssessel…

Sah ich ihm zum allerersten Mal die Zähne fletschen.


“DU KLEINE SAU!!!”, schrie er und packte mich. Er warf mich gegen die Wand und ich knallte dagegen. Als ich zur Boden fiel, wollte ich aufstehen. Doch dann trat er mich!!! Ich schrie wie am Spieß, als mein Bauch unter der gewaltigen Wucht seines Stiefels zu zerplatzen drohte. Ich verstand es nicht.

Wieso tut er mir weh?

Was hab ich falsch gemacht?

Ich wollte das nicht!

Auf einmal zog er seinen Gurt hervor… “Na warte, du Scheißhaufen!”, rief er, während er fest mit seinem Gurt auf mich einschlug. “Dir… werde ich… MANIEREN BEIBRINGEN!!!” Der Gurt verpasste mir mit jedem Schlag ein schmerzhaftes Brennen am Rücken, lähmte mich. Ich schrie, heulte und bettelte, dass er endlich aufhören sollte. Doch mit jeden Geräusch, den ich von mir gab, wurden seine Schläge immer heftiger. Dann… hörte er plötzlich auf. Er war erschöpft. Keuchend nahm er mich hoch und warf mich nach draußen.

Er sagte: “Strafe muss sein!”, und schlug die Türe zu.



Auf der Seite lag ich auf den Boden. Blutend. Regungslos.

Der Schmerz ging wie tausend Stiche durch meinen Körper.

Meine Augen tränten, während das Blut hinten raus kam.

Und mich die kalte Nacht umringte…



Eine Nachbarin, die gerade selbst nachhause kam, entdeckte mich blutend vor der Haustür meines Vaters liegend. Sie rief einen Krankenwagen. Die Ärzte mussten mich sehr, sehr lange operieren. Als ich dann aufwachte und mir eine Frau etwas gegen die Schmerzen verabreichte, sah ich wie ein paar Männer mit meinem Vater sprachen. Sie fragten ihm, von wo diese Verletzungen, die ich hatte, stammten. Seine Antwort: “Er wurde überfahren!”







Von nun war es ganz seltsam mit meinem Vater.

Er war nett zu mir… aber auch nicht.

Er schlug mich… fütterte mich aber.

Er schrie mich an… streichelte mich aber auch.

Nur selten verstand ich, weshalb er es machte: Mal hab ich was falsch gemacht… mal war er grundlos auf mich wütend.

Es verging eine Zeit und er machte weiter.

Ich bekam einen neuen Platz zum schlafen, was zum essen, spielen… wurde aber dann einen Moment später mit Tritten und Schlägen bestraft. Sehr oft musste ich zu den Ärzten, musste operiert werden. Und jedes Mal sagte mein Vater die falschen Gründe für meine Wunden auf: Autounfälle, Raufereien, Stürze…

Wieso lügt er?

Mit der Zeit war ich nicht mehr klein. Ich wurde größer… stärker… klüger… Doch trotzdem schlug er mich… pflegte aber mich weiterhin…

Macht ein Vater das? Schlagen und beschützen? Wieso tut er mir weh?

Er liebt mich doch! Sonst würde ich nichts zu essen bekommen, schlafen und einfach bei ihm sein!


Ich versuchte mich zu revanchieren. Beschützte ihn, war immer für ihn da… wich nicht von seiner Seite. Mein Vater lobte mich öfters und die Schläge wurden weniger. Doch mit der Zeit… veränderte ich mich. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll. Ich wurde so… wütend. Ja genau! Wütend war ich!

Ich war nach und nach immer weniger in Lage mit jemanden zu spielen, ohne dass es gleich… blutig wurde. Keine Ahnung… ich konnt’ es einfach nicht kontrollieren. Meine Wut schien bei jeder Kleinigkeit zu entflammen. Und jedes Mal, wenn es passierte und ich dann einen Spielkameraden blutend vor mir liegen sah, tat es mir leid. Doch mein Vater… er… er lächelte stets und sagte immer zu mir: “Gut gemacht, Junge! Bist wohl ein richtiger Kämpfer!”







Wieder verging Zeit.

Ich wurde noch stärker und größer. Und ebenso die Wut, die in mir brodelte. Mein Vater schlug mich nun sehr selten. Doch es passierte immer öfter, dass ich bei einem anderen ausflippte. Und irgendwann… war ich erwachsen.

Mein Vater meinte, dass ich nun eine Beschäftigung brauche… und zum ersten Mal stand ich da:

Ein metallener Ring…

Rund herum unzählige aufgeregte Männer…

Und vor mir ein anderer…

Ich sah meinen Vater zwischen all den Männern. “Na los! Na los!”, rief er mir zu. “Mach den Wichser kalt! Du schaffst das mein Junge!”

Ich verstand zunächst nicht was los war.

Wieso jubelten und schrien die Männer alle so?

Und was meinte mein Vater damit?

Plötzlich begann mein Gegenüber mit den Zähnen zu fletschen. Und ehe ich es verstand, griff er mich an!

Plötzlich! Die Wut! Ich reagierte schnell und wehrte mich! Die Wut gab mir genügend Kraft ihn schwer zu verletzen, mich an ihn zu verbeißen und anschließend seine Bauchdecke aufzureißen. Mein Gegenüber drohte nun zu verbluten. Dann… rief jemand plötzlich: “SIEG!!!” Und mein Vater jubelte laut. Ich bekam Essen und Streicheleinheiten nach dem Kampf. Ich freute mich darüber. Genauso wie er sich über die Geldscheine.

Seltsam sich übermäßig über Papier zu freuen… aber so war halt mein Vater.







Mein Vater schickte mich nun an in vieles solcher Kämpfe. Meine Wut ermöglichte es zu siegen und jeden einzelnen Gegner niederzustrecken - wenn nicht gar zu töten! Ich bekam schon Verletzungen von dem Kämpfen, doch mein Vater schickte mich einfach zum Arzt, dann war ich wieder gesund. Stets war ich siegreich und mein Vater war stolz. 

Er… zeigte mir auch wie man besser kämpft. Und ich lernte gut…

Mein Vater begann mir auch schöne Dinge für mich zu kaufen. Zum Beispiel ein schwarzes Halsband mit langen Stacheln. “Damit siehst du viel gefährlicher aus.”, meinte er… und er hatte Recht! Es sah richtig cool aus und bescherte mir Vorteile bei den Damen. Ich hatte viele Damen übrigens…

Das Verhältnis zu meinem Vater besserte sich immer mehr und die Schläge hörten auf. Es war alles so schön bis… zu jenem Tag:



Ich und mein Vater gingen wie gewohnt an unserem Lieblingspark spazieren. Mein Vater schlenderte gemächlich seines Weges, während ich ihn auf Schritt und Tritt folgte. Irgendwann blieb er stehen und zog eine Zigarette hervor. Er rauchte. Da ich den Gestank eh nicht mochte, nutzte ich den Moment und entfernte ich mich ein Stück, um die Gegend zu erkunden. Ich mochte es alles zu untersuchen. Jeden einzelnen Gegenstand zu betrachten und zu beriechen, sofern es mich nicht attackierte. Doch plötzlich… stellte sich der Drang ein!

Ich wusste, dass mein Vater mich nur ungern beim pinkeln sah, also entfernte ich mich ein gutes Stück und verschwand dann aus seinen Sichtfeld. Ich suchte nach einem geeigneten Busch, wo ich ungestört sein konnte.

Doch dann stieß ich auf eine Wiese und sah… Menschen… viele Menschen…

Erwachsene wie auch Kinder…

Sie alle bewegten sich schnell und gaben unentwegt laute Geräusche von sich.

Das machte mich… nervös…


Ein Busch… ein Busch musste ich finden. Dann einfach zurück zu meinem Vater!


Nach ein paar Sekunden sah ich ihn schon: Ein Busch - groß, dunkel und geschützt. Und nur wenige Meter entfernt! Schnell ging ich zu dem Busch und erleichterte mich.

Das hat gut getan…

Ich drehte mich gerade um, als… Kinder vor mir standen! Es war ein halbes Dutzend von denen. Ich erstarrte. “Oooohh… hübsch!”, sagte eins der Kinder - ein Junge - zu mir. Ein anderes Kind - ein Mädchen - meinte dann: “Spielst du mit uns?” Ich wusste nicht was ich tun sollte. Sie waren in der Überzahl und kamen näher. Und mein Zähnefletschen, Starren und leises Knurren beeindruckte sie nicht. Plötzlich waren sie überall… und… und… berührten mich!

Ihre Hände waren überall…

Redeten wild durcheinander…

Alles in mir versteifte sich.


Aufhören… aufhören sollen sie…

Bitte… sie sollen endlich… AUFHÖREN!!!


Ein Funke sprang über… und ich flippte aus! Ich sprang auf das vorderste Kind. Durch mein Gewicht ging es sofort zur Boden. Meine Wut schaltete jede Hemmung ab… und ich verbiss mich in seinem Hals!

Blut… Blut schmeckte ich… Das Blut eines Kindes!

Genau wie bei meinen Gegnern bat mir sein Brustkorb keinen Widerstand und ich gelangte zum Herz. Ich riss es ihm aus und zerfetzte seine Lungen! Die anderen Kinder schrien und liefen panisch davon. Doch ich rannte hinterher und sprang das nächste Kind an. Auch dieses war leichte Beute…

Erwachsene kamen und sahen mich. Wollten mich aufhalten…

Das Blut setzte mich in einem Rausch, während die Wut mich blind machte. Ich attackierte jeden einzelnen Menschen, der sich mir in den Weg stellte. Wollte alles und jeden töten, so wie es mir mein Vater beibrachte. Plötzlich war ein schwarz gekleideter Mann vor mir. Ich wusste was er war… ein Polizist. Er hatte etwas in seinen Händen, doch das ignorierte ich. Ein Fehler… denn als ich springen wollte, machte das Ding einen lauten Knall und ich fühlte ein Schmerz in meiner Brust! Ich ging zur Boden!



Ein großes Loch war in meiner Brust. Es blutete unentwegt und ich bekam keine Luft mehr. Viele Menschen waren nun um mich. Dann… wurde alles dunkel.







Irgendwie… hab ich es überlebt.

Doch nun war ich von dutzenden Gitterstangen umgeben. Ich sah wie mein Vater aufgeregt mit vielen Leuten sprach. Fremde machten Fotos von mir und beobachteten mich, während ein seltsames Metallstück am Gesicht mir beim Essen erschwerte. “15 Menschen hat er getötet.”, sagte da einer. “Und davon 7 Kinder! Er ist nicht mehr zu kontrollieren…” Ich verstand es nicht.

Mir tut es doch schon leid…

Und was meinen sie mit… Kontrolle?


Meinen Vater sah ich kaum noch. Es war einfach nur schrecklich…



Ein paar Tage später wurde ich zu den Ärzten gebracht.

Eigentlich ging es mir gut… nur... fühlte ich mich nach dem letzten Essen so komisch. Ich war so müde, schlapp… konnte mich kaum bewegen. Drei kräftige Männer nahmen mich hoch und legten mich auf einen metallenen Tisch. Sie gingen dann.

Ich war schon oft in Räumen wie diesen.

Weiß und kalt…

Der Ort, wo man meine Wunden versorgte…

Eigentlich machte mir dieser Raum schon längst keine Angst mehr. Nur… war mein Vater nicht da.

Stattdessen kam eine Frau: langes schwarzes Haar, weiße Kleidung… warmer Blick…

Ich erkannte sie wieder. Marie… war ihr Name.

Sie war die Ärztin, die mich am meisten behandelte. Mich streichelte, wenn ich Schmerzen hatte… und das schon seit Anfang an! Doch irgendetwas stimmte nicht! Sie sah auf einmal so… traurig aus.

Sanft streichelte sie mir das Gesicht. “Es tut mir so leid…”, sagte sie zu mir. “Er sollte an diesem Tisch liegen und nicht du! Nicht du… Er war es, der dich zum Monster gemacht hat. Es ist nicht deine Schuld.”



Sie sprach gerade von meinem Vater.

Irgendwie… konnte sie ihn nie leiden.



Sie holte eine Spritze hervor. “Du wirst ganz einfach einschlafen.”, meinte sie und stach mit der Nadelspitze schon in der Schulter. “Einfach einschlafen…”

Etwas durchströmte meine Adern. Tränen liefen ihr übers Gesicht, während ich immer weniger sah, hörte und fühlte.  Und schlussendlich… empfang mich die Finsternis.







Ich bin nun an einem schönen Ort. Kein Schmerz… kein Kampf… Nur Freundlichkeit und Liebe…

Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen was das für ein Ort ist… und begann zu warten. Auf meinen Vater… den Ankunft seines Geistes. Ich wollte ihn einfach wiedersehen, denn ich vermisse ihn.

Doch er ist nie gekommen… und er wird auch nie kommen.

Mein Vater… hatte mich nie geliebt. Er hatte sich lediglich einen Gegenstand gekauft. Ein Spielzeug, das er nach Belieben benutzen konnte. Der einzige Grund, warum er mich schlug, war es die Wut in mir zu nähren. Um durch die Kämpfe sein Vermögen zu erweitern. Ich… habe ihn nie was bedeutet.



Er ist wahrscheinlich nun woanders.

An einem Ort, wo er für seine Sünden büßen wird.

Denn von uns beiden war er… das schlimmere Tier.


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Geschrieben von: NothingM (Diskussion)

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